Rezension über:

Philip J. Haythornthwaite: Die kaiserliche Armee Österreichs. Infanterie & Kavallerie, Berlin: Brandenburgisches Verlagshaus 2004, 96 S., ISBN 978-3-87748-642-9, EUR 9,95
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Rezension von:
Robert Rebitsch
projekt.service.büro, Universität Innsbruck
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Robert Rebitsch: Rezension von: Philip J. Haythornthwaite: Die kaiserliche Armee Österreichs. Infanterie & Kavallerie, Berlin: Brandenburgisches Verlagshaus 2004, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/9806.html


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Philip J. Haythornthwaite: Die kaiserliche Armee Österreichs

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Der Band "Die kaiserliche Armee Österreichs" von Philip Haythornthwaite [1], einem auf Militärgeschichte, Uniformen und Ausrüstung des 18. und 19. Jahrhunderts spezialisierten Autor und Berater, "beschreibt detailliert und mit einer Fülle zum Teil farbiger Illustrationen Organisationsstruktur, Uniformen und Ausrüstung der habsburgischen Infanterie und Kavallerie", wie aus dem Umschlagtext zu entnehmen ist. Untergliedert ist das Buch in einen ersten mit "Die Kavallerie" (5 ff.) und einen zweiten mit "Die Infanterie" (49 ff.) überschriebenen Teil. Das Werk entspricht seiner Aufmachung nach einem Sachbuch (für Kinder und Jugendliche) mit zahlreichen Abbildungen und keinesfalls einer wissenschaftlichen Studie, wie schon der Bibliografie (44, 93) mit lediglich sechs (!) angeführten Buchtiteln zu entnehmen ist, in der zudem die Standardwerke zur österreichischen Armee im 18. Jahrhundert einfach fehlen.

Freilich haben Sachbücher und populärwissenschaftliche Werke ihre Berechtigung am Buchmarkt und können ohne Zweifel interessante historische Lektüre bieten. Dass aber das Werk von Haythornthwaite durchwegs problematisch ist, wird ziemlich schnell klar. Das einführende Kapitel "Das Reich und die Armee" (5-8) vermag die doch etwas komplexeren Verhältnisse des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" und der "Monarchia Austriaca", der Habsburgermonarchie, von der man ab Beginn des 18. Jahrhunderts sprechen kann, kaum wiederzugeben. Das liegt teilweise an der unkorrekten Übersetzung, teilweise aber auch an einer historischen Unschärfe. Nicht umsonst haben zwei der besten Kenner der österreichischen Armee der Neuzeit, Johann Christoph Allmayer-Beck und Erich Lessing, einem Kapitel ihres Werkes, das genau mit der hier beschriebenen Epoche korreliert, den Titel "Wie aus den 'Kaiserlichen' die 'Österreicher' wurden" gewidmet. [2] Insofern trifft natürlich der englische Titel "The Austrian Army" den Sachverhalt wesentlich besser. Ferner sei zur Thematik "Kaiser und Heer" bemerkt, dass es ein unabhängiges Reichsheer im 18. Jahrhundert nicht mehr gab. Das Heer der Habsburger wurde immer mehr zu einem österreichischen Heer mit internationalem Offizierskorps, das sich freilich in Konfliktfällen durch Kontingente der Reichsterritorien unterstützen ließ.

Leider finden sich auch nicht gerade wenige begriffliche Fehlleistungen und historische Fehler: Die "Lombardei sowie die Herzogtümer Mantua, Parma und Piacenza" können nicht zu den "deutschen" (!) Gebieten des Reiches oder auch der Habsburgermonarchie gezählt werden (6). Es waren, wie auch immer die reichsrechtlichen Bindungen oder auch deren tatsächliche Bindung zu Habsburg oder Bourbon ausgesehen haben mögen, keine "deutschen" Herrschaften. Die Österreichischen Niederlande umfassten nicht - und auch nicht einmal "ungefähr" - die heutigen Staaten "Belgien und Niederlande" (6), da die Niederlande freilich eine eigene Republik waren, und Schlesien fiel keineswegs "1742 am Ende des Siebenjährigen Krieges [!] an den Preußenkönig Friedrich den Großen" (6).

