Rezension über:

Kerstin Brückweh: Mordlust. Serienmorde, Gewalt und Emotionen im 20. Jahrhundert (= Campus Historische Studien; Bd. 43), Frankfurt/M.: Campus 2006, 512 S., ISBN 978-3-593-38202-9, EUR 44,90
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Rezension von:
Silvio Raciti
Historisches Institut, Universität Bern
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Silvio Raciti: Rezension von: Kerstin Brückweh: Mordlust. Serienmorde, Gewalt und Emotionen im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M.: Campus 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 11 [15.11.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/11/13455.html


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Kerstin Brückweh: Mordlust

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Kerstin Brückweh behandelt in ihrer Dissertation mit physischer, sexuell konnotierter Gewalt ein kriminalstatistisch marginales Thema. Dennoch kann es - wie diesen Sommer der Fall des verschwundenen Mädchens Madeleine McCann - in der medialen Berichterstattung hohe Wellen schlagen. Sexuell motivierte Serienmorde erregen die Gemüter. Dieser Widerspruch von geringer sozialer Relevanz und starker medialer Präsenz des Themas steht am Ursprung des Interesses der Autorin.

Das Vorwort zeigt, dass Brückweh mit der Wahl ihres Untersuchungsgegenstands auf Unverständnis gestoßen ist (9). Serienmörder sind in der Regel Gegenstand reißerischer Presseberichterstattung und populärwissenschaftlicher Literatur. Dazu beigetragen haben dürfte auch der Verzicht auf statistische Methoden, welche die historische und sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kriminalität und Gewalt in modernen Gesellschaften prägen. [1] Brückweh setzt hingegen auf einen mikroperspektivischen, akteurszentrierten Ansatz und trifft damit ein Desiderat der Forschung. Mittels des kulturgeschichtlichen Instrumentariums, das sich in der kriminalitätshistorischen Forschung zur Frühen Neuzeit bewährt hat, analysiert sie vier Fälle, die großes, mediales Aufsehen erregten: Friedrich Haarmann (Weimarer Republik), Adolf Seefeld (Nationalsozialismus), Erwin Hagedorn (DDR) und Jürgen Bartsch (BRD). Somit deckt die Studie alle politischen Systeme Deutschlands im 20. Jahrhundert ab. Dieses klug gewählte Untersuchungsdesign erlaubt flexible synchrone und diachrone Vergleiche. Neuland betritt Brückweh auch, indem sie männliche Opfer sexueller Gewaltakte in den Fokus nimmt und die Reaktion von Medienkonsumenten auf die Berichterstattung analysiert. Die zentrale Quellengrundlage dazu bilden die Gerichtsakten der vier Fälle, die sie nach Bedarf um weiteres Quellenmaterial ergänzt.

Brückweh interessiert sich vor allem für drei Themen: Die Gewalterfahrungen der Opfer, die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung durch die rechtsprechende Gewalt und die medialen Repräsentationen der Fälle sowie deren Rezeption. Diese Schwerpunkte gliedern die Studie in drei Teile.

Im ersten Teil erkundet Brückweh die physisch ausgeübte Gewalt. Sie tut dies auf der Höhe des Forschungsstandes in der Soziologie und der Geschichtswissenschaft. [2] Als erkenntnisleitendes Theorem dient Erving Goffmanns symbolischer Interaktionismus. Im ersten Kapitel stehen nicht die außergewöhnlichen Taten im Vordergrund, welche zum Tod der Opfer führten, sondern vielmehr die physische Gewaltanwendung, durch welche die Serientäter bereits vor ihren Tötungsdelikten in ihrem sozialen Nahraum aufgefallen waren. Die Analyse der Vernehmungsprotokolle der Opfer offenbart nach Ansicht der Autorin eine Normalisierungstendenz in der Deutung der Geschehnisse durch die Opfer und deren Angehörige. In der Regel wurden informelle Verfahren gewählt, um die Vorfälle auszuräumen. Nur bei außeralltäglichen Ereignissen, die beispielsweise sichtbare Verletzungen zur Folge hatten, wurden Behörden eingeschaltet.

Die Ermittler, deren Sicht im zweiten Kapitel des ersten Teils im Zentrum steht, setzten andere Schwerpunkte und konzentrierten sich ganz darauf, den Mörder zu finden. Dabei gingen sie vom Stereotyp des "fremden Täters" aus, der das völlig "Andere" repräsentierte. Die Ermittler unterlagen in ihrer Wahrnehmung einer Dämonisierungstendenz. Die Perspektive der Opfer im sozialen Nahraum wurde dadurch marginalisiert. Dies geschah auch, weil Sexualität im privaten Rahmen und in den Medien im Untersuchungszeitraum selten thematisiert wurde. Das männliche Geschlecht der Opfer verstärkte diesen Effekt, da Homosexualität im Untersuchungszeitraum gesetzlich verboten war.

