Rezension über:

Sylvia Taschka: Diplomat ohne Eigenschaften? Die Karriere des Hans-Heinrich Dieckhoff (1884-1952) (= Transatlantische Historische Studien; Bd. 25), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2006, 289 S., ISBN 978-3-515-08649-3, EUR 45,00
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Rezension von:
Michael Jonas
Historisches Institut, Universität Helsinki
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Michael Jonas: Rezension von: Sylvia Taschka: Diplomat ohne Eigenschaften? Die Karriere des Hans-Heinrich Dieckhoff (1884-1952), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 [15.12.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/12/12746.html


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Sylvia Taschka: Diplomat ohne Eigenschaften?

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Angesichts einer allgemeinen Wiederbelebung historischer Biographik im deutschsprachigen Raum wendet sich auch die ohnehin lebhafte historiographische Beschäftigung mit dem Auswärtigen Amt zunehmend der Biographie zu. [1] In diesen Forschungstrend ist auch die Studie Sylvia Taschkas zur Karriere von Hans Heinrich Dieckhoff, Botschafter des Deutschen Reiches in Washington und Madrid, einzuordnen. Taschkas Arbeit ist, wie häufig bei Biographien - trotz einiger innovationsfreudiger Ausnahmen - chronologisch strukturiert. Ihre mit Verweisen zum Forschungsstand gesättigte Einleitung bestimmt die der Studie zugrunde liegende Fragestellung als Versuch, einen analytischen Blick auf die "Mitträger" des NS-Staats "auf höchster Ebene" (22) zu werfen. Über Dieckhoff als sozial- und mentalitätsgeschichtliches Beispiel sollen Rückschlüsse im Hinblick auf die "Charakteristika der damaligen diplomatischen Elite Deutschlands" gezogen werden (21). Angesichts dieser Prämissen setzt die Verfasserin den Schwerpunkt ihrer Untersuchung auf Dieckhoffs Verhalten im 'Dritten Reich' und die Analyse von dessen Selbstbild aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Dieckhoff, der einer gut situierten Beamtenfamilie aus Straßburg entstammte, wurde nach abgeschlossenem Jura-Studium 1912 in den auswärtigen Dienst übernommen. Trotz Vorbehalten gegenüber Weimar und der parlamentarischen Demokratie als Staatsform, die er ursprünglich als "Verkörperung politischer Unpraktischheit und Professorenhaftigkeit" (52) abgelehnt hatte, wurde er in den ersten Jahren nach der Novemberrevolution schnell zum Vernunftrepublikaner. Unter dem Eindruck seiner Erfahrungen in Washington, wo er ab 1922 als Botschaftsrat an der Deutschen Botschaft tätig war, wandelte sich der ausgesprochen befähigte und geschäftige Diplomat schließlich zum Republikaner aus Überzeugung, dessen parteipolitische Präferenzen zwischen katholischem Zentrum auf der einen und zunehmender Sympathie für die SPD auf der anderen Seite oszillierten.

Dieckhoffs außenpolitisches Denken fußte auf Bismarckschen Traditionen und war, insbesondere im Blick auf das deutsch-amerikanische Verhältnis, auf Kooperation und Interessenausgleich ausgerichtet. Ohnehin bildeten die Vereinigten Staaten die zentrale Konstante in den außenpolitischen Entwürfen Dieckhoffs, der ab 1930 als Ministerialdirektor, später als Leiter der Politischen Abteilung zu einem der profiliertesten Kenner der angelsächsischen Welt in Reihen des auswärtigen Dienstes wurde. Folgerichtig wurde er schließlich - Höhepunkt einer steilen Karriere - 1937 als Botschafter nach Washington entsandt, vornehmlich um das seit Jahren desolate Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und dem nationalsozialistischen Deutschland wiederherzustellen.

