Rezension über:

Claire Gantet / Fabrice d'Almeida (Hgg.): Gespenster und Politik. 16. bis 21. Jahrhundert, München: Wilhelm Fink 2007, 345 S., ISBN 978-3-7705-4271-0, EUR 39,90
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Rezension von:
Thomas M. Bohn
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Thomas M. Bohn: Rezension von: Claire Gantet / Fabrice d'Almeida (Hgg.): Gespenster und Politik. 16. bis 21. Jahrhundert, München: Wilhelm Fink 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/12456.html


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Claire Gantet / Fabrice d'Almeida (Hgg.): Gespenster und Politik

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Spätestens mit dem Erscheinen von Otfried Preußlers gleichnamiger Erzählung trat das "Das kleine Gespenst" einen Siegeszug durch die deutschen Kinderzimmer an. Die Wissenschaft, zumal die historische, hat auf die kulturellen Implikationen dieses Phänomens erstaunlich spät reagiert. Vor dem Hintergrund einer lange Zeit am Modernisierungsparadigma orientierten Historiografie leisteten diesbezüglich erst Diethard Sawicki und Nils Freytag Pionierarbeit. Sie haben insbesondere für den deutschen Sprachraum gezeigt, dass die Aufklärung bei der "Entzauberung der Welt" an ihre Grenzen stieß und Aberglauben oder Magie, seien es Spiritismus oder Magnetismus, im 19. Jahrhundert in allen Schichten der Gesellschaft populär blieben. [1] Anknüpfend an französische Mediävisten wie Claude Lecouteux und Jean-Claude Schmitt [2] widmeten sich daraufhin Autorinnen und Autoren um Moritz Baßler, Bettina Gruber und Martina Wagner-Egelhaaf auf der einen Seite sowie um Julia Bertschik und Christa Agnes Tuczay auf der anderen Seite Gespenstern und Wiedergängern aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. [3] Während sich die zuerst Genannten an der medialen Inszenierung interessiert zeigten und das Problem als Angelegenheit des Buchdrucks und der Verlage begriffen, versuchten Letztere das Thema dadurch aufzuwerten, dass sie nach westlichen Entsprechungen von Vampiren fahndeten. Diese haben in südosteuropäischen Krankheitsdämonen ihren Ursprung, beherrschen inzwischen aber über die Dracula-Figur in verklärter Form die Welt des Horrorfilms und lassen infolgedessen bei den Abiturienten das "kleine Gespenst" in Vergessenheit geraten.

Als historisches Problem verbleibt damit immerhin noch das "Gespenst des Kommunismus". Jedenfalls scheint sich das Erscheinen eines weiteren Sammelbandes zu Gespenstern über einen der Kulturgeschichte der Politik verpflichteten Ansatz zu rechtfertigen. Im Geleitwort von Jean-Claude Schmitt wird zumindest den Gesichtspunkten Recht und Rechtsprechung, Propaganda und Personenkult erhebliche Relevanz beigemessen (14). Die Herausgeber, Claire Gantet und Fabrice d'Almeida, treten in ihrer Einleitung dementsprechend für eine "Wissenschaftsgeschichte der Gespenster" und eine "Religionsgeschichte der Politik" ein (23-30). Dabei geht es um die Frage, "inwiefern der Glaube an eine mögliche Kommunikation zwischen Diesseits und Geisterwelt eine spezifische handlungsleitende Qualität für die Protagonisten historischer Meistererzählungen [..] gehabt haben könnte" (24). Die plakative Wiedererweckung historischer Persönlichkeiten sei mit der Forderung nach Gerechtigkeit verbunden gewesen, die Berufung auf politische Märtyrer habe Identität gestiftet und die sakrale Wiederaufladung die Grabstätten nationaler Heroen in Erinnerungsorte mit Handlungsmaximen für die Gegenwart umgedeutet (26f.).

Unter den Überschriften "Die politischen Dimensionen von leiblichen Erscheinungen in der frühen Neuzeit", "Gespenster, Rhetorik und Ästhetik", "Zwischen Religion, Wissenschaft und Technik", "Gespenster in der Medienära" und "Gespenster und Geschichtsschreibung" vereinigt der Band 16 Beiträge, die sich auf die deutsche und die französische Geschichte konzentrieren, aber auch das Königreich Ungarn und das Zarenreich mit einbeziehen. Nicht alle Autorinnen und Autoren halten sich an die von den Herausgebern vorgegebene Leitfrage. Doch bieten die Einzelergebnisse in der Zusammenschau weiterführende Einblicke in die Funktion von Geistererscheinungen. An dieser Stelle kann nur auf wenige Ansätze eingegangen werden.

Claire Gantet bezeichnet in ihrem Aufsatz über "Gespenster, Autorität und Metaphorisierung des Teufels im Heiligen Römischen Reich" das Jahr 1700 als eine Zäsur (79-102). In den beiden Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende hätten die Theologen die Perspektive auf den Status der individuellen Seele nach dem Tod gerichtet, in den beiden Dekaden danach sei die Möglichkeit leiblicher Erscheinungen zu einem Lieblingsthema von Publizisten geworden (79f.). An dem 1691 auf Holländisch und 1693 auf Deutsch erschienenen Buch "Die bezauberte Welt", in dem der calvinistische Pfarrer Balthasar Bekker die These vertrat, der Teufel könne keineswegs als Geist auf den menschlichen Körper einwirken, habe sich eine Debatte mit ungefähr 300 Veröffentlichungen entzündet. Dabei sei mit der Leugnung der dämonischen Macht dem Klerus ein Instrument der Sozialdisziplinierung entzogen worden (80f.).

