Rezension über:

Sarah B. Pomeroy: The Murder of Regilla. A Case of Domestic Violence in Antiquity, Cambridge, MA / London: Harvard University Press 2007, xii + 249 S., ISBN 978-0-674-02583-7, USD 24,95
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Rezension von:
Walter Ameling
Institut für Altertumswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Walter Ameling: Rezension von: Sarah B. Pomeroy: The Murder of Regilla. A Case of Domestic Violence in Antiquity, Cambridge, MA / London: Harvard University Press 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 5 [15.05.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/05/13955.html


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Sarah B. Pomeroy: The Murder of Regilla

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Über Regilla, die Gattin des berühmten Sophisten und antiken "Milliardärs" Herodes Atticus, zu schreiben, ist mutig - auch für Sarah Pomeroy, die wie keine andere dafür verantwortlich ist, dass die Frage nach der Geschichte der Frauen in den Altertumswissenschaften eine seriöse Frage wurde.

Regilla gehörte einer der vornehmsten, mit dem Kaiserhaus verwandten römischen Familien an. Von den Frauen dieser Familie weiß man aber kaum etwas - und wüsste auch von Regilla nichts, hätte sie nicht ausgerechnet Herodes Atticus geheiratet. Selbst so sind die Quellen spärlich, weshalb Pomeroy erklärt (6): "I am attempting a reconstruction of the past in the context of a chronological biography of a woman about whom very few facts are known. I will present facts based on my research, sketch possible scenarios to explain the facts, and attempt to establish links between bits of evidence and to knit them together in a comprehensible narrative even when the sources do not tell me exactly what I want to know."

Der Methode kann man sich nicht ganz verschließen, zumal unsere wichtigste Quelle (Philostrat) einzig dem Gatten der Regilla gilt und ein wesentlicher Teil der modernen Forschung von Männern geleistet wurde und diesem Gatten gilt - ihm daher Sympathie entgegenbringt. [1] Pomeroy scheint aber allzu häufig mit Fakten sorglos umzugehen oder sie tendenziös zu interpretieren - von Fragen der Wahrscheinlichkeit einmal ganz zu schweigen.

Pomeroys Rekonstruktion von Regillas Jugend trägt zusammen, was man über die Erziehung der weiblichen jeunesse dorée in Rom weiß; es ist das erfolgreichste Kapitel des Buches. Unglücklich ist aber das Insistieren auf dem Gegensatz von Ost und West, von Griechisch und Lateinisch, den Pomeroy zum wichtigsten Interpretament für die Ehe zwischen der römischen Adligen und dem griechischen Sophisten macht: Woher weiß sie, dass Herodes - der von Jugend auf immer wieder Jahre in Rom gelebt hatte - mit Regilla auf Griechisch sprach, um sie seine Überlegenheit fühlen zu lassen? Woher weiß sie, dass Regilla in der griechischen Sprache nicht ebenso zu Hause war wie im Lateinischen? Pomeroy glaubt, dass Regilla in Griechenland mit einer fremden Kultur konfrontiert war, während die sich vereinheitlichende Oberschicht und die nah verwandten Tendenzen der griechischen wie lateinischen Literatur mir nahezulegen scheinen, dass Regilla und Herodes ähnlich geprägt waren. [2]

Über Regillas Bildung weiß man wenig. Aber ist Pomeroys Einschätzung nicht voller Clichés (69)? "Certainly Regilla could read the papyrus rolls in the libraries in Herodes' villas [...] But Herodes' interests and writings indicate that his collections were mostly of Greek classics and ancient and current philosophy and rhetoric, dry as dust. Nevertheless, for the sake of completeness he may have purchased copies of novels and of interesting writers like Plutarch. Back in Rome, Regilla's old friends were reading Latin poetry and novels packed with adventure and love". Um nicht über die Einschätzung des Romans und seines Publikums zu sprechen - warum sollten für eine gebildete Frau die Klassiker der griechischen Literatur staubtrocken sein?

Regilla wurde wohl zwischen 125 und 130 geboren, da sie etwa zwischen 140 und 142 heiratete (anders P. 24, aber das erste Kind wurde 142/3 geboren). Ihr Gatte war wesentlich älter (geboren 103) und heiratete für damalige Verhältnisse spät. Kann man daraus - mit Pomeroy - eine mehr oder weniger latente Homosexualität konstruieren? Wenn die beiden großen Rhetoren, Herodes und Fronto, anterastai im Streit um die Liebe des Marc Aurel waren, ist das nur Konkurrenz um die Zuneigung des Schülers. Herodes' Verhältnis zu seinen "Zöglingen" ist schwer zu interpretieren; starke emotionale Zuneigung war sicher gegeben, aber er trauerte um sie nicht anders als um Frau und Kinder - und ob diese Zuneigung etwas Erotisches an sich hatte, müsste erst bewiesen werden; [3] aus dem hohen Heiratsalter des Herodes ist derlei sicher nicht zu schließen.