Hitler und den Nationalsozialisten stand er, als Schwippschwager Ribbentrops seit den frühen 1930er Jahren mit der 'Bewegung' bekannt, anfänglich dezidiert ablehnend gegenüber. Im Laufe der Jahre freilich wandelte sich Dieckhoff vom apolitischen Skeptiker zum Bewunderer Hitlers, ohne sich dabei von den ideologischen Komponenten des NS-Regimes gänzlich vereinnahmen zu lassen. In seiner Wahrnehmung des 'Dritten Reiches' bewahrte sich der Spitzendiplomat ein vernunftgeleitetes, an Bismarck geschultes Verständnis von diplomatischer Praxis. So warnte er Ribbentrop nach dem 'Anschluss' Österreichs im Frühjahr 1938 eindringlich, dass eine Aktion dieser Größenordnung Bismarck zweifelsohne veranlasst hätte, für fünfzig Jahre Ruhe zu geben, worauf Ribbentrop prägnant erwiderte: "Dann hast Du keine Ahnung von der Dynamik des Nationalsozialismus." (183) Insbesondere nach seiner Abberufung aus Washington im Gefolge der Reichspogromnacht waren dem Wirken des effektiv kaltgestellten Spitzendiplomaten enge Grenzen gesetzt. Mit Ausbruch des Krieges ließ er sich darüber hinaus zunehmend von der gegen die Vereinigten Staaten gerichteten NS-Propaganda vereinnahmen, war jedoch weiterhin nach Kräften bemüht, einer endgültigen Eskalation im deutsch-amerikanischen Verhältnis entgegenzuwirken.

Taschkas Studie fußt auf einer breiten Quellengrundlage. Sie bezieht neben der offiziellen Überlieferung im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes und einer Reihe von Privatnachlässen vor allem Dieckhoffs persönliches Schrifttum ein. Es ist der Verfasserin dabei gelungen, den in der Dichte seiner Überlieferung beeindruckenden Nachlass des Diplomaten aufzutun, der in seiner Gesamtheit im Familienbesitz erhalten geblieben ist und hier nun erstmals systematisch ausgewertet wird. Tagebücher, frühe Erinnerungsschriften, Manuskripte und vor allem die Privatkorrespondenz Dieckhoffs zeichnen das Bild eines intellektuell souveränen, sensiblen Menschen, dessen manchmal launischer, jedoch stets lebendiger Stil - soweit Taschka ihn im Zusammenhang zitiert - sich angenehm von einem Großteil diplomatischer Korrespondenz und den nach 1945 den Buchmarkt überflutenden Erinnerungsschriften ehemaliger Mitglieder des auswärtigen Dienstes abhebt.

Trotz dieser vergleichsweise privilegierten Ausgangslage gelingt es Taschka weniger überzeugend, Dieckhoffs ambivalentes Verhalten aufzuhellen und generalisierbare Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Berufsdiplomaten des Auswärtigen Amtes insgesamt abzuleiten. Dies hat vornehmlich zwei Gründe: obgleich Taschka sich ausdrücklich zu wissenschaftlicher Objektivität bekennt, liest sich ihre Studie wie ein Musterbeispiel für Überidentifikation mit dem Gegenstand. Ihre Untersuchung von Dieckhoffs Verhalten zerfällt im Grunde in zwei Teile: die Phase vor Dieckhoffs angeblicher Kontaminierung durch den Nationalsozialismus, zumal der Weimarer Zeit, in der Taschkas Dieckhoff als liberaler Vorzeigerepublikaner mit, so die Verfasserin wörtlich, "intaktem Moralempfinden für Fragen ethischer Natur" (90) erscheint; und die Zeit nach Etablierung des NS-Regimes, für die Taschka dem Leser einen zunehmend vom Nationalsozialismus vereinnahmten, "verlogen" (185) argumentierenden, von "Indifferenz, Opportunismus und einem eklatanten Mangel an Humanität" (200) korrumpierten Diplomaten vorhält.

