Rezension über:

John Dixon Hunt: The Afterlife of Gardens, London: Reaktion Books 2004, 254 S., 84 ill., ISBN 978-1-86189-218-8, GBP 25,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Rita Gudermann
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Rita Gudermann: Rezension von: John Dixon Hunt: The Afterlife of Gardens, London: Reaktion Books 2004, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 5 [15.05.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/05/12299.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

John Dixon Hunt: The Afterlife of Gardens

Textgröße: A A A

Nicht die Entstehungsgeschichte von Gärten, sondern ihre Rezeptionsgeschichte steht im Mittelpunkt des gut 250 Seiten starken Bandes von John Dixon Hunt. Hunt ist Professor für Geschichte und Theorie der Landschaft an der Universität von Pennsylvania und Autor verschiedener weiterer Bücher zum Thema Gartentheorie und -architektur. Nur der erste und letzte Essay des Bandes wurden neu verfasst, bei den übrigen handelt es sich um überarbeitete und erweiterte Versionen anderweitig veröffentlichter Beiträge aus den Jahren 1997 bis 2003. Sie beweisen, dass der Autor bereits seit längerem immer wieder auf die Frage zurückkam, was eigentlich aus Gärten wurde, nachdem sie von ihren Schöpfern fertiggestellt wurden. Gärten werden dabei sowohl im konventionellen Sinne als umgrenzte Räume als auch als Ideen verstanden. Hunts Interesse richtet sich darauf, "how gardens are visited, how they are used (and perhaps abused), and how they are absorbed into the experiences of generations of people" (11). In diesem Zusammenhang werden auch, anders als in der klassischen Gartengeschichte üblich, Besitzwechsel und Veränderungen des Besucherzugangs betrachtet.

Die Geschichte der Rezeption eines Gartens wurde bisher nur zur Illustration des Designs angeführt, nicht jedoch als eigenständiges Forschungsproblem betrachtet. Die Ursache für diese Fokussierung sieht Hunt darin, dass Forscher in der Regel von der Frage nach den Ursprüngen der Dinge angezogen sind, insbesondere dann, wenn sie mit den Namen großer Gartendesigner verbunden sind. Nicht selten sind die Schöpfer dabei selbst wichtige Propagandisten ihrer eigenen Arbeiten. Auch ist die Entstehung oder Erneuerung eines Gartens in der Regel besser dokumentiert als die Geschichte der späteren Besuche. Anlass, dieses Buch zu schreiben, gab jedoch nicht zuletzt auch die Tatsache, dass der Autor für mehr als zehn Jahre Studenten der Landschaftsarchitektur unterrichtete, die bemerkenswert wenig Interesse daran zeigten, wie ihre Projekte erfahren werden würden und die vorschnell annahmen, dass die intendierte Erfahrung der tatsächlichen Erfahrung des Rezipienten entsprechen würde (31f.).

In seinem einleitenden Essay beschäftigt sich Hunt mit der Frage, welche Methoden für die Geschichte einer Wahrnehmung von Gärten zur Verfügung stehen und beantwortet sie mit dem Hinweis auf die gut etablierte Methodik zur Rezeptionsgeschichte von Texten. Dabei sei jedoch zu beachten, dass es keine singuläre Erfahrung eines Gartens gebe, ebenso wenig wie die eines Textes (17): Ein Garten habe keine feste oder inhärente Bedeutung, sondern nur jene, die der Betrachter konstruiere.

Im zweiten Beitrag befasst sich Hunt mit Gärten als virtuellen Realitäten, wie sie die Vorstellungskraft der Besucher reizen. Der folgende Essay bietet eine Untersuchung des 1499 in Venedig erschienenen Romans Hypnerotomachia Poliphili und der Erfahrung des Protagonisten mit Gärten und Landschaften. Damit kann Hunt belegen, dass nicht erst seit dem späten 18. Jahrhundert die Erfahrung von Gärten eine Rolle in Theorie und Praxis spielte.

Die folgenden Beiträge befassen sich mit tatsächlich existierenden Gärten, etwa mit der Frage, wie Gärten die Imagination der Besucher durch Architektur und Inschriften bzw. Schriftzeichen beflügeln, mit den Unterschieden zwischen verbalen und visuellen Reaktionen angesichts von Gartenbesuchen und mit der Frage, wie die Bewegung des Besuchers die Gartenrezeption verändert. In diesem Zusammenhang ist auch eine Untersuchung darüber interessant, wie Landschaft von einem motorisierten Betrachter wahrgenommen wird, etwa im Vorbeirasen oder im geruhsamen Vorbeifahren mit dem Automobil. Damit gelingt Hunt eine erfrischend andere Sichtweise auf gestaltete Landschaften, nicht zuletzt dadurch, dass er eigene Erfahrungen mit der Wahrnehmung von Landschaften einbringt, je nachdem, ob er Landstraße oder Autobahn fährt (178-181).