Daniel Arlaud stützt sich in seinem Beitrag "Vampire, Aufklärung und Staat: Eine militärmedizinische Mission in Ungarn, 1755-1756" (127-141) auf die im Sammelband von Klaus Hamberger im Einflussbereich der habsburgischen Militärgrenze zum Osmanischen Reich in Nordbosnien und Nordserbien dokumentierten, oftmals zitierten Fälle. [4] Überzeugend vermag der Verfasser darzustellen, dass die Bekämpfung posthumer Exekutionen und die Eindämmung kollektiver Ängste mit dem Ziel der Etablierung einer öffentlich-rechtlichen Medizin geführt wurde und zur territorialen Verdichtung der Herrschaft im aufgeklärten Absolutismus beitragen sollte (129, 136). Weil Arlaud sich am Schicksal der vermeintlichen Vampire nicht interessiert zeigt, übernimmt er unreflektiert eine verballhornte Schreibweise des Namens von Draculas erstem Prototypen: "Arnold Paole" (128). Tatsächlich handelte es sich um den aus dem Kosovo geflüchteten Serben Pavle mit dem Spitznamen "Arnaut", d.h. Albaner, welcher in der Dorfgemeinschaft vermutlich als Knecht eine Außenseiterrolle gespielt hatte und nach seinem durch einen Unfall bedingten Tod am ehesten für den Ausbruch einer ominösen Seuche verantwortlich gemacht werden konnte.

Olaf Rader vertritt in seinem Aufsatz "Die Gespenster der alten Kaiser. Falsche Friedriche, Barbablanca und die politische Sehnsucht nach dem Heiligen Reich" (181-197) die Ansicht, dass die politische Bedeutung des Auftretens prominenter Personen als vorgegaukelte Wiedergänger bereits im Mittelalter darin bestanden habe, den "vom irdischen Jammertal Bedrückten" Hoffnungen auf Besserung zu geben (182). Ergänzend dazu führt Jörn Leonhard in seinem Beitrag "Verheißung, Wiederauferstehung, Erlösung: Gespenstermetaphern und historische Wiedergänger in der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" (303-320) aus, dass die Zeitgenossen insbesondere in Übergangszeiten geneigt waren, den Teufel an die Wand zu malen, um Krisenstimmungen abzureagieren (319). Das "Gespenst des Kommunismus" sei diesbezüglich keine Erfindung von Marx und Engels, sondern gehe auf Lorenz von Stein zurück. Im Zuge der Revolution von 1848/49 habe sich die in der Nähe von Verschwörungstheorien angesiedelte Gespenstermetapher in einen politischen Kampfbegriff verwandelt, mit dem die Kommunisten nun ihrerseits das liberale Lager schocken zu können meinten (306f.).

Warum müssen Gespenster überhaupt bemüht werden, wenn es aus wissenschaftlicher Perspektive darum geht, nationale Mythen zu dekonstruieren und Erinnerungskulturen zu hinterfragen? Unter "Gespenst" verstehen Claire Gantet und Fabrice d'Almeida zunächst einmal "die leibliche Erscheinung eines Verstorbenen", ein Phänomen also, das in den Quellen schlicht und einfach als "Spuk" bezeichnet wird (29). Der Exkurs ins Politische ist sicherlich erhellend, wenn "Gespenster als (entweder 'materielle' oder imaginäre oder fiktive) Erscheinungen von Toten" definiert werden (ebenda), doch sollte neben dem Aufspüren von konfessionellen und nationalstaatlichen Instrumentalisierungen von historischen Heroen nicht die anthropologische Erklärung für Horror und Schrecken vernachlässigt werden. Zu entscheiden, ob Otfried Preußlers "kleines Gespenst" Sozialkritik beinhaltet, ist sicherlich Sache der Literaturwissenschaft. Auseinandersetzungen zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen denjenigen, die das Licht ausmachen, und denjenigen, die schlafen müssen, sind damit aber zweifelsohne auch für manche Historikerinnen und Historiker verbunden.


Anmerkungen:

[1] Diethard Sawicki: Leben mit den Toten. Geisterglauben und die Entstehung des Spiritismus in Deutschland 1770-1900, Paderborn u.a. 2002; Nils Freytag: Aberglauben im 19. Jahrhundert. Preußen und seine Rheinprovinz zwischen Tradition und Moderne (1815-1918), Berlin 2003. Vgl. auch Nils Freytag / Diethard Sawicki (Hgg.): Wunderwelten. Religiöse Ekstase und Magie in der Moderne, München 2006.

[2] Claude Lecouteux: Geschichte der Gespenster und Wiedergänger im Mittelalter, Köln/Wien 1987; Ders.: Das Reich der Nachtdämonen. Angst und Aberglaube im Mittelalter, Düsseldorf/Zürich 2001; Ders.: Die Geschichte der Vampire. Metamorphose eines Mythos, Düsseldorf/Zürich 2001; Jean-Claude Schmitt: Die Wiederkehr der Toten. Geistergeschichten im Mittelalter, Stuttgart 1995. Vgl. neuerdings auch Thomas Wünsch (Hg.): Religion und Magie in Ostmitteleuropa. Spielräume theologischer Normierungsprozesse in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Berlin 2006.

[3] Moritz Baßler / Bettina Gruber / Martina Wagner-Egelhaaf (Hgg.): Gespenster. Erscheinungen - Medien - Theorien, Würzburg 2005; Julia Bertschik / Christa Agnes Tuczay (Hg.): Poetische Wiedergänger. Deutschsprachige Vampirismus-Diskurse vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Tübingen 2005.

[4] Klaus Hamberger (Hg.): Mortuus non mordet. Dokumente zum Vampirismus, 1689-1791, Wien 1992.

Thomas M. Bohn