Rezension über:

Claudia Klemm: Erinnert - umstritten - gefeiert. Die Revolution von 1848/49 in der deutschen Gedenkkultur (= Formen der Erinnerung; Bd. 30), Göttingen: V&R unipress 2007, 636 S., ISBN 978-3-89971-374-9, EUR 76,00
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Rezension von:
Frank Engehausen
Institut für Geschichte, Universität Karlsruhe (TH)
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Frank Engehausen: Rezension von: Claudia Klemm: Erinnert - umstritten - gefeiert. Die Revolution von 1848/49 in der deutschen Gedenkkultur, Göttingen: V&R unipress 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/13450.html


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Claudia Klemm: Erinnert - umstritten - gefeiert

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Die Erinnerung an die Revolution von 1848/49 ist kein unerforschtes Terrain: In den einschlägigen Revolutionsdarstellungen sowie in vielen der zahlreichen überblicksartigen Sammelbänden wird sie mehr oder minder ausführlich mitbehandelt, und Teilaspekte - etwa die sozialdemokratische Revolutionserinnerung im Kaiserreich oder das Revolutionsjubiläum von 1948 unter den Vorzeichen des Ost-West-Konflikts - sind mehrfach zum Gegenstand von Spezialuntersuchungen gemacht worden. Eine umfassende Studie hat nun erstmals Claudia Klemm mit ihrer in Gießen entstandenen Dissertation in Angriff genommen. Um eine Gesamtdarstellung handelt es sich bei ihrer Arbeit indes nicht. Sie spannt zwar einen sehr breiten chronologischen Rahmen, indem sie auch das jüngste Revolutionsjubiläum von 1998 berücksichtigt; sie konzentriert sich aber - offenkundig aus Gründen der Arbeitsökonomie - auf zwei Hauptschauplätze: auf Berlin und Frankfurt, für die sie vor allem die kommunalen Archivbestände gründlich ausgewertet hat.

Dass sie Wien als das dritte "urbane Zentrum der Revolution" ausklammert, rechtfertigt Klemm mit einem Verlegenheitsargument: Die "Einschätzungen der spärlichen Sekundärliteratur" sowie einige "stichprobenartige Untersuchungen Wiener Zeitungen" deuteten darauf hin, dass die Revolutionserinnerung "spätestens ab der Ersten Republik (1918-37) eine wesentlich geringere Rolle spielte als in den beiden Revolutionszentren auf dem Gebiet der Nachfolgestaaten des Kaiserreichs" (41). Leichter nachvollziehbar ist der Ausschluss der Revolutionserinnerungen in den übrigen lokal- oder regionalgeschichtlichen Kontexten, deren Aufarbeitung wohl in der Tat ein Mammutprojekt wäre. Klemm kündigt in der Einleitung ihrer Arbeit zwar an, die Revolutionserinnerungen außerhalb Berlins und Frankfurts wenigstens "jeweils punktuell" (43) ansprechen zu wollen, bleibt die Umsetzung aber an wichtigen Stellen schuldig. Dies gilt für das Jubiläum von 1998, das einen seiner Schwerpunkte im deutschen Südwesten hatte, und mehr noch für das Jubiläum von 1973, für das man nur dann zu dem Fazit kommen kann, die Revolution sei "ins Abseits" gerückt (542), wenn man die in seinem Kontext erfolgte Gründung der Rastatter Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte so konsequent ausblendet, wie Klemm dies in ihrer Fokussierung auf die beiden vermeintlichen Zentren des Revolutionsgedenkens tut.

Klemms Arbeit ist sehr übersichtlich gegliedert: Sie behandelt ihr Thema in sechs großen Kapiteln, die den Revolutionsjubiläen von 1873, 1898, 1923, 1948, 1973 und 1998 gewidmet sind. Sie skizziert eingangs jeweils knapp und zumeist nicht über die Mitteilung von Allgemeinwissen hinausreichend den historischen Kontext, um daran anschließend die politischen Handlungsträger auf der kommunalen Ebene und ihren Umgang mit dem Revolutionsgedenken zunächst in Berlin und dann in Frankfurt vorzustellen. Je nach Schauplatz wechselten nicht nur die örtlichen, sondern zugleich auch die politischen Bezugspunkte: In Berlin standen der 18. März 1848, die Gräber der Märzgefallenen im Friedrichshain und somit der radikale Flügel der Revolution im Mittelpunkt des Gedenkens, in Frankfurt dagegen der 18. Mai als Datum des Zusammentritts der deutschen Nationalversammlung (nur 1873 wurde am 30. März an das Frankfurter Vorparlament erinnert), die Paulskirche und somit das parlamentarische Revolutionsgeschehen. Hierdurch ergaben sich - wenigstens für die ersten beiden Jubiläen - unterschiedliche Konstellationen: Während das Frankfurter Gedenken im Wesentlichen ein Anliegen der Liberalen war, die allerdings 1898 unterschiedliche Auffassungen in der Frage zeigten, welche Gegenwartsbezüge man mit der Revolutionserinnerung verknüpfen solle, war das Berliner Gedenken durch massive Spannungen zwischen den Sozialdemokraten und den Liberalen gekennzeichnet. Dass das Berliner Jubiläum von 1898 ein hochrangiges Lokalpolitikum war, verdeutlichen auch die bislang von der Forschung unentdeckt gebliebenen Gegenaktionen der Konservativen (172-174).

