Rezension über:

Claire Wilcox (ed.): The Golden Age of Couture. Paris and London 1947-57, London: Victoria & Albert publications 2007, 224 S., ISBN 978-1-85177-520-0, GBP 35,00
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Rezension von:
Isabella Belting
Münchner Stadtmuseum
Redaktionelle Betreuung:
Michaela Braesel
Empfohlene Zitierweise:
Isabella Belting: Rezension von: Claire Wilcox (ed.): The Golden Age of Couture. Paris and London 1947-57, London: Victoria & Albert publications 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/13935.html


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Claire Wilcox (ed.): The Golden Age of Couture

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Der Katalog, der im Zuge der gleichnamigen Ausstellung im Victoria & Albert Museum entstand, widmet sich der exquisiten Mode, die zwischen 1947 bis 1957 in Paris und London kreiert wurde. Zudem macht das Buch deutlich, dass das Victoria & Albert Museum eine der vornehmsten Modekollektionen in der Welt besitzt. Abendroben und Cocktailkleider der führenden Designer ihrer Zeit ergeben, gemeinsam mit der Modefotografie und den Illustrationen, ein vorzügliches Archiv von internationalem Rang. 95 Prozent der Ausstellungsstücke sind aus dem eigenen Bestand des Victoria & Albert Museums, wobei die meisten bedeutenden Kleidungsstücke von dem Fotografen Cecil Beaton für das Museum dokumentiert wurden.

Christian Dior betitelte die Nachkriegsjahre als "Golden Age" und bezog sich dabei ebenso auf seinen berühmten "New Look" von 1947 wie auch auf andere Modedesigner aus Paris (Cristóbal Balenciaga, Pierre Balmain, Hubert de Givenchy) und aus London (Hardy Amies, John Cavanagh, Norman Hartnell). Dior schrieb über den Beginn dieses Goldenen Zeitalters der Haute Couture: "A golden Age seemed to have come again. War had passed out of sight and there were no other wars on the horizon. What did the weight of my sumptuous materials, my heavy velvets and brocades, matter? When hearts were light, mere fabrics could not weigh the body down." (30) Dior und seine Zeitgenossen setzten den höchsten Standard für kreatives Design und einwandfreie Kunstfertigkeit - eine hohe Messlatte für alle nachfolgenden Couturiers.

Die Herausgeberin und Modeautorin Claire Wilcox macht in dem Kapitel "Dior's Golden Age - The Renaissance of Couture" deutlich, dass die Haute Couture speziell nur in Paris entwickelt und möglich wurde. Paris fungierte als Zentrum von Ideen, Fabrikaten, Linien und Accessoires. In anderen Städten wie New York und London wurde die Mode kopiert. Die Höhepunkte der französischen Haute Couture kreierten Christian Dior, Cristóbal Balenciaga, Pierre Balmain und Jaques Fath und schneiderten wahrlich königliche Roben elegischen Halbgöttinnen auf den Leib. Laut dem Time Magazine fungierte Dior als eine Art Gott, der die gesamte französische Modebranche beeinflusste: "He's Atlas, holding up the entire French fashion industry." (46)

Alexandra Palmer vertieft sich in dem Kapitel "Inside Paris Haute Couture" in das Innere eines Couturesalons. Dabei beleuchtet sie den Luxussalon und Anproberaum genauso wie die verschlossenen Werkräume. Detailliert wird der Werdegang eines Modells aufgezeigt: vom Entwurf bis zur Stoffauswahl, von den Stickereien und Garnierungen bis zum Schneiden, von der Anprobe bis zum Vorführen und endlich bis zur Übergabe des lang ersehnten Kleidungsstücks. Palmer zeigt den Prozess des Kleidermachens auf und stellt dabei die übergenaue, penible Sorgfalt dar, die zu der - oftmals dramatischen - Entwicklung eines Kleidungsstücks führte: "If a seam is not quite right, that is a matter of life and death." (16) Innerhalb der Hierarchie eines Modehauses hatte jeder Arbeiter seine klar definierte Rolle, um eine Kreation zustande zu bringen. In einem phänomenalen Gemeinschaftsgefühl wurde nur auf das eine Ziel hingearbeitet, nämlich in höchster Kunstfertigkeit "Schönheit" zu erschaffen.

Im Kapitel "Material Evidence: London Couture 1947-57" reflektiert Amy de la Haye die britische Mode und die archivierten Kollektionen des Victoria & Albert Museums. Das Pariser Couture System fungierte als eine Art Schablone für Londons Modedesigner. Gab es 1942 in London nur 12 Modehäuser, waren es in Paris bereits 47. Viele Londoner Couturiers lernten in Paris, denn die französische Metropole war London in Bezug auf Glamour, Stil und Modefotografie immer einen Schritt voraus. So wird die Londoner Couture der späten 1940er Jahre als Kleidung beschrieben, die zwar ihren gesellschaftlichen Zweck erfüllt, der es aber an erstklassiger Dramatik mangelt.

Der Biograf Hugo Vickers widmet sich in "Cecil Beaton and his Anthology of Fashion" dem Fotografen und Tagebuchschreiber Cecil Beaton, der einen untrüglichen Instinkt für Chic und Mode besaß. Vickers schreibt: "He was the right kind of snob. He had his stethoscope on the heart of society and when there was a change in the beat, he wanted to know why." (19f.) Beaton erwarb für das Museum die herausragendsten Kleider und ließ diese Sammlung zu einer einzigartigen Bereicherung für das Museum werden. Vickers Analysen über Kunden, Freunde und Designer, die dem Museum ihre kostbaren Kleider übergaben, platzieren die Kleidungsstücke aus der Sammlung des Victoria & Albert Museums in das gesellschaftliche Milieu ihrer Zeit.

