Rezension über:

Michael P. Steinberg / Monica Bohm-Duchen (eds.): Reading Charlotte Salomon, Ithaca / London: Cornell University Press 2006, xi + 233 S., ISBN 978-0-8014-3971-1, GBP 21,50
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Rezension von:
Annegret Friedrich
Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Annegret Friedrich: Rezension von: Michael P. Steinberg / Monica Bohm-Duchen (eds.): Reading Charlotte Salomon, Ithaca / London: Cornell University Press 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/12839.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Michael P. Steinberg / Monica Bohm-Duchen (eds.): Reading Charlotte Salomon

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Dieses Buch ist doppelt überfällig: Zum einen sind darin die Vorträge publiziert, die auf parallel stattgefundenen Tagungen am Courtauld Institute of Art in London und an der Cornell University anlässlich der großen Ausstellungstournee von Charlotte Salomons Bilderzyklus "Leben? Oder Theater?" Ende des Jahres 1998 (!) gehalten wurden. [1]

Längst überfällig ist zum anderen eine wissenschaftlich anspruchsvolle Auseinandersetzung mit diesem komplexen und sich dem traditionellen Kanon der Kunstgeschichte sperrenden Œuvre, einem aus über 1300 Blättern, Gouachen und beschrifteten Transparentseiten bestehenden Bilderzyklus, der Wort, Bild und Musik zu einer Art Gesamtkunstwerk verdichtet. Geschaffen von der jungen jüdischen Künstlerin Charlotte Salomon zwischen 1940 und 1942 im Exil in Südfrankreich, werden darin eine Kindheit und Jugend im Berlin der 20er und 30er Jahre mit seinen zunehmenden antisemitischen Verfolgungen thematisiert. Auslöser für die Arbeit war der Selbstmord der Großmutter, erst jetzt erfuhr Charlotte Salomon von einer ganzen Serie von Suiziden in ihrer Familie. Der inneren und äußeren Bedrohung (soeben war sie aus dem Konzentrationslager Gurs zurückgekehrt) setzte sie die monumentale Arbeit einer Rekonstruktion ihrer Familiengeschichte entgegen. Nach dem Krieg konnte das Konvolut von ihren überlebenden Angehörigen aufgefunden werden. Charlotte Salomon wurde im Oktober 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Obwohl "Leben? oder Theater?" bereits 1961 in einer ersten kleineren Publikation veröffentlicht und mit der bis heute maßgeblichen umfassenden Ausgabe von 1980/81 allgemein zugänglich ist [2], haben sich die Kunstwissenschaften bisher wenig damit befasst. Für ein enormes Publikumsinteresse sprechen dagegen die zahlreichen internationalen Ausstellungen und nicht weniger als sieben Verfilmungen. Die Rezeptionsprobleme werden von etlichen Autoren des vorliegenden Bandes benannt: die Schwierigkeit der Einordnung in eine "Holocaust Art" (Charlotte Salomon ist anfangs als eine malende Anne Frank missverstanden worden und ihre Rezeption bediente nicht selten das Stereotyp der "Schönen Jüdin"), die "Überdeterminiertheit" des Werkes durch das Biografische oder die Unsicherheiten über die Intention der Künstlerin die Aufführungspraxis betreffend. Die Beiträge von Mary Felstiner und von Nanette Salomon thematisieren die "Unmöglichkeit", Charlotte Salomon adäquat auszustellen oder sie im kunsthistorischen Unterricht einzusetzen. Resa Greenberg analysiert die verschiedenen Effekte der Ausstellungspraxis der jüngsten Zeit - tatsächlich ergeben sich beträchtliche Bedeutungsunterschiede, wird Charlotte Salomon in den Kontexten Jüdische Geschichte, Holocaust oder im Kunstmuseum präsentiert. Heute empfiehlt sich die Anschaffung einer CD-ROM, die den Vorteil hat, erstmalig die raffinierten Text-Bild-Musik-Bezüge nachvollziehen zu können. [3]

"Reading Charlotte Salomon" bedeutet offenbar zunächst, dass sie im Spiegel eines/einer anderen gelesen wird, seien das die Schriftstellerin Charlotte Delbo (im Beitrag von Ernst van Alphen), die kolumbianische zeitgenössische Künstlerin Doris Salcedo und Artemisia Gentileschi (Mieke Bal), Walter Benjamin (Christine Conley) oder Chantal Akerman (Shelley Hornstein). Dies bringt eine künstlerische Aufwertung mit sich, doch liegt im "name dropping" möglicherweise auch eine Unsicherheit oder ein Unbehagen, sich konkret auf die Bilderwelten der Charlotte Salomon einzulassen, wie es Pollock formuliert: "one of the twentieth century's most challenging art works: radical in its modernist hybridities, intertexualities, formal daring, and diversity. Yet, I, for one, am not sure that I can know fully what I am looking at." (54f.)