Hinzu kommen, wie gesagt, unglückliche Übersetzungen. NCOs (non-commissioned officers) mit "Offiziere ohne Kommando" (z.B. 12) zu übersetzen ist schlicht falsch, NCOs sind Unteroffiziere. Zudem liest man auch so manche stereotype Feststellungen: "Die Disziplin in der österreichischen Armee war selbstverständlich sehr strikt, aber längst nicht so streng wie in Preußen, wo sich die Männer in regelrechte Maschinen verwandelten." Oder: "Den Österreichern fehlte es offensichtlich an der fast unnatürlichen preußischen Standfestigkeit." (9) Das klingt alles sehr trivial und hat eigentlich in modernen historischen Darstellungen, ob nun populärwissenschaftlich oder nicht, nichts mehr zu suchen.

Über die Organisationsstruktur der Waffengattungen erfährt man in diesem Band wiederum nur Oberflächliches, die Struktur der österreichischen Armee wird überhaupt nicht dargestellt, bestenfalls gibt es einige Fakten zur Zusammensetzung der Regimenter und Kompanien. Die Darstellung über Taktik und Gefechtsformen der Kavallerie und Infanterie ist ebenfalls nicht sehr überzeugend gelungen. Die Abbildungen sind zwar sehr zahlreich und illustrieren die Darstellung der Uniformen und der Ausrüstung ohne Zweifel anschaulich, dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass es sich vielfach um Historienbilder ohne kritischen Kommentar handelt.

Der eigentliche Schwerpunkt des Bandes aber liegt in der akribischen Beschreibung der Uniformen und der Ausrüstung. So werden die Bewaffnung und Ausrüstung sowie die Details der Uniformen von den Manschetten bis zur Kopfbedeckung der einzelnen österreichischen Verbände ausführlich dargestellt. Man findet so detaillierte Beschreibungen der verschiedenen Regimenter in der habsburgischen Armee und von deren Bekleidung. Unzweifelhaft ist diese natürlich oft mühsame Detailarbeit das Spezialgebiet des Autors und für hierfür weniger spezialisierte HistorikerInnen ein Gewinn. Gerade bei der Identifikation und Zuordnung von bildlichen Quellen kann ein Werk wie dieses sehr hilfreich sein. Ob man mit diesem Spezialwissen allerdings den Geschmack eines breiten, auch jüngeren Publikums treffen kann, wie von dieser Reihe wohl intendiert, ist freilich stark zu bezweifeln. Zudem hätte der Titel auf den Schwerpunkt "Uniformen und Ausrüstung" hinweisen sollen, denn mit einer umfassenden Analyse der habsburgischen Armee von 1740 bis 1780 hat man es hier nicht zu tun. [3]


Anmerkungen:

[1] Die englische Originalausgabe erschien in zwei Bänden unter dem Titel: The Austrian Army 1740-80 (1). Cavalry, Oxford 1994, und The Austrian Army 1740-80 (2). Infantery, Oxford 1994.

[2] Johann Christoph Allmayer-Beck / Erich Lessing: Das Heer unter dem Doppeladler, München 1981, 41.

[3] Als Lektüre zur österreichisch-habsburgischen Armee seien nur genannt: Jürg Zimmermann: Militärverwaltung und Heeresaufbringung in Österreich bis 1806 (= Handbuch der deutschen Militärgeschichte I,3, 1648-1939), Frankfurt/M. 1965 und eine neue Darstellung von Michael Hochedlinger: Austria's Wars of Emergence. War, State and Society in the Habsburg Monarchy 1683-1797 (= Modern Wars in Perspective), London / New York [u.a.] 2003.

Robert Rebitsch