Rezension über:

Wulf D. Hund: Rassismus, Bielefeld: transcript 2007, 170 S., ISBN 978-3-89942-310-5, EUR 15,80
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Rezension von:
Max Sebastián Hering Torres
Universidad Nacional de Colombia, Bogotá
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Max Sebastián Hering Torres: Rezension von: Wulf D. Hund: Rassismus, Bielefeld: transcript 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 5 [15.05.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/05/14518.html


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Wulf D. Hund: Rassismus

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Der Soziologe Wulf D. Hund, der am Department für Wirtschaft und Politik der Universität Hamburg lehrt, setzt sich seit langer Zeit und aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema "Rassismus" auseinander. Nachdem er "Rassismus. Die soziale Konstruktionen natürlicher Ungleichheit" (1999) und "Negative Vergesellschaftung. Dimensionen der Rassismusanalyse" (2006) publizierte, entwickelt er in seiner letzten Untersuchung "Rassismus" (2007) eine zentrale Forderung, die bereits auf der Rückseite des Buches angekündigt wird: "Rassismus muss in seinen spezifischen sozialhistorischen Ausprägungen und konkreten Verbindungen mit anderen Formen sozialer Diskriminierung untersucht werden. Dieser Band diskutiert die dazu entwickelten Ansätze und die damit verbundenen Probleme in drei zentralen Kontexten: kategorial im Hinblick auf zentrale Begriffe der Rassismusforschung, historisch im Zusammenhang mit den Formen rassistisch bestimmter Inklusion und Exklusion und politisch in Bezug auf Methoden und Funktionen rassistischer Vergesellschaftung."

Methodisch übernimmt der Autor das Konzept des "Rassismus ohne Rasse", der einen "differenzialistischen Rassismus mit kulturalistischer Grundlage" (Taguieff) meint. Das Konzept des differenzialistischen oder des Neorassismus geht historisch auf Untersuchungen rechtsextremer Diskurse über Immigration in Frankreich in den 80er Jahren zurück - Forschungen, die vor allem von Étienne Balibar und Pierre-André Taguieff geführt wurden. Die französischen Rassismusforscher betonten, dass der zeitgenössische Rassismus in Frankreich und in Europa eine deutliche Metamorphose durchlebt hätte. Hierbei handelt es sich um die Verlagerung von einer vormals vorwiegend biologischen Argumentation anhand des Rassebegriffes hin zu einem kulturellen Argumentationsmuster. Hund übernimmt diese These, wendet sie als historisches Frageset an und formuliert daher folgende Frage: Wenn der Begriff "Rasse" keine notwendige Bedingung für die Existenz von Rassismus ist, sollte historisch ebenso untersucht werden, ob es nicht auch vor der Verwendung des Rassebegriffes einen kulturalistischen Rassismus gegeben habe. Zweifelsohne ein origineller Impuls, da dieses Konzept bislang nicht zu einer solchen Erweiterung der historischen Perspektive geführt hat. Bemerkenswert an diesem Ansatz ist ebenso, dass eine Reihe von Rassismusforschern (so etwa: Mosse, Shipman, Wippermann) es ablehnen, den Begriff Rassismus derartig auszudehnen und dessen Beginn vor der Moderne anzusiedeln. [1] Dem Autor entgeht diese Kontroverse nicht und daher stellt er sie in Verbindung mit seinen Reflexionen, indem er behauptet: "Dass sich schon die Vertreter der Auffassung, Rassismus sei ein Phänomen der Moderne, auf keine gemeinsame Position verständigen können, ist für den vorparadigmatischen Stand der Rassismusforschung durchaus charakteristisch." (34) Vor diesem Hintergrund formuliert der Verfasser ein weiteres Plädoyer: Rassismus sollte im Plural, das heißt als "Rassismen" untersucht werden. Er warnt allerdings vor einem allzu leichtfertigen Umgang mit der erhobenen Forderung, Rassismenanalysen zu betreiben, denn falls "wirklich Ernst gemacht wird, schließt das die Berücksichtigung synchroner wie diachroner Perspektiven ein." (35)

