Rezension über:

Brigitte Sölch: Francesco Bianchini (1662-1729) und die Anfänge öffentlicher Museen in Rom (= Kunstwissenschaftliche Studien; Bd. 134), München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2007, 423 S., ISBN 978-3-422-06633-5, EUR 68,00
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Rezension von:
Susanne Meyer
Facoltà di Beni Culturali. Università degli Studi di Macerata
Redaktionelle Betreuung:
Cristina Ruggero
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Meyer: Rezension von: Brigitte Sölch: Francesco Bianchini (1662-1729) und die Anfänge öffentlicher Museen in Rom, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 1 [15.01.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/01/13192.html


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Brigitte Sölch: Francesco Bianchini (1662-1729) und die Anfänge öffentlicher Museen in Rom

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In jüngster Zeit hat die Forschung der Entwicklung der römischen Museumslandschaft des 18. Jahrhunderts, die mit dem 1784 vollendeten Museo Pio-Clementino ihren Höhepunkt fand, verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt. Die Studie von Brigitte Sölch bietet nun einen faktenreichen und innovativen Beitrag zu den Jahrzehnten der "Inkubationszeit", die diese Museumsgründung vorbereiteten, ausgehend von dem von Francesco Bianchini entworfenen Museo ecclesiastico (1703-1710) und dem rund ein halbes Jahrhundert später von seinem Neffen Giuseppe Bianchini als Stichserie publizierten imaginären Museum, das auf das Projekt des Onkels zurückgreift.

Die Figur und die vielfältigen Interessen des, vor allem in der Kunstgeschichte, bisher kaum beachteten Francesco Bianchini wurden zuletzt in zwei interdisziplinären Tagungen beleuchtet, die 2003 und 2004 in Augsburg und Verona stattgefunden haben. [1] Unter Bezugnahme auf das dort zusammengetragene Material skizziert die Autorin in dem vorliegenden Band die exemplarische Karriere des in Verona geborenen Francesco Bianchini an der römischen Kurie. Präsentiert werden dabei eindrucksvoll das breite Forschungsspektrum des italienischen Universalgelehrten auf archäologischem, astronomischem und naturwissenschaftlichem Gebiet und seine Einbindung in die europäische Gelehrtenrepublik.

Im Vordergrund der Studie steht allerdings das Wirken der beiden Bianchinis in der Sammlungs- und Museumsgeschichte. Das ab 1703 von Francesco Bianchini im Auftrag von Clemens XI. Albani geplante Museo ecclesiastico wurde in dem Korridor, der zum Vatikanischen Archiv führte, realisiert, aber bereits 1710 aus finanziellen Gründen vorzeitig aufgelöst und anschließend in reduzierter Form in der heutigen Galleria degli Arazzi neu arrangiert. Eine intensive Auswertung neuer Quellen aus dem Nachlass des Gelehrten (aufbewahrt in der Biblioteca Capitolare in Verona und in der Biblioteca Vallicelliana in Rom), darunter vor allem die Entwurfszeichnungen, Ankaufslisten und Rechnungen, machen es möglich das "geschichtsdidaktische Konzept" zu rekonstruieren und damit die Rolle des Museo ecclesiastico in der Entwicklung der Vatikanischen Sammlung und in der Museumsgeschichte überhaupt näher zu bestimmen. Trotz seiner kurzen Existenz kennzeichnete das kirchenhistorische Museum eine neue Ära in der Geschichte der Vatikanischen Sammlungen, vor allem auf Grund der konsequent durchgeführten wissenschaftlich-historischen Ordnung der Artefakte.

Der zweite Teil der Studie befasst sich mit einer von dem Oratorianer Giuseppe Bianchini als Teil einer kirchenhistorischen Publikation, Demostratio Historiae Ecclesiasticae, herausgegebenen Stichserie (1752-1754). Es handelt sich um sechs großformatige Tafeln, die die Anordnung von ca. tausend Exponaten in einem imaginären Museum simulieren. Hervorgehoben werden vor allem der formale und ikonographische Gehalt der Serie und ihre Funktion als Bindeglied zwischen dem von Francesco Bianchini entworfenen Museo Ecclesiastico und dem unter Benedikt XIV. 1757 eröffneten Museo Sacro.

