Rezension über:

Philip M. Coupland: Britannia, Europa and Christendom. British Christians and European Integration, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2006, ix + 284 S., ISBN 978-1-4039-3912-8, GBP 55,00
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Rezension von:
Bernhard Dietz
London
Empfohlene Zitierweise:
Bernhard Dietz: Rezension von: Philip M. Coupland: Britannia, Europa and Christendom. British Christians and European Integration, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/12624.html


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Philip M. Coupland: Britannia, Europa and Christendom

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Unter den vielen Gründen, die den britischen Premierminister Gordon Brown bewogen haben, nach wochenlangen Spekulationen doch keine vorzeitigen Parlamentswahlen für den Herbst 2007 auszurufen, vermuteten politische Kommentatoren auch das Problem der europäischen Verfassung. Das Szenario einer antieuropäischen Einheitsfront aus Konservativer Partei und Murdoch-Presse mit der Forderung nach einem Referendum über den neuen Reformvertrag der Europäischen Union als Wahlkampfthema habe demnach zu Browns Entscheidung beigetragen, die volle Legislaturperiode durchzuregieren. Dass britische Europaskepsis die Innenpolitik des Landes maßgeblich beeinflussen kann, ist spätestens seit der Schwächung John Majors durch parteiinterne Europakritiker Mitte der neunziger Jahre offensichtlich. Aber auch bei den proeuropäischen Entscheidungen des Landes seit dem Beitritt zum EU-Binnenmarkt im Jahre 1973 blieb meist der Eindruck von Großbritannien als den "widerspenstigen" Europäern, die erst nach langer Prüfung und mehr durch eine pragmatische Kosten-Nutzen-Abrechung als durch Überzeugung von der Idee Europa sich dem Rest des Kontinents anschlossen.

Umso interessanter ist vor diesem Hintergrund ein Buch, das sich zur Aufgabe gemacht hat, nach dem britischen Beitrag zur "soul of Europe" zu fragen, und sich dabei ganz explizit nicht auf die politisch-administrative Geschichte, sondern auf die britischen geistesgeschichtlichen Beiträge zum europäischen Einigungsprozess konzentriert. Der britische Historiker Philip M. Coupland unternimmt dies mit seiner Studie zur Rolle der britischen Kirchen in den Europadebatten vom Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 bis zum Referendum von 1975, das die Mitgliedschaft Großbritanniens in der Europäischen Gemeinschaft bestätigte. Couplands leitendes Interesse ist es dabei, die in den von ihm untersuchten Kreisen virulente Utopie einer wiedergeborenen Christenheit als Hoffnung für ein neues Europa darzustellen und der Bedeutung von "christendom" als einer supranationalen religiösen Identität nachzugehen. Gleichzeitig ist es Couplands Ziel, diese Vorstellungen in dem breiten Spannungsverhältnis zwischen nationaler Identität und christlichem Universalismus einerseits und der Identitätssuche Großbritanniens zwischen ehemaliger Weltmacht, europäischer Mittelmacht und Juniorpartnerschaft in der transatlantischen "special relationship" andererseits zu kontextualisieren.

Coupland zeigt, wie britische Geistliche und christliche Intellektuelle versuchten, den säkularen, totalitären Ideologien eine Wiedergeburt des christlichen Europas entgegenzusetzen. Sowohl Vertreter der anglikanischen Kirche als auch britische Katholiken hätten sich dabei vor allem auf die Vorstellung eines geeinten christlichen Europas im Mittelalter, auf "the symbolic myth of 'Christendom'" berufen. Ausgangspunkt dieser Überlegungen war ein pessimistisches Geschichtsbild, in dem die Geschichte Europas als spirituelle Niedergangsgeschichte seit dem mittelalterlichen Christenheitseuropa beschrieben wurde. Aus katholischer Perspektive waren die Stationen dieses Niedergangs Protestantismus, Humanismus, Materialismus, Liberalismus. In der anglikanischen Sichtweise hingegen lag der Grund für die Auflösung des christlichen Universalismus in den Umständen seiner Realisierung: Der Triumph päpstlicher Macht bestand demnach in seinem umfassenden politischen Einflussgewinn und den damit einhergehenden weltlichen Diskreditierungen. Konfessionsübergreifend einig war man sich jedoch in dem Heilmittel gegen Anarchie und Totalitarismus in Europa: "If medieval Christendom was the lost golden age of Christian reconstruction discourse, Christendom reborn was its utopia." (10)