Der hier nur beispielhaft illustrierte, wenig analytische Reflexion zulassende Stil Taschkas weist auf eine weitere Schwäche ihrer Studie hin: den moralischen Gestus, mit dem die Verfasserin das Leben Dieckhoffs begleitet. Insbesondere dessen ambivalentes Verhältnis zum Judentum und die (im Grunde) zeittypische Bezugnahme auf antisemitische Stereotypen, die sich im Kontext seiner Propagandatätigkeit im Auswärtigen Amt in den frühen 1940er Jahren offenbar verstärkte, kreidet Taschka Dieckhoff im Rückblick an. Mit seiner Referenz zur Geistlosigkeit und vermeintlich "jüdischen Zersetzung" der USA - ein gängiger Topos des zeitgenössischen Amerika-Diskurses in Europa - "lieferte er [Dieckhoff] geradezu das Paradebeispiel eines Antisemiten, der, sobald er sich in die Ecke gedrängt fühlt, in seiner Ratlosigkeit als Sündenbock 'die Juden' beschuldigt." (207) Ahistorisch wirkt zudem Taschkas Überlegung, Dieckhoff hätte sich in seinen Beiträgen zu den offiziösen "Monatsheften für Auswärtige Politik", die sämtlich in den frühen 1940er Jahren veröffentlicht wurden, von der "nationalsozialistischen Führungsclique" (213) distanzieren sollen. Auch die Erkenntnis, dass Dieckhoff seine früheren Ansichten mit der von ihm mitgetragenen antiamerikanischen NS-Propaganda kompromittiert und somit eine "bewusst lügnerische und auch hetzerische Sicht der Dinge" (215) verbreitet hätte, gehört in diese Denkrichtung. So alterniert die Verfasserin zwischen leicht aufgesetzt wirkender Entrüstung und einem fortwährend implizit an den "Helden" ihrer Biographie gerichteten Lamento: "Si tacuisses". Dieser Eindruck wird durch eine Reihe inhaltlicher Mängel sowie durch gelegentliche sprachliche Schnitzer noch bekräftigt. So wird - beispielsweise - der konservative Monarchist Franz von Papen zum Vertreter der "konservativen Revolution" (144); der Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes firmiert als Staatssekretär, obgleich er den Rang eines Unterstaatssekretärs innehatte (193); schließlich gerät die Verfasserin bei der Bestimmung des für ihr Verständnis von Dieckhoff wesentlichen Begriffs Vernunft in einige Verlegenheit. Erfährt der Leser im Schlusswort der Arbeit "Vernunft [...] ist ihrem Wesen nach neutral: sie ist keine moralische Größe" (262), so erscheint eben jene vermeintlich wertneutrale Kategorie wenige Seiten zuvor gemeinsam mit Recht und Humanität als ergänzende "moralische Komponente" des Begriffs Ehre (233).

Taschkas Studie hinterlässt alles in allem einen zwiespältigen Eindruck. Dies ist insofern zu bedauern, als die von der Verfasserin in mühevoller Archivarbeit zusammengetragene Quellengrundlage durchaus zu beeindrucken versteht. Gerade auf Grundlage dieses Materials hätte Dieckhoff als Amerikaspezialist des 'Dritten Reiches' eine Biographie mit etwas weniger ira et studium verdient, die der ambitionierten Zielsetzung Taschkas sicherlich näher käme. Stattdessen liegt mit Taschkas Studie ein weiteres Beispiel für eine zunehmende Tendenz in der Historiographie zum 'Dritten Reich' vor: "to abandon analysis, argument and interpretation in favour of the exercise of moral judgement. The historiography of nazi Germany has been invaded, even taken over, to a striking degree by the language of the court prosecutor and the sermonizing moralist." [2]


Anmerkungen:

[1] Zuletzt Stephan Schwarz: Ernst Freiherr von Weizsäckers Beziehungen zur Schweiz (1933 - 1945). Ein Beitrag zur Geschichte der Diplomatie, Bern/Frankfurt a. M. [u.a.] 2007; und Michael Wala: Weimar und Amerika. Botschafter Friedrich von Prittwitz und Gaffron und die deutsch-amerikanischen Beziehungen von 1927 bis 1933 (= Transatlantische Historische Studien; Bd. 12), Stuttgart, 2001.

[2] Richard J. Evans: Introduction (in: Journal of Contemporary History 39/2004, 163-167), hier: 163.

Michael Jonas