Rezension über:

Mona Ozouf: Varennes. La mort de la royauté, 21 juin 1791, Paris: Éditions Gallimard 2005, 433 S., ISBN 978-2-07-077169-1, EUR 24,00
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Rezension von:
Rolf Reichardt
Frankreich-Zentrum der Universitätsbibliothek Mainz / Justus-Liebig-Universität, Gießen
Redaktionelle Betreuung:
Susanne Lachenicht
Empfohlene Zitierweise:
Rolf Reichardt: Rezension von: Mona Ozouf: Varennes. La mort de la royauté, 21 juin 1791, Paris: Éditions Gallimard 2005, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 2 [15.02.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/02/10951.html


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Mona Ozouf: Varennes

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Zwischen der Kathedrale von Reims, in der Ludwig XVI. am 11. Juni 1775 feierlich zum König von Frankreich gesalbt worden war, und dem Dorf Varennes am Fuß der Argonnen, wo der Fluchtversuch der königlichen Familie am 21. Juni 1791 abrupt endete, liegen nach einem Ausspruch Victor Hugos geographisch nur fünfzehn Meilen, zeitlich und politisch aber klafft zwischen den beiden 'lieux de mémoire' ein Abgrund: die Epochenzäsur der Revolution. Warum - das kann die renommierte Revolutionshistorikerin Mona Ozouf im vorliegenden Werk ebenso minutiös wie souverän erklären, indem sie gleichsam mit einem Seziermesser die einzelnen Facetten des komplizierten, meist allzu pauschal betrachteten Ereigniszusammenhangs von "Varennes" herauspräpariert.

Da ist zunächst der banale äußere Verlauf des Fluchtversuchs am längsten Tag des Jahres: die zunehmende Verspätung der schwerfälligen Berline, die mit den sechs Personen der königlichen Familie besetzt war, samt des Cabriolets für zwei Kammerzofen; das mangelhafte Zusammenspiel mit den unterwegs postierten königstreuen Militärs, die teils verfrüht abzogen, teils den entscheidenden Zeitpunkt verschliefen oder sich auf der Straße nach Verdun verirrten; die zufällige Identifizierung Ludwigs durch den Posthalter Drouet in Sainte-Menehould, die Entwaffnung der begleitenden Schutztruppe durch Bauern und Nationalgardisten und die Sperrung der Straße in Varennes.

Dieses Scheitern der mit aller Sorgfalt bis ins Detail geplanten Flucht erklärt sich vordergründig aus der auffälligen schwarz-gelben Bemalung der Berline und dem prächtigen Zaumzeug ihrer Pferde, aus den unnötig langen Erfrischungspausen der Flüchtlinge; aus den Rivalitäten und Missverständnissen zwischen den Organisatoren Choiseul und Bouillé; aus der Wachsamkeit der Landbevölkerung, deren Misstrauen durch die verstärkte Präsenz königlicher Truppen entlang des Fluchtwegs geweckt wurde; aus der Scheu Ludwigs, einen Durchbruch der Wegsperre zu riskieren.

Letztlich jedoch scheiterte der Fluchtversuch - so Mona Ozouf -, weil er der alten Zeitauffassung des Ancien Régime verhaftet blieb: einer Zeit des geduldigen Abwartens und der Vorsicht ohne Eile, einer Zeit der Etikette und diplomatischen Arrangements, umständlicher Vorbereitungen, heimlicher Winkelzüge und mangelhafter Abstimmung zwischen den beteiligten Offizieren und ihren Ressorts. Die Oberhand gewann die beschleunigte neue Zeit der Revolution - die Zeit der spontanen, aktivistischen Volksmenge, welche die Sturmglocke läutete, der wachsamen Gemeinderäte, welche auf dem gefälschten Reisepass der Flüchtlinge die Bestätigung der Nationalversammlung vermissten und die neuesten Nachrichten sogleich mit reitenden Boten in den Nachbargemeinden verbreiteten, die Zeit der sozialen Mittel- und Grundschichten, welche die Royalisten an Initiative und Tatkraft übertrafen (142).

Auch bei den Motiven und Ursachen der Flucht mischten sich persönliche mit strukturellen Faktoren. Ludwig XVI. entfloh nicht nur der Langeweile des funktionslos gewordenen Hoflebens in den Tuilerien, bei dem ihn die Emigranten allein ließen, er wollte nicht nur seine Freizügigkeit zurückerlangen, welche die Assemblée nationale auf einen Radius von zwanzig Meilen beschränkt hatte, sondern er distanzierte sich zugleich von einer Konstruktion der konstitutionellen Monarchie, die ihn zum machtlosen Staatsoberhaupt degradierte: ein "Regierungschef", dessen Minister nicht das Vertrauen des Parlaments besaßen; das "Haupt" einer Verwaltung, die in der Eigenverantwortung der Departements lag; ein "oberster Gerichtsherr", dem die gewählten Richter keine Rechenschaft schuldeten; ein "Oberbefehlshaber der Streitkräfte", dem große Teile der Armee nicht gehorchten.