Ein Blick auf die Biographie des Vaters mag die späte Heirat des Herodes besser erklären. Seine Familie war seit Generationen in Athen prominent und suchte den sozialen Aufstieg. Herodes' Vater wurde wesentlich später Consul, als man früher annahm - nämlich erst in den frühen 130er Jahren (AE 1990, 763 - Pomeroy unbekannt). Wollte der Vater seinen Erben erst verheiraten, als er Zugang zu den höchsten Schichten Roms hatte, so konnte Herodes Atticus kaum vor 140 heiraten: Er war von 133 bis Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre nicht in Rom.

Sollte Regilla sich in Griechenland, wo sie viele Jahre mit Herodes lebte, fremd gefühlt haben, so dürfte das weniger an der räumlichen Entfernung zu den Menschen gelegen haben, mit denen sie die ersten Jahre ihres Lebens verbracht hatte, sondern an dem ungeheuren sozialen Abstand, der sie nun von fast allen Menschen trennte.

Zentral für das Buch sind die Vorgänge um den Tod Regillas. Schon zu Beginn sagt Pomeroy (2): "When she was eight months pregnant, she died of a kick in the abdomen. Her husband was brought to trial in Rome on the charge of homicide. He was tried by a senatorial court, but acquitted through the intervention of the emperor. The travesties of grief in which Herodes indulged were tantamount to a confession." Übersetzungen sind Interpretationen, und Pomeroys Übersetzung der entscheidenden Stelle bei Philostrat ist wohl zu eindeutig. [4]

Pomeroy baut Herodes systematisch als gewalttätigen Ehemann auf, wobei leicht aus Gerüchten Fakten werden (siehe 29 und 120). Sein Ruf war sicher nicht der beste, aber ist nicht gerade der schlechte Ruf die Ursache für die Geschichte vom Tod Regillas? Tyrannen und schwangere Frauen sind ein beliebtes Motiv: schwanger starben durch Schläge des Gatten die Frau des Kambyses, des Periander, des Nero - und sogar Chariton macht seinen Helden mit Hilfe dieses Motivs zum Tyrannen. [5] Mehrfach erklärten die Athener, Herodes benehme sich wie ein Tyrann - das nicht überprüfbare Gerücht vom Tod seiner Frau passt allzu gut zu diesen Vorwürfen.

Herodes wurde von seinem Schwager in Athen angeklagt; der Prozeß wird meist in das Jahr 160 datiert. [6] Pomeroy geht aber mehrmals ohne weitere Diskussion davon aus, dass der Prozeß unter Marc Aurel stattgefunden habe - und Herodes den Freispruch einzig seinem Schüler zu verdanken habe. Philostrat, unsere einzige Quelle, mag parteiisch sein, mag einen Freispruch aus Mangel an Beweisen zu einem Freispruch wegen erwiesener Unschuld gemacht haben - aber wir haben keine Möglichkeit, ihn einer solchen Fabrikation oder gar Falsifikation zu überführen. Einmal scheint Pomeroy dieser Erkenntnis nahegekommen zu sein (122f.), doch argumentiert sie schließlich anders (125).

Übermäßige Trauer kann man unterschiedlich auslegen; hieraus ist kein Argument zu gewinnen. Tatsächlich gibt es nur das Gerücht, dass Alkimedon seine Herrin auf Befehl des Herodes geschlagen habe: unabhängig davon wird es nicht berichtet. Alkimedon war daher auch nicht angeklagt, so dass des Kaisers "leniency" (126) ihm gegenüber eine Erfindung ist. [7] Damit fällt auch Pomeroys Spekulation, Alkimedon habe die Gelegenheit genutzt und Regilla getötet, weil diese zwischen Herodes und dem Aufstieg seiner, des Freigelassenen, Familie gestanden habe (126; 132).

Nichts davon steht in den Quellen - die ganze Anklage beruht auf literarischen Topoi, die keinen anderen Hintergrund als eine Fehlgeburt im achten Monat haben müssen. [8] In dubio pro reo - und der Zweifel ist hier groß.

Auch bei der Beschreibung von Begräbnis und Trauer um Regilla sind Ungenauigkeiten und Fehlinterpretationen häufig.

