Rezension über:

Fred van Lieburg (ed.): Confessionalism and Pietism. Religious Reform in Early Modern Europe, Mainz: Philipp von Zabern 2006, 324 S., ISBN 978-3-8053-3592-8, EUR 39,90
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Rezension von:
Markus Matthias
Berlin / Halle/S.
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Markus Matthias: Rezension von: Fred van Lieburg (ed.): Confessionalism and Pietism. Religious Reform in Early Modern Europe, Mainz: Philipp von Zabern 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 5 [15.05.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/05/11735.html


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Fred van Lieburg (ed.): Confessionalism and Pietism

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Der Reiz der Konzeption dieses Bandes für die deutsche historische Forschung liegt darin, dass die beiden historiografischen Phänomene der Konfessionalisierung und des Pietismus zum einen von auswärtiger Perspektive oder in außerdeutschen Kontexten betrachtet werden, zum anderen, dass der Versuch unternommen wird, beide in Beziehung zu setzen. Der Band geht auf die erste von drei Konferenzen zum Thema Cultural history of Pietism and Revivalism, ca. 1650-ca. 1859: an American, Dutch and Nordic connection (3) zurück, die im Jahr 2004 stattfand. Die Beiträge sind in die folgenden vier Sektionen gegliedert: I. Tradition, II. Implementation, III. Communication und IV. Imagination.

Die allgemeine Tendenz der Beiträge besteht darin, den Pietismus als eine Bewegung darzustellen, die das Konfessionalisierungsparadigma außer Kraft setzt. Dies ist freilich schon aufgrund des hohen Formalisierungsgrades dieses Paradigmas kaum möglich. Das lässt sich leicht an dem ersten Beitrag der ersten Sektion (David B. Ellert) festmachen, in dem es um die nachreformatorische Reinterpretation christlicher Traditionen im Zeichen des Konfessionalismus geht. Die (Wieder-) Einführung eines "urchristlichen" Liebesmahls im Pietismus soll sowohl die Konfessions- wie die territorialen Grenzen überschritten und damit die Konfessionalisierung überwunden haben. Dagegen ließe sich argumentieren, dass die Etablierung des Liebesmahles einen (vorläufig utopischen) sozialen Gegenentwurf zur frühmodernen Staatlichkeit darstellt und damit in derselben Weise durch das Konfessionalisierungsparadigma erfasst wird.

Dass der Pietismus gewisse Tendenzen zu einem überkonfessionellen Christentum hatte, wird an der ungebrochenen Rezeption des "mönchischen", nämlich streng (selbst-) regulierten Lebens in allen christlichen Frömmigkeitsbewegungen des 17. Jahrhunderts (Willem J. op't Hof) ebenso deutlich wie an der Nähe des Pietismus zum einfachen Biblizismus der böhmischen Brüder (Craig Atwood).

Ob der von Salvador Ryan in Anlehnung an Ute Lotz-Heumann gebrauchte Begriff einer doppelten Konfessionalisierung in Irland, nämlich einer protestantischen von oben und einer katholischen von unten, weiterführend ist, wird sich erweisen. Es scheint mir jedoch nicht sinnvoll zu sein, den Begriff der Konfessionalisierung auf jede Form religiösen Gruppendrucks auszuweiten, wie das Douglas Shantz bei seiner Analyse des antipietistischen Widerstandes der Halberstädter Bevölkerung tut. Wenn er in diesem Intoleranz und konfessionellen Eifer erkennt, die Haltung des brandenburgischen Hofes hingegen als ausgleichend bezeichnet, so kann dies kaum als "Konfessionalisierung von unten" verstanden werden.

Die zweite Sektion "Implementation" untersucht die geografische Ausbreitung der Frömmigkeit und ihr Verhältnis zu frühneuzeitlichen Autoritäten. Dabei stellt sich für die Zeit ab 1600 bekanntlich immer die Frage, ob eine Frömmigkeit schon als "pietistisch" zu bezeichnen ist, so etwa für Ernst von Sachsen-Gotha und sein Reformwerk (Mary Noll Venables). Wie Jürgen Beyer an der Entwicklung im Baltikum zeigt, setzt die Entstehung des Pietismus zuallererst einen hohen Grad der Christianisierung oder Konfessionalisierung voraus, vor dessen Hintergrund der Pietismus dem Christentum erst eine neue Relevanz verliehen hat. Insofern lässt sich dann mit Jonathan Strom für Brandenburg und den Darguner (sowie den hallischen) Pietismus mit seiner speziellen Bußkampftheologie von einer pietistischen Konfessionalisierung sprechen.

