Rezension über:

Azra Charbonnier: Carl Heinrich Eduard Knoblauch (1801-1865). Architekt des Bürgertums, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2007, 368 S., 23 Farb-, 441 s/w-Abb., ISBN 978-3-422-06738-7, EUR 98,00
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Rezension von:
Klaus Jan Philipp
Institut für Architekturgeschichte, Universität Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Stefanie Lieb
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Jan Philipp: Rezension von: Azra Charbonnier: Carl Heinrich Eduard Knoblauch (1801-1865). Architekt des Bürgertums, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 5 [15.05.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/05/13951.html


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Azra Charbonnier: Carl Heinrich Eduard Knoblauch (1801-1865)

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Unter den Berliner Architekten der Schinkelschule war Eduard Knoblauch bislang nur wegen seines epochalen Synagogenbaus in der Oranienburger Straße, deren Kuppel seit 1995 wieder als Zeichen jüdischen Lebens der Gegenwart in altem Glanz erstrahlt, bekannt. Seine Rolle als zentrale Gestalt der Berliner Architektur um die Mitte des 19. Jahrhunderts stellt nun die auf eine Dissertation zurückgehende, umfassende und opulent bebilderte Arbeit von Azra Charbonnier heraus. Sie konnte den erst 1983 wieder aufgetauchten Nachlass Knoblauchs, der im Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin aufbewahrt wird und ca. 750 Pläne umfasst, benutzen; ein nicht zu hoch zu schätzender Bestand, weil viele der Bauten Knoblauchs in Berlin nicht mehr vorhanden sind.

Knoblauch hat nicht nur ein bedeutendes Œuvre hinterlassen, er betrieb mit der Gründung des Architektenvereins zu Berlin (1824) und als Herausgeber des "Notizblattes des Architektenvereins zu Berlin" (ab 1833) sowie der "Zeitschrift für praktische Baukunst" (ab 1854) Berufspolitik an vorderster Stelle. Als Sohn einer angesehenen Berliner Bürgerfamilie entschloss er sich schon früh, Architekt zu werden. Nach Abschluss einer Feldmesserlehre (1818) studierte er an der Bauakademie, die ganz von Schinkel geprägt war. Reisen führten ihn durch Deutschland, Frankreich und Italien, das er zusammen mit Stüler auf den Spuren von Schinkels erster Italienreise 1828/29 bereiste. Bewusst entschied sich Knoblauch gegen eine Anstellung als Baubeamter und blieb zeit seines Lebens als Privatarchitekt tätig. Mit dieser Entscheidung reagierte Knoblauch frühzeitig auf die sich wandelnde Klientel der Architekten; immer stärker suchte das finanziell erstarkte Bürgertum nach Architekten, die ihren gehobenen Ansprüchen gemäß entwarfen und bauten. Auch auf dem wachsenden Markt für Mietwohnungen war angesichts überproportionalen Bevölkerungsanstiegs ein immer größerer Markt zu bedienen. Knoblauch gehörte mit Friedrich Hitzig zu den ersten Architekten, die diesen veränderten Markt für sich entdeckten und zu Architekten des Bürgertums wurden.

Charbonnier hat das Œuvre Knoblauchs nach Bauaufgaben gegliedert: Landhäuser und Villen, städtische Wohnhäuser, Herrenhäuser, öffentliche Bauten und Sakralbauten. Innerhalb dieser Kapitel gliedert sie sowohl chronologisch als auch nach Stilen oder nach weiteren (untergeordneten) Bauaufgaben. Weitere Abschnitte sind einzelnen Themen wie den Berliner Putzfassaden oder den Wettbewerbsbeiträgen Knoblauchs gewidmet. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass innerhalb der einzelnen Bauaufgaben die Entwicklung Knoblauchs sichtbar wird und Vergleichbares miteinander verglichen wird. Vor allem bei den städtischen Wohnhäusern kann man beobachten, dass Knoblauch ein einmal erfolgreiches Grundrisssystem immer wieder anwendet, woran sein marktorientiertes Denken und Arbeiten deutlich wird. Der Nachteil einer solchen Gliederung liegt ebenfalls auf der Hand: Entwurfshaltungen, die zeitlich nah beieinanderliegen, erscheinen im Text weit voneinander entfernt, da sie bei anderen Bauaufgaben vorkommen. Dadurch zerreißt Charbonnier den Blick auf ein Œuvre, das ohnehin uneinheitlich ist und nur durch den Wunsch der Auftraggeber Knoblauchs zusammengehalten wird, ihren bürgerlichen (oder auch adligen) Ansprüchen adäquate Bauten zu errichten.

