Rezension über:

Margaret C. Jacob: The Origins of Freemasonry. Facts & Fictions, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2006, 168 S., ISBN 978-0-8122-3901-0, GBP 17,50
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Rezension von:
Monika Neugebauer-Wölk
Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Monika Neugebauer-Wölk: Rezension von: Margaret C. Jacob: The Origins of Freemasonry. Facts & Fictions, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 2 [15.02.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/02/9957.html


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Margaret C. Jacob: The Origins of Freemasonry

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Margaret C. Jacob ist auch für die deutsche Forschung keine Unbekannte. Professorin an der University of California/Los Angeles, hat sie sich einen international renommierten Namen in der wissenschaftsgeschichtlich orientierten Aufklärungsforschung gemacht, vor allem aber für die Geschichte der Freimaurerei, jener Bewegung in der 'Gesellschaft der Aufklärer', ohne deren näheres Verständnis das 18. Jahrhundert gruppen- und ideengeschichtlich kaum erschlossen werden kann. Trotzdem ist es noch nicht lange üblich, dieses Thema in die wissenschaftliche Forschung einzubeziehen. Als Jacob 1981 ihre Studie The Radical Enlightenment publizierte, die sich dem Untertitel entsprechend mit Pantheists, Freemasons and Republicans befasste, gehörte sie zu den Pionieren auf diesem Themenfeld.

So war die Erwartung allein von der Person der Autorin her groß, als ihr neues Buch zum Thema angekündigt wurde. Das Interesse wurde aber noch ungleich durch die Formulierung des Titels erhöht: "The Origins of Freemasonry". Die Frage nach den Ursprüngen der Freimaurerei ist eine der interessantesten, die man heute zur Geschichte dieser gesellschaftlichen Bewegung überhaupt stellen kann. Deren Beantwortung ist ja keineswegs ein beliebiger Baustein in der langen und facettenreichen Geschichte masonischer Organisationsentwicklung, in der es noch viele weiße Flecken gibt. Sie ist vielmehr der Schlüssel zur Grundfrage ihrer primären historischen Einordnung: Was waren die Motive und Beweggründe dafür, dass sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Schottland und England gebildete und ambitionierte Männer zu einem gemeinsamen Werk zusammenfanden, das nur noch wenig mit der frühneuzeitlichen Bauhüttentradition zu tun hatte, dafür sehr viel mit der Mentalitäts- und Ideengeschichte einer Epoche, die Wissen und Erkenntnis in geheimer Arbeit suchen konnte. Was ist der Wissensbegriff, der dieser Intention zugrunde liegt, welche sind die religionsgeschichtlichen Implikationen? Gab es bereits in dieser frühen Phase auch politische Zuordnungen und Einflüsse, und welcher gesellschaftliche Bedarf stand hinter der Formierung der ersten Logen, die man im Sinne der späteren Entwicklung als 'freimaurerisch' bezeichnen kann? Es ist evident, dass die Beantwortung dieser Fragen von elementarer Bedeutung ist für die Einordnung der späteren Entwicklung, wie sie sich seit dem 18. Jahrhundert vollzieht. Das betrifft z. B. die Einschätzung der Hochgradsysteme mit ihrer unübersehbaren und vielfältigen Esoterik. Handelt es sich dabei um die Adaption fremder Einflüsse, die den 'eigentlichen Sinn' der Freimaurerei verfälschen, oder sind die Hochgrade Folgen der zwangsläufigen Ausdifferenzierung eines Grundmusters, das bereits in der Konstituierungsphase angelegt war? Zu diesen und anderen Fragen erwartet man einen Beitrag, wenn man ein Buch zur Hand nimmt, das sich den 'Ursprung der Freimaurerei' zum Thema macht.

Um es kurz zu sagen: Diese Erwartung wird enttäuscht. Das Buch bringt keinerlei neue Erkenntnisse auf diesem Gebiet. Es handelt sich auch nicht um eine Monographie zum Thema, sondern um einen Aufsatz-Sammelband verschiedener Beiträge aus den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ergänzt durch Einleitung und Fazit sowie eine Studie, die extra für diese Publikation verfasst wurde. Nur der erste dieser Beiträge hat etwas mit dem Thema zu tun: "Origins", 11-25. Das erklärt sich daraus, dass Margaret Jacob nie zur masonischen Geschichte des 17. Jahrhunderts geforscht hat, sondern immer zum 18. Jahrhundert. Und dazu findet man hier interessante Aufsätze: Zum Thema des masonischen Alltagslebens, zur inneren egalitär-demokratischen Organisation der Logen und der Problematik, dies innerhalb einer hierarchisch organisierten Außenwelt zu tun, und zur Frage der Beteiligung von Frauen an der freimaurerischen Bewegung. Jacob sagt selbst in ihrer Einleitung, dass ihre Stärke und Kompetenz in diesen Arbeiten zur Aufklärungsepoche liegen. Dem ist völlig zuzustimmen. Aber dann folgt eben auch der Satz, dieses Buch blicke "at the first century of freemasonry, at its founding decades in eighteenth-century Europe" (1; 3). Trotz des aus der Handbuchliteratur wohl nicht mehr ausrottbaren Verweises auf die Gründung der Londoner Großloge 1717 als Gründungsdatum der Freimaurerei: Das Jahrhundert der Aufklärung ist deren große Epoche, das 'klassische Zeitalter', nicht die Entstehungszeit.