Abschließend versucht die Autorin eine Verortung der kirchenhistorischen Museumsprojekte Francesco und Giuseppe Bianchinis in der Wissenschaftsgeschichte und Museumsgeschichte. Besonders aufschlussreich ist das Kapitel zum Verhältnis zwischen ikonographischem Material und Geschichte. Dabei unterstreicht Sölch zu Recht die vorbereitende Rolle der Istoria universale (1697) Francesco Bianchinis für die bildliche Vermittlung von Wissen und für die Einbeziehung von Artefakten als Grundlage wissenschaftlicher Forschungspraxis und Erkenntnis. Ausführlich untersucht wird die Abhängigkeit von den Prinzipien der Tradition des 17. Jahrhunderts auf der einen Seite und der wissenschaftlichen Erschließung des Materials gemäß dem neuen Gebot der Autopsie bei der Suche nach der Darstellung der "veritas historica" auf der anderen, wobei festzustellen ist, dass entwicklungsgeschichtliche Fragen bei der Anordnung der Artefakte keine Rolle spielten, sondern dass das Interesse für die Bildmotive dominant blieb. Damit ergab sich eine Diskrepanz zwischen einer wissenschaftlichen, experimentellen Methode und tatsächlicher Wahrnehmung der Artefakte, die den traditionellen Fragestellungen verbunden blieb. "Bestechend für das ehrgeizige Unterfangen ihrer Museumsprojekte war jedoch die neuartige Visualisierung und materielle Dokumentation, die dem Bildmaterial das entscheidende Gewicht verlieh" (294). Weder die Antikencorpora noch die Sammlungen des 17. Jahrhunderts boten ein mit vergleichbarer Konsequenz durchgeführtes wissenschaftliches, auf visueller Ebene verankertes, Beweisverfahren. In sammlungsgeschichtlicher Perspektive können damit der Veroneser Scipione Maffei und der Conte de Caylus nicht mehr als die ersten angesehen werden, die eine historische Sichtweise auf die Altertümer angewandt haben. Die Sammlungen Maffeis und die Bianchini-Projekte sind, trotz unterschiedlicher Erkenntnisinteressen, in engem Zusammenhang zu sehen, da sie alle die Veranschaulichung von Geschichte durch Kunstwerke zum Ziel haben. Dabei ist anzumerken, dass Maffei in direktem Kontakt mit Bianchini stand und über dessen Museumsprojekte bestens informiert war.

Ein in der Studie immer wieder angesprochener Aspekt ist die enge Verbindung zwischen Museumsgründung und Gesetzgebung zum Schutz der Kulturgüter im Kirchenstaat, eine Dynamik, die für die römische Museumslandschaft seit Sixtus IV., über Raffael und bis Antonio Canova, von grundlegender Bedeutung war. Auch Bianchinis Keimzelle der öffentlichen Museen in Rom steht in engem Bezug mit dem von Clemens XI. erlassenen Ausfuhrverbot für Altertümer und einer gleichzeitig steigenden Grabungstätigkeit, bedingt durch die steigende Nachfrage des europäischen Kunstmarktes. Die neue Institution des öffentlichen Museums wurde von einem Teil der römischen Gelehrten daher auch als wichtiges Instrument zum Erhalt des immensen römischen Kunstschatzes verstanden.

Bleibt die Frage nach den Gründen des geringen Erfolges der Museumsprojekte der beiden Bianchinis (die von der Autorin herausgearbeiteten finanziellen und politischen Gründe sind sicher gewichtig, aber vielleicht nicht ausreichend). Entsprachen andere Museums-Entwürfe, vor allem das in der Analyse etwas unterbelichtete, von Clemens XII. 1734 eröffnete Museo Capitolino und das Museo sacro, besser und ausgewogener den Bestrebungen der Päpste der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts (von Clemens XI. bis Benedikt XIV.), die Rolle Roms als religiöses und kulturelles Zentrum zu stärken und dem Bestreben der Gelehrten die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Methoden mit der Religion zu vereinen? Wie sind die Unterschiede in den Bemühungen der Päpste dieser Zeit um den Schutz und die ideologisch-politische Interpretation der Kunstwerke zu bewerten?

Wie Brigitte Sölch sehr zu Recht zu Anfang ihrer Studie bemerkt, ist "das frühe 18. Jahrhundert in Rom [...] in vielerlei Hinsicht noch unbefriedigend behandelt" (20). Ihre Studie leistet einen bedeutenden und anregenden Beitrag zur Schließung dieser Lücke.


Anmerkung:

[1] Francesco Bianchini (1662 - 1729) und die europäische gelehrte Welt um 1700, hrsg. von Valentin Kockel und Brigitte Sölch, Berlin 2005; Unità del sapere, molteplicità dei saperi. L'opera di Francesco Bianchini (1662-1729) tra natura, storia e religione, Convegno internazionale, Verona 28. 10 - 30.10 2004 (im Druck).

Susanne Meyer