Rezension über:

Kevin L. Borg: Auto Mechanics. Technology and Expertise in Twentieth-Century America (= Studies in Industry and Society), Baltimore / London: The Johns Hopkins University Press 2007, viii + 249 S., ISBN 978-0-8018-8606-5, USD 50,00
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Rezension von:
Christopher Neumaier
Münchner Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Christopher Neumaier: Rezension von: Kevin L. Borg: Auto Mechanics. Technology and Expertise in Twentieth-Century America, Baltimore / London: The Johns Hopkins University Press 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 [15.12.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/12/13194.html


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Kevin L. Borg: Auto Mechanics

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Mobilität ist aus der heutigen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Während die Massenmotorisierung Deutschland in den späten 1950er und 1960er Jahren erreichte, trat dieses Phänomen in den USA bereits in den 1920er Jahren auf. Seitdem wurde analysiert, wie das Auto die Gesellschaft prägte und umgekehrt oder welche Produktionssysteme bei der Massenproduktion von Pkw eingesetzt wurden. [1] Der Automechaniker blieb hierbei jedoch außen vor. Das verwundert, denn Mechaniker mussten von Autofahrern oft zur Hilfe herangezogen werden, schließlich blieben Autos aufgrund technischer Defekte regelmäßig liegen. Kevin Borg möchte mit seiner Studie zeigen, wie sich in den USA der Beruf des Automechanikers herausformte und wie er gesellschaftlich definiert wurde. Im Zentrum von Borgs Analyse steht somit der so genannte "technology's middle ground" (2). Borg bezeichnet mit diesem Begriff den "ambigous space between production and consumption in which workers maintain and repair artifacts that they neither create nor own" (2).

Das Buch, die überarbeite Fassung seiner Dissertation, gliedert sich in sieben Kapitel, welche von einer Einleitung und einer Schlussfolgerung umrahmt werden. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von der Einführung des Autos im ausklingenden 19. Jahrhundert bis zur Verwendung des Computers im Auto am Ende des 20. Jahrhunderts. In der Einleitung verweist Kevin Borg überdies auf seinen persönlichen Hintergrund als Automechaniker, welcher seiner Meinung "a synthesis of lived experience and disciplined inquiry" (12) möglich macht. Eine unkritische Haltung zum Mechaniker nimmt er dabei aber nicht ein. In seiner Studie beschränkt sich Borg keineswegs darauf zu zeigen, wie Autos repariert wurden oder wie die Ausbildung der Mechaniker verlief und wie sie sich veränderte. Er geht gleichermaßen auf soziale Abgrenzungen, Hierarchien und Beziehungen ein. Im Zuge der Darstellung bleibt seine Perspektive also keineswegs auf das Reparieren von Autos beschränkt. Themen wie Gender, Race und soziale Klasse werden, sofern sie für seinen Untersuchungsgegenstand relevant sind, ebenfalls angeschnitten.

Der Leser erfährt zum Beispiel, wie der Unterricht über das Reparieren von Autos an öffentlichen Schulen in den USA während der 1920er Jahre Einzug hielt. Die Kurse waren als Entscheidungshilfe für die Berufswahl geplant, verstärkten damit aber die Abgrenzung der Mechaniker als einen Beruf für die weiße, männliche Arbeiterklasse, weil der Zugang Afroamerikanern und Frauen verwehrt blieb. Einer der Faktoren, welcher zur Institutionalisierung dieses Unterrichts beitrug, war der Enthusiasmus der männlichen Schüler. Die Begeisterung für das Auto wird von Kevin Borg in verschiedenen Kapiteln immer wieder herausgearbeitet. Letztlich entstand ein Ausbildungssystem, das auf dem Unterricht an Schulen, der Ausbildung am Arbeitsplatz und Weiterbildung im Beruf aufbaute.