Natürlich weiß Jacob das. Der bereits erwähnte Abschnitt zu den Ursprüngen referiert einige Ergebnisse aus den Arbeiten von David Stevenson ("The Origins of Freemasonry: Scotland's Century, 1590-1710" und "The First Freemasons. Scotland's Early Lodges and Their Members", beide 1988) und fügt weitere Informationen zur Mitte des 17. Jahrhunderts hinzu. Wer den Forschungsstand nicht kennt, wird dies als nützlichen Überblick empfinden. Jacob erwähnt den Hermetismus als geistigen Hintergrund frühester identifizierbarer Freimaurer, die 'Mystik' des Architekturdenkens der Renaissance und die Alchemie (Einleitung, 5 f.). Alles dies aber tut sie nur, um es letztlich als irrelevant in seiner Bedeutung für die Freimaurerei zurückzuweisen: Diese Tendenzen, die sich den schottischen Sitten und der Clanherrschaft verdankt hätten, seien nicht ausschlaggebend gewesen für die Freimaurerei der Zeit nach 1690/1700, sondern in der Form, wie sie auf den Kontinent exportiert wurde, sei sie ein gesellschaftliches Resultat der Glorious Revolution; sie transportierte in den Strukturen ihrer Organisation und in ihren Wertvorstellungen die Institutionen und konstitutionellen Ideale der englischen Revolution gegen den monarchischen Absolutismus (13). Dies ist gleich in zweifacher Hinsicht problematisch: Auch die frühe englische Freimaurerei war nicht frei von hermetischen Tendenzen - Elias Ashmole (1617-92) darf hier als Kronzeuge gelten. Und die britische Entwicklung kam keineswegs nur in ihrer Whig-Konnotierung nach Europa - die französische Freimaurerei ist in ihrer Konstitutionsphase ohne die katholisch-schottischen Jakobiten nicht denkbar. Die Freimaurerei hat aus ihrem Ursprung heraus keine politische Präferenz.

Die Entscheidung von Margaret Jacob, auf eine Grundthese zur Freimaurerei zu setzen, die weder mit den Quellen, noch mit dem Forschungsstand kompatibel ist, wird verständlich aus der Absicht des Buches: Es will über Legenden aufklären, will Verschwörungstheorien und ahistorische Ursprungskonstruktionen wie die Anbindung der masonischen Geschichte an den mittelalterlichen Orden der Templer zurückweisen. Stattdessen soll die aufgeklärt-demokratische Tradition dieser Bewegung stark gemacht werden. Nur wer soll darüber aufgeklärt werden? In der einschlägigen Forschung haben derartige Theorien nie eine Rolle gespielt. Es kann nur um das breite Publikum gehen, das hier einmal mehr bei diesem Thema den Verständnishorizont bestimmt. Und es geht um die heutige Freimaurerei in den Vereinigten Staaten: Die Logen, so fordert Jacob in ihrem abschließenden Appell, sollen endlich Frauen aufnehmen und ihre faktische Rassentrennung beenden: "Obviously, the future does not lie with segregation" (131). Zur Legitimierung dieser Forderungen glaubt Jacob offenbar ein Bild vom demokratisch-egalitären historischen Originaltyp der Freimaurerei zu brauchen. Sie will den Freimaurern der eigenen Zeit vermitteln, dass sie gegen das ureigenste Wesen ihrer Bewegung verstoßen, wenn sie sich weiterhin der gesellschaftlichen Öffnung entziehen.

Das ist sicher sympathisch. Mit Wissenschaft hat es nichts zu tun. Der Preis, den Jacob für diese Strategie bezahlt, ist hoch: Sie muss eine eigene Legende aufbauen und verteidigen, und das wird in Zukunft immer schwieriger werden, wenn ich die derzeitige streng historische Tendenz der Forschung richtig verstehe. Legenden kann man nicht mit Legenden bekämpfen, welche wünschbaren Ziele der political correctness auch immer damit verfolgt werden.

Monika Neugebauer-Wölk