Rezension über:

Jon D. Mikalson: Ancient Greek Religion (= Blackwell Ancient Religions), Oxford: Blackwell 2005, xiv + 225 S., 58 fig., 6 maps, ISBN 978-0-631-23223-0, GBP 16,99
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Rezension von:
Bernhard Linke
Fachgebiet Geschichte, Technische Universität, Chemnitz
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Bernhard Linke: Rezension von: Jon D. Mikalson: Ancient Greek Religion, Oxford: Blackwell 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 11 [15.11.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/11/7156.html


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Jon D. Mikalson: Ancient Greek Religion

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Nachdem es über lange Zeit zu den antiken Religionen nur relativ alte Einführungswerke gab, hat sich diese Lage in den letzten Jahren durch die Veröffentlichung einer ganzen Reihe neuer Bücher grundlegend verändert. [1] Mit dem Buch von Mikalson steht nun eine weitere Übersicht zu den Grundzügen der griechischen Religion zur Verfügung. Der Autor wählt dabei bewusst einen Ansatz, der die Materie dem Leser sehr anschaulich nahebringen soll. Statt die Hinterlassenschaft der griechischen Religionsausübung in der Antike zu skizzieren, beginnt er seine Darstellung mit einer lebendig gestalteten Rekonstruktion über die Entwicklungslinien eines griechischen Heiligtums (1-31). Als Beispiel dafür wählte Mikalson das Poseidon-Heiligtum von Sounion aus, dessen Anfänge, Ausbau und Fertigstellung er über die Jahrhunderte verfolgt und dabei sehr eindrücklich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die den Veränderungen des Heiligtums zugrunde lagen, schildert: Welche Kriterien für die Auswahl der Orte gab es, welche Umgestaltungen wurden in der ersten Phase vorgenommen, welche Rituale wurden durchgeführt, wer nahm teil und schließlich: Welche Motivation führte zur immer stärkeren architektonischen Ausgestaltung. Im Laufe dieses einführenden Kapitels gibt Mikalson einen Überblick über wesentliche Komponenten griechischer Kultpraxis, die in anderen Einführungen weite Teile der gesamten Darstellung umfassen: Wie definiert sich ein griechisches Heiligtum, wie sahen die zentralen Kultrituale aus und welche Position besaßen die sakralen Spezialisten im Rahmen des religiösen Lebens.

An den einführenden Abschnitt schließen sich sieben weitere an. Zunächst widmet sich Mikalson der Frage nach den sakralen Mächten im religiösen Kosmos der Griechen (32-54). Auf knappem Raum werden die Differenzierungen innerhalb der Götter zwischen olympischen und chthonischen Mächten dargelegt und diese Kategorien ihrerseits wiederum vom Konzept der Heroenverehrung abgesetzt. Schließlich beleuchtet der Autor die Stellung des Menschen im Rahmen des polytheistischen Kosmos. In seinen kompakten Ausführungen vergisst er jedoch nicht, auf das Problem des Spannungsfeldes zwischen überregionalen Konzepte und lokalen Kulttraditionen einzugehen.

In dem kurzen dritten Kapitel (55-67) stellt Mikalson sieben mythische Erzählungen vor, die allerdings - bis auf eine Ausnahme - ausschließlich dem attischen Kultkreis entnommen sind. Das Problem des Mythos fasst er zu Beginn auf einer Seite knapp zusammen.

Die anschließende Skizzierung (68-132) von fünf wichtigen Kulten in Griechenland macht einen wesentlichen Kern des Buches aus. Auch hier findet sich ein deutlicher Schwerpunkt auf der attischen Kultpraxis, die mit den ausführlichen Darstellungen des Athena Polias-Kultes und des Mysterienkultes von Eleusis vertreten ist. Nach einer kürzeren Schilderung des Dionysoskultes in Theben werden diese poliadischen Kulte mit den panhellenischen Kulten in Delphi und Olympia in Kontrast gesetzt.

Mit dem fünften Kapitel (133-159) verlässt Mikalson die Strukturebene der rein religiösen Sphäre und beleuchtet die Annäherung an das Sakrale aus der Perspektive der unterschiedlichen sozialen Einheiten. Dominiert wird dieser Abschnitt zunächst durch die verschiedenen Rollen, die den einzelnen Familienmitgliedern bei der Kultausübung zukommen. Während der Autor auf diese Weise parallel das Problem geschlechtsspezifischer Differenzierungen im religiösen Leben erörtern kann, bleiben lokale Kultpraktiken der Dörfer, die sich auch in der Überschrift 'Religion in Greek Family and Village' wiederfinden, eher im Hintergrund.