Ihre Stärken gewinnt die Arbeit vor allem in den Absätzen, in denen Charbonnier die künstlerische Entwicklung Knoblauchs analysiert und ästhetische Fragen mit solchen nach der Wirtschaftlichkeit verbindet. So hat die enge Durchfensterung der Wohnbauten Knoblauchs einerseits ihren Grund in der gewollten Auflösung der Körperlichkeit der Fassaden und der Aufhebung des Stütze-Last-Prinzips, zugleich muss aber auch auf die bessere Belichtung und höhere Rentabilität solcher Fassaden hingewiesen werden. Leider aber führt Charbonnier diese Beobachtungen immer wieder zurück auf Entwürfe und Bauten Schinkels, dessen übermächtiger Genius allerdings vielleicht Charbonnier mehr als Knoblauch beflügelt hat.

So schreibt Charbonnier, dass Architekten der Schinkelschule mit dem Anspruch, etwas Neues zu erzeugen, dass mit dem "geschichtlichen Alten in einen harmonischen Zusammenhang komme", überfordert gewesen seien. Sie konstatiert hingegen, dass es zu einer "Formenvielfalt historisierender Stiladaptionen [gekommen sei], die ohne Bezug und willkürlich eingesetzt wurden." (169) Mit solchen Sätzen, die Karl Friedrich Schinkel als einen Architekten verstehen, der einfach nicht übertroffen werden kann, disqualifiziert Charbonnier ihre tiefgründigen und immer zielführenden Forschungen zu den Auftraggebern und der Entstehungsgeschichte der einzelnen Bauten. Denn sie legt ja ganz im Gegenteil offen, dass es nicht Willkür, sondern bewusste Stilwahl war, wenn sich etwa der Bauherr von Schloss Lanke, Graf Wilhelm von Redern, für ein Schloss in Formen der französischen Renaissance oder die Jüdische Gemeinde in Berlin für eine Synagoge mit maurischen Stilelementen entschied.

Charbonnier löst sich leider zu wenig von dem Bild der Schinkelschule, wie es vor nunmehr 30 Jahren Eva Börsch-Supan in ihrer verdienstvollen, aber methodisch und sachlich überholten Studie zur Schinkelschule aufgestellt hat. Ihre Forschungen bleiben zu stark einem stilgeschichtlichen Denken verhaftet und sie beraubt sich selbst der Schlüsse, die sie aus ihren Recherchen hätte ziehen können. Manche Fragen, die angesichts des Untertitels "Architekt des Bürgertums" hätten gestellt werden müssen, bleiben auf der Strecke. So wäre es interessant gewesen zu sehen, ob bestimmte bürgerliche Kreise bestimmte Stile bevorzugten oder ablehnten. Wie verhielt sich demgegenüber der Adel, der bei den Landhäusern der Hauptauftraggeber Knoblauchs war? Charbonnier hätte hier Gelegenheit gehabt, durch Aufwerfen solcher und anderer eher soziologischer Fragen das Buch aus dem rein Monografischen hinaus zu einer Studie auszubauen, die Modellcharakter für die weitere Beschäftigung mit der Architektur der Mitte des 19. Jahrhunderts haben könnte. Dennoch aber wird Charbonniers Arbeit, die mit einem Werkverzeichnis abschließt, ihren bleibenden Wert als grundlegende Monografie eines Architekten behalten, der als Architekt des Bürgertums in Berlin einer der Pioniere des modernen freischaffenden Architekten war.

Klaus Jan Philipp