Rezension über:

Martin Zenck / Tim Becker / Raphael Woebs (Hgg.): Gewaltdarstellung und Darstellungsgewalt in den Künsten und Medien. Unter Mitarbeit von Markus Jüngling (= Historische Anthropologie; Bd. 34), Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2007, 312 S., ISBN 978-3-496-02790-4, EUR 39,00
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Rezension von:
Christine Künzel
Institut für Germanistik II, Universität Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Christine Künzel: Rezension von: Martin Zenck / Tim Becker / Raphael Woebs (Hgg.): Gewaltdarstellung und Darstellungsgewalt in den Künsten und Medien. Unter Mitarbeit von Markus Jüngling, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/13223.html


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Martin Zenck / Tim Becker / Raphael Woebs (Hgg.): Gewaltdarstellung und Darstellungsgewalt in den Künsten und Medien

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Man kann die 1990er Jahre wohl als Jahrzehnt der Gewaltforschung bezeichnen, die - nicht zuletzt durch die Anschläge des 11. September 2001 - im neuen Jahrtausend einen weiteren Höhepunkt erlangte, der in unzähligen Einzelstudien und Sammelbänden Niederschlag gefunden hat. [1] So ist auch die Darstellung von Gewalt in den verschiedenen Künsten (Literatur, bildende Kunst, Theater, Film) und in den Medien (Fernsehen, Presse, Internet) inzwischen vielfältig thematisiert worden. [2] Dabei ist zunehmend auch die Gewalt der Darstellung selbst ins Zentrum der Forschung gerückt. Wenn sich nun ein weiterer Band explizit dem Thema "Gewaltdarstellung und Darstellungsgewalt in den Künsten und Medien" widmet, dann sind die Erwartungen entsprechend hoch, dass hier Aspekte beleuchtet werden, die bisher in der Diskussion zu kurz gekommen sind. Eine Ernüchterung tritt spätestens dann ein, wenn man sich das Inhaltsverzeichnis anschaut und feststellt, dass sich der Verweis auf "die Künste" hier im Wesentlichen auf die Musik und die Literatur bezieht. Allerdings stellt sich dann sogleich die nächste Frage, was denn mit "Medien" gemeint sein soll, da es lediglich zwei Aufsätze gibt, die sich mit dem Medium Film beschäftigen.

Eine Einleitung, die derartige Fragen klären könnte, bleiben die Herausgeber - immerhin drei an der Zahl - schuldig. Weder gibt es eine kritische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis bzw. der Differenz zwischen "Künsten" und "Medien" - es lässt sich lediglich mutmaßen, dass der Film hier nicht den Künsten, sondern den Medien zugeordnet wird, da Beiträge zu anderen Medien fehlen -; noch wird erläutert, auf welchen Gewaltbegriff bzw. welche Konzepte von Gewalt sich der Band bezieht. Der lapidare Verweis auf die "Ereignisse des 11. Septembers" und auf Susan Sontags Buch "Das Leiden anderer betrachten" (9) wirkt da eher wie eine Verlegenheitslösung, als dass er plausibel machen könnte, warum gerade diese Beiträge zu einem Band vereinigt wurden - außer der Tatsache, dass der Band im Anschluss an ein Forschungskolloquium, das im Juni 2003 stattfand, entstanden ist.

Für Irritationen dürfte auch die thematische Zusammensetzung des Bandes sorgen: Von den 15 Beiträgen beschäftigen sich immerhin ganze neun (!) mit Musik (zwei davon in der Kombination Literatur und Musik bzw. Film und Musik), zwei Aufsätze widmen sich Gewaltdarstellungen im Film, drei der Malerei und einer der Literatur. Dass der Schwerpunkt des Bandes auf der Musik liegt, ist nicht weiter erstaunlich, da die Herausgeber allesamt Musikwissenschaftler sind. Da stellt sich allerdings die Frage, warum diese nicht das gesamte Buch der Gewaltdarstellung und Darstellungsgewalt (in) der Musik gewidmet haben, zumal auf diesem Gebiet bisher noch keine umfassenden Studien vorliegen. Es wäre ein durchaus lohnens- und lobenswertes Unternehmen, den Zusammenhang zwischen Musik, Stimme, Ton, Klang und Gewalt genauer zu erforschen - und zwar in historischer Perspektive.

Leider versäumt es auch der Musikwissenschaftler Martin Zenck, in einem seiner drei Beiträge, der den Untertitel "Statt einer Einleitung" (13) trägt, auf die Differenz zwischen Sehen und Hören - die beiden Sinne, die stets um das Primat in der Hierarchie der Wahrnehmung streiten - im Hinblick auf Gewalterfahrung und -darstellung zu verweisen. Es mag Ausdruck einer gewissen Hilflosigkeit sein, dass Zenck sich im Hinblick auf die Geschichte der Gewaltdarstellung lediglich auf einen Bildbegriff bezieht, aber das Angebot eines Modells für den Bereich der Musik schuldig bleibt. Die mangelnde Auseinandersetzung mit Konzepten von Gewalt zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sich vier der Musikbeiträge explizit dem Thema Tod und dessen musikalischer Bearbeitung widmen, ohne zu hinterfragen, ob der Tod - zumal der "natürliche" - überhaupt unter dem Stichwort Gewalt (wenn es sich nicht gerade um einen "gewaltsamen" Tod handelt) verhandelt werden sollte.

