Rezension über:

Brigitte Heidenhain: Juden in Wriezen. Ihr Leben in der Stadt von 1677 bis 1940 und ihr Friedhof (= Pri ha-Pardes; Bd. 1), Potsdam: Universitätsverlag Potsdam 2007, 184 S., ISBN 978-3-939469-39-1, EUR 12,00
Buch bei Amazon bestellen
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Tobias Schenk
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Staats- und Personenstandsarchiv Detmold
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Tobias Schenk: Rezension von: Brigitte Heidenhain: Juden in Wriezen. Ihr Leben in der Stadt von 1677 bis 1940 und ihr Friedhof, Potsdam: Universitätsverlag Potsdam 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 11 [15.11.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/11/13684.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Brigitte Heidenhain: Juden in Wriezen

Textgröße: A A A

Wenn im Rahmen der deutsch-jüdischen Geschichte der Neuzeit insbesondere der Zeitraum von der Mitte des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts als ausgesprochen schlecht erforscht zu bezeichnen ist, so gilt dieses Desiderat auch für die Kurmark Brandenburg und damit für eine Region, die in jener Epoche das Herz der Hohenzollernmonarchie bildete. Sieht man einmal von Berlin ab, das als Zentrum der jüdischen Aufklärung von jeher besondere Aufmerksamkeit fand und findet, so liegen lediglich für die jüdischen Gemeinden von Rathenow und Frankfurt/Oder neuere empirisch untermauerte Aufsätze vor. Selbst für Potsdam, dessen jüdische (Seiden-)Manufakturunternehmer als Prototypen eines "importierten Ersatzbürgertums" (Stefi Jersch-Wenzel) erscheinen, kam bislang nicht viel mehr zustande als eine Neuauflage von Robert Kaelters Gemeindegeschichte aus dem Jahre 1903.

Während für die jüdischen Gemeinden Emdens sowie des Fürstentums Minden in den vergangenen Jahren gewichtige Regionalstudien erschienen sind, bleibt so gerade die "Zentralprovinz" des Alten Preußen (Wolfgang Neugebauer) immer weiter zurück. Dass die Forschung hier weiterhin auf derart schwachen empirischen Füßen steht, ist 17 Jahre nach der Wiedervereinigung und angesichts der exzellenten Erschließung der zentralen Quellen nur mit Verwunderung zur Kenntnis zu nehmen.

Vor diesem Hintergrund greift man mit um so größerem Interesse zu der handlichen Studie von Brigitte Heidenhain über die Juden in Wriezen, mit der die Vereinigung für Jüdische Studien zugleich ihre Reihe "Pri ha-Pardes" eröffnet, durch die "kleineren wissenschaftlichen Studien, Forschungen am Rande der großen Disziplinen und exzellenten Masterarbeiten" ein Forum geschaffen werden soll (Umschlagstext). Der damit umrissene Anspruch wird auch im knapp gehaltenen Literaturverzeichnis deutlich, doch bestehen gerade mit Blick auf die Frühe Neuzeit keinerlei Gründe, an dem zum Teil überaus interessanten Material vorüberzugehen, das die Autorin bei ihrer Archivarbeit zusammengetragen hat.

Dabei kommt ihr zustatten, dass Wriezen als Untersuchungsgegenstand ausgesprochen gut gewählt ist, zählte die Stadt im Oderbruch doch neben Angermünde, Brandenburg/Havel, Nauen und Tangermünde zu jenen kurmärkischen Landstädten, in denen sich bereits relativ rasch jüdische Familien niederließen, nachdem Kurfürst Friedrich Wilhelm im Jahre 1671 die Aufnahme von aus Wien vertriebenen wohlhabenden Juden verfügt hatte. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, gleichsam von Beginn an den Wandlungen und zunehmenden Schärfen absolutistischer Judenpolitik sowie ihren Auswirkungen auf die Adressaten am Beispiel einer kleinen, nur wenige Familien zählenden Gemeinschaft nachzuspüren.

Der Aufbau des Bandes ist im Wesentlichen ein chronologischer, wobei der Schwerpunkt der Ausführungen auf den Zeitraum vom 17. bis 19. Jahrhundert gelegt wird. Das 20. Jahrhundert findet hingegen nur sehr wenig Beachtung. Insbesondere zur NS-Zeit und zum Novemberpogrom, bei dem die 1886 errichtete (zweite) Wriezener Synagoge in Brand gesteckt wurde, hätte man gern mehr erfahren. Einem kursorischen Überblick über das "Leben der Juden in Preußen" vom Mittelalter bis zur Vernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus (10-20) folgt so das dominierende Kapitel "Juden in Wriezen" (21-99), welches neben prosopographischen Ausführungen über die in der Stadt wohnhaften Familien auch Unterkapitel über eine im 18. Jahrhundert von Juden betriebene Haken- und Schnallenmanufaktur sowie über Synagoge, Unterricht und Kultus vornehmlich im 19. Jahrhundert enthält.

Beachtung verdient zudem die umfangreiche Dokumentation des Friedhofes mit 131 Grabsteinen aus der Zeit seit 1773, was ihn heute in den Rang eines der bedeutendsten jüdischen Friedhöfe in Brandenburg erhebt (100-177). Neben der Transkription der Inschriften sowohl in hebräischer als auch in deutscher Sprache ist dabei insbesondere die Anbindung an eine zur Zeit noch im Aufbau befindliche Internetpräsenz positiv hervorzuheben.

