Rezension über:

Ulrike Seeger: Stadtpalais und Belvedere des Prinzen Eugen. Entstehung, Gestalt, Funktion und Bedeutung, Wien: Böhlau 2004, 508 S., 18 Farb-, 184 s/w-Abb., ISBN 978-3-205-77190-6, EUR 45,00
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Rezension von:
Karin Agnes Herbert
Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Julian Jachmann
Empfohlene Zitierweise:
Karin Agnes Herbert: Rezension von: Ulrike Seeger: Stadtpalais und Belvedere des Prinzen Eugen. Entstehung, Gestalt, Funktion und Bedeutung, Wien: Böhlau 2004, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/7551.html


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Ulrike Seeger: Stadtpalais und Belvedere des Prinzen Eugen

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"Die beiden Wiener Wohnsitze des Prinzen Eugen Franz von Savoyen-Carignan-Soissons, das 1696 begonnene Stadtpalais in der Himmelpfortgasse und die [...]1698-1723 begonnene Vorstadtanlage, die ihren heutigen Namen Belvedere erst nach dem Ankauf durch Maria Theresia im Jahre 1752 erhielt, haben von Anfang an eine große Faszination auf die Zeitgenossen ausgeübt" (9).

Diese bis heute anhaltende Faszination spiegelt sich in dem seit zwei Jahrhunderten fortdauernden Interesse der Forschung wider. Die bisherige Forschung hat sich im Wesentlichen auf die Erschließung und Auswertung einschlägiger Schriftquellen, auf die Stellung der beiden Anlagen im Œuvre der beteiligten Architekten Johann Bernhard Fischer von Erlach und Johann Lucas von Hildebrandt und auf die ikonologische Aufschlüsselung der Malerei- und Skulpturenprogramme konzentriert. Bei den beiden zuletzt genannten Aspekten standen die einzelnen Architekten und Ausstattungskünstler im Mittelpunkt der Forschung. Vergleichsweise wenig Interesse fand bislang die Deutung der Baugestalt und der Ausstattung anhand der Person des Auftraggebers, der mit seinem Auftrag bestimmte Absichten verband.

Das ambitionierte Buch von Ulrike Seeger führt vor, wie man mit Hilfe der zeitgemäßen Methode der Architekturikonologie zu neuen und vor allem erstaunlichen Erkenntnissen in diesem bereits gut erforschten Gebiet gelangt. Die Autorin legt den Schwerpunkt der Untersuchung auf folgende Frage: Wie präsentierte sich der Feldherr und Staatsmann Prinz Eugen in Wien durch die beiden für den damaligen Wiener Adel typischen Bauten, einem Stadtpalais und einer Vorstadtanlage? Aber nicht nur das Wie, sondern auch das Warum interessiert die Autorin.

Zur Beantwortung dieser Fragen zieht die Autorin neues Quellenmaterial heran. Das zweite Kapitel stellt eine Schlüsselstelle der Untersuchung dar, denn hier werden die wichtigsten Aussagen zur angewandten Methode und zur bisherigen Forschung gemacht und schließlich wird hier die Position der Autorin verortet.

Es folgt ein kurzer biografischer Abriss zum sagenumwobenen Aufstieg des zunächst mittellosen Prinzen Eugen. Daran schließt eine Aufzählung der erworbenen Grundstücke für sämtliche seiner Wohnsitze an. Diese hatte er aus eigenen Kräften erworben, ohne auf einen ererbten Grundstock zurückgreifen zu können. Die Eigenständigkeit seiner Verdienste manifestiert sich auch in der Tatsache, dass die Zugehörigkeit zum regierenden Haus Savoyen in seiner Repräsentation kaum eine Rolle spielte. Das Phänomen, dass sämtliche Wohnsitze des Prinzen Eugen nach dessen Tod vom Kaiserhof erworben und genutzt wurden, erklärt die Autorin mit deren prestigeträchtigen, architektonisch geschickt inszenierten Bauten.

Die umfassende Beurteilung von Stadtpalais und Belvedere folgt in den Kapiteln vier bis acht. In diesem Kernstück kommt die anfangs erwähnte architekturikonologische Methode, die hier auf einer typengeschichtlich vergleichenden Analyse fußt, zum Tragen. In einer stringenten Systematik analysiert die Autorin neben der Außenarchitektur und Appartementeinteilung zum ersten Mal überhaupt die komplette überlieferte Innenausstattung mitsamt der Spaliere, Kamine, Spiegel etc. und auch die Gartengestaltung. Die bei der Analyse herausgearbeiteten Merkmale und Sachverhalte werden dann von der Autorin auf deren typologische Herkunft überprüft. Im letzten Kapitel, das zugleich das wichtigste ist, fragt die Autorin schließlich nach der damit einhergehenden Bedeutung in Bezug auf den Auftraggeber Prinz Eugen.