Wie verwirklicht Hund sein Plädoyer, die unterschiedlichen Formen der Rassismen sowohl soziologisch als auch historisch zu analysieren? Er entwickelt hierfür analytisch fragende Gegensatzpaare, die Differenzierungsmechanismen zwischen 'Kultivierten' und 'Barbaren' (Antike, Rassentheorie, Sozialdarwinismus), zwischen 'Reinen' und 'Unreinen' (z.B. im indischen Kastensystem, im System der spanischen Blutreinheit, NS-Antisemitismus), zwischen 'Erwählten' und 'Teufeln' (Häresie), zwischen 'Zivilisierten' und 'Wilden' (Kannibalenmythos im Kolonialismus) oder zwischen 'wertem' und 'unwertem' Leben erfassen sollen. Aus dieser historischen Analyse entwickelt er neue analytische Konzepte der Rassismen mittels Begrifflichkeiten wie etwa Barbarenstereotyp, Unreinheitsstereotyp (oder "Rassismus der Kontamination"), Teufelsstereotyp (oder dämonologischer Rassismus), Wilden-, Rassen- und Minderwertigkeitsstereotyp. Wie aus den kurzen Hinweisen in den Klammern entnommen werden kann, handelt es sich um Formen von Rassismen, die sich nicht nach abgeschlossenen Epochen richten, sondern durch die Vorherrschaft verschiedener Legitimationsstrategien bestimmen lassen.

Es ist sehr erfreulich, dass die Rassismusforschung zunehmend von statischen Periodisierungsmodellen losgelöst wird. Hunds Thesen sind insofern originell, da die von ihm entwickelten Modelle sich nicht an abgegrenzten Zeitepochen, sondern diachron und synchron an den prinzipiellen Ähnlichkeiten im Rahmen der diskursiven Legitimationsstrategien orientieren. Meines Erachtens ist das ein gewichtiger und innovativer Impuls für die Rassismusforschung, denn somit können historische Konstanten der Rassismen besser erfasst werden. Hunds Plädoyer, Rassismus historisch vor der Einführung des pseudowissenschaftlichen Rassenbegriffes zu untersuchen, ist ein sinnvoller Vorschlag und geht Akkord mit einigen Studien über den vormodernen Rassismus (Jouanna, Delacampagne, Walz, Yerushalmi, Hering Torres). [2]

