Rezension über:

Eugenia Kermeli / Oktay Özel (eds.): The Ottoman Empire: Myths, Realities and "Black Holes". Contributions in honor of Colin Imber, Istanbul: The Isis Press 2006, 380 S., ISBN 978-9-75428-322-8, USD 45,00
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Rezension von:
Leyla von Mende
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Conermann
Empfohlene Zitierweise:
Leyla von Mende: Rezension von: Eugenia Kermeli / Oktay Özel (eds.): The Ottoman Empire: Myths, Realities and "Black Holes". Contributions in honor of Colin Imber, Istanbul: The Isis Press 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/13074.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Islamische Welten" in Ausgabe 8 (2008), Nr. 4

Eugenia Kermeli / Oktay Özel (eds.): The Ottoman Empire: Myths, Realities and "Black Holes"

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Bereits der Titel der Festschrift zu Ehren Colin Imbers anläßlich des Endes seiner Lehrtätigkeit an der Universität Manchester charakterisiert seine Herangehensweise als Historiker und Osmanist.

"The best thing that a modern historian can do is to admit frankly that the earliest history of the Ottomans is a black hole. Any attempt to fill this hole will result simply in the creation of more fables."[1]

Die Charakterisierung frühosmanischer Zeit als "schwarzes Loch" schließt jedoch keineswegs aus, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen. Entscheidend ist bei der Beschäftigung mit Geschichte vielmehr Methodik und Zielsetzung, unabhängig von Region, Thema oder Zeitraum. Imber steht für eine quellenkritische Herangehensweise, die nicht nur die historische Quelle an sich hinterfragt, sondern auch die Verwendung dieser Quellen durch nachfolgende Historiker. In anderem Kontext reiht C. Heywood Imber in eine Reihe von Osmanisten ein, die ihrer historischen Herangehensweise einen gewissen Revisionismus, wenn nicht gar Dekonstruktivismus zugrunde legen.[2] In dem einführenden Artikel zu der vorliegende Festschrift lobt er ihn als einen skeptischen Historiker, der Verachtung für historische Trends und monistische Erklärungsmuster hegt.

Imbers Publikationen spiegeln seine Forschungsinteressen - von der frühosmanischen Zeit, über maritime Geschichte bis hin zu Recht -, seine Methode der kritischen Analyse und Verwendung von Primärquellen und seinen Drang, gängige "Realitäten" in Frage zu stellen, Mythen aufzuspüren und schwarzen Löchern auf den Grund zu gehen, wider. Die vorliegende Festschrift ist ein Tribut an diese Herangehensweise. Ihr Zusammenhalt soll nicht nur aus dem gemeinsamen Anspruch entstehen, von seinen Werken inspiriert und ihnen verpflichtet zu sein. Das Ziel ist auch zu zeigen, dass Kompromisslosigkeit gegenüber Wissenschaftlern und Wissenschaft nicht nur Feinde schafft- und zwar in Form der vorliegenden Festschrift als "a bouquet of elegant and varied blossoms".

Dieses doch sehr lose Band führt zu einem Konglomerat von Artikeln zu unterschiedlichsten Themen und Perioden. Die chronologisch geordneten Beiträge befassen sich überwiegend mit dem Osmanischen Reich. Drei Artikel fallen zeitlich aus dem Rahmen. Die ersten beiden, der Beitrag R. Morris zur byzantinischen Provinzverwaltung und der Hopwoods zu Nicäa, stellen thematisch eine Art Vorgeschichte der Gründung des Osmanischen Reiches dar. Mit dem dritten nichtosmanischen Artikel schließt die Festschrift. C. Balim nimmt einen historischen Roman Aitmatovs als Grundlage für eine alternative Geschichtsschreibung zur sowjetischen. Damit zeigt sie nicht nur die unterschiedlichsten Quellen für Geschichtsschreibung auf, sondern gleichzeitig auch, wie Geschichte konstruiert wird.

Die behandelten Themen sind grob nach Imbers Forschungsschwerpunkten ausgerichtet. Ein großer Bereich ist somit das Recht. L. Pierce untersucht den sozialen Wandel im Osmanischen Reich des 15. und 16. Jahrhunderts im Spiegel staatlicher Gesetzgebung. E. Kermeli analysiert anhand des Fallbeispiels der Behandlung von Kindern als Ware im osmanischen Kreta die Legalität und Legitimation bestimmter illegitimer Rechtshandlungen vor dem Hintergrund islamisch-osmanischer Gesetzgebung und die Rolle der Tradition in osmanischen Gerichten des 17. Jahrhunderts. Mit dem rechtlichen Status von Nichtmuslimen im Osmanischen Reich beschäftigen sich die Artikel von G. Veinstein und R. Gradeva. Ersterer thematisiert rechtliche Probleme des Aufenthalts von Europäern im Osmanischen Reich, als Folge von Wirtschaftsbeziehungen. Gradeva hingegen wählt als Fallbeispiel den Bau von Kirchen in Rumelien. Die Beziehung zu Nichtmuslimen spielt, wenn auch weniger in rechtlicher Hinsicht, bei E. Radushev eine Rolle. Er beschreibt die Geschichte einer Budapester jüdischen Familie unter osmanischer Herrschaft.