In seinem abschließenden Beitrag führt Hunt unter Zuhilfenahme des Konzepts des Implied Visitor (entsprechend dem des 'Implied Reader') die verschiedenen Stränge seiner Studien zusammen. Als wichtigsten Unterschied zwischen Text und Garten arbeitet er heraus, dass erstere auf Zeichensystem basieren, letztere dagegen auf eingebetteten Formen, die unterschiedliche Entdeckungen und Entzifferungen erlauben, je nach Ort und Art der Begegnung mit dem Betrachter. Die haptische, sinnliche Erfahrung in der Begegnung mit einem Garten ist dabei je nach Perspektive, Jahres- und Uhrzeit unterschiedlich und oft nur schwer in Worte zu fassen. Einige Gärten sprechen dabei ihre Besucher offensichtlich mehr an als andere, so z.B. das Labyrinth in Versailles mit seinen Statuen und Inschriften. In anderen ist der Austausch zwischen Garten und Besucher weniger offensichtlich und erstaunt, wenn er passiert. Dabei stellt sich heraus, dass die intendierte Wirkung, anders als von Designern und Forschern angenommen, durchaus nicht der tatsächlich gemachten entsprechen muss - ja, ihr sogar häufig widerspricht (215). Jeder Besucher bringt schließlich unterschiedliche Erinnerungen und Erwartungen mit (218): Manche Besucher bringen tiefere Kenntnisse über Entstehung eines Gartens mit, haben Vergleichsmöglichkeiten, andere nicht. Manche besuchen bestimmte Gärten wieder und wieder.

Aufbauend auf den Ergebnissen seiner Pilotstudie fordert Hunt, die Rezeptionsgeschichte weiterer Gärten zu schreiben. Voraussetzung dafür allerdings ist das Bewusstsein, dass die Betrachtung der Rezeption eines Gartens oder einer Landschaft eine besondere Vorgehensweise benötigt.

84 Abbildungen runden den Band ab. Allerdings verlieren die im Original vermutlich oft prächtigen farbigen Gartenpläne, Gemälde etc. sehr durch die schwarz-weiße Darstellung. Ausführliche Quellenzitate von Gartenbesuchern geben den Schilderungen an ihrer Stelle Farbe. Verdienstvoll - und wie in der angelsächsischen Forschungsliteratur üblich - ist die Zusammenstellung eines Index.

"A garden without an afterlife is worth little." (222) - so die lakonische Wertung Hunts. Wohl wahr: Wenn ein Garten die vergleichsweise kurze Phase seiner Entstehung überdauert, dann nur aufgrund der Art und Weise seiner Rezeption. Er überlebt jedoch in veränderter Weise und für andere Zeiten. Es ist Hunts Verdienst, auf diese wenig beachteten Phänomen hingewiesen zu haben.

Mit den Gärten des Renaissanceromans Hypnerotomachia Poliphili aus Venedig und den real existierenden Gärten von Versailles, Méréville und Moulin Joli in Frankreich, Stowe in England, Yuanming Yuan in China und dem Central Park in New York wählt Hunt einige gut erforschte Beispiele aus, die allerdings in überaus unterschiedlichen Entstehungszusammenhängen stehen und einen großen zeitlichen und räumlichen Rahmen abdecken: vom Ende des 15. Jahrhunderts bis zur Gartenkunst der Gegenwart, von Mitteleuropa über China bis nach Amerika. Hunts Herangehensweise bleibt dabei erklärtermaßen einer ästhetischen und - mit seinen Anleihen aus der Geschichte der Textrezeption - gewissermaßen philologischen Sichtweise verhaftet, obwohl man sich auch eine wirtschafts-, sozial- oder umwelthistorische Annäherung an das Thema hätte vorstellen können.

Gleichwohl handelt es sich um ein solides Werk der Garten- und Landschaftsgeschichtsschreibung, dem es gelingt, den Blick für die überfällige Rezeptionsgeschichte der Gärten zu öffnen. Zugleich schlägt das Buch den Bogen zu einer Geschichte der Wahrnehmung und der Ideen. Es zeigt, dass die Realität eines Gartens ebenso sehr wie in seiner physischen Existenz auch im Auge seiner wechselnden Betrachter liegt.

Rita Gudermann