Rezension über:

Elke Scherstjanoi: SED-Agrarpolitik unter sowjetischer Kontrolle 1949-1953 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 70), München: Oldenbourg 2007, VIII + 648 S., 1 CD-ROM, ISBN 978-3-486-57994-9, EUR 69,80
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Rezension von:
Arnd Bauerkämper
Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Arnd Bauerkämper: Rezension von: Elke Scherstjanoi: SED-Agrarpolitik unter sowjetischer Kontrolle 1949-1953, München: Oldenbourg 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 1 [15.01.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/01/13628.html


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Elke Scherstjanoi: SED-Agrarpolitik unter sowjetischer Kontrolle 1949-1953

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Die Umwälzung, die in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und DDR die Agrarwirtschaft und ländliche Gesellschaft mit ihren dörflichen Alltagswelten tiefgreifend veränderte, ist seit den Neunziger Jahren auf der Grundlage vorangegangener Studien und der nunmehr zugänglichen Archivalien umfassend untersucht worden. Allerdings hat sich die Forschung auf die Folgen von Bodenreform und Kollektivierung konzentriert, während der Übergang zu agro-industriellen Produktionskomplexen zumindest in der Historiographie bislang kaum Beachtung gefunden hat. Überdies ist in zahlreichen Studien vor allem das Verhältnis zwischen der Agrarpolitik des SED-Regimes einerseits und den sozialen und wirtschaftlichen Umbrüchen andererseits detailliert konturiert und analysiert worden. Demgegenüber ist der Einfluss sowjetischer Einrichtungen auf die politischen Interventionen der Ost-Berliner Machthaber in den Agrarsektor bislang kaum bekannt. Elke Scherstjanois verdienstvolle Studie, die auf langjährige Vorarbeiten der Autorin und ihrer Auswertung umfassender Bestände deutscher und russischer Archive basiert, schließt damit eine Forschungslücke. Dabei schränkt Scherstjanoi zugleich das allgemeine Konzept der "Sowjetisierung" ein, so dass ihr Buch auch über die agrarhistorische Forschung hinaus Aufmerksamkeit finden sollte.

Mit den Jahren von 1949 bis 1953 wird ein Zeitraum untersucht, in dem sich im Agrarsektor der SBZ und frühen DDR die Verstaatlichung beschleunigte und schließlich auch die Kollektivierung einsetzte. Nachdem die bereits im September 1945 angeordnete Bodenreform eine weitreichende Umverteilung des Landes der Gutsbesitzer und der (tatsächlichen oder vermeintlichen) Kriegsverbrecher herbeigeführt hatte, unterstellte die SED-Führung 1948/49 die Maschinen-Ausleihstationen (MAS) ihrer Lenkung und Kontrolle. Zudem ging sie zunehmend gegen die "Großbauern" vor, die vor allem aus den Leitungen der ländlichen Genossenschaften und der neuen Vereinigungen der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) gedrängt werden sollten. Obgleich Scherstjanoi durchaus die Prägekraft des stalinistischen Politikmusters in Rechnung stellt, das den Kampf gegen die "Kulaken" auch im ostdeutschen Staatssozialismus bestimmte, hebt sie bereits im ersten Kapitel die weitgehend pragmatische Orientierung und Flexibilität der Politik heraus, die führende Funktionäre der SED und Offiziere der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) vertraten. Zudem habe die Besatzungsverwaltung der UdSSR die Agrarpolitik in der SBZ und DDR allenfalls indirekt beeinflusst. Nicht zuletzt sei es der Führung der zur Staatspartei mutierenden SED gelungen, gegenüber der SMAD trotz des grundsätzlich asymmetrischen Verhältnisses eine erhebliche Autonomie zu bewahren. Damit könne insgesamt allenfalls eine Angleichung an die sowjetische Politik als Muster der Problemlösung festgestellt werden.

