Rezension über:

Kai Struve: Bauern und Nation in Galizien. Über Zugehörigkeit und soziale Emanzipation im 19. Jahrhundert (= Schriften des Simon-Dubnow-Instituts; Bd. 4), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, 485 S., ISBN 978-3-525-36982-1, EUR 54,00
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Rezension von:
Kerstin S. Jobst
Fachbereich für Geschichte, Universität Salzburg
Redaktionelle Betreuung:
Marco Wauker
Empfohlene Zitierweise:
Kerstin S. Jobst: Rezension von: Kai Struve: Bauern und Nation in Galizien. Über Zugehörigkeit und soziale Emanzipation im 19. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 [15.12.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/12/10960.html


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Kai Struve: Bauern und Nation in Galizien

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Die vorliegende Berliner Dissertation von Kai Struve stellt erneut das große Interesse deutschsprachiger Osteuropawissenschaftler an der Geschichte des ehemaligen habsburgischen Kronlands Galizien und den dort im 19. Jahrhundert herrschenden, sprichwörtlich gewordenen "galizischen Verhältnissen" unter Beweis. Dem mittlerweile am Leipziger Simon-Dubnow-Institut beschäftigten Verfasser geht es um die Frage, wann polnische und ukrainische Bauern von den nichtbäuerlichen "ethnischen Unternehmern", die zumeist Intellektuelle waren bzw. zur Oberschicht gehörten, als Teil der modernen Nation anerkannt wurden. Er will überdies die Kommunikationsstrukturen und Organisationsräume ausloten, in denen sich die nationale Identifikation der bäuerlichen Bevölkerung vollzog. Der Prozess der "nationalen Integration" gilt Struve dabei dann als vollzogen, wenn Bauern in nationale Organisationen einbezogen und mithin als Teil der eigenen Nation angesehen wurden.

Als Hauptquelle seiner Untersuchung dient ihm dafür die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Galizien einen rasanten Aufschwung nehmende bäuerliche Presse. Dieser Ansatz ist nicht neu. Schon 1988 verfasste John-Paul Himka auf dieser Grundlage seine so einflussreiche Arbeit zur nationalen Integration der ukrainischen Bauern in diesem Teil der Monarchie. [1] Himka musste sich seinerzeit die nicht unberechtigte Kritik gefallen lassen, dass diese Presseerzeugnisse keinesfalls "alle" Bauern erreichten, zumal der Analphabetismus im Galizien der Vorkriegszeit stark verbreitet war. Überdies wurde die Frage nach der Authentizität der bäuerlichen Zuschriften (also der "Leserbriefe") gestellt, waren diese doch - im Einzelnen nicht nachzuvollziehenden - redaktionellen Eingriffen ausgesetzt.

Der Verfasser der hier zu besprechenden Arbeit kennt diese Einwände, zeigt sich aber überzeugt, dass die von ihm ausgewerteten Korrespondenzen "gleichwohl einen recht dichten Einblick in die dörflichen Verhältnisse und in die Haltungen der Dorfbewohner" geben (19). Überdies hat er weiteres umfangreiches Quellenmaterial herangezogen. Allerdings - und dies muss Struve einräumen - handelt es sich bei jener Gruppe der Dorfbewohner, denen er quellenmäßig überhaupt nahe kommen kann, in aller Regel um männliche Hofbesitzer. Es liegt in der Natur der Sache, dass der nationale Identifikationsprozess der gerade im östlichen Galizien so zahlreichen landlosen bzw. allein über Kleinstbesitz verfügenden Bauern, Landarbeiter oder auch der so genannten Bauern-Arbeiter von der Geschichtswissenschaft nur unzureichend zu erfassen ist. Dies gilt in diesem Kontext auch für die "andere Hälfte" der Menschheit, nämlich die weibliche Bevölkerung. Es gehört zu den Stärken dieses Buches, dass dieses Problem immer wieder reflektiert wird. So muss der Verfasser resümierend feststellen, dass es kaum Belege für die aktive Partizipation von Frauen in den dörflichen nationalen Bewegungen gibt. Zudem wird gezeigt, dass die offerierten nationalen Symbolwelten überwiegend männlich-militärisch konnotiert waren. Im polnischen Fall entwickelte sich z. B. Tadeusz Kościuszko zu so einer heroischen Identifikationsfigur, im ukrainischen die Kosaken. Dass Frauen in beiden Nationalbewegungen dennoch eine Rolle spielten, haben andere Untersuchungen gezeigt. [2]

