Rezension über:

Colin B. Bailey et al.: Gabriel de Saint-Aubin (1724-1780). Paris, Musée du Louvre, 2008, Paris: Somogy éditions d'art 2008, 320 S., ISBN 978-2-7572-0110-7, EUR 45,00
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Rezension von:
Frédéric Bußmann
Deutsches Forum für Kunstgeschichte, Paris
Redaktionelle Betreuung:
Alexis Joachimides
Empfohlene Zitierweise:
Frédéric Bußmann: Rezension von: Colin B. Bailey et al.: Gabriel de Saint-Aubin (1724-1780). Paris, Musée du Louvre, 2008, Paris: Somogy éditions d'art 2008, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 3 [15.03.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/03/13990.html


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Colin B. Bailey et al.: Gabriel de Saint-Aubin (1724-1780)

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Im Oktober letzten Jahres eröffnete in der New Yorker Frick Collection eine Ausstellung über den Zeichner, Stecher und Maler Gabriel de Saint-Aubin (1724-1780), die in Zusammenarbeit mit dem Pariser Louvre entstanden ist und dort anschließend bis zum 26. Mai 2008 zu sehen sein wird. Der auf Französisch und Englisch im Buchhandel erhältliche Ausstellungskatalog umfasst neben den 77 Katalogeinträgen zu den Werken der Ausstellung vor allem Zeichnungen sowie fünf Aufsätze, die den Forschungsstand über diesen von der kunsthistorischen Forschung eher nachlässig behandelten Künstler wiedergeben.

Gabriel de Saint-Aubin gehört zu jenen Künstlern, die seit ihrer Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert nie komplett in Vergessenheit gerieten, die aber auch nie ein sehr großes Interesse auf sich zogen. Ohne aus ihm einen der großen Meister des 18. Jahrhunderts machen zu wollen, versucht das Kuratoren- und Autorenteam, bestehend aus Colin B. Bailey von der Frick Collection sowie Kim de Beaumont und Suzanne Folds McCullagh auf der amerikanischen und Christophe Léribault und Pierre Rosenberg auf der französischen Seite, ihm die gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen. Der Katalog ist die erste umfassende wissenschaftliche Publikation über sein Schaffen seit über 70 Jahren, die Ausstellung - neben einer kleineren Ausstellung 1975 in Baltimore - seine erste umfassende, internationale Retrospektive.

Es ist den Brüdern Goncourt zu verdanken, dass die Familie Saint-Aubin mit ihren so unterschiedlichen Talenten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Aufnahme in die Textsammlung L'Art du dix-huitième siècle (1859) zumindest in Frankreich wieder ins kulturelle Bewusstsein rückte. Weniger literarisch, dafür um so stärker auf systematisierende Wissenschaftlichkeit achtend, brachte der Konservator der Bibliothèque nationale in Paris, Emile Dacier, zu Beginn des 20. Jahrhunderts das ganze Schaffen Gabriel de Saint-Aubins in verschiedenen Publikationen heraus: ab 1909 die Skizzen in den Verkaufskatalogen der 1750er bis 1770er Jahre und ab 1929 den zweibändigen Catalogue raisonné mit über 1130 verzeichneten Arbeiten.

Seit den Forschungen Daciers ist es zwar immer wieder zu Einzeluntersuchungen gekommen, doch eine grundsätzliche Neubewertung des Werkes und eine historische Kontextualisierung standen (und stehen) bis heute aus. Alle in dem Katalog schreibenden Autoren beziehen sich immer wieder auf Dacier als die weiterhin gültige Referenz. Mit Kim de Beaumont und Suzanne Folds McCullaghs hatte Colin B. Bailey, der die treibende Kraft zu dieser Ausstellung war, zwei Kunsthistorikerinnen gewinnen können, die beide ihre Dissertationen über Gabriel de Saint-Aubin geschrieben hatten und nun eine Essenz ihrer zurückliegenden Forschungen veröffentlichen konnten. Da die beiden Dissertation (von 1998 bzw. 1981) unpubliziert blieben, ist es dem Katalog also zu verdanken, diese Lücke zum Teil geschlossen zu haben.

Nach einem einleitenden Überblicksaufsatz (10-17) von Pierre Rosenberg, der 2002 bereits in der kleinen Monografie Le Livre des Saint-Aubin des Louvre einen knappen Einblick in sein Wissen über die Künstlerfamilie gegeben hatte, zeichnet Kim de Beaumont in ihrem biografischen Aufsatz (18-47) das Leben des Künstlers als Hintergrund seines Schaffens nach. Suzanne Folds McCullaghs widmet sich der künstlerischen Entwicklung Saint-Aubins als Zeichner (48-57). Bevor sich Colin B. Bailey in seinem Aufsatz (70-107) den Zeichnungen Saint-Aubins in den Pariser Verkaufskatalogen, seiner Vernetzung mit den wichtigsten Akteuren des Pariser Kunstmarkts und der Kultur, dem Geschmack und der Bildung des Künstlers anhand seiner Anmerkungen in den Katalogen zuwendet, begleitet Christophe Léribault, Kustos der grafischen Sammlung des Louvre, in seinem Text (58-69) den Leser in das Paris des ausgehenden Ancien Régime. Paris mit seinen Monumenten und allgemein mit seiner Kultur war zentraler Gegenstand des Schaffens Saint-Aubins.