Daneben gibt es zwei Beiträge zu maritimer Geschichte. Von D. Panzac zu Seeschlachten und L. Darling. Letztere betrachtet das Mittelmeer als Region des Kosmopolitismus und stellt anhand der Berichte englischer Händler im 16. Jahrhundert Konzepte kultureller Grenzen und festgefahrener Kategorien wie "Islam" und "Westen" in Frage. Die aktuelle Relevanz springt geradezu ins Auge. Insbesondere dieser Artikel verdeutlicht, welchen Gewinn der Leser trotz der möglichen thematischen Unkenntnis aus den Beiträgen dieser Festschrift ziehen kann.

Drei Artikel setzen sich primär, in der quellenkritischen Tradition Imbers, mit unterschiedlich gearteten osmanischen Primärquellen auseinander - K. Inan zum historischen Werk Tursun Beys aus dem späten 15. Jahrhundert, N. Vatin zu einem Dokument des Großwesirs Sokullu Mehmed Pascha von 1566 aus dem Topkapi Archiv und E.G. Ambros/ J. Schmidts Analyse und Übersetzung eines osmanischen Manuskripts aus der Bibliothek der Universität Leiden.

Die Methode der Nutzung osmanischer Primärquellen und deren kritische Analyse durchzieht die gesamte Festschrift. H. W. Lowry diskutiert in Anlehnung an Imber die Bedeutung der Begriffe von gaza und akin im frühosmanischen politischen Vokabular. P. Brummet analysiert für die spätosmanische Zeit eine historische Quelle ganz anderer Art: Osmanische Karikaturen von Landkarten. Der zweite Artikel, der sich mit der spätosmanischen Zeit beschäftigt, die in dieser Festschrift, auch aufgrund der Forschungsschwerpunkte Imbers, recht kurz behandelt wird, ist der Yasamees. Die Rolle strategischer Fehlplanung vor den Balkankriegen dient ihm als Erklärung der osmanischen militärischen Niederlage.

In den Artikeln von O. Özel zur Transformation von Provinzadministration von den Seldschuken bis zum 17. Jahrhundert in der Region Amasya und C. Woodhead zur osmanischen Bürokratie des 16. Jahrhunderts kommen stärker administrativ-staatliche Dokumente als historische Quellen sowie deren Bedeutung zur Erklärung historischer Entwicklungen zum Tragen.

Den vielleicht größten Bezug zu Imbers Forschungsmethode weist C. Heywood mit seinem Plädoyer für Genauigkeit auf. In seinem Beitrag thematisiert er die Problematik osmanischer Zeitrechnung und deren Umrechnung anhand ausgewählter Quellen zu einem bestimmten Ereignis. Einzigartig in dieser Festschrift gibt er eine konkrete Anleitung zur genaueren Bestimmung von Daten als Hilfsmittel für den Historiker.

Diese Festschrift schärft, trotz der thematisch so unterschiedlichen Beiträge, den Blick dafür, was der Auftrag von Wissenschaft sein sollte: Wissenschaft um ihrer selbst willen zu betreiben und nicht nur einen gesunden Zweifel hinsichtlich gängiger "Wahrheiten" zu haben, sondern vielmehr den Mut in die schwarzen Löcher der Geschichte einzutauchen. Somit stellt diese Festschrift nicht nur einen Ansporn an Imber selber dar weiterzuforschen, sondern motiviert auch den Leser. Denn "the only way forward when confronted with black holes in history or science is to keep on doing history and science." [3]


Anmerkungen:

[1] C. Imber: "The Legend of Osman Gazi", in: The Ottoman Emirate (1300-1389), hg. von E. Zacharioadou, Rthymnon 1993, 75.

[2] E. Zachariadou (Hg.): The Ottoman Emirate (1300-1389), Rthymnon 1993, rezensiert von C. Heywood, BSOAS, 59:2 (1996), 364.

[3] W.J. Abraham: "Tradition and Change in Methodism", in: The Cresset, Easter 2006 (http://valpo.edu/cresset/2006/2006%20Easter%20Abraham.pdf PDF-Dokument).

Leyla von Mende