Im zweiten Teil untersucht die Autorin die Bemühungen der Justiz zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung. Sie geht davon aus, dass sexuell motivierte Serientäter die "wahren Außenseiter" (Howard S. Becker) der Gesellschaft sind. Im Umgang mit ihnen zeige sich, ob der Rechtsstaat funktioniere. Dabei versteht sie - einem rechtsethnologischen Ansatz folgend - die Funktionsweise der Justiz als Aushandlungsprozess der verschiedenen, beteiligten Akteure. Brückweh untersucht eingehend die Verflechtung von Justizsystem mit dem wissenschaftlichen Feld anhand der Auswahl der Experten und der Gutachtertätigkeit verschiedener Disziplinen. Dabei zeigt sich, dass aufgrund der Unterordnung des wissenschaftlichen unter das juristische System, keine hinreichende Erklärung für die Taten gefunden wurde. Durch die juristische Vorstrukturierung der Fälle wurde auch die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit geprägt. Das Ziel der Bestrafung des Beschuldigten führte zu einer Konzentration auf die Mordtaten und eine Marginalisierung der Opfer nicht-letaler Gewalt. In der Berichterstattung kam es so zur Vernachlässigung des relativ häufigen Delikts des sexuellen Missbrauchs zu Gunsten des seltenen Serienmordes mit sexuellem Hintergrund.

Haarmann, Seefeld und Hagedorn wurden nach erstinstanzlichem Urteil hingerichtet, während Bartsch zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. In der BRD war die Todesstrafe gesetzlich nicht vorgesehen. Unter Ausnützung des Medienmarktes gelang es Bartsch, die Neuverhandlung seines Falles zu erlangen. Das zweite Urteil stellte ihm eine Therapie und die Resozialisierung in Aussicht. Letztlich konnte aber auch in der BRD der Täter nur bestraft und nicht geheilt werden: Die Therapiemaßnahmen abseits der medialen Öffentlichkeit scheiterten allesamt, wobei der letzte verzweifelte Versuch mit dem Tod Bartschs durch einen ärztlichen Kunstfehler endete.

Im dritten Teil nimmt sich Brückweh der medialen Vermittlung der sexuellen, physischen Gewalt zwischen Inszenierung und Instrumentalisierung sowie der dadurch hervorgerufenen Emotionen bei den Medienkonsumenten an. Anregungen aus den Cultural Studies aufgreifend, werden die medialen Ereignisse als Repräsentationen und die Rezeption durch die Konsumenten als Aneignung gefasst. Als Quellengrundlage für diese Medien- und Rezeptionsanalyse dienen die Medienberichterstattung und Briefe unbeteiligter Personen (Leserbriefe, unveröffentlichte Briefe an beteiligte Institutionen und Personen). Damit kann Kerstin Brückweh die vielfältigen Produktions-, Aneignungs- und Kommunikationsprozesse detailliert herausarbeiten, welche die mediale Inszenierung der Serienmörder und deren Rezeption hervorriefen. Die Auswahl der untersuchten medialen Ereignisse mutet auf den ersten Blick etwas eklektisch an. Diese ist aber durch die Quellenlage bedingt und methodisch immer stichhaltig begründet.

Mit ihrem multiperspektivischen Ansatz gelingt es Kerstin Brückweh, ein umfassendes und facettenreiches Bild des Phänomens des sexuell motivierten Serienmörders zu zeichnen. Durch die ständige Ausweitung des Fokus' über die unmittelbare Gewaltanwendung hinaus bis zur medialen Vermittlung der Gewalt gelingt es der Autorin akteurs- und systemzentrierte Ansätze zu integrieren und den gesellschaftlichen Kontext der Gewalt, ihrer Sanktionierung und ihrer Wahrnehmung zu fassen. Die Dissertation überzeugt nicht nur inhaltlich. Die übersichtliche Darstellung und Gliederung erlauben auch eine einfache Orientierung. Insbesondere die Zusammenfassungen am Ende der Kapitel und der Hauptteile erweisen sich als sehr hilfreich. Einziger Abstrich in dieser Hinsicht sind die nur spärlichen Hinweise auf die Basisfakten der vier Fälle in der Einleitung, was den unkundigen Leserinnen und Lesern den Einstieg erschwert.


Anmerkungen:

[1] Stellvertretend für die umfangreiche, quantitative Forschung: Eric A. Johnson / Eric H. Monkkonen (eds.): The Civilization of Crime. Violence in Town and Country since the Middle Ages, Chicago 1996.

[2] Zum Forschungsstand in der Geschichtswissenschaft: Thomas Lindenberger / Alf Lüdtke (Hgg.): Physische Gewalt. Studien zur Geschichte der Neuzeit, Frankfurt 1995; zum Forschungsstand in der Soziologie: Trutz von Trotha (Hg.): Soziologie der Gewalt, Opladen 1997.

Silvio Raciti