Der wichtigste theoretische Zugang zu "Leben? oder Theater?" ist die in den letzten Jahren entwickelte Traumaforschung, mehrere Beiträge beziehen sich explizit darauf. Als Trauma wird in erster Linie die Enthüllung des Familiengeheimnisses der weiblichen Selbstmorde betrachtet, aber auch die existenzielle Unsicherheit des Exils und die Lagererfahrung Gurs (die Charlotte Salomon nicht bebildert hat). Zu Recht sind sich alle Beitragenden einig darin, Charlotte Salomon als "artist before the holocaust" einzuordnen und ihre Arbeit als Versuch einer Selbstfindung, darin ist Pollock wohl am deutlichsten, zu werten. Wenn das Traumatische aber genau das ist, was sich der Repräsentation entzieht, so besteht insbesondere Mieke Bal darauf, dass sich paradoxerweise nur durch Repräsentation - sei es in psychoanalytischer Arbeit, in Texten oder Bildern - dem Trauma überhaupt genähert werden kann. (175)

Gegen eine allzu psychologisierende Lesart, die das Private vom Politischen abspalten würde, fungiert der Aufsatz von Darcy Buerkle, die die Selbstmordserie der Familie in einen breiteren soziokulturellen Kontext stellt. Hier werden die wissenschaftlichen Diskurse des Antisemitismus und Antifeminismus, die sozialhygienischen und rassebiologischen Konstrukte der Degenerierung, Debatten über Hysterie oder "jüdische Nervosität" mit der Lebenssituation der gebildeten, überdurchschnittlich emanzipierten und nach beruflicher Selbstständigkeit strebenden Jüdinnen konfrontiert. Dass Charlotte Salomon als Arzttochter und -enkelin mit diesen Diskursen vertraut war, ist mehr als plausibel.

Insbesondere die klassisch psychoanalytische Argumentation Griselda Pollocks erscheint problematisch. [4] Inspiriert von Freuds "Fall Dora" wird Charlotte Salomon zur Patientin erklärt, die sich nach erfolgreicher Selbsttherapie von einer ungewissen "androgynen" Subjektposition hin zur Bejahung einer "weiblichen" Identität entwickelt habe. Dies ist besonders bestürzend zu lesen von einer Autorin, die die Konstruiertheit der "Weiblichkeit" ganzen Generationen von Kunsthistorikerinnen vermitteln konnte. Einer "queeren" Lektüre würde dagegen die kluge Auseinandersetzung Charlotte Salomons mit Genderfragen, wie sie in den zahlreichen minutiös überlieferten Gesprächen mit Wolfsohn alias Daberlohn dokumentiert ist, ihr Interesse an der Auflösung traditioneller Geschlechterrollen, ihre nicht selten ironisch verpackte Kritik an beklemmenden Familienstrukturen, patriarchaler Borniertheit und machistischen Künstlermythen auffallen. Mit solchen kritischen Positionen nimmt sie teil am Projekt der Moderne der Großstadt Berlin. Dass diese Sichtweisen noch lange nach der NS-Zeit tabuisiert wurden, spricht nicht gegen sie. So muss man es heute keinesfalls "shocking" (69) finden, dass Charlotte Salomon sich in ihrer Verliebtheit in die Stiefmutter Paula Salomon-Lindberg mit deren männlichem Verehrer identifizierte...

Bei der Vielzahl der Referenzen wäre ein Glossar hilfreich gewesen. Dass die deutschsprachige Forschung bedauerlicherweise so gut wie nicht rezipiert wird, ist nichts Neues und man möchte gerade bei diesem sensiblen Thema nicht darauf bestehen. Doch zumindest einige sprachliche Missverständnisse hätten vermieden werden können wie etwa abenteuerliche etymologische Herleitungen der Wortschöpfungen Salomons.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass der vorliegende Band eine Fülle von anregenden und weiterführenden Zugängen zu Charlotte Salomon bereithält. Alle Aufsätze machen überdeutlich, dass eine weitere Auseinandersetzung mit "Leben? oder Theater?" nur unter Berücksichtigung einer avancierten Gender- und Queerforschung sinnvoll ist.


Anmerkungen:

[1] Seit 1998 ausgestellt in London, Royal Academy of Arts; Toronto, Art Gallery of Ontario; Boston, Museum of Fine Arts; New York, Jewish Museum; Frankfurt am Main, Städel; Chemnitz, Kunstsammlungen; Paris, Musée d'Art et d'Histoire du Judaïsme; Innsbruck, Galerie im Taxispalais; Berlin, Jüdisches Museum (zunächst vorgesehen: Neue Nationalgalerie).

[2] Judith Herzberg (Hg.): Charlotte Salomon: Leben? Oder Theater? Ein autobiografisches Singspiel in 769 Bildern (Amsterdam 1980), Köln 1981.

[3] Charlotte Salomon: De complete collectie - the complete collection. CD-ROM, Joods Historisch Museum, Amsterdam 2002.

[4] Von Griselda Pollock zuletzt erschienen: The Theatre of Memory. Trauma, Representation, and Life Histories in Leben oder Theater 1940-1942, Yale University Press 2007/2008.

Annegret Friedrich