Zweifellos sollte die Option einer gesamtdeutschen Politik aus der Sicht der sowjetischen Partei- und Staatsführung ebenso wenig verstellt werden wie der Weg zu einem Friedensvertrag mit den Westalliierten. In einem Gespräch, zu dem Stalin die Spitzenfunktionäre der SED im Dezember 1948 in den Moskauer Kreml bestellte, lehnte der sowjetische Diktator deshalb eine umfassende Enteignung von Bauern und die Bildung landwirtschaftlicher Kollektivbetriebe scharf ab. Verbunden mit dem von Scherstjanoi zu Recht betonten Primat der Produktionssteigerung und der herausgestellten Unterstützung, die Klein- und Mittelbauern bis 1952 gewährt wurde, verstärkte sich 1948/49 die zentralstaatliche Kontrolle. In ihr war aber - entgegen der Interpretation der Verfasserin - ein Übergang zu kollektivwirtschaftlichen Produktionsformen im Agrarsektor zumindest angelegt. So kann die 1949 angeordnete Bildung von Dorfgenossenschaften nicht vorrangig auf "ökonomische Ursachen" (151) zurückgeführt werden. Wie die Autorin selber betont, löste die wachsende Zahl der Rückgaben landwirtschaftlicher Betriebe und die zunehmende Aufgabe von Land in der 1949 gebildeten Sowjetischen Kontrollkommission (SKK) zwar Besorgnis aus; die Repräsentanten der Behörde sahen darin aber "noch keine bedrohliche Entwicklung" (148), welche die sukzessive Verdrängung der Privatbauern gerechtfertigt hätte. Unmittelbar einleuchtend und gut fundiert ist aber die Analyse der Zielkonflikte in dem im Dezember 1949 erlassenen Landarbeiterschutzgesetz, die sich in heftigen Auseinandersetzungen zwischen der SMAD und der SED-Führung bei der Vorbereitung des Entwurfes widerspiegelten. Insgesamt wird der Befund, dass sich "Sowjetisierung" in den späten Vierziger Jahren keineswegs linear, sondern allenfalls indirekt und als asymmetrische Interaktion zwischen den Funktionären der ostdeutschen Staatspartei und der SMAD bzw. SKK im vorgegebenen Rahmen sowjetischer Initiativen und Kontrolle vollzog, die weitere Forschung zweifellos anregen.

Wie im dritten Kapitel des Buches herausgearbeitet wird, nahmen in den frühen Fünfziger Jahren die Reibungen in der Landwirtschaftspolitik deutlich zu. Im Geflecht der sowjetischen und deutschen Behörden blieb die Koordination der Produktionsplanung und Preisgestaltung unzureichend. Wie Scherstjanoi zeigt, führte die politische Auseinandersetzung mit der Bundesrepublik im Ost-West-Konflikt einen Wettstreit um die Versorgung mit Lebensmitteln herbei. 1951 trieb die SED-Führung - weitgehend ungebremst von der SKK - den Ausbau der Viehwirtschaft voran. Im Gegensatz zur Deutung Scherstjanois war der Übergang zur Hektarveranlagung, der vor allem "Großbauern" benachteiligte, aber nicht nur ökonomischen und außenpolitischen Zwängen geschuldet. Vielmehr wird von der politisch-ideologischen Grundierung dieser Politik gegen eine Gruppe nicht abgesehen werden können, deren Definition - wie Scherstjanoi selber darlegt (233f.) - von der Agrarkonzeption Lenins geprägt und von Stalin in den späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahren zugleich ausgeweitet, flexibilisiert und radikalisiert worden war. Die zunehmende Konzentration auf die Tierhaltung erzwang zwar wiederholt Preiskorrekturen, deren Auswirkungen auf die bäuerlichen Einkommen die SKK gravierend unterschätzte. Jedoch entsprach die Erhöhung der Abgaben in der Viehwirtschaft durchaus den wirtschaftlichen Interessen der Sowjetunion. So kann die Zustimmung der sowjetischen Kontrollbehörde, die der SED-Führung ebenso wie bei dem in den Dörfern weithin abgelehnten Zusammenschluss von VdgB und Genossenschaften 1950 die Rolle der treibenden Kraft überließ, weniger verwundern, als Scherstjanoi andeutet (421).

Überzeugender ist demgegenüber die Argumentation, dass beim Ausbau der staatlichen Agrarbetriebe - MAS und Volkseigene Güter - sowjetische Methoden zunächst vorsichtig erprobt und selektiv übernommen wurden. Zudem schrumpfte der privatbäuerliche Sektor in der Landwirtschaft keineswegs abrupt und erheblich. Andererseits sollte die wachsende Abhängigkeit der Landwirte von den Produktionsmitteln nicht unterschätzt werden, die zunehmend in der Hand staatlicher Institutionen waren, vor allem der MAS und der neuen Universalgenossenschaften. Das Argument, dass der Bauer "nie frei in der Wahl seiner Genossenschaft" (313) gewesen sei und "nirgendwo in der modernen Zeit unabhängig produzieren konnte und kann" (423), blendet die Spezifik der Landwirtschaftspolitik aus, die das SED-Regime und die SKK - wenngleich keineswegs durchweg gleich gerichtet - in den frühen Fünfziger Jahren in der DDR durchsetzten.