Vergleicht man die königlichen Erklärungen vom 23. Juni 1789 und vom 20. Juni 1791 (Déclaration du roi adressée à tous les Français à sa sortie de Paris), wird deutlich, dass Ludwig die neue Verfassungswirklichkeit nach wie vor ablehnte und unverändert an "seinem Adel" festhielt. Marie-Antoinette äußerte ihre gegenrevolutionäre Einstellung in der Geheimkorrespondenz noch deutlicher, als sie Graf Mercy-Argenteau am 3. Februar 1791 schrieb, man müsse die "aufmüpfigen" Pariser mit Schmeicheleien und Härte disziplinieren und die alten Gerichtshöfe (parlements) restaurieren.

Betreffen diese Zeugnisse mehr die "innere Geschichte" der Flucht nach Varennes, so beruht deren enorme - revolutionäre - Wirkung vor allem auf ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung und Verarbeitung in der erweiterten politischen Öffentlichkeit. Die war seit 1790 durch Gerüchte und verdächtige Vorkommnisse auf das Ereignis vorbereitet - angefangen von den ständigen Warnungen in Marats Ami du Peuple über die Entdeckung hundert royalistischer "Dolchritter" in den Tuilerien am 28. Februar 1791 bis hin zum 18. April 1791, als die misstrauische Volksmenge die Abreise der königlichen Familie nach Saint-Cloud verhinderte. Die Nachricht, dass Ludwig tatsächlich aus Paris geflohen war, verbreitete sich denn auch wie ein Lauffeuer und mobilisierte die Massen bei der offiziellen Rückführung der königlichen Familie: 20.000 Schaulustige bei der Abfahrt in Varennes, ein Spalier von 12.000 bewaffneten Patrioten in Sainte-Menehould, ein loyalistischer Empfang in Châlons, aber ausgerechnet in Reims Verwünschungen des "Verräters" durch Arbeiter und Tagelöhner, auf der letzten Etappe von Dormans nach der Hauptstadt ein 'Geleit' von 10.000 Nationalgardisten in einem Meer von Trikoloren, schließlich eisiges Schweigen der Bevölkerung beim Einzug in Paris - diese letzte Reise und "Entrée" Ludwigs XVI. ist schon von Jules Michelet zurecht als "Leichenbegängnis der Monarchie" gedeutet worden.

Nicht minder nachhaltig als Ludwigs Popularität erschütterte das Ereignis "Varennes" die Institutionen der Revolution. Auf der parlamentarischen Ebene hinterließ es eine ratlose Nationalversammlung, welche die Flucht zunächst als verschwörerische "Entführung" (enlèvement) zu verharmlosen suchte und beruhigende Adressen in den Provinzen verbreitete, sich aber anschließend vergeblich bemühte, die politische Krise zu entschärfen und das dualistische Konzept der eigentlich schon fertigen Verfassung in letzter Minute zu revidieren.

Während einige Revolutionäre die Republik propagierten, debattierten die Abgeordneten bis Anfang August, ob Ludwigs Fluchtversuch als Abdankung zu bewerten sei und er sich nun in "Untersuchungshaft" befinde; ob er als "premier fonctionnaire public" noch immer "unverletzlich" sei oder ob man ihm den Prozess machen könne; ob man das Wahlrecht liberalisieren und das Erbkönigtum abschaffen solle; ob der König das Recht erhalten solle, Abgeordnete zu Ministern zu ernennen, selbst Gesetze einzubringen und das Parlament aufzulösen. Doch obwohl die Reformer und ihr Wortführer Barnave in dieser Debatte rhetorische Siege feierten, blieb das unverbundene Nebeneinander von König und Parlament erhalten und manifestierte sich bei Ludwigs Verfassungseid am 14. September 1791 in einem protokollarischen Eklat.

Noch radikalisierender wirkte der Fluchtversuch auf der Ebene der politischen Clubs und der Volksbewegung. Eine spontane Versammlung von 30.000 Anhängern der Pariser Sektionen und sociétés populaires auf der Place Vendôme gleich am 24. Juni, allgemeine Angst vor einem "aristokratischen Komplott" und einer militärischen Invasion des Auslands zu Ludwigs "Befreiung", republikanische Plakate der Cordeliers, eine Flut antiroyalistischer Adressen aus der Provinz, Proteste gegen den Versuch der Nationalversammlung, die Aufregung um den König mit einem "Schlussstrich" zu beenden (Dekrete vom 15. Juli) - all dies ergab eine brisante politisch-soziale Spannungslage, die sich in der Fusillade des 17. Juli auf dem Marsfeld entlud: eine Tragödie, die nicht nur das Bündnis der Nationalgarde mit dem Volk zerstörte, sondern auch die Regierung und die revolutionären Clubs entzweite.

