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Jeroen Giltaij et al. (eds.): Gemaltes Licht. Die Stilleben von Willem Kalf 1619 - 1693. Ausstellungskatalog, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, 2006/07 / Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen 2007, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2006, 170 S., 42 Farb-, 126 s/w-Abb., ISBN 978-3-422-06673-1, EUR 24,90
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Rezension von:
Sabine Pénot
Kunsthistorisches Museum, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Dagmar Hirschfelder
Empfohlene Zitierweise:
Sabine Pénot: Rezension von: Jeroen Giltaij et al. (eds.): Gemaltes Licht. Die Stilleben von Willem Kalf 1619 - 1693. Ausstellungskatalog, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, 2006/07 / Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen 2007, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 11 [15.11.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/11/12588.html


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Jeroen Giltaij et al. (eds.): Gemaltes Licht. Die Stilleben von Willem Kalf 1619 - 1693

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Seit der grundlegenden Monografie Grisebachs zum Œeuvre Willem Kalfs von 1974 [1] wurde dem "in Kennerkreisen schon lange als der wichtigste Stillebenmaler des holländischen Goldenen Zeitalters" (7) geltenden Künstler keine vergleichbar umfassende Studie gewidmet. Zwar ist Kalf im Rahmen von Ausstellungen zum holländischen Stillleben gewürdigt worden [2], und sind dank technologischer Untersuchungen seit 1990 wesentliche Erkenntnisse im Bereich der Maltechnik des Meisters und dadurch auch in Zuschreibungsfragen erlangt worden, die in Ausstellungen präsentiert wurden [3], doch bei weitem ohne den Umfang der Schau "Gemaltes Licht. Die Stilleben von Willem Kalf 1619-1693" zu erreichen. Den Veranstaltern dieser ersten monografischen Ausstellung, dem Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam und dem Suermont-Ludwig-Museum in Aachen, gelang es, hervorragende Leihgaben von Museen und Privatsammlungen aus aller Welt zu gewinnen (insbesondere Kat. 20, Kat. 25, 31, 32, 36). 17 Gemälde wurden zum ersten Mal überhaupt ausgestellt - unter anderem das früheste Gemälde Kalfs (Kat. 1), das im Laufe der Ausstellungsvorbereitungen entdeckt wurde.

Der chronologisch aufbereitete wissenschaftliche Katalog, der sich als "Ergänzung zu Grisebachs Publikation" versteht (7), folgt nach einer einleitenden, ausführlichen Biografie des Künstlers und einer eingehenden Studie der in Kalfs Gemälden vorkommenden Objekte drei großen Abschnitten, die jeweils durch einen Artikel eingeleitet werden: 1. Willem Kalf in Rotterdam und Paris: die bäuerlichen Interieurs; 2. Willem Kalf in Paris: die frühen Stilleben; 3. Das Amsterdamer Œuvre Willem Kalfs in der Perspektive. Zudem werden der Nachfolge Kalfs in Holland sowie seinem Einfluss im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts im Anschluss an den Katalog zwei Einzelstudien gewidmet. Fred G. Meijer, die Autorität im Bereich des holländischen Stilllebens, schließt den Band mit "Addenda und Corrigenda zu Lucius Grisebachs Katalog der Werke von Willem Kalf" ab.

Zu neuen Erkenntnissen kommen Friso Lammertse und Mickaël Szanto in der umfassenden Biografie des Künstlers. Erstmals wird eine Station Kalfs in Den Haag zwischen 1638 und ca. 1640 belegt sowie ein Aufenthalt in Flandern ebenfalls vor dem Aufbruch nach Paris vermutet. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Beleuchtung der besonders produktiven Pariser Schaffenszeit, für die ein knapper Zeitraum zwischen 1642 und 1645 angenommen wird (12). Dadurch lässt sich die Auseinandersetzung mit dem Thema des Bauerninterieurs noch vor dem Parisaufenthalt belegen, was der frühen Schaffenszeit eine gewichtigere Bedeutung verleiht. Demnach entstand das erste datierte Gemälde Kalfs 1638 noch in Holland: laut Lammertse in Den Haag (10), laut Jeroen Giltaij in Rotterdam (42).

Eine mehrstimmige Diskussion wirft die umstrittene Frage nach Kalfs Ausbildung auf. Ebenso wie die These Arnold Houbrakens, Kalf habe bei Hendrick Pot gelernt, wird die Vermutung einer Lehrzeit bei François Rijckhals angezweifelt. Im Kontext der Kunstlandschaft im Rotterdam der 1630er Jahre schlägt Giltaij überzeugend Hendrick Sorgh, einen der gefragtesten Maler der Stadt, als Lehrer Kalfs vor. Bedauerlicherweise ermöglicht es die Qualität der Abbildung aber nur eingeschränkt, die vergleichende Beschreibung eines der Bauerninterieurs von Sorgh mit Kalfs frühestem Gemälde nachzuvollziehen (36 und Kat. 1). Zwei weitere Annahmen gehen auf Fred G. Meijer zurück: Er vermutet einerseits, Houbraken, demzufolge Kalf bei dem Haarlemer Hendrick Pot ausgebildet wurde, habe den Namen Hendrick Pot mit Hendrick Potuyl verwechselt (36-37); andererseits zieht er eine Lehre Kalfs bei dem Druckgrafiker Hendrick Cornelisz Pot in der Zeit zwischen der Pariser und der Amsterdamer Periode in Betracht (95).