Im vorliegenden Buch zeichnet die Autorin für die voremanzipatorische Zeit - und darin ist nach Ansicht des Rezensenten der große Wert der Studie zu erblicken - das Bild einer sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts Schritt für Schritt verschärfenden Judenpolitik, wobei "die merkantilistischen Wirtschaftsinteressen des Staates, die 1671 den Großen Kurfürsten veranlasst hatten, die ersten Juden ins Land zu holen, immer mehr hinter die penible Beschäftigung mit jüdischen Statusangelegenheiten zurücktraten" (23). Selbst die nach dem Tode Friedrichs des Großen (1786) mühsam in Gang gekommene und bald ins Stocken geratene "Reform des Judenwesens" schlug sich vor Ort, das heißt bei dem darüber wenig erfreuten Magistrat, lediglich in einer erhöhten Berichtspflicht nieder (73).

Allerdings wird bei der Lektüre jener Passagen nicht recht deutlich, ob der Autorin bewusst ist, welch innovative Überlegungen sie damit vorträgt, denn eine Auseinandersetzung mit konträren Positionen in der Literatur unterbleibt hier wie auch an anderen Stellen. Dies ist umso bedauerlicher, als in zahlreichen Handbuch- und Überblicksdarstellungen bis auf den heutigen Tag das gerade Gegenteil behauptet wird. Von einem Nachlassen des obrigkeitlichen Drucks und sich rationalisierenden Verwaltungsabläufen haben die Juden in Wriezen während des gesamten 18. Jahrhundert jedoch augenscheinlich kaum etwas bemerkt. Stattdessen kann die Autorin anhand zahlreicher Beispiele die sozialen Folgen des Schutzjudensystems plastisch darlegen. Besonders einschneidend wirkten sich dabei offenbar die Beschränkungen bei der "Ansetzung" von Söhnen bereits etablierter Schutzjuden aus, was vor Ort unter anderem zu einem "Bruderzwist um das heiß begehrte Schutzpatent" (53) oder zu dem verzweifelten Bemühen führte, anderweitig nicht abgesicherte Kinder wenigstens als Gemeindebediente unterzubringen (71-72).

Bei der Nachzeichnung der zugrundeliegenden Rechtslage unterlaufen der Autorin allerdings einige Ungenauigkeiten. So sollte nicht außer acht bleiben, dass den (ordentlichen) Schutzjuden im Zeitraum von 1747 bis 1763 das Etablissement zweiter Kinder gänzlich untersagt blieb. Zudem war eine derartige Ansetzung nicht Dasselbe wie die Verleihung eines lediglich ad dies vitae geltenden Rechtstitels als außerordentlicher Schutzjude (24, 58). Auch hatte eine Heirat der Ansetzung zu folgen und nicht umgekehrt (24) - alles andere war illegal und wurde von der Obrigkeit mit Strafen bis hin zum Landesverweis geahndet. So berichtet die Autorin selbst von einer solchen ohne Konzession vollzogenen "Copulation" im Jahre 1741, die dem Delinquenten acht Tage Festungshaft eintrug, womit er im übrigen noch relativ glimpflich davon kam (52-53).

Überaus interessant ist wiederum, was die Autorin über die Haltung des Wriezener Magistrats gegenüber den Juden zu berichten weiß. Geradezu als absolutismuskritischer Leckerbissen darf dabei eine Episode aus dem Jahre 1787 gelten, als der Magistrat gegenüber dem Generaldirektorium für mehr kaufmännische "Concurrenz" plädierte und die Minister wissen ließ, mit der ständigen Rücksichtnahme auf die christliche Kaufmannschaft bei Niederlassungsgesuchen von Juden solle "es mal genug sein" (73). Stattdessen gereiche das Etablissement jüdischer Tuchhändler insbesondere den Tuchmachern und Wollfabrikanten zum Vorteil und könne für den Verbraucher zu niedrigeren Preisen führen. Dies alles liest man mit großem Gewinn, zumal in jenen Teilen der Literatur, die weiterhin meinen, sich wie ehedem am Werk Selma Sterns orientieren zu können, noch immer ausgesprochen etatistische Positionen vertreten werden. Danach habe das aus Berlin und Potsdam vordringende "staatliche Recht" gerade in der Peripherie zum Wohle der Juden mit der "Willkür irgendwelcher sich despotisch gebärdender Dorfschulzen und Bürgermeister" [1] aufgeräumt.

Die von Juden im "Aufgeklärten Absolutismus" erfahrbare Willkür verfügte freilich häufig über keine rathäusliche Provenienz, sondern drang gerade aus Berlin und Potsdam in die Provinz vor, wie denn auch deren Bewohner spätestens seit den Studien von Lieselott Enders und Brigitte Meier nicht mehr pauschal als Kontrahenten einer das Naturrecht unter dem Arm mit sich führenden Berliner Aufklärungselite angesehen werden dürfen.

Angesichts derartiger, unmittelbar aus den Quellen geschöpfter Erträge möchte man der Studie trotz der genannten Einschränkungen einen breiten Leserkreis wünschen. Wenn sie auf diese Weise dazu beitrüge, das Bewusstsein für die weiterhin bestehenden gravierenden Forschungslücken zu schärfen, so wäre dies kein geringes Verdienst.


Anmerkung:

[1] Julius H. Schoeps: "Ein jeder soll vor alle und alle vor ein stehn". Die Judenpolitik in Preußen in der Regierungszeit König Friedrich Wilhelms I., in: Friedrich Beck / Julius H. Schoeps. (Hgg.): Der Soldatenkönig. Friedrich Wilhelm I. in seiner Zeit, Potsdam 2003, 141-160, hier 145-146.

Tobias Schenk