In den einzelnen Aufsätzen zeigt sich der positive Einfluss der angelsächsischen Wissenschaftstradition, die häufig einen komplexen Inhalt mit einer ansprechenden sprachlichen Form verbindet. Einige der älteren Beurteilungen Saint-Aubins werden revidiert, wie etwa die von den Brüdern Goncourt geschaffene Vorstellung von Gabriel de Saint-Aubin als einem Bohémien, der aus seinem akademischen Versagen eine Tugend machte und außerhalb der gesellschaftlichen und künstlerischen Norm seinen heroischen Pfad ging. Kim de Beaumont kann nachweisen, dass Saint-Aubin zwar von der Akademie als Historienmaler abgelehnt wurde, aber bereits früh als Auftragszeichner mit einem guten Netzwerk, auch dank der eigenen Großfamilie mit guten Verbindungen zum Adel und zum Hof, eine eigenständige Karriere erfolgreich fortsetzte.

Der Leser findet im Beitrag Kim de Beaumonts einen in der Detailfülle überzeugenden chronologischen Abriss der Werke und Schaffensperioden Saint-Aubins - allein eine stilkritische Untersuchung seiner aus dem Geist der Rocaille entspringenden Kunst vor dem sich wandelnden Geschmack der Zeit sucht er vergebens. Auch ist es wohl der Gattung des Ausstellungskatalogs geschuldet, dass leider auf Verweise auf die Verwendung von Archivmaterial, der Königsdisziplin der französischen Kunstgeschichte, in den Anmerkungen fast vollständig verzichtet wurde. Die in allen Texten des Katalogs bisweilen wiederkehrenden Zitate aus denselben Quellen sowie die ständigen Verweise auf Emile Dacier, die noch als Verbeugung vor dessen Arbeit verstanden werden könnten, lassen jedoch befürchten, dass keine neuen Archivstudien vorgenommen worden sind.

Die kunsthistorische Analyse des grafischen Werks unternimmt schließlich in chronologischer Abfolge, statt traditionell nach Sujets, Suzanne Folds McCullagh. Sie zeigt an ausgewählten Beispielen die verschiedenen Stilelemente und Einflüsse auf, von den frühen an Watteau und Boucher orientierten Zeichnungen der 1750er und 60er Jahre hin zu den ganz eigenen, 'atmosphärischen' Bildkompositionen der 1770er Jahre, die mit einem freieren Strich einen ganz eigenwilligen und unverwechselbaren, vor dem Hintergrund des aufkommenden goût grec aber auch etwas altmodischen Charakter besitzen.

Die Zeichnungen Saint-Aubins sind keine objektiven Zeitzeugnisse, sondern mit viel Fantasie und Verve überhöhte Augenblicke des Pariser Lebens im ausgehenden Ancien Régime. Zwar entzieht sich Saint-Aubin den kritischen Diskussionen der Aufklärung und verschwindet in seinen Skizzen zumeist im Reich der Allegorie und des Fantastischen - politische oder sozialkritische Studien sucht man hier meist vergebens, auch Porträts stammen in erster Linie aus dem engeren Familienkreis -, doch vermitteln diese Zeichnungen eine hohe Beobachtungsgabe, eine starke Empfindsamkeit gepaart mit einem leicht ironischen Blick, eine große Begeisterung für seine eigene Stadt, die er nie verlassen hat, für deren Monumente und ihre Bewohner. Er zeichnet 'Ikonen' seiner Zeit und benutzt Paris als Projektionsfläche für seine Fantasie.

Zu den bekanntesten Zeichnungen Saint-Aubins gehören seine Ansichten der Salon-Ausstellungen des Louvre von 1765 und 1769. Sie bezeugen Saint-Aubins anhaltende Passion für die Kunstszene und das kulturelle Leben der Stadt. Er besuchte die Kunstauktionen - neben den Salonausstellungen eine der wenigen Möglichkeiten seiner Zeit, Kunstwerke zu sehen -, und fertigte von einer Auswahl der zum Verkauf stehenden Werke seine bekannten Skizzen an. Sie sind eine Hommage an die Künste an sich und eventuell, wie Colin B. Bailey in seinem Essay überzeugend argumentiert, auch ein kommerzielles Unternehmen als Auftragsarbeit für Sammler, die sich ein Bild von den verkauften Objekten machen wollten. Nicht nur zeichnete Saint-Aubin sie in ihren wesentlichen Umrissen so präzise, dass sie heute noch als unverzichtbare Quellen für die Provenienzgeschichte zu bewerten sind, sondern er hatte sich durch sie in einer Zeit, in der die Lithografie noch nicht erfunden und die Reproduktionsgrafik zu aufwendig war, eine neue Marktlücke im boomenden Kunstmarkt erschlossen.

Der Katalog hat den großen Verdienst, Gabriel de Saint-Aubin durch die Aufsätze und durch die hochqualitative, farbige Wiedergabe einer guten Auswahl seiner Zeichnungen wieder ins Gedächtnis eines größeren Publikums zu rufen. Einige neue Ansätze etwa in Bezug auf die Skizzen in den Verkaufskatalogen wurden entwickelt, ohne dass man hier jedoch nach der gründlichen Arbeit Emile Daciers grundsätzliche Neuerungen erwarten sollte. Einige Fragen fanden zu wenig Beachtung, wie zum Beispiel die nach den ästhetischen Traditionen, in die sich Saint-Aubin stellte, oder nach den visuellen Strategien, die er für sein eigenes visionäres Parisbild benutzte. Auch das soziale Umfeld seines Schaffens, das Verhältnis von Künstler und Gesellschaft im ausgehenden Ancien Régime, die nur am Rande gestreift werden, und der größere künstlerische Kontext bleiben der zukünftigen Forschung überlassen. Auf dem Weg dahin kann ein Besuch der Ausstellung im Louvre, der in unmittelbarer Nähe zum heute nicht mehr erhaltenen Wohnhaus des Künstlers liegt, nur sehr empfohlen werden, denn was ist schon eine Reproduktion neben dem Original?

Frédéric Bußmann