Rezension über:

Maarten Prak: The Dutch Republic in the Seventeenth Century. The Golden Age. Translated by Diane Webb, Cambridge: Cambridge University Press 2005, xii + 317 S., ISBN 978-0-521-60460-4, EUR 14,99
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Rezension von:
Johannes Arndt
Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Arndt: Rezension von: Maarten Prak: The Dutch Republic in the Seventeenth Century. The Golden Age. Translated by Diane Webb, Cambridge: Cambridge University Press 2005, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 7/8 [15.07.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/07/10952.html


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The Dutch Republic in the Seventeenth Century

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Maarten Prak lehrt als Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Utrecht, doch seine Studie ist keine sozial-ökonomische Strukturanalyse der Niederlande in ihrer Blütezeit. Vielmehr geht es dem Verfasser um eine Synthese zwischen Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte in einem knappen Band, zentriert um ein Jahrhundert ohne nähere einschränkende Periodisierungsvorgaben. Es ist zu einfach, die Niederlande als "modern" im Sinne einer rückschauenden Modernisierungstheorie zu betrachten, und Prak distanziert sich von einer solchen Perspektive. Für ihn ist - es sollte selbstverständlich sein - die Sicht der Zeitgenossen Maßstab der Bewertungen, nicht die späterer Lobredner auf die Republik. Die Republik war im Krieg geboren worden, im Ablösungskonflikt mit der spanischen Krone. Dem Mirakel der frühen Selbstbehauptung gegen die militärische Supermacht des konfessionellen Zeitalters folgte das Erstaunen der Zeitgenossen über das Mirakel der wirtschaftlichen und kulturellen Blüte im Barockzeitalter.

Prak setzt im ersten Hauptteil mit der Analyse des Krieges ein. Drei Aspekte erscheinen ihm zentral für die Anfangsphase des Aufstands und den Erfolg gegenüber Spanien: 1. Der Wille zur Selbstbehauptung gegenüber den politischen Zentralisierungen und der konfessionspolitischen Gewalt, 2. Die günstige naturräumliche Lage der Provinzen mit stark befestigten Städten, die über die See logistisch versorgt werden konnten, und 3. Die Herausbildung eines frühmodernen Finanzsystems, das es den Aufständischen erlaubte, sich leichter und schneller auf dem internationalen Kapitalmarkt zu refinanzieren als die Spanier.

Im zweiten Hauptteil entfaltet Prak die Gesellschaft der Republik und ihre Ökonomie. Es entsprach dem Gewicht der städtisch geprägten Ständeversammlungen, dass marktwirtschaftliche Gesichtspunkte einen deutlichen Vorrang gewannen gegenüber einer protektionistischen Gewerbegesinnung, wie sie in vielen europäischen Ländern und Reichsterritorien durch fürstliche Wirtschaftsgesetzgebung ihren Ausdruck fand. Die in der "Regentenschicht" politisch dominierenden Fernhandelskaufleute und Bankiers entfalteten auf dieser Grundlage ein weltweites Handelsnetzwerk. Prak betont die Bedeutung des Getreidehandels des 15. und 16. Jahrhunderts zwischen den Niederlanden und dem Baltikum, durch den die Kapitalien erwirtschaftet wurden, die später in den Textilhandel und anschließend in den Überseehandel mit den amerikanischen und asiatischen Kolonien investiert werden konnten. Große Reichtümer wurden gewonnen und stabilisierten die Ober- und Mittelschichten, die jedoch zu keiner Zeit die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. So geht Prak im vierten Abschnitt des zweiten Hauptteils darauf ein, auf welche Weise die Unterschichten die sozialen Kosten für den ökonomischen Wandel zu zahlen hatten und dass sie mehrfach verbal und auch handfest artikulierten, dass sie dazu nicht stets klaglos bereit waren.

Im dritten Hauptteil steht die Funktionsweise des komplexen politischen Systems der niederländischen Republik auf dem Prüfstand. Der in Überblicksdarstellungen gern bemühte dualistische Gegensatz zwischen Statthalter und Regenten bildet in Wirklichkeit eine starke Vereinfachung der Verhältnisse. Innerhalb der Städte bestanden Differenzen zwischen unterschiedlichen Sozialschichten ebenso wie zwischen konkurrierenden Klientelen, hinzu kamen politische Einflussversuche der Pfarrer oder Korporationen wie der Zünfte und der Schützengilden. Zudem wirkten die Oranier nicht nur über ihre statthalterlichen Stellungen, sondern auch über ihren Einfluss auf Soldaten und mobilisierbare städtische Unterschichten. Ein zusätzliches Eingehen auf die Rolle der politischen Berichterstattung in den Massenmedien wie Flugschriften und Zeitungen wäre hier wünschenswert gewesen.

Im vierten Hauptteil wird die Kultur in den Vordergrund gerückt. Am Anfang stehen die Religionsgemeinschaften, die zwar abgestufte Rechte besaßen, aber wegen des Toleranz-Paradigmas in einer Vielfalt und Freiheit wirken konnten wie nirgendwo anders in Europa. Die blühenden Stadtgesellschaften ermöglichten eine aufstrebende Entwicklung der Naturwissenschaften (z.B. Anthonie van Leeuwenhoek) und der Philosophie (z. B. Baruch de Spinoza), wobei die fehlende Traditionslast - die früheste nordniederländische Universität wurde 1575 in Leiden gegründet - die freie Ausdifferenzierung der akademischen Disziplinen erleichterte (dieser 14. Abschnitt ist dem Buch gegenüber der niederländischsprachigen Originalausgabe hinzugefügt). Gesondertes Augenmerk legt Prak auf die niederländische Malerei, die sich einen Massenmarkt erschließen konnte, aber auch ergreifende Schicksale von Genies enthält, die zu einem entsagungsreichen Leben verdammt waren und erst nach ihrem Tod zu Weltruhm gelangten (z. B. Johannes Vermeer). Die niederländische Städtekultur wurde nicht nur in gemalter Weise, sondern auch in der Dichtkunst und darauf aufbauend in der Reiseratgeberliteratur verherrlicht.

Prak schließt seine Studie mit dem Staatsbankrott von 1715, durch den die frühere Großmacht sich in einen normalen frühmodernen Staat mit normalen (Finanz-)Problemen umwandelte. Das Werk ist im Duktus flüssig und ansprechend geschrieben, in den Details genau, doch verzichtet der Verfasser darauf, einer zugespitzten These nachzugehen, was im Ergebnis eher zu einem Handbuch als zu einer Spezialstudie führt. Der Marktbreite der Leserschaft wird dieser Zugang sicherlich dienlich sein. Ein kommentiertes Literaturverzeichnis und ein Register runden alles ab.

Johannes Arndt