Rezension über:

Rolf Johannsen: Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Von Borneo nach Rom. Sanssouci und die Residenzprojekte 1814 bis 1848, Kiel: Verlag Ludwig 2007, 349 S., ISBN 978-3-937719-09-2, EUR 39,90
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Rezension von:
Catharina Hasenclever
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Catharina Hasenclever: Rezension von: Rolf Johannsen: Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Von Borneo nach Rom. Sanssouci und die Residenzprojekte 1814 bis 1848, Kiel: Verlag Ludwig 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 1 [15.01.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/01/13329.html


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Rolf Johannsen: Friedrich Wilhelm IV. von Preußen

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Friedrich Wilhelm IV. gilt zu Recht als der Musischste unter den preußischen Monarchen. Seine Kenntnisse und sein Interesse an der Kunst und vor allem an der Architektur bestimmten seine Persönlichkeit in hohem Maße. So gelten seine eigenhändigen Zeichnungen (über 7.000 bezeichnete Seiten) heute als beredte Quellen seiner künstlerischen und auch seiner politischen Vorstellungen.

Rolf H. Johannsen hat es sich in seinem Buch zur Aufgabe gemacht, den Nachlass der in der Plankammer der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg aufbewahrten Zeichnungen als Ganzes durchzusehen und diejenigen Blätter auszuwerten, die einen Bezug zu den unterschiedlichen Residenzprojekten des Kronprinzen und Königs besitzen. Mit der Residenz als dem "baulichen Rahmen von Herrschaft" (9) beschäftigte sich Friedrich Wilhelm in den drei Jahrzehnten zwischen den Befreiungskriegen bis in die Mitte der 1840er-Jahre. Dabei schien die Frage im Mittelpunkt zu stehen, wie die Legitimität monarchischer Herrschaft durch Architektur zum Ausdruck zu bringen sei.

Die These, die der Arbeit von Rolf H. Johannsen zugrunde liegt, ist, dass Friedrich Wilhelm durch seine Residenzprojekte versucht hat, dem mit der Gründung im Jahr 1701 vergleichsweise jungen preußischen Staat Geschichte und historische Bedeutung zu verleihen, um so die Monarchie der Gegenwart zu legitimieren. Das "monarchische Projekt" Friedrich Wilhelms hat David E. Barclay bereits 1995 mit den Stichworten von "Erneuerung und Erfindung der Tradition" zusammengefasst.

Die Arbeit gliedert sich in einen sehr ausführlichen und aufschlussreichen Grundlagenteil mit den "Voraussetzungen" für Friedrich Wilhelms Schaffen. Hier wird die theoretische und vor allem künstlerische Ausbildung des Kronprinzen beleuchtet. Vor allem sein Verhältnis zu seinem bekanntesten Lehrer, dem Architekten Karl Friedrich Schinkel, wird kritisch bewertet. Anschließend charakterisiert und problematisiert Rolf H. Johannsen den gesamten Zeichnungsnachlass Friedrich Wilhelms. Daraus resultiert im Anhang ein Katalog aller datierten und datierbaren Zeichnungen (313-322).

Der den Residenzen bzw. Idealresidenzen gewidmete Hauptteil ist chronologisch in drei Abschnitte unterteilt: Belriguardo, Residenzprojekte der Dreißiger Jahre sowie Friedrichsdenkmal und Triumphstraße.

Die ersten Residenzvorstellungen Friedrich Wilhelms waren stark von den Eindrücken der siegreich beendeten Befreiungskriege und der Begegnung mit dem französischen Architekten Pierre-François-Léonard Fontaine geprägt. Sie finden ihren Niederschlag vor allem in den Plänen für einen Umbau der Umgebung von Sanssouci.

Der Autor bewertet die Begegnungen des jungen preußischen Kronprinzen mit Fontaine, dem erfolgreichsten Architekten seiner Zeit, in Paris im Frühjahr 1814 als richtungsweisend für die Residenzprojekte im Besonderen und für Friedrich Wilhelms Architekturverständnis (134) im Allgemeinen. Im Auftrag Napoleons hatten die Architekten Percier und Fontaine Pläne für ein Palais du Roi de Rome entworfen, für die sich dann auch der preußische Kronprinz lebhaft interessiert hat. Mit der gleichen Intention, in der der Palast für den französischen Thronfolger entstand, wollte auch Friedrich Wilhelm eine Residenz erbauen, die seine Machtansprüche untermauern sollte. Bei ihrem erneuten Zusammentreffen im Jahr 1815 hielt ihm Fontaine einen kurzen Vortrag darüber, dass seiner Ansicht nach ein Souverän besser durch seine architektonischen Leistungen als durch Kriege seine Macht demonstrieren solle. Unter diesen Eindrücken und in der Euphorie der gewonnenen Befreiungskriege sind nach Ansicht Rolf H. Johannsens die eigenen Entwürfe Friedrich Wilhelms 1815 für einen Schlossbau - Belriguardo - entstanden. Dieses Schloss müsse als ein Symbol des wieder erstarkten Preußen gewertet werden.