Zeitlich setzt der Verfasser konsequent in der Frühen Neuzeit und beim Übergang vom prämodernen zum modernen Nationsbegriff an. Den Zäsuren bäuerlicher Lebenswelten und der Wahrnehmung durch die Oberschichten nach der habsburgischen Machtübernahme sowie den revolutionären Ereignissen der Jahre 1846 und 1848/1849 ist ein weiterer Abschnitt gewidmet. In einem dritten, ebenfalls einführenden Kapitel wird der Übergang zwischen dem österreichischen Neoabsolutismus und dem Ausgleich von 1867 geschildert. In vier weiteren Kapiteln werden vergleichend die allmählich auch die ländlichen Schichten integrierenden nationalen Organisationen (etwa die Genossenschaften, Volksbildungsvereine, Parteien), die Entwicklung des Volksschulwesens sowie nationale Feiern und Symbolwelten untersucht. In einem letzten, achten Kapitel zeigt Struve, dass die vertikale nationale Integration der bäuerlichen Schichten eine eklatante "Kehrseite" hatte und insbesondere zu Lasten der jüdischen Bevölkerung Galiziens ging. Sowohl in der polnischen als auch in der ukrainischen nationalen Bewegung wurde die antisemitische Karte immer wieder gespielt, um die disparate "Nation" zu einen. Insbesondere auf dem galizischen Lande, wo Juden auch als ökonomische Mittler zwischen Unterschichten und Gutsherren eine besonders hervorgehobene Rolle spielten, konnte Antisemitismus so zu einem auch nationalen Argument werden.

Dieses Ergebnis ist, wie manches andere in dieser Arbeit, nicht wirklich neu. Dennoch gelingt es dem Verfasser anschaulich, bislang verstreute Erkenntnisse auch komparativ zu erfassen und zu erweitern. Es wird gezeigt, dass sich die polnische und die ukrainische Gesellschaft in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auf nationaler Ebene restrukturierte, ohne dass andere, ältere Identifikationsangebote (z. B. regionale, religiöse oder auch die Bindung an den 'guten Kaiser in Wien') gänzlich obsolet geworden wären. Die Nation war zudem gerade im galizischen Fall keineswegs ein reines Manipulationsinstrument der Eliten, sondern barg ein erhebliches Demokratisierungsversprechen: Im polnischen Fall konnten sich bäuerliche Kreise von den traditionellen Eliten emanzipieren, im ukrainischen wurden die ökonomisch potenteren polnischen Grundbesitzer dann alsbald als "fremd" wahrgenommen.

Besonders bedenkenswert ist die These Struves, dass die ukrainische bäuerliche Bewegung alles in allem ein größeres demokratisches Potential als die polnische hatte. Bei den galizischen Polen blieb nämlich der Einfluss städtischer und damit sozial "fremder" Intellektueller auf die ländlichen Organisationen und Presseerzeugnisse weitaus stärker. Dennoch sollten die polnischen Bauernparteien gerade in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre - also nach dem Staatsstreich Piłsudskis - an demokratischen Prinzipien festhalten, was für Struve nicht zuletzt auch ein Resultat der Entwicklung vor dem Ersten Weltkrieg war.

Alles in allem liegt mit der Arbeit Struves ein weiterer wichtiger Beitrag zur Erforschung des habsburgischen Galiziens vor.


Anmerkungen:

[1] John-Paul Himka: Galician Villagers and the Ukrainian National Movement in the Nineteenth Century, Houndsmills u.a. 1988.

[2] Vgl. z. B. Natali Stegman: Die Töchter der geschlagenen Helden. "Frauenfrage", Feminismus und Frauenbewegung in Polen 1863-1919, Wiesbaden 2000; Martha Bohachevsky-Chomiak: Feminists despite Themselves. Women in Ukrainian Community Life 1884-1939, Edmonton 1988.

Kerstin S. Jobst