Alexandra Gaba-van Dongen widmet den Gebrauchsgegenständen und Prunkobjekten in Kalfs Werk eine ausgezeichnete Studie, die im Rahmen des Rotterdamer Projektes "Boijmans Van Beuningen Documentatiesysteem voor Pre-Industriele Gebruiksvoorwerpen" entstand und einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der materiellen Kultur leistet.

Die verwickelte Frage nach Vorläufern und Nachfolgern Kalfs beschäftigt Meijer und Giltaij, die den Beginn sowohl der bäuerlichen als auch der (Prunk-)Stilleben auf die Rotterdamer Zeit zurückführen und einige Namen als mögliche Quellen für Kalfs Werk nennen: Jacques Linard, Sebastian Stosskopff (in Paris), Simon Luttichuys und Jan Davidsz. de Heem (in Holland oder Antwerpen). Jedoch selbst in der Pariser Zeit behält Kalfs Werk einen niederländischen Charakter, der es von der zeitgenössischen französischen Kunst unterscheidet. Ferner führt Meijer den Leser durch das Gestrüpp der zahlreichen Stilllebenmaler in der Nachfolge Kalfs, der vermutlich nur ein kleines Atelier mit wenigen Mitarbeitern hatte und von dem kein einziger Schüler namentlich bekannt ist. Dabei gibt Meijer erhellende Einblicke etwa in das Werk von Christiaen Striep und Jurriaen van Streeck (150-155).

Françoise Joulie spürt dem Einfluss Kalfs in Frankreich zu der Zeit nach, als nordische Künstler in Paris besonders begehrt und gesammelt wurden. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Einfluss von Kalfs Bauerninterieurs auf Sébastien Bourdon, den der Maler persönlich kannte, und für das 18. Jahrhundert auf Boucher (156-157). Nur gestreift werden die Bezüge zum Werk der Brüder Le Nain und zu Chardin.

Die Interpretation der Gemälde Kalfs scheint seit Arnold Houbraken von der Diskrepanz zwischen höchster Bewunderung der malerischen Qualitäten und dem leisen Bedauern über die Absenz bedeutungsschwangerer Inhalte gekennzeichnet. Auch Gerard de Lairesse urteilt, dass Kalfs Malerei "keine Rechenschaft geben konnte, warum sie dies oder jenes darstellte" (108, Anm. 5, 110), was ihn nicht davon abhielt, zu würdigen dass "der berühmte Kalf in seinen Stilleben alle anderen übertroffen habe" (16). Grisebach scheint sich dieser Auffassung anzuschließen, wenn er schreibt dass: "[...] der gestalterische Aspekt gegenüber dem ikonologischen in den Vordergrund rückt." [4] Der gewählte Titel der Ausstellung "Gemaltes Licht" pflichtet einer gleichgesinnten Einschätzung der Könnerschaft Kalfs bei (Anm. 6, 132). Die Autoren des Katalogs distanzieren sich von einer ikonographisch-moralisierenden Deutung (108). Überzeugend interpretiert Giltaij Darstellungen des bäuerlichen Lebens im Sinne einer "Romantisierung des Einfachen" (52) und des pittoresken Aspekts des bäuerlichen Lebens. Dem "moral dilemma" der Polysemie des Stilllebens, wie etwa von Anne W. Lowenthal exerziert [5], entsagen die Autoren des Kataloges weitgehend, so auch Meijer und Sylvia Böhmer, die sich in Bezug auf die Prunkstillleben der Hochphase der Amsterdamer Periode auf keine ikonographische Interpretation der Bildgegenstände einlassen (110). Meijers Hauptaugenmerk gilt vielmehr Kompositions-, Zuschreibungs- und Datierungsfragen (etwa im Falle der Muschelstillleben, die er den ersten Jahren der Amsterdamer Schaffenszeit statt dem Spätwerk zuzählt, Kat. 22, Kat. 23). Insbesondere ergründet Meijer Kalfs Kunstfertigkeit als "Meister in der Variation eines Themas" (102) im Rahmen seiner Pariser und Amsterdamer Schaffenszeit (Kat. 17,18, 25) und unterstreicht die Homogenität des Amsterdamer Werkkonvoluts (102).

Der Katalog trägt wesentlich dazu bei, die Frage nach Falschzuschreibungen, Neuzuschreibungen sowie der Nachfolge Kalfs zu klären, zu ergänzen und zu erweitern. Somit erfüllt er ein lange ersehntes Desiderat und stellt nach über 30 Jahren ein neues Standardwerk zu Willem Kalf dar, wobei es Grisebachs Publikation ergänzt und die weitere Forschung zeigen wird, welche neuen Zuschreibungen und Datierungsvorschläge Bestand haben werden.


Anmerkungen:

[1] Lucius Grisebach: Willem Kalf: 1619-1693, Berlin 1974.

[2] Etwa Sam Segal: A Prosperous Past. The Sumptuous Still Life in the Netherlands 1600-1700, Den Haag 1989.

[3] Ekkehard Mai: Wilhelm Kalf (1619-1693). Original und Wiederholung. Ein Prunkstilleben des 17. Jahrhunderts, Köln 1990; Sam Segal: Willem Kalf. Original y copia. Ausstellungskatalog, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid 1998.

[4] Lucius Grisebach: Willem Kalf: 1619-1693, Berlin 1974, 186.

[5] Anne W. Lowenthal: Contemplating Kalf, in: The Object as Subject - Studies in the Interpretation of Still Life, hrsg. von Anne W. Lowenthal, Princeton 1996, 29-39, insbesondere 34.

Sabine Pénot