Grundlegend für das Verständnis von Belriguardo ist die detaillierte Analyse der Erzählung von der "Königin von Borneo". Anhand dieser in Briefen der Jahre 1816/17 an die Schwester Charlotte entwickelten Geschichte rekonstruiert Rolf H. Johannsen den Entwurf einer ersten idealen Residenz des damals Anfang zwanzigjährigen Kronprinzen. Er stellt den Zusammenhang zwischen der in des Kronprinzen blühender Phantasie entstandenen Residenz des Königs von Borneo und den Plänen für den erweiterten Parkbereich Sanssoucis bildhaft und schlüssig dar. Rolf H. Johannsen gelingt es, anhand unzähliger Beispiele die Parallelwelt der schließlich größtenteils Traum gebliebenen Residenzen vor dem inneren Auge des Lesers entstehen zu lassen.

Auf die Abhandlung der Residenzprojekte der 1830er-Jahre, den Palast auf der Akropolis, Orianda auf der Krim und die abstrakte Residenz eines Fürsten folgt ein detaillierter Blick auf den Ausbau Sanssoucis seit diesen Jahren mit dem Friedrichsdenkmal und der Triumphstraße. Auf der Suche nach der Historizität Preußens war Friedrich Wilhelm bereits früh auf seinen bekanntesten Vorfahren, Friedrich den Großen, gestoßen. Ihn hat er zeitlebens verehrt und auf ihn beziehungsweise das Sanssouci seiner Zeit konzentrierten sich zahlreiche Pläne Friedrich Wilhelms. "Auftakt und absoluter Höhepunkt des Projekts [der Triumphstraße] ist das für den Mühlenberg geplante Denkmal Friedrichs des Großen in Form eines auf hoher Substruktion ruhenden Tempels." (191)

Sowohl die zunächst geplante kolossale Statue Friedrichs des Großen als auch die Tempelentwürfe fanden ihre Entsprechung in der Architektur der Friedrich Wilhelm so verhassten Französischen Revolution und der darauf folgenden französischen Republik. Diese Tatsache findet bei Rolf H. Johannsen keine Erwähnung - beide so diametral verschiedenen Staatsentwürfe orientierten sich an der römischen Antike.

Grundlegend für die Entwürfe zur Triumphstraße (in den 1830er- und 40er- Jahren) war zweifelsohne die Romerfahrung des Kronprinzen. Seine langersehnte Reise in die Ewige Stadt trat er erst im Jahr 1828 an. Inzwischen hatte er sich über die Fachliteratur und immer wieder gehörte Reiseberichte ein klares Bild der einzelnen Gebäude und ihrer Disposition innerhalb der Stadt gemacht. Der Vergleich der via sacra, der Straße für den Zug der Triumphatoren zum Capitol in Rom, mit der geplanten Triumphstraße in Potsdam ist im Hinblick auf die Rombegeisterung und bemerkenswerte Romkenntnis des Kronprinzen glaubwürdig dargelegt.

Die einzige wesentliche Ausführung des Triumphstraßenprojektes ist die an der Villa Farnesina auf dem Palatin, dem Palast der römischen Kaiser orientierte Orangerie. Sie lässt den heutigen Besucher der Schlösser erahnen, in welchen inhaltlichen und materiellen Dimensionen der architekturbegeisterte Kronprinz und König geplant hat.

Rolf H. Johannsens Arbeit zeichnet ein Bild des durch die gewonnenen Befreiungskriege und die Niederschlagung Napoleons gestärkten Kronprinzen, der der preußischen Monarchie und dem preußischen Staat architektonische Denkmäler setzen wollte, die Selbstbewusstsein und Machtanspruch demonstrieren sollten. Friedrich Wilhelm war aber nicht nur ein selbstbewusster Herrscher, sondern auch ein von seiner Angst vor der Revolution und seinem damit verbundenen ständigen Legitimationsdruck bestimmter Monarch. Diese Abwehrhaltung war sicher eine ebenso bedeutsame Triebfeder seines Entwerfens und Bauens.

Der Autor hat neben den Zeichnungen auch den reichen Fundus der historischen Quellen und die Sekundärliteratur außerordentlich umfassend und genau ausgewertet. Dabei ist die Arbeit gut lesbar und mit hervorragenden Abbildungen sehr ansprechend. Rolf H. Johannsen gelingt es in seiner Arbeit, anhand zahlreicher Projekte Friedrich Wilhelms das Vorhaben der Legitimitätsstiftung glaubhaft zu untermauern. So ist diese Studie eine lohnende Lektüre für jeden, der sich für die Person dieses preußischen Monarchen und für die Zeit zwischen Revolution und Restauration in Preußen interessiert.

Catharina Hasenclever