Im Kapitel "Intoxicated on Images: The Visual Culture of Couture" untersucht Christian Breward die Repräsentation der Mode auf den Modeskizzen. Christian Dior war anscheinend in jeder Lebenslage zum "Kritzeln" bereit: "I scribble everywhere, in bed, in my bath, at meals, in my car, on foot [..] by day and by night." (178) Künstler wie Christian Bérard, René Gruau und Carl Erickson prägten durch ihre Modezeichnungen den Stil der Modemagazine Ende der 1940er Jahre. Dior wusste die zeichnerischen oder fotografischen Ausführungen in den Journalen zu seinen Modellen sehr zu schätzen: "I am assisted by the photographs or drawings published in the papers which often present me with an entirely new light on my creations." (187)

Die Auswahl eines Kleides auf der Titelseite eines Magazins konnte die Verkaufszahlen dramatisch beeinflussen. Diese wachsende gegenseitige Abhängigkeit zwischen Modefotografie und Herausgabe eines Journals wurde von dem amerikanischen Modejournal "Harper's Bazaar" 1947 entsprechend kommentiert: "The editors must recognize fashions while they are still a thing of the future. The dressmakers create them, but without these magazines, the fashions would never be established or accepted." (21)

Der Konsens des Buches unterstreicht die Einzigartigkeit der Couture-Mode von 1947 bis 1957. Couture unterschied sich von Fertigware in vielen Aspekten. Der gravierendste Unterschied jedoch war, dass jedes einzelne Kleidungsstück ein Unikat darstellte, angefertigt vom Anfang bis zum Schluss in einem ganz besonderen Arbeitsvorgang. Einmal gezeigt, wurde das Kleidungsstück zahlreichen Foto-Sessions und täglichen Präsentationen unterworfen - bis die nächste Kollektion begann. Manchmal wurde es zu einem reduzierten Preis an ein Ex-Model verkauft. Die meisten Couture-Kleider existieren als Originalversion, die im Nachhinein den Bedürfnissen und Körpermaßen privater Kunden angepasst wurde.

Die Beiträge in dem Buch fügen die kreativen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfte zusammen, welche die Pariser und Londoner Couture nach dem Krieg formten. Das umfangreiche und spannende Fotomaterial ist sorgsam in die Artikel integriert und unterstreicht die Thesen und Analysen. Auf einer Abbildung etwa ist Jacques Fath zu sehen, der in seinem Salon letzte Hand an das elegante Outfit seiner Frau legt, während ein Mann den Holzboden poliert (26). Ein Model posiert in extravaganter Abendrobe, während eine Putzfrau im Hintergrund mit dem Staubsauger hantiert (27). Diese Nebeneinanderstellungen reflektieren das widersprüchliche und doch perfekte Konstrukt der Couture, die für die Produktion und den Verkauf von Luxusmode ausgerichtet ist, und damit auf eine klare Trennung zwischen Elite und Nicht-Elite.

Die Couture war für die meisten Leute unerreichbar - nur in Hochglanzmagazinen oder auf der Leinwand bekam man die exquisiten Modelle zu Gesicht. Doch der Verkauf von Ideen und die unglaublich mächtigen Massenmedien kreierten einen Welleneffekt, der bei den Leuten Interesse weckte und ein stetig wachsendes Publikum fesselte.

Der kulturelle wie wirtschaftliche Wandel in der Gesellschaft der 1950er Jahre ebenso wie der Wandel des Konsumverhaltens verdrängten später teilweise die Couture. Ihrer fragilen Existenz heute verbleibt die Verpflichtung zu persönlichem Streben, nationaler Identität und herausragender wie zeitraubender Handarbeit. Das Vermächtnis der Couture liegt klar in der modernen Mode, welche häufig die Stile und Arten dieses eleganten Zeitalters widerspiegelt.

Der Katalog bietet ein reiches Spektrum an wissenschaftlichen Texten und Analysen, die in ihrer Ausführlichkeit die Modegeschichte dieser Zeit komplettieren und auf den neuesten Forschungsstand bringen. Zudem besticht das Buch durch seltene Fotografien, die hoch konzentrierte Designer wie Cristóbal Balenciaga, Christian Dior, Jacques Fath, Hubert de Givenchy, Jean Dessès oder Norman Hartnell bei der Arbeit zeigen. Neben den Arbeitsfotografien der Modedesigner erhält der Leser auch kurze Einblicke in das Schaffen der Näherinnen und der Models. Fotos aus den privaten Vorführräumen machen anhand der erlesenen Kundschaft den hohen Standard der Couture deutlich. Dazwischen setzen Fotografien von Modellen und Accessoires aus der aktuellen Ausstellung wunderbare Farbakzente und demonstrieren die Umsetzung der Designerträume. Zahlreiche Zitate rund um die Welt der Mode, Aussagen von Modedesignern, Journalisten, Fotografen und anderen Zeitgenossen zeugen von einer hoch kreativen, spannenden und humorvollen Zeit.

"Couture is the marriage of design and material. There are many instances of perfect harmony - and there are a few of disaster." (114). Diese Aussage von Christian Dior wird von dem Katalog in seiner informativen und detaillierten Vielseitigkeit voll und ganz vermittelt.

Isabella Belting