Die dritte Sektion "Communication" geht von der Voraussetzung aus, dass Regierungshandeln immer der Unterstützung durch die Bevölkerung bedarf. In der Tat erscheint außerhalb des Alten Reiches das Muster der Konfessionalisierung wegen der besonderen historischen Umstände vielfach nur gebrochen applikabel. Das gilt vornehmlich für Irland, wo man erst für das 18. Jahrhundert von einer Konfessionalisierung spricht (Raxmond Gillespie); in ähnlichem Tenor sind auch die Beiträge von Johan De Niet zu den Niederlanden und von Carola Nordbäck zu Schweden gehalten.

Janis Kreslins widmet sich der Frage, wie (konfessionelle) Identitäten in der Frühneuzeit entstehen. Für die Erbauungsliteratur ("devotional Literature") ist es kennzeichnend, dass sie konfessionelle, soziale und Gender-Grenzen überwindet und durch die weite Verbreitung das Territorium gleichsam als Lesegemeinschaft zusammenhält. Erbauungsliteratur ist geteilte, nicht gesammelte Literatur, daher gemeinschaftsfördernd.

Die vierte Sektion "Imagination" betrifft die Grauzone zwischen sozialer Realität und religiöser "virtuality". Dabei werden so interessante Fragen wie zum Beispiel der pietistische Separatismus in Norwegen (Arne Bugge Amundsen) oder die Entwicklung (radikal) pietistischer Städtebaukonzeptionen (Ronsdorf bei Wuppertal) behandelt (Claus Bernet); André Swanström analysiert die (radikal) pietistische Geschichtsauffassung des finnischen Pfarrers Abraham Achrenius (1706-1769), der in seinen handschriftlich verbreiteten "periodicals" die Entwicklung vom Konfessionalismus zum Separatismus des wahren Christen als eschatologische Fortschrittsgeschichte im Anschluss an Apokalypse 16, 19 beschreibt. Peter Vogt widmet sich der pietistischen, insbesondere der herrnhutischen (Auto-) Biographie als konstitutivem Element der neuen, nicht an Bekenntnis und Institution orientierten Ekklesiologie des Pietismus. (Der wieder behauptete Vorbildcharakter von Franckes Lebenslauf müsste eigentlich mittlerweile aus der Welt geräumt sein. Auch lässt der Beitrag den wesentlichen Zusammenhang mit der puritanischen Tradition vermissen.)

Abschließend geht Hartmut Lehmann erneut der Frage nach Ursprung und Ausbreitung des Pietismus nach, indem er vier Deutungskonzeptionen analysierend vorstellt. Da ist zum einen die Vorstellung von den pietistischen Patriarchen, die gleichsam die Stafette des religiösen Erneuerungsimpulses weiterreichen, dann die Konzeption des Pietismus als Protest gegen tote Orthodoxie, Absolutismus, Barockprunk und die zunehmende, bekanntlich durch die Konfessionalisierung beförderte Säkularisierung. Das dritte, von Lehmann favorisierte Modell ist das der klimatischen, allgemeinen und geistlichen Krise. Dieses Modell scheint ihm geeignet, alle anderen Konzeptionen zu integrieren. Die vierte Konzeption betrachtet nach Lehmann den Pietismus als eine von mehreren religiösen Erweckungen, die ihrerseits wieder als Reaktionen auf die zunehmende Säkularisierung verstanden werden könnten.

Resümierend bleibt festzuhalten, dass die Studien die allgemeine Ausgangsfrage nicht wirklich beantworten. Indem sie aber "Randerscheinungen" des Pietismus im Alten Reich vorstellen und damit die übliche Perspektive auf Pietismus und Konfessionalisierung erweitern, bieten sie weit mehr als "Fallstudien".

Markus Matthias