Rezension über:

Holger Steinberg: Als ob ich zu einer steinernen Wand spräche. Der Nervenarzt Paul Julius Möbius. Eine Werkbiographie, Bern: Verlag Hans Huber 2005, 339 S., 36 Abb., ISBN 978-3-456-84175-5, EUR 49,95
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Rezension von:
Marita Krauss
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Florian Steger
Empfohlene Zitierweise:
Marita Krauss: Rezension von: Holger Steinberg: Als ob ich zu einer steinernen Wand spräche. Der Nervenarzt Paul Julius Möbius. Eine Werkbiographie, Bern: Verlag Hans Huber 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 [15.12.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/12/9425.html


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Holger Steinberg: Als ob ich zu einer steinernen Wand spräche

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Die Neugier, mit der man als Historikerin Holger Steinbergs Leipziger medizinhistorische Habilitationsschrift zur Hand nimmt, ist vor allem auf ein Werk des Leipziger Arztes Paul Julius Möbius zurückzuführen: Er ist der Verfasser des im Jahr 1900 erschienenen und später immer wieder neu aufgelegten Pamphlets "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes". Seit nun über hundert Jahren liefert es die Projektionsfläche für Zustimmung und Kritik, der Titel wurde zum geflügelten Wort und der Autor zum Inbegriff eines gewissen Typus von borniertem Gelehrten der Wende zum 20. Jahrhundert, der sich des heraufziehenden Zeitalters von Frauenstudium und Frauenberufstätigkeit durch den Rückzug auf scheinbar naturwissenschaftliche Argumentationen zu erwehren suchte. Die Frage, wer dieser Paul Julius Möbius eigentlich war und in welchen Kontexten die genannte Streitschrift stand, ist daher auch jenseits eines engeren medizinhistorischen Interesses relevant.

Sie wird in Steinbergs Arbeit durchaus profund beantwortet. Wir erfahren etwas über die "Gelehrten- und Künstlerfamilie", der Möbius entstammte (19), über seine eher unglückliche Schulzeit in Leipzig, über sein Studium erst der Theologie, dann der Philosophie und schließlich der Medizin in Leipzig, Jena und Marburg. Wir lesen über eine in Leipzig gescheiterte Promotion zum Dr. phil., die in Gießen aber letztlich gegen Bezahlung einer Gebühr ohne Dissertation und ohne Prüfung doch gelang - so war das wohl damals an den kleineren Universitäten; auf der Suche nach diesen Spuren zeigt Steinberg kriminalistische Findigkeit. Schließlich legte Möbius in Leipzig sein medizinisches Staatsexamen ab und promovierte regulär an der medizinischen Fakultät. Ab 1877 durchlief er dann eine militärärztliche Laufbahn in Sachsen, doch zwei Jahre später ließ er sich als Arzt für "Nervenkrankheiten und Elektrotherapie" in Leipzig nieder. Ein Freund beschreibt ihn als "einen schönen Mann, der viel Sorgfalt auch auf sein Äußeres verwandte, einen großen wohlgepflegten Bart trug und eine besondere Vorliebe für Parfüms hatte" (36). Zu seinen Patientinnen in Leipzig gehörten offenbar viele Frauen aus dem gehobenen Stadtbürgertum, darunter, wie es der "Mode" der Zeit entsprach, viele "Neurasthenikerinnen" und "Hysterikerinnen". Möbius ging zunächst wohl sehr auf ihre seelischen Nöte ein, verordnete aber später fast nur noch Brom, von dem er sich eine medikamentöse Heilung ihrer Leiden versprach (44-45). Steinberg arbeitet Möbius Bedeutung als "Nervenpathologe ohne Seziertisch" (42) heraus, der durch genaue Beobachtung und großes Verständnis der Gesamtperson zu diagnostizieren und zu behandeln versuchte und stellt ihn in die Reihe der Vorläufer von Freud.

Auf fast sechzig Seiten widmet sich Holger Steinberg dann der gescheiterten Universitätskarriere von Möbius in den Jahren 1882 bis 1889, seiner kumulativen Habilitation, der Zeit als Assistent an der medizinischen Poliklinik, seinen Gönnern und Gegnern. Dieser universitären Schlangengrube gilt auch der wichtigste Teil des von Steinberg erstmals umfänglich und verdienstvoll ausgewerteten Archivmaterials aus dem Leipziger Universitätsarchiv. Hier ist vielfach die Empathie des Autors für den schlecht behandelten jungen Arzt zu spüren. Da Möbius mehrfach bei Berufungen übergangen wurde, gab er schließlich verbittert die Venia legendi zurück. Er wurde, trotz verdienstvoller, wenn auch nicht unumstrittener Forschungsergebnisse zum "Tabes-Syphilis-Streit", zu "Hysterie" und Migräne sowie zu "Morbus Basedow", trotz enger Kontakte zu renommierten Kollegen wie Emil Kraepelin, Oswald Bumke oder Willy Hellpach, immer mehr zum wissenschaftlichen Außenseiter. Dazu trugen nicht unwesentlich seine eher populären Beiträge zu den "Schmidt'schen Jahrbüchern der in- und ausländischen Medizin" bei, deren Redakteur er 1893 wurde. Er rezensierte, kritisierte und opponierte, oft mit beißendem Sarkasmus und bitterer Ironie (117). In dieser Zeit entstand auch sein Pamphlet über den "Physiologischen Schwachsinn des Weibes". Nach der Trennung von seiner deutlich älteren Frau vereinsamte er immer mehr. Schließlich starb er 1906 an Krebs.