Auch der Übergang zur Kollektivierung der Landwirtschaft wird in dem Buch neu interpretiert. Nach Scherstjanois Analyse beschlossen die führenden SED-Funktionäre nicht bereits auf ihrer 2. Parteikonferenz im Juli 1952 - nach vorheriger Anweisung von Stalin und dem intensiven Studium von Musterbetrieben in den anderen "Volksdemokratien" - die Auflösung der Mehrsektorenwirtschaft zugunsten von Kollektivbetrieben; vielmehr sei diese Entscheidung erst auf der 10. Tagung des Zentralkomitees (ZK) im November 1952 gefasst worden, aber ohne Einflussnahme der KPdSU und SKK. Der Übergang zur durchgreifenden Kollektivierung wird dabei einerseits auf die Rücknahme sowjetischer Wirtschaftshilfen und die daraus resultierende Belastung des Haushaltes der DDR und andererseits auf die Entschlossenheit der SED-Führung zurückgeführt, die gesellschaftliche Umwälzung mit massiven Stützungsleistungen für die neuen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften voranzutreiben. Diese Kollektivbetriebe waren aber schon seit Sommer 1952 gegründet worden. Insofern war die grundsätzliche Weichenstellung auf der 2. Parteikonferenz vollzogen worden. Zutreffend hebt Scherstjanoi aber die kaum zu kontrollierende Dynamik der Landwirtschaftspolitik in der schwierigen Abstimmung von Interessen und Zielen der deutschen und sowjetischen Akteure im Anschluss an diese Richtungsentscheidung hervor. Der Beschluss der 10. ZK-Tagung, mit der die eskalierende ökonomische und politische Krise beigelegt und die zunehmende Unruhe auf dem Lande eingedämmt werden sollte, belegt deshalb die Entschlossenheit der Parteiführung, den politischen Durchbruch zur Kollektivwirtschaft herbeizuführen. Der Stellenwert der Tagung wird deshalb in der Geschichtsschreibung deutlich aufzuwerten sein, vor allem im Hinblick auf den Aufstand vom Juni 1953, der die Herrschaftsordnung auch auf dem Lande nachhaltig erschütterte.

Insgesamt zeichnet sich Elke Scherstjanois beeindruckende Studie durch die akribische Rekonstruktion agrarpolitischer Entscheidungen in der komplexen und spannungsreichen Abstimmung zwischen deutschen und sowjetischen Stellen aus. Allerdings konzentriert sich die empirische Analyse weitgehend auf die SED-Führung und die Sowjetische Militäradministration bzw. Kontrollkommission, während die Aktenlage offenbar keine neuen Befunde zur Abstimmung zwischen den Machthabern in Moskau und den sowjetischen Behörden in der SBZ und DDR erlaubt hat. Demgegenüber tritt die Erkenntnis, dass die politischen Ziele, Strategien und Entscheidungen in der Agrarpolitik sowjetischer und deutscher Stellen nur mangelhaft koordiniert und parallel festgelegt wurden, deutlich hervor. Deshalb überzeugt Scherstjanois Interpretation, dass von einem einfachen Transfer eines (ohnehin nicht uniformen) sowjetischen "Modells" in die SBZ bzw. DDR nicht gesprochen werden kann. In dem Bemühen, das Konzept der "Sowjetisierung" auf bloße "Kontrolle" und die Bereitstellung von "Problemlösungsmustern" (599, in Anlehnung an Jarausch und Siegrist) einzuschränken, wird der Stellenwert der UdSSR als Bezugsgröße, der die Entscheidungen zumindest mittelbar beeinflusste, allerdings unterschätzt. Damit verknüpft, führt Scherstjanoi die Entscheidungen, den Staatssektor in der Landwirtschaft auszuweiten und die Kollektivierung herbeizuführen, weitgehend auf pragmatische Motive - vor allem das Ziel der Produktionssteigerung - und Fehleinschätzungen der sowjetischen und deutschen Entscheidungsträger zurück. Demgegenüber tritt der ideologisch geprägte (aber keineswegs bestimmte) Handlungs- und Erwartungshorizont agrarpolitischer Akteure zu deutlich zurück.

Die konstruktive Debatte über die Gewichtung dieser Motive und Ziele wird zweifellos weiterzuführen sein. Elke Scherstjanoi hat dazu maßgeblich beigetragen. Ihre gewichtige Studie verdient nicht nur Respekt, sondern auch eine intensive Auseinandersetzung.

Arnd Bauerkämper