Doch es gibt auch einige erhellende Beiträge in Sachen Gewaltdarstellung in dieser Sammlung, die hier entsprechend gewürdigt werden sollen. Das ist insbesondere der (mit immerhin 46 Seiten) umfangreichste Aufsatz von Petra Maria Meyer, der sich mit medienethischen Fragen im Hinblick auf die Darstellung von Gewalt in Filmen von Alain Resnais und Andrej Tarkowskij auseinandersetzt. Ausgehend von Hans Magnus Enzensbergers These "Wen der Terror der Bilder nicht zum Terroristen macht, den macht er zum Voyeur" (43) spürt Meyer dem Verhältnis zwischen Ethik und Ästhetik nach - ein Aspekt, der in den meisten Studien zur Darstellung von Gewalt bisher eindeutig zu kurz gekommen ist. Dabei konzentriert sie sich in ihrer Analyse auf die filmische Darstellung der "Schrecken des Krieges" (83) in Alain Resnais' "Hiroshima mon amour" (1959) und Andrej Tarkowskijs "Iwans Kindheit" (1962). Meyers Studie besticht nicht zuletzt durch ihre Kritik an einer rein psychoanalytisch ausgerichteten Analyse von Traumsequenzen, die zumeist eine "Hinwendung zur Daseinsanalyse" (81) vernachlässige. Mit Blick auf Tarkowskij stellt Meyer fest, dass hier eine "Freisetzung einer Ethik aus einer Ästhetik des Traumes" stattfinde, die eine Perspektive auf "existenziell-ethische Fragen" (81) eröffne.

Veronika Darian bietet eine Annäherung an "Repräsentationen in Zeiten souveräner Macht", d.h. sie geht der Frage nach, "auf welche Art Bild und Macht zueinander ins Verhältnis gesetzt werden können" (171). Besonders interessant - wenn auch in diesem Zusammenhang nicht näher ausgeführt - ist dabei Darians Verweis auf die Nähe von Malerei und Theater. Die Figuren des körperlichen Ausdrucks in der "Ikonografie des bildhaften Schreckens" seien "dem theatralen, ursprünglich rhetorischen Bereich der 'eloquentia corporis'" (175) entnommen. Damit verweist die Autorin auf einen Aspekt, der im Band leider insgesamt zu kurz kommt: nämlich die Thematisierung von Unterschieden wie auch Parallelen in den Künsten in Bezug auf die Darstellung von Gewalt.

Was die musikalische Darstellung von Gewalt betrifft, so seien hier zwei Aufsätze hervorgehoben, die sich explizit mit Problemen der Darstellbarkeit von Gewalt durch Musik auseinandersetzen. Das ist zum einen der einleitende Beitrag von Martin Zenck zu Heinrich von Kleists Erzählung "Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik" - ein Text, der auch in der Kleist-Forschung bisher eher vernachlässigt wurde. Zenck verweist hier auf einen Zusammenhang zwischen Ikonoklasmus, der Gewalt der Musik und einer "Gewalt in der Textstruktur" (17), der bisher noch nicht als solcher thematisiert wurde. Leider bleibt auch Zenck eine ausführlichere - kunstübergreifende - Analyse schuldig. Zum anderen der Aufsatz von Ewa Pychal zu der Oper "Schwarzerde" von Klaus Huber (UA: 3.11.2001 in Basel). Die Oper ist dem Dichter Osip Mandelstam gewidmet, "der in einem Todeslager Stalins Diktatur zum Opfer gefallen war" (184). Pychal legt dar, auf welche Weise sich Huber in seiner Komposition selbst mit den Problemen der Darstellung von Gewalt durch Musik auseinandersetzt, indem er nach Mitteln sucht, den Gefahren einer "Ästhetisierung des Schreckens" durch die Musik, der zu sehr der "Schein des Schönen" (188) anhafte, zu entgehen. Da der Einbruch des Schreckens die Kontinuität der Musik zerstöre, müsse man nach einer Darstellungsform suchen, die außerhalb komponierter Musik liegt.

Doch vermögen auch diese hervorragenden Beiträge nicht die Mängel des gesamten Bandes aufzuwiegen. Neben einer mangelhaften Redaktion der Beiträge (die Fehlerquote ist in einigen Beiträgen beträchtlich) vermisst man ein Verzeichnis der beteiligten AutorInnen, aus dem hervorgeht, in welchem Forschungskontext die einzelnen Beiträge entstanden sind.


Anmerkungen:

[1] Vgl. u.a. Hans Peter Duerr: Obszönität und Gewalt, Frankfurt a. M. 1993; Wolfgang Sofsky: Traktat über die Gewalt, Frankfurt a. M. 1996; Trutz von Trotha (Hg.): Soziologie der Gewalt (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37), Opladen 1997.

[2] Vgl. insbesondere Rolf Grimminger (Hg.): Kunst - Macht - Gewalt. Der ästhetische Ort der Aggressivität, München 2000.

Christine Künzel