Rezension über:

Robert Seidel: Deutsche Besatzungspolitik in Polen. Der Distrikt Radom 1939-1945 (= Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2006, 421 S., ISBN 978-3-506-75628-2, EUR 44,90
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Rezension von:
Stephan Lehnstaedt
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Lehnstaedt: Rezension von: Robert Seidel: Deutsche Besatzungspolitik in Polen. Der Distrikt Radom 1939-1945, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 2 [15.02.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/02/13940.html


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Robert Seidel: Deutsche Besatzungspolitik in Polen

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Nach dem militärischen Erfolg im September 1939 errichtete das Deutsche Reich am 26. Oktober 1939 das Generalgouvernement Polen mit Hans Frank als Generalgouverneur. Innerhalb dieses Gebietes wurden zunächst vier Distrikte geschaffen: Warschau, Lublin, Krakau und Radom, 19 41 kam noch Galizien hinzu. Die deutsche Forschung konzentrierte sich in den 1990er-Jahren auf Lublin und Galizien, doch vor kurzem erschienen zwei Monografien zum Distrikt Radom. Während sich die Studie von Jacek Andrzej Młynarczyk [1] ausschließlich mit der Verfolgung der Juden beschäftigt, betrachtet Robert Seidel darüber hinaus auch den Besatzungsapparat und die Ausbeutung polnischer Arbeitskräfte. Im Unterschied zu Młynarczyk, der hauptsächlich die Opfer und die polnischen Zuschauer behandelt, schreibt Seidel eine Art Strukturgeschichte von oben, die sich vor allem mit den Abläufen und der Rolle der verschiedenen deutschen Institutionen befasst; biografische Untersuchungen zu einzelnen Tätern oder Tätergruppen nehmen beide Werke nicht vor.

Seidel beginnt mit einer grundlegenden Übersicht des Aufbaus der verschiedenen Okkupationsorgane Zivilverwaltung, SS und Polizei sowie Wehrmacht, und geht dann zur Wirtschaftspolitik im Distrikt über, insbesondere den Arbeitsbedingungen vor Ort und der Erfassung und Verschickung von Polen ins Reich. Im Anschluss daran folgt mit über 200 Seiten die Analyse der nationalsozialistischen Terror- und Vernichtungspolitik gegenüber den Juden. Im Gegensatz zu den beiden anderen Teilen der Arbeit geht Seidel hier chronologisch vor und schildert die deutschen Verbrechen von September 1939 bis zur Vernichtung der letzten jüdischen Gemeinden im November 1943; darüber hinaus beschreibt er noch die Jagd auf untergetauchte Juden, das Schicksal der jüdischen Zwangsarbeiter bis zur Befreiung sowie die versuchte Verschleierung des Massenmordes im Jahr 1944. Unterbrochen wird der zeitliche Ablauf lediglich von zwei Kapiteln zu den wirtschaftlichen Folgen der antijüdischen Politik.

Der vorwiegend landwirtschaftlich geprägte Distrikt Radom mit einigen stark industrialisierten Städten und kriegswichtiger Industrie war für die Nationalsozialisten hauptsächlich von ökonomischem Interesse. Die Besatzungsinstitutionen trieben daher eine exzessive Ausbeutungsstrategie voran, die den Großteil der Bevölkerung in den Dienst der deutschen Rüstung zwang, vor Ort und im Reich. Da die Anwerbekampagnen aufgrund der katastrophalen Bedingungen in den lokalen Fabriken genauso wie in den Fremdarbeiterlagern im Reichsgebiet bald erfolglos waren, gingen die Behörden - trotz teilweise geäußerter Skepsis - schnell auch hier zu Zwang und Gewalt über, um das Arbeitskräftesoll zu erfüllen.

Die Verbrechen an Polen und Juden im Distrikt Radom werden anhand zahlreicher Beispiele dargestellt, die mit 25 Tabellen materialreich illustriert sind. Das Buch liefert damit auch zahlreiche Informationen und Belege für das Geschehen in den größeren Städten der Region wie etwa Radom, Tschenstochau oder Kielce. Seidel rekurriert dabei auf eine Quellengrundlage, die er in verschiedenen in- und ausländischen Archiven gewinnen konnte. Gemeinsam mit der von ihm souverän beherrschten umfangreichen deutschen und polnischen Literatur weisen die Belegstellen darauf hin, welch hohes Niveau die Holocaust- bzw. Besatzungsforschung inzwischen erreicht hat.

Das Gebiet Radom nahm innerhalb des Generalgouvernements keine besondere Stellung ein und wurde nicht, wie der Distrikt Lublin, zeitweise zum Experimentierfeld und Vorreiter der Judenverfolgung und -vernichtung. Dennoch war in Radom nahezu ein Drittel der Bevölkerung Opfer der deutschen Politik: Bis Kriegsende wurden über 360.000 Juden und 113.000 nichtjüdische Polen ermordet, weitere 70.000 Menschen verschleppten die Deutschen und töteten sie in Konzentrationslagern, 230.000 Polen mussten im Reich Zwangsarbeit leisten, die wirtschaftlichen Schäden im Distrikt gingen in die Milliarden. Das Panorama des Schreckens, das Seidel vor dem Leser ausbreitet, ist grausam. Trotzdem ist gerade die Tatsache zu betonen, dass das Geschehen eben nicht exzeptionell, sondern typisch für die deutsche Herrschaft in Osteuropa war.

Seidels Buch, das aus seiner 2005 in Münster bei Wolfgang Jacobmeyer eingereichten Dissertation hervorgegangen ist, ähnelt im Aufbau der 1999 erschienenen Untersuchung von Bogdan Musial zum Distrikt Lublin. [2] Das ist nicht unbedingt negativ zu sehen, denn Musials Studie war wegweisend, doch Seidel versagt sich damit eben auch weiterführender Impulse. Lediglich im zweiten Teil des Buches, der die Arbeitsmarktpolitik beschreibt, wird eine neue Fragestellung verfolgt. Mit deren detaillierter Darstellung liegt hier zum ersten Mal in deutscher Sprache eine Analyse der Rekrutierungspraktiken und Deportationen in das Reich, aber auch der Umstände und Ausbeutungsformen in Polen vor. Darüber hinaus bleibt eine gründliche und grundlegende Studie, die den konkreten Wissensstand zur deutschen Herrschaft im Distrikt Radom deutlich erweitert, aber keine neuen Interpretationen oder Sichtweisen zur Besatzungspolitik oder zum Holocaust vorlegt. Lange Gültigkeit behalten wird das Werk jedoch wegen der umfassenden Beschreibung der Abläufe von Vernichtung und Ausbeutung der polnischen und jüdischen Bevölkerung.


Anmerkungen:

[1] Jacek Andrzej Młynarczyk: Judenmord in Zentralpolen. Der Distrikt Radom im Generalgouvernement 1939-1945, Darmstadt 2007.

[2] Bogdan Musial: Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement. Eine Fallstudie zum Distrikt Lublin 1939-1944, Wiesbaden 1999.

Stephan Lehnstaedt