Rezension über:

Michael Steffen: Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971-1991, Berlin: assoziation a 2002, 410 S., ISBN 978-3-935936-07-1, EUR 24,00
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Rezension von:
Till Kössler
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Empfohlene Zitierweise:
Till Kössler: Rezension von: Michael Steffen: Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971-1991, Berlin: assoziation a 2002, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 11 [15.11.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/11/11325.html


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Michael Steffen: Geschichten vom Trüffelschwein

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Die Erforschung der linksradikalen K-Gruppen gibt in zugespitzter Form Einblicke in den Wandel der politischen Kultur seit dem Ausgang der 1960er-Jahre. Obwohl die Gruppen eine äußerst geringe Mitgliedschaft besaßen, bildet ihr Aufstieg und Fall doch ein wichtiges Moment im Wandel der weiteren politischen Linken im Übergang von den 1970er- zu den 1980er-Jahren. Michael Steffen liefert mit seiner Marburger Dissertation eine umfassende Darstellung einer besonders interessanten K-Gruppe, des Kommunistischen Bundes (KB). Der Bund hatte zwar selbst zu seinen "Glanzzeiten" nie mehr als 2.500 Mitglieder. Dass er gegenüber den neuen sozialen Bewegungen offener war als andere dieser Politsekten, lässt ihn indes zu einem exemplarischen Fall für den Paradigmenwechsel in der westdeutschen Linken in der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre werden. Wie seine Konkurrenzorganisationen auf der äußersten Linken stellte der Bund einen regionalen, hauptsächlich auf Hamburg und Umgebung konzentrierten Zusammenschluss jener lokalen marxistischen Zirkel und Studiengruppen dar, die sich nach dem Zerfall der Studentenbewegung in vielen Städten gebildet hatten. Während er im übrigen Bundesgebiet nahezu bedeutungslos blieb, konnte er in Hamburg in den späten 1970er-Jahren einen begrenzten Einfluss entfalten, bis die internen Debatten über die Strategie der Gruppe im Gründungsprozess der Grünen Partei zu Spaltung und Niedergang des Bundes führten. Die verbliebenen Mitglieder versuchten in den 1980er- Jahren weitgehend erfolglos, neue Perspektiven einer systemumwälzenden linken Politik zu definieren. Endgültig zerbrach die Organisation schließlich an der Frage der Bewertung der deutschen Einheit und des Umgangs mit der PDS.

Der KB verstand sich als revolutionäre Avantgardeorganisation in der Nachfolge der KPD, deren Wiederaufbau das primäre Ziel des Bundes darstellte. Die bundesdeutsche Wirklichkeit wurde als feindlich und durch eine zunehmende "Faschisierung" geprägt begriffen. Trotz einer an der chinesischen KP orientierten dogmatisch marxistisch-leninistischen Orientierung, prägte den KB im Gegensatz zu den meisten anderen K-Gruppen eine vergleichsweise pragmatische politische Praxis und eine Offenheit für die neuen Themen der linken Bewegungen der 1970er-Jahre, insbesondere die Frauenfrage und die Atomfrage. Steffen differenziert in diesem Punkt wie auch in verstreuten Anmerkungen zum Binnenleben der Gruppe implizit ältere Thesen von der politisch und sozial hermetisch abgeschotteten, sektenähnlichen Struktur der K-Gruppen und betont demgegenüber den Wandel des Bundes.

Nach dem Scheitern des Versuchs, in den Betrieben Fuß zu fassen, wandte sich der Bund nach 1976 den neuen linken Trendthemen zu. Dabei gelang es ihm kurzzeitig, sich als wichtiger Spieler innerhalb des linken Spektrums der norddeutschen Antiatomkraft-Bewegung zu etablieren. Die Öffnung hin zu neuen Themen veränderte allerdings immer mehr auch den Bund selbst. "Subjektivistische" Politikansätze, in denen die Emanzipation des Einzelnen im Mittelpunkt stand, gewannen trotz der Kritik der Hardliner innerhalb des Bundes an Gewicht, und die Frage der Vereinbarkeit von Feminismus, Homosexualität, Ökologie und den überkommenen marxistischen Theoremen entzweite die Mitgliedschaft. Angesichts der Ausbreitung alternativer Lebensformen erschien auch der hierarchische, autoritäre Parteiaufbau, der in der Anfangszeit durchaus dem Willen der Mitglieder entsprochen hatte, zunehmend anachronistisch. Als Resultat der internen Auseinandersetzungen löste sich ein wichtiger Teil der Mitglieder, darunter die späteren Grünen-Politiker Jürgen Trittin, Thomas Ebermann und Rainer Trampert, Ende 1979 aus dem Bund und arbeitete fortan als linker Flügel bei den Grünen weiter. In einem interessanten Kapitel wirft Steffen neues Licht auf den Gründungsprozess der Grünen in Hamburg, indem er die konträren Erwartungen, Projektionen und Strategien erläutert, die die Entstehung der Grünen innerhalb der extremen linken Bewegungen hervorbrachte. Anders als einzelne seiner Mitglieder konnte der KB als Organisation allerdings keinen Einfluss auf die Entwicklung der Grünen nehmen.

Steffen schildert die Metamorphosen des Kommunistischen Bundes detailliert und kenntnisreich auf der Basis von Parteipublikationen und zahlreichen Interviews mit ehemaligen Aktivisten. Er untersucht den KB mit dem Instrumentarium der klassischen Parteiengeschichte: Organisationsstruktur, Politikfelder und Flügelkämpfe stehen im Mittelpunkt der Darstellung. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, den KB in seinem Selbstverständnis als politische Partei ernst zu nehmen und ihn nicht vorschnell als Sekte abzustempeln. Die methodische Entscheidung hat allerdings auch Kosten. Insbesondere nimmt die Studie das soziale und kulturelle Umfeld der Parteimitglieder kaum in den Blick. Über Herkunft und Sozialisation der Mitglieder erfährt der Leser ebenso wenig wie über ihr Leben außerhalb des Bundes. Gerade aufgrund der starken lokalen Wurzeln des Bundes hätte eine Darstellung des links-alternativen "Milieus" in Hamburg den Ausführungen schärfere Konturen verliehen. Diese Anmerkungen sollen allerdings den Wert der Studie nicht schmälern. Michael Steffen hat einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der linken Bewegungen seit 1968 geschrieben.

Till Kössler