Es sei allgemein angemerkt, dass es nur Sinn macht, die Rassismusforschung vom Rassenbegriff zu lösen, wenn er durch die Vorstellung der "biologisch vererbbaren Andersartigkeit" und nicht lediglich durch das Prinzip der Ein- und Ausgrenzung ersetzt wird. Ausgrenzung ist nicht deckungsgleich mit Rassismus. Rassismus sollte als eine spezifische Form der Ausgrenzung in "Wort oder Tat" verstanden werden, die mittels des Gedankens des biologischen oder geistigen Determinismus eine unüberbrückbare Grenze zwischen Individuen oder Gruppen konstruiert. Das Adjektiv "biologisch" mag leicht irreführend sein, denn für viele verweist es implizit auf die Moderne. Mit der Wendung "biologisch vererbbare Andersartigkeit" sind allerdings ideologisch aufgeladene Lehren vom menschlichen Körper und Geist verbunden, die sich freilich "wissenschaftlich", aber auch kulturalistisch, theologisch und philosophisch geben können. In der vergleichenden Rassismusanalyse sind mindestens zwei methodische Schritte von Bedeutung: (1) Rassismen sollten zunächst auf einen übergeordneten funktionalen Nenner (biologisch vererbbare Andersartigkeit) gebracht werden, um historische Parallelismen zu diskutieren. (2) Davon ausgehend sollte gerade dieser gemeinsame Nenner je nach mentalitätshistorischer Bedingtheit (Beweisführungstraditionen, Bedeutungskonstruktionen) unterschieden werden, um auch im Rahmen rassistischer Diskurse die historische Erfassung von Diskontinuitäten und Diskrepanzen zu ermöglichen. Diese Reflexion erscheint mir wichtig, da vor dem Hintergrund der vergleichenden Rassismenanalyse im Sinne der longue durée sowohl Ähnlichkeiten wie auch Unterschiede der Rassismen erfasst werden könnten, - mögliche Befunde also, die wiederum Kausalketten, aber auch Brüche rekonstruieren ließen. Hunds Untersuchung konzentriert sich insbesondere auf den ersten methodischen Zugang, der rigoros und erkenntnisreich realisiert wird. Allerdings hat man im Laufe der Lektüre das Gefühl, dass der zweite Schritt bezüglich der Kategorien Barbarenstereotyp, Unreinheitsstereotyp, Teufelsstereotyp (36-81) nicht vertieft und daher die diachrone Differenzierung teilweise vernachlässigt wird. Angesichts des dominierenden Rassenparadigmas aber erschien es dem Autor mit aller Wahrscheinlichkeit vorerst notwendig, auf Gemeinsamkeiten der Rassismen mit anderen Diskriminierungsmustern hinzuweisen. Natürlich bedarf es unbedingt deren genauer Untersuchung und damit auch Differenzierung. Aber dazu muss diese Perspektive erst einmal verstärkt in die Hypothesenbildung und Themenstellung historisch orientierter Studien zur Rassismusforschung eingehen.

In summa: Die binäre Sichtweise der Rassismusforschung, das "rassistische Phänomen" entweder als "universell historisch" oder epochenspezifisch (Moderne) zu betrachten, wird scheinbar seit einiger Zeit und aus unterschiedlichen Perspektiven gewinnbringend einer Revision unterzogen. Der Autor bemüht sich mit Erfolg, die Rassismusforschung mittels neuer Fragen, Ansätze und origineller Perspektiven zu bereichern. Dies gelingt ihm, indem er seine profunden Kenntnisse des Forschungsstandes mit klar formulierten und innovativen Thesen und Modellen verbindet. Das Buch stellt eine große Bereicherung der gegenwärtigen Forschungsdiskussion dar und ist nicht zuletzt eine kluge, gut durchdachte und auf knapp 167 Seiten verfasste Studie, die eine angenehme Lektüre bietet.


Anmerkungen:

[1] George L. Mosse: Toward the Final Solution. A History of European Racism, London 1978; Pat Shipman: The Evolution of Racism. Human Differences and the Use and Abuse of Science, New York u.a 1994; Wolfgang Wippermann: Was ist Rassismus? Ideologie, Theorien, Forschungen, in: Barbara Danckwortt / Thorsten Querg / Claudia Schöningh (Hg.): Historische Rassismusforschung. Ideologen - Täter - Opfer (= Philosophie und Sozialwissenschaften, 30), Hamburg - Berlin 1995, 9-33.

[2] Arlette Jouanna: L'idée de race en France au XVIème siècle et au début du XVIIème siècle (1498-1614), Paris 1975; Christian Delacampagne: Die Geschichte des Rassismus, Düsseldorf 2005; Rainer Walz: Der vormoderne Antisemitismus. Religiöser Fanatismus oder Rassenwahn?, in: HZ 260 (1995), 719-748; Yosef Hayim Yerushalmi: Assimilierung und rassischer Antisemitismus. Die iberischen und die deutschen Modelle, in: ders.: Ein Feld in Anatot. Versuche über jüdische Geschichte (= Kleine kulturwissenschaftliche Bibliothek, 44), Berlin 1993, 53-80; Max S. Hering Torres: Rassismus in der Vormoderne. Die "Reinheit des Blutes" im Spanien der Frühen Neuzeit, Frankfurt a. M./New York 2006.

Max Sebastián Hering Torres