Dem Aspekt, der in den zurückliegenden Jahren sehr oft im Fokus der Forschung gestanden hat - die Einbettung der griechischen Religion in die spezielle Form der Vergemeinschaftung im Rahmen der Polis - widmet sich Mikalson in seinem sechsten Abschnitt (160-180), dem er nicht ungeschickt ein Kapitel über das Verhältnis des Individuums zur griechischen Religion folgen lässt (181-196). In dem Gesamtkomplex werden dabei so unterschiedliche Problemstellungen wie die Bedeutung religiöser Aktivitäten für die Ökonomie und die Seefahrt, für die Konstituierung kollektiver Identitäten und regionaler Organisationsstrukturen, aber auch die Frage über die Vorstellungen zu einem Leben nach dem Tode und zu den religiös motivierten moralischen Handlungshorizonten im individuellen Verhalten angesprochen. Abgeschlossen wird das Buch durch einen Abschnitt zu den Veränderungen des religiösen Lebens in hellenistischer Zeit (198-219), mit dem zum ersten Mal ein diachroner Aspekt in die Darstellung einfließt.

Im Text selbst finden sich nur wenige Anmerkungen, doch hat der Autor am Ende der einzelnen Kapitel eine knappe Auswahl an weiterführenden Werken zusammengestellt, die dem Leser eine vertiefende Lektüre ermöglichen sollen. Am Ende findet sich eine gut ausgewählte Literaturliste.

Zu Beginn einer allgemeinen Wertung des Buches lässt sich eines feststellen: Es ist sehr gut geschrieben. Der Autor versteht es hervorragend, das Interesse des Lesers zu wecken und ihn zum Teil in einer ungewöhnlichen Art und Weise in die Entwicklung seiner Gedanken einzubinden. Für ein Werk, das sich primär als Einführung für den Studenten und interessierte Laien versteht, ist diese gewinnende Art allein schon ein großer Vorteil. Die zahlreichen Abbildungen und Rekonstruktionen sowie die in den Text eingefügten Quellenzitate ergänzen diesen positiven Effekt auf den Leser.

Neben diesen bemerkenswerten Aspekten gibt es allerdings auch kritische Komponenten in diesem Werk. So konzentriert sich die Rekonstruktion von Mikalson zu einem ganz überwiegenden Teil auf die spezifische Ausformung der Religion in Athen. Die gegebenen Beispiele zur regionalen Religionsausübung werden fast ausschließlich diesem griechischen Kulturbereich entnommen. Zweifellos ist die Quellenlage zu Athen ungewöhnlich günstig und viele Elemente des kulturellen Lebens des so genannten 'dritten Griechenlands' entgehen uns. Doch auch vor dem Hintergrund dieser Überlieferungslage scheint eine simple Gleichsetzung der Kultausübung in Attika mit 'der griechischen Religion' sehr problematisch. Da sich nicht nur in Sparta, das kaum Berücksichtigung findet, sondern auch in Athen unter dem Eindruck der speziellen Entwicklung dieser Polis vieles auf eine Weise entwickelt hat, ist das religiöse Leben dort nicht ohne weiteres mit dem in anderen Poleis vergleichbar. An Versuchen, die athenzentrierte Darstellungsform zu überwinden, fehlt es nicht in der Forschung.

Diese kritischen Einwände sollen aber nicht den sehr ansprechenden Gesamteindruck des Buches verdecken, das jedem zu empfehlen ist, der eine erste Annäherung an das religiöse Leben in der griechischen Antike sucht.


Anmerkungen:

[1] Aus der Vielzahl der Arbeiten sei nur auf Simon Price: Religions of the Ancient Greeks, Cambridge 1999; Jan N. Bremmer: Götter, Mythen und Heiligtümer im antiken Griechenland, Darmstadt 1996; Louise Bruit Zaidman / Pauline Schmitt Pantel: Die Religion der Griechen, München 1994; und Madeleine Jost: Aspects de la vie religieuse en Grèce, 2. Auflage, Paris 1992; verwiesen.

[2] Vgl. zum Beispiel Fritz Graf: Nordionische Kulte, Rom 1985.

Bernhard Linke