Rezension über:

Brigitte Penkert: Briefe einer Rotkreuzschwester von der Ostfront. Hrsg. v. Jens Ebert und Sibylle Penkert, Göttingen: Wallstein 2006, 271 S., 17 Abb., ISBN 978-3-89244-988-1, EUR 24,90
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Rezension von:
Birgit Beck-Heppner
Historisches Institut, Universität Bern
Empfohlene Zitierweise:
Birgit Beck-Heppner: Rezension von: Brigitte Penkert: Briefe einer Rotkreuzschwester von der Ostfront. Hrsg. v. Jens Ebert und Sibylle Penkert, Göttingen: Wallstein 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 11 [15.11.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/11/11964.html


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Brigitte Penkert: Briefe einer Rotkreuzschwester von der Ostfront

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Im Sanitätswesen der Wehrmacht arbeiteten zu Beginn des Zweiten Weltkrieges etwa 15.000 Schwestern und Schwesternhelferinnen des Roten Kreuzes. [1] Sie wurden an allen Fronten eingesetzt, doch über ihre Tätigkeit und ihre Einstellung zum nationalsozialistischen Regime und zum Krieg ist noch sehr wenig bekannt. Zwar wurden im Rahmen der alltags- und sozialgeschichtlichen Forschungen zum Zweiten Weltkrieg Tausende von Feldpostbriefen intensiv ausgewertet, die schriftlichen Zeugnisse von Frauen blieben dabei jedoch weitgehend ausgespart. Dies gilt nicht nur für die weiblichen Angehörigen des Roten Kreuzes, sondern auch für die 500.000 "Helferinnen" der Wehrmacht, über deren Erlebnisse bislang vor allem Autobiografien und Werke zur Oral History Auskunft geben. [2]

Angesichts dieser großen Forschungslücke stellt die Publikation von Briefen der Rotkreuzschwester Brigitte Penkert (1911-1986) eine wichtige Erweiterung der bisherigen Feldposteditionen dar. Aus dem mehr als 200 Briefe umfassenden Nachlass Penkerts haben deren Tochter Sibylle Penkert und Jens Ebert 114 Schreiben ausgewählt und in ungekürzter Fassung wiedergegeben. Die Briefe wurden zwischen November 1939 und August 1945 verfasst und richteten sich überwiegend an Penkerts Eltern und an ihren Ehemann, deren Antwortschreiben jedoch leider fehlen - ein Charakteristikum zahlreicher Briefsammlungen aus dieser Zeit. Eingerahmt werden die Briefe von einer längeren Einleitung und einem Nachwort, die Informationen zu den privaten Dokumenten sowie zur Biografie der Verfasserin liefern.

Brigitte Penkert wurde 1911 als Tochter eines Verwaltungsdirektors geboren und wuchs in bildungsbürgerlichen Verhältnissen in Oberschlesien auf. Nach ihrer Heirat und der Geburt ihrer einzigen Tochter trat sie 1936 dem "Vaterländischen Frauenverein" bei und bestand im Dezember 1939 das Examen als Schwesternhelferin. Anfang September 1941 erhielt sie die Einberufung als Kriegsschwester und kam zunächst im "Generalgouvernement" zum Einsatz. Seit September 1942 war sie an der Ostfront bei der Heeresgruppe Mitte tätig und damit endlich "der kämpfenden Truppe u. denen, die man nicht zurückbringen kann, [...] am nächsten" (98). An der Front kreisten die Gedanken von Brigitte Penkert bis zu ihrer Gefangennahme 1945 im Wesentlichen um zwei Themen: einerseits die Sorge um ihre Eltern und ihre Tochter, die sich bei den Großeltern in Breslau aufhielt, andererseits ihre Arbeit als Operationsschwester. Da Penkert zeitweise in einem Lazarett tätig war, das Soldaten mit schweren Bauch-, Lungen- oder Schädelverletzungen behandelte, bieten die Alltagsberichte drastische Eindrücke von der blutigen Realität des Krieges. Ihren Eltern schilderte sie im Oktober 1942 den Ablauf von Amputationen mit den Worten: "Man pantscht wirklich nur in Blut und Eiter, zerfetztem Fleisch und zersplitterten Knochen. Nach einigen Stunden ist der Gestank im Raum unbeschreiblich." (103) Erschwert wurde die medizinische Versorgung der Verletzten nicht nur aufgrund des zunehmenden Personal-, Wasser- und Strommangels, sondern auch durch die Angst vor Minen, Bomben und Partisanen - Probleme und Sorgen, an denen Penkert die Briefadressaten immer wieder teilnehmen ließ.