Die Liste von Fehlern, Ungereimtheiten und Unwahrscheinlichkeiten ist lang. [9] Pomeroy neigt zu Spekulationen - und man könnte einfach darüber hinweggehen, wenn sie ihr Buch nicht für vorbildhaft hielte (229). Man könnte über "The Murder of Regilla" hinweggehen, wenn wir von Pomeroy nicht bereits so viele Bücher erhalten hätten, die von ganz anderer Qualität sind - die immer wieder zeigten, wie man die Frage nach der Frau in der Antike mit anerkannten Methoden verbindet, und welche beeindruckenden Ergebnisse sich so erzielen lassen.


Anmerkungen:

[1] P. Graindor, Hérode Atticus et sa famille, Kairo 1934; Rez., Herodes Atticus I/II, Hildesheim 1983; immerhin stammen zwei der drei neueren Monographien von Frauen: Jennifer Tobin, Herodes Attikos and the City of Athens, Amsterdam 1997; M. Galli, Die Lebenswelt eines Sophisten, Mainz 2002; Fotini Skenteri, Herodes Atticus reflected in occasional poetry of Antonine Athens, Lund 2005 (ebenfalls mit einer englischen Übersetzung der Texte, die Pomeroy 170ff. übersetzt). Skenteri ist Pomeroy ebenso unbekannt wie Alkmene Datsouli-Stavridi, Regilla, Athen 1998 (neu-griech.).

[2] Trotz aller klassizistischen Tendenzen der Zeit sehe ich nicht, dass die Haltung eines römischen Bürgers, Senators und Konsuls zu Heirat und Ehe sinnvoll mit Xenophons Oikonomikos und zeitlich verwandten Schriften beschrieben werden kann; Bryson und Musonius Rufus wären eher heranzuziehen.

[3] Herodes sagt, er habe Polydeukion (einen der "Zöglinge") "wie einen Sohn" geliebt (IG II2 3969; 13190). Philostrat, VS 558 sagt, Herodes habe die "Zöglinge" betrauert wie eigene Söhne, obwohl sie nur Ziehsöhne waren. Vergleichbares hätte Hadrian über Antinoos nicht gesagt.

[4] Pomeroy (119): "A murder charge was brought against Herodes in this way. When his wife Regilla was eight months pregnant, he ordered his freedman Alcimedon to beat her for trivial reasons. She died in premature childbirth from a blow to her abdomen." Vgl. W.C. Wright in der Loeb Classical Library: "A charge of murder was also brought against Herodes, and it was made up in this way. His wife Regilla, it was said, was in the eighth month of her pregnancy, and Herodes ordered his freedman Alcimedon to beat her for some slight fault, and the woman died in premature childbirth from a blow in the belly. On these grounds, as though true, Regilla's brother Braduas brought a suit against him for murder."

[5] Ameling, Tyrannen und schwangere Frauen, Historia 35, 1986, 507f.; vgl. noch Diod. 20,71,4 und Chariton 1,4,12-5,1 und siehe L. de Libero, Die archaische Tyrannis, Stuttgart 1996, 163f.; J. Scourfield, Anger and Gender in Chariton's Chaereas and Callirhoe, YClSt 32, 2003, 171.

[6] Typisch ist die Behandlung des Schwagers (126): "After the trial, Bradua would have served as proconsul, an office that conveniently got him out of Italy. [...] Bradua is not attested in historical sources after his defeat in court and his proconsulship, which was the pinnacle of his career". Aus einer Möglichkeit wird ein Proconsulat, das in keiner Quelle erwähnt wird (siehe PIR2 A 636; W. Eck, DNP 2, 914 Nr. II 2).

[7] Vergleichbar seltsam sind Pomeroy's Ausführungen 130.

[8] Erwähnt sei die von Pomeroy nicht diskutierte Idee Tobin's (A. 2, 227), das Kind habe die Mutter um einige Monate überlebt und sei Gegenstand des Epigramms SEG 26, 290. Ein Überleben des Kindes würde darauf deuten, dass nicht Schläge, sondern die Probleme der Niederkunft Regilla das Leben kosteten.

[9] Noch ein Beispiel: Pomeroy 140f. schließt aus einer "rape-scene" (i.e. Leda mit dem Schwan) auf dem Sarkophag einer Tochter des Herodes, Elpinike, dass "the rape imagery and allusion to Eros may have been an effort to provide Elpinike in death with the marriage she did not attain in life." Damit setzt sie sich nicht nur über die letzte Interpretation des Reliefs hinweg (E. Perry, Iconography and the dynamics of patronage. A sarcophagus from the family of Herodes Atticus, Hesperia 70, 2001, 476), sondern übersieht auch, dass ausgerechnet Elpinike verheiratet war und einen Sohn hatte.

Walter Ameling