Die typologischen Kriterien führen im Gegensatz zu der rein formalen Analyse zu einer Herausarbeitung der Rangabstufungen, die in der hierarchischen Barockkunst eine große Rolle spielen. Mit Hilfe der Typologie erschließt die Autorin den Wert der einzelnen Räume und Bauten und erstellt folgende einleuchtende Hierarchie: Am höchsten stand das von raumhohen Spiegeln geprägte Paradeappartement des Stadtpalais, gefolgt von dessen wohnlicherem Appartementtyp. Dem offiziellen Hauptwohnsitz des Stadtpalais untergeordnet bleiben die Appartements in den beiden Gartenpalais, denen als Nebenwohnsitze weniger gewichtige Aufgaben zukamen. Etwas lakonisch ist die Begründung dafür, dass die zeitgenössische Architekturtheorie keine Beurteilungskriterien liefern würde, denn der in Paris erzogene Prinz verfügte über Wissen, das die typologische und stilistische Aktualität der Bücher übertroffen hätte.

Die klare Analyse der Baugeschichte, Architektur und Innenausstattung des Stadtpalais klärt überzeugend die ursprüngliche Raumanordnung der Paraderäume und der privaten Wohnräume. Deren teilweise Umfunktionierung ging mit einem einschneidenden Plan- und Architektenwechsel einher. Erst nachdem Hildebrandt die Bauleitung übernommen hatte, wurde die ursprüngliche Raumfolge, die bislang dem habsburgischen Zeremoniell folgte, durch ein dem französischen Zeremoniell verpflichtetes Paradeschlafzimmer ergänzt. Dessen Ausstattung mit einem modernen französischen Kamin, einer "cheminée à la royale", orientierte sich ebenfalls am Geschmack des französischen Hofes. Die Ausrichtung an Paris, die die Pariser Erziehung des Prinzen Eugen zum Ausdruck brachte, führt die Autorin auf ein Anwachsen des Anspruchs anlässlich eines Karrieresprungs zurück: Auf den 1697 errungenen Sieg von Zenta, infolgedessen Prinz Eugen zum Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee ernannt wurde.

Die Bedeutung der zur Vorstadtanlage Belvedere neu gewonnenen Erkenntnisse besteht vor allem darin, dass eine übergreifende Betrachtung des Gartens und der einzelnen Gebäude nötig ist, da die Architektur des Oberen und des Unteren Belvedere wesentlich von der Gartenanlage Dominique Girards mitbestimmt wurde. Die Vorstadtanlage Belvedere, die in ihrer Konzeption mit zwei Wohngebäuden innerhalb eines Gartens im Wesentlichen erhalten geblieben ist, folgte den französischen Wohn- und Repräsentationsvorstellungen am Hof Ludwigs des XIV. Formal blieb die Konzeption jedoch im Rahmen des in Wien bereits Etablierten.

Die Autorin sieht in dem beständigen Bestreben des Prinzen Eugen, sich in die Bautradition des Wiener Adels einzuordnen, einen Ausdruck seiner Suche um Anerkennung bei gleichzeitiger bedingungsloser Loyalität zum Kaiserhaus. Letztere wurde durch die Darstellung seiner Person als Herkules im Dienste Jupiters und mit dem Trophäendekor wiederholt zum Ausdruck gebracht. Mit der französischen Ausrichtung im Stadtpalais und im Belvedere setzte Prinz Eugen persönliche Akzente. Diese Ausrichtung ist gewiss auch für die weitere Erforschung des hildebrandtschen Œuvres von Interesse. Die Untersuchung zeigt, dass der römisch geprägte Hildebrandt durch seine Tätigkeit bei Prinz Eugen sein Repertoire an französischen Bau- und Ausstattungstypen erweitern und modernisieren konnte.

Das Buch von Ulrike Seeger zeichnet sich durch seine Leserfreundlichkeit aus, die im gewählten Format (18 x 25 cm), in der reichen Bebilderung und in dem ansprechenden Schriftbild zum Tragen kommt. Vor allem aber liefert es einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der profanen Architektur im habsburgischen Reich zur Zeit des Barock, in der das ikonografische Programm nicht auf die Deckenfresken beschränkt bleibt, sondern in dem auch die Architektur selbst, der Bauschmuck, die Innenausstattung und sogar die Gartenarchitektur als Bedeutungsträger vorgezeigt werden. Die gegenwärtigen Ergebnisse dürften auch für die künftige Erforschung der städtischen Präsentation des Adels im Habsburgerreich von Interesse sein.

Karin Agnes Herbert