Insgesamt - so das Fazit der Autorin - hat Louis in Varennes definitiv sein Recht auf den Thron verspielt (362). Darüber hinaus machten sein Fluchtversuch und dessen Folgen offenkundig, dass die konstitutionelle Monarchie von 1791 eine Fiktion, dass die Macht des Königs eine Illusion war. Wie auch das königliche Vetorecht zeigt: Zunächst verzichtete Ludwig XVI. darauf, sobald er aber 1792 von ihm Gebrauch machte, leitete er seinen Sturz ein. Seine Flucht nach Varennes hinterließ so tiefe Spuren im nationalen Gedächtnis, dass nicht nur Ludwig XVIII. (1815), sondern auch Karl X. (1830) und noch Louis-Philippe (1848) sich bei ihrer Reise ins englische Exil schmerzlich mit ihrem Vorfahren verglichen.

Dies sind nur die Grundlinien eines äußerst reichhaltigen, profunden Buches, das die älteren einschlägigen Monographien von Henri Lavedan und Georges Lenôtre (1904) über André Castelot (1954) bis hin zu Timothy Tackett (2003) an historischer Ausgewogenheit und Detailgenauigkeit übertrifft - eine Synthese, die zugleich neue Forschung leistet. Ihre besondere Stärke besteht darin, eine ungeahnte Fülle zeitgenössischer Korrespondenzen und Memoiren kritisch ausgeschöpft zu haben, den Gegenstand aus allen nur möglichen Perspektiven zu betrachten und dabei manche bislang wenig beachtete Facetten neu zu beleuchten.

Bei aller Anerkennung ist allerdings auch kritisch anzumerken, dass Mona Ozouf die mediengeschichtliche Dimension von "Varennes" stark vernachlässigt. Ihr Band eröffnet die ungezählte Schriftenreihe Les journées qui ont fait la France, mit welcher der Verlag Gallimard seine klassische Serie Trente journées qui ont fait la France in modifizierter Form fortsetzt. Die Bände der neuen Reihe bieten zwar mehr Raum für die Darstellung, verzichten dafür aber auf die übliche Ikonographie und Quellendokumentation ihrer Vorgänger. Es erscheint allerdings fraglich, dass dieses neue "Format" der Sache angemessener ist als das ältere. Denn bei fast all jenen "Journées" handelt es sich um bedeutende Schlüsselereignisse der französischen Geschichte, die als Sensation wahrgenommen wurden und auch deshalb so besonders große Folgen hatten, weil sie durch die Nachrichtenmedien ihrer Zeit sogleich allgemeine Bekanntheit erlangten, leidenschaftlich diskutiert wurden und sich dem gesellschaftlichen Gedächtnis dauerhaft einprägten.

Das von Mona Ozouf bearbeitete Ereignis bildet in dieser Hinsicht einen Musterfall. Fast entschuldigend bemerkt die Verfasserin zwar, dass die Flucht nach Varennes keine "journée révolutionnaire" wie der Bastillesturm war (8), aber die Schlussfolgerung, dass der Fluchtversuch ganz wesentlich deshalb als "journée" gelten kann, weil er ein Medienereignis war, bleibt sie schuldig. Abgesehen von den Zeitungen berücksichtigt sie die zeitgenössischen Pamphlete kaum, die chansons und die noch viel zahlreicheren Karikaturen zum Thema überhaupt nicht. Das erstaunt umso mehr, als ausgerechnet ein früherer Band der genannten Gallimard-Reihe bereits ansatzweise die Verbreitung der Flucht-Nachrichten untersucht hat [1] und die Historikerin Annie Duprat der bildpublizistischen Königskritik im Umkreis von Varennes zwei fundierte Bücher [2] und eine ganze Reihe von Aufsätzen gewidmet hat. All das wird von Mona Ozouf nicht einmal erwähnt - schade!


Anmerkungen:

[1] Marcel Reinhard: La Chute de la Royauté: 10 Août 1792, Paris 1969, 15-168, Karten 432f.

[2] Annie Duprat: Le roi décapité. Essai sur les imaginaires politiques, Paris1992; dies.: Les rois de papier: La caricature de Henri III à Louis XVI, Paris 2002.

Rolf Reichardt