Steinberg arbeitet sich durch Universitätsakten und Privatkorrespondenzen, durch medizinische Handbücher, Fachartikel und Rezensionen. Er gibt den Stand der medizinischen Fachwissenschaft der Zeit wieder und setzt Möbius' Überlegungen dazu in Vergleich. Dabei verschweigt er nicht, wenn auch etwas schamhaft versteckt in dem Kapitel "Die Einteilung der Nervenkrankheiten", den schlimmen Aufsatz "Über die Veredelung des menschlichen Geschlechtes" von 1898 (169-174), der Möbius bedenkliche Nähe zu Euthanasiekonzepten zeigt. Steinberg berichtet auch über Möbius seltsame "Pathografien", also gewissermaßen psychiatrisch-ärztlichen Biografien, über Künstler wie Goethe, Schopenhauer, Nietzsche, Rousseau oder Schumann. Die Arbeit schließt mit einem Ausblick auf Möbius Gedanken zu "Metaphysik in der Psychologie". Eine Schlusswertung fehlt.

Steinberg referiert zwar vielfach Forschungskontexte der Medizingeschichte. Doch das ist es dann auch: Die Einordnung in historische Kontexte fehlt ebenso wie die Rezeption der außermedizinischen Forschungsdiskussion. Das beginnt mit dem Anliegen der Arbeit, neben einem "weitreichenden Einblick in das wissenschaftliche Gesamtschaffen" (14) einen "neuen Beitrag zum Begreifen des Menschen Paul Julius Möbius und seiner äußeren Verhältnisse sowie seiner Gefühls- und Gedankenwelt" geben zu wollen (17). Die Arbeit folgt über weite Strecken dem Muster apologetischer Wissenschaftlerbiografien, und es wird bald deutlich, dass Steinberg immer wieder nachempfindend und oft mit wenig überzeugenden Argumenten Möbius gegen seine Kritiker zu verteidigen sucht.

Die umfängliche sozialhistorische Auseinandersetzung mit dem Thema Biografie wird von Steinberg ebenso wenig zur Kenntnis genommen wie das gesamte Feld der Psychohistory, das nun doch international sicherlich schon seit weit über zwanzig Jahren boomt. Aktuelle wissenschaftshistorische Forschungen zu Neurasthenie, Hysterie oder Rassenhygiene ignoriert der Verfasser, ebenso wie - um nur ein Beispiel zu nennen - die seit vielen Jahrzehnten laufende Auseinandersetzung der Literaturwissenschaft mit selbsternannten "Sachverständigen" aus Psychologie, Psychiatrie oder Psychoanalyse. Die "Sozialgeschichte der Medizin" hat sich in den vergangenen Jahren zu einem überaus spannenden Forschungsfeld entwickelt, in dem sich Medizingeschichte, Genderforschung, Körpergeschichte, Literaturwissenschaft, Kultur- und Sozialgeschichte zu interdisziplinärem Gespräch verbinden. Doch davon ist bei Steinberg nichts zu spüren. Seine Arbeit bleibt eng am medizinischen Diskurs der Quellen, er reflektiert weder die weitere Rezeption der Gedanken von Möbius und seinen Weggefährten im Nationalsozialismus noch die letztlich verheerende Wirkung des reaktionären Pamphlets über den "Physiologischen Schwachsinn des Weibes" für die berechtigten weiblichen Emanzipationsforderungen des ersten Jahrhundertdrittels. Möbius' Nähe zu Lombroso und dessen Thesen von den "geborenen Prostituierten", zur Vererbungs- und Schädellehre wird zwar angesprochen, aber nicht in die entsprechenden Zusammenhänge gestellt.

Insofern bleibt das abschließende Urteil zwiespältig. Paul Julius Möbius wird in seiner Zeit, vor seinem menschlichen und wissenschaftlichen Hintergrund sichtbar; dies gilt auch für seinen Werdegang und seine Werke. Die Einordnung in die weiterführenden, die engen Grenzen der Medizingeschichte alten Stils überschreitenden Forschungsdiskussionen bleibt dem Leser oder der Leserin selbst überlassen.

Marita Krauss