Warum aber arbeitete Brigitte Penkert unter diesen Bedingungen und mit der Ahnung der drohenden Niederlage angesichts der militärischen Rückzüge ab 1943 unbeirrt weiter? Auch auf diese Fragen geben die Briefe sehr deutliche Antworten. Bei Penkert sind verschiedene Motivationen erkennbar: Zum einen waren das Lazarett und die Patienten, ihre "Kummerkinder" (191), für sie eine Art Familienersatz sowie ein Ort der Selbstbestätigung, da ihre Ehe unglücklich verlief und sie wegen der Tatsache, dass sie nach ihrer Tochter keine weiteren Kinder, vor allem keine Söhne, mehr bekam, Schuldgefühle verfolgten. Zum anderen hatte Penkert eine stark von preußischen Idealen und der nationalsozialistischen Ideologie geprägte Einstellung zu ihrem Dienst und zum Krieg. Sie verstand ihren unermüdlichen Einsatz für die Soldaten als "Ehre" (98) und sah sich als ein "Glied in der Kette der Geschlechterfolge" (159) des deutschen Volkes, das für den "Endsieg" zu allen Opfern, auch dem eigenen Tod, bereit sei. Ihre politischen Überzeugungen prägten auch die Kommentare über die einheimischen Hilfskräfte. Diese waren durchgehend negativ besetzt und folgten ganz der nationalsozialistischen Propagandasprache. Penkert berichtete mit unverhohlener Verachtung von "Russenfrauen"; sie werde "ein ekelhaftes Gefühl nicht los, wenn sie meine Waschschüssel u. mein Bettzeug anfassen. Für uns ist bestimmt schon das Beste rausgesucht, aber es ist eben alles dreckig u. elend, was hier rumläuft. [...] Wie bestialisch können diese Asiaten sein! Und so was trägt ein Menschengesicht!" (111)

Von ähnlich rassistischen Äußerungen über polnische Hilfskräfte abgesehen, finden sich in den Briefen keine weiteren Bemerkungen zur einheimischen Zivilbevölkerung, für deren Situation und Alltag sich Penkert in ihrer abgeschlossenen Lazarettwelt nicht zu interessieren schien. Auch über den Kriegsverlauf und ihre Einsatzorte lässt sich nur sehr wenig herauslesen. Umso notwendiger ist angesichts derartiger Leerstellen eine gründliche Einbettung der Briefe in den historischen Kontext. Dessen sind sich die Herausgeber auch bewusst, die Umsetzung gelingt ihnen jedoch nur bedingt. So bietet die Einleitung eine reichlich unstrukturierte Mischung aus biografischen Details, die teilweise im Nachwort der Tochter wiederholt werden, sowie Hintergrundinformationen zu Feldpostbriefen, zum Deutschen Roten Kreuz und zu einzelnen der in den Briefen angesprochenen Themen - die militärisch-politischen Zusammenhänge bleiben jedoch unerwähnt. Namen, Abkürzungen und einige Begriffe werden zwar im Anhang kurz erläutert, allerdings ist wegen fehlender Anmerkungen nicht erkennbar, dass überhaupt Hinweise zu einzelnen Briefen vorhanden sind. Hier wäre eine gründlichere Einordnung der Dokumente, etwa durch eine Zeittafel und ausführliche Fußnoten, wie sie beispielsweise die Edition des Briefwechsels von Sophie Scholl und Fritz Hartnagel aufweist, angebracht gewesen. [3]

Trotz dieser Einschränkungen bietet die Publikation dieser Briefe einen anschaulichen und bemerkenswerten Einblick in die Arbeits- und Gedankenwelt einer Rotkreuzschwester während des Zweiten Weltkrieges. Ob Brigitte Penkert mit ihrer Dienstauffassung und nationalsozialistischen Einstellung eine Ausnahme bildete oder eher eine typische DRK-Schwester unter vielen war, wird erst die weitere Aufarbeitung des militärischen Einsatzes von Frauen zeigen.


Anmerkungen:

[1] Birthe Kundrus: Nur die halbe Geschichte. Frauen im Umfeld der Wehrmacht zwischen 1939 und 1945 - Ein Forschungsbericht, in: Die Wehrmacht. Mythos und Realität, hrsg. von Rolf-Dieter Müller / Hans-Erich Volkmann, München 1999, 719-735, hier 722.

[2] Ilse Schmidt: Die Mitläuferin. Erinnerungen einer Wehrmachtsangehörigen, Berlin 1999; Rosemarie Killius: Frauen für die Front. Gespräche mit Wehrmachtshelferinnen, Leipzig 2003.

[3] Sophie Scholl / Fritz Hartnagel: Damit wir uns nicht verlieren. Briefwechsel 1937-1943, hrsg. von Thomas Hartnagel, Frankfurt a.M. 2005.

Birgit Beck-Heppner