1923 verlagerte sich der Schwerpunkt des Revolutionsgedenkens von Berlin nach Frankfurt, auch weil sich die Reichsregierung an den Jubiläumsfeierlichkeiten beteiligte. Die Bemühungen um eine republikanische Traditionsstiftung, die zum Beispiel in der Rede des Reichspräsidenten Friedrich Ebert bei dem Festakt in der Paulskirche zum Ausdruck kamen, waren durchaus umstritten, wie Klemm in ihren detaillierten Ausführungen über die fehlende Teilnahmebereitschaft an den Feierlichkeiten zeigt (271-277): Die Frankfurter Studentenschaft sagte ab, weil sie allenfalls eine nachdrückliche außenpolitische Kundgebung aus Anlass des Revolutionsjubiläums für angebracht hielt; die bayerische Regierung blieb fern, weil sie ein allgemeines Bedürfnis nach einer solchen Feier nicht erkannte; und auch in Hakenkreuzschmierereien an der Paulskirche am Vorabend des Festaktes manifestierte sich der Protest. Anders gelagert waren die Probleme in Berlin: Hier taten sich die Sozialdemokraten und die Liberalen 1923 schwer, an die bisherigen Gepflogenheiten anzuknüpfen, weil die Erinnerung an die Barrikadenkämpfer des 18. März unerwünschte Botschaften zu vermitteln drohte. Wie zuvor die Konservativen fürchteten nun sie eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch eine historische Verherrlichung der Bereitschaft zum gewaltsamen Umsturz der politischen Verhältnisse.

Den mit Abstand breitesten Raum nimmt in Klemms Arbeit das Revolutionsjubiläum von 1948 ein, das in Frankfurt - mit einem neuen europapolitischen Akzent - in einer Fest- und Kulturwoche und einem erneuten Festakt in der wieder aufgebauten Paulskirche begangen wurde und in Berlin mit einer Vielzahl von Veranstaltungen, die durch die politische Spaltung der Stadt geprägt waren: Dabei bestritt man in den Westsektoren vehement den Anspruch auf Deutungshoheit der SED, die sich vor allem der Volkskongressbewegung bediente, um die These vom Verrat der Revolution von 1848/49 durch das Bürgertum zu propagieren. Das Revolutionsgedenken entfernte sich auf diese Weise weiter als zuvor von seinem eigentlichen Anlass, wie Klemm in ihrem Zwischenfazit konstatiert: "1948 zeigte sich im Vergleich zu den bisherigen Jubiläen am deutlichsten, dass das Jahr 1848 zum Spielball der politischen Akteure wurde. Das historische Ereignis wurde stark selektiv wahrgenommen. Eine ganzheitliche Betrachtung lag den Organisatoren fern. Vielmehr instrumentalisierte jede Gruppe die Revolution in ihrem Sinne" (492).

Im Vergleich mit dem Jubiläum von 1948 muten die Revolutionsgedenken von 1973 und 1998 in ihren politisch sinnstiftenden Bemühungen eher bescheiden an. Für 1973 stellt Klemm in Frankfurt ein Verblassen und in Westberlin sogar ein "Verschwinden der Revolutionserinnerung" (543) fest, während 1848/49 in der DDR als inzwischen fest etablierter Bestandteil des sozialistischen Geschichtsbildes pflichtschuldig gewürdigt wurde, ohne dass zentrale neue Aktualisierungspunkte hinzukamen. Bei dem Jubiläum von 1998 rückte - man mag hierin ein weiteres Indiz für den Sieg des Westens im Kalten Krieg erkennen - Frankfurt wieder deutlich in den Mittelpunkt des Revolutionsgedenkens. Die inhaltliche Neuerung bestand in dem Einbezug des Mauerfalls in die Traditionslinie von 1848 bis zur Gegenwart; erst nun - so mancher Festredner - seien die Einheits- und Freiheitsideale der Revolution Wirklichkeit geworden. "Die Revolution wurde somit", meint Klemm, "zum integrativen Faktor über 150 Jahre, unterschiedliche Staatsformen, zwei Weltkriege und die deutsche Teilung hinweg. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass eben nicht beide Traditionslinien vereinigt wurden, sondern die Ziele der Barrikadenkämpfer aus der Erinnerung heraus fielen". Als politisches Argument taugte die Revolution allerdings kaum noch: Sie "wurde als Element der eigenen Geschichte historisch gewürdigt und weniger als Teil der eigenen Identität beschworen". Wenn gleichwohl einmal die "Hinwendung zu aktuellen Problemen" versucht wurde, blieb "die Verbindung zu 1848 vage" (584f.).

Frank Engehausen