Bereits in den 1940er Jahren fühlten sich britische Geistliche wie der Erzbischof von York, William Temple, und der Bischof von Chichester, George Bell, dem europäischen Einheitsgedanken verpflichtet. Sowohl Temple als auch Bell leiteten die einflussreiche British Churches' Peace Aims Group, die sich dem Wiederaufbau Europas unter christlichem Vorzeichen verpflichtete. Politisch bedeutete dies vor allem eine Abkehr von der Verbindung von europäischem Nationalismus und modernem Staat. Dies führte, so Coupland, zu einem regelrechten "Boom" von föderalen Ideen für Europa in Großbritannien in den frühen 1940er Jahren. Besondere Beachtung schenkt Coupland dabei den religiösen und politisch-sozialen Ideen des Erzbischofs von York, William Temple, der seit 1942 "Head of the Church of England" war und sich durch vergleichsweise radikale Ideen eines christlichen Sozialismus auszeichnete. Noch kurz vor dem Krieg setzte er sich für eine "Federal Union of Europe" als einzige Hoffnung für einen dauerhaften Frieden in Europa ein, in welches Deutschland integriert sein müsse. Die Nationalstaaten hätten in einem solchem Europa lediglich eingeschränkte Souveränität auf administrativem und kulturellem Gebiet gehabt.

Die britische Europadebatte ging über die unmittelbare Nachkriegszeit hinaus. Doch mit dem einsetzenden europäischen Einigungsprozess unter französisch-deutscher Leitung verloren britische christliche Europavorstellungen zunehmend ihr utopisches Element. Im aufkommenden Kalten Krieg spielten christliche Vorstellungen von der Wiedergeburt eines Christenheitseuropas als Bollwerk gegen Totalitarismus zwar weiterhin eine Rolle, doch realpolitisch ging es aus der Sicht der Kirchen für Großbritannien darum, den Anschluss an den europäischen Einigungsprozess nicht zu verpassen. Gerade im Zusammenhang mit den reichen europapolitischen Diskussionen in der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit betont Coupland aber die vertane Chance einer aktiven Mitgestaltung Europas durch Großbritannien: "With the benefit of hindsight, it is possible to see the war years as a moment when Britain, already deep in economic decline and the beginning of the end of empire, might have begun the difficult process of realignment to suit these changed circumstances. If the British Churches could have ever encouraged Britons to think beyond conventional assumptions and join in building a new Europe, it would have been in the war years." (201)

Diesen europapolitischen Diskurs der 1940er Jahren anhand einer Vielzahl von Quellen darzustellen und dabei eine ganze Reihe erstaunlicher britischer Visionen für einen europäischen Staatenbund ans Licht zu bringen, ist Couplands großes Verdienst. Dabei ist er sich jedoch durchaus bewusst, dass er hier einen Eliten-Diskurs beschreibt, dessen Einfluss sowohl auf die politische Führung des Landes als auch auf die britische Öffentlichkeit gerade auch im Vergleich mit den kontinentalen Kirchen äußerst limitiert war. Angesichts dieser Erkenntnis ist Couplands Schlussfolgerung umso erstaunlicher. Den historisch-analytischen Rahmen verlassend, beschreibt er dort - offensichtlich nicht ganz ohne Bedauern - den Bedeutungsverlust des christlich-europäischen Erbes für die Frage einer zukünftigen europäischen Identität. In der Folge des weiterschreitenden Säkularisierungsprozesses innerhalb der westlichen Mehrheitsgesellschaften und des Bedeutungsgewinns religiöser Minderheiten sei eine Rückkehr des Christentums "to its previous place in the continent's imagination" (208) unwahrscheinlich. Als Alternative zu einer solchen Wiederentdeckung des europäisch-christlichen Erbes sieht Coupland den europäischen Kontinent in einem späten Zustand des unwiederbringlichen Niedergangs - "destined to be replaced by more vital historical forces" - bzw. als "artefact in the strata of dead civilisations" (209). Eine derartige Gegenüberstellung erscheint jedoch mehr als fraglich und für einen britischen Historiker erstaunlich dramatisierend.

Bernhard Dietz