Durch dieses System, welches bis zum Ende des 20. Jahrhunderts seine Gültigkeit behielt, verstärkten sich soziale Spannungen. Zu Konflikten kam es, wenn Mechaniker ihr technisches Wissen gegenüber den Kunden ausnutzten, indem sie die Fertigstellung von Reparaturen hinauszögerten. Andererseits behandelten die Wagenhalter die Mechaniker mit wenig Respekt, waren die doch in der Regel von niedrigerer sozialer Herkunft als sie selbst. So entstand ein Kreislauf von Misstrauen und Besorgnis. Das veranlasste Hersteller und Händler dazu Versuche zu unternehmen, die öffentliche Wahrnehmung der Mechaniker zu verbessern.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs behandelt Borg zunächst die weiter ansteigende Verbreitung von Autos in der amerikanischen Gesellschaft. Dabei herrschte ebenfalls eine enthusiastische Einstellung zum Artefakt Automobil vor. So angesehen es war, ein Auto zu besitzen, Rennen zu fahren oder am Wagen zu basteln, so wenig soziales Prestige genossen demgegenüber die Automechaniker. Das äußerste sich für Mechaniker in niedrigen Löhnen, die 1970 unter denen eines ungelernten Fließbandarbeiters lagen. Borg führt das unter anderem auf den geringen Einfluss der Gewerkschaften zurück (132).

Im letzten Kapitel legt Borg den Einfluss der Verbraucherrechtsbewegung und die aufkommende Abgasgesetzgebung auf das Gewerbe offen. Beides stellte wiederum die Mechaniker vor neue Herausforderungen. Abschließend geht Kevin Borg auf die Einführung der On-Board-Diagnose-Systeme ein. Deren Computerspeicher machte mittels eines Codes den Fehler identifizierbar und zeigte dem Mechaniker, wo er nach dem Fehler zu suchen habe. Das bedeutete ebenfalls, dass die Sinneswahrnehmung, welche zuvor eine wichtige Eigenschaft der Mechaniker gewesen war, um Defekte effektiv ermitteln zu können, an Bedeutung verlor. Die Summe der Veränderungen schränkte auch sukzessiv die Möglichkeiten ein, an Autos herumzubasteln. Nach Borgs Darstellung behielt also das Auto länger "a high degree of postproduction interpretative flexibility" (122) als dies zuletzt in anderen Studien ausgeführt worden ist. [2]

Kevin Borgs Studie arbeitet interessante Verknüpfungen und Konstellationen heraus und ist in ihrer Blickrichtung nicht auf die Figur des Automechanikers beschränkt. Sie ist somit für ein breiteres Spektrum von Lesern interessant, als der Titel zunächst suggeriert. Da Kevin Borgs Untersuchungsgegenstand auf die USA beschränkt bleibt, müssen erst noch Forschungsvorhaben konzipiert werden, welche einen Vergleich mit anderen Ländern zulassen. Ferner wäre es interessant zu sehen, wie es sich mit dem technology's middle ground bei anderen Technologien verhält. Borg selbst plädiert dafür diesen Bereich verstärkt zu untersuchen, weil so "the diverse sources of technological change in fresh ways " (172) untersucht werden können. Insgesamt ist Kevin Borgs facettenreiche Geschichte der Automechaniker in jedem Fall eine gewinnbringende Lektüre, die durch sachliche Argumentation und klare Sprache gut zu lesen ist.


Anmerkungen:

[1] Vgl. exemplarisch Ronald R. Kline und Trevor J. Pinch: Users as Agents of Technological Change: The Social Construction of the Automobile in the Rural United States, in: Technology & Culture (37) 1996, 763-765 und David A. Hounshell: From the American System to Mass Production. 1800-1932. The Development of Manufacturing Technology in the United States, Baltimore 1985.

[2] Vgl. Kline/Pinch: Users und Kathleen Franz: Tinkering. Consumers Reinvent the Early Automobile, Philadelphia 2005.

Christopher Neumaier