Rezension über:

Lilian H. Zirpolo: Ave Papa / Ave Papabile: The Sacchetti Family, Their Art Patronage, and Political Aspirations (= Essays and Studies; 6), Toronto: The Centre for Reformation and Renaissance Studies 2005, 252 S., ISBN 978-0-7727-2028-3, USD 53,00
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Rezension von:
Carolin Behrmann
Kunstgeschichtliches Seminar, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Carolin Behrmann: Rezension von: Lilian H. Zirpolo: Ave Papa / Ave Papabile: The Sacchetti Family, Their Art Patronage, and Political Aspirations, Toronto: The Centre for Reformation and Renaissance Studies 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/10/9441.html


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Lilian H. Zirpolo: Ave Papa / Ave Papabile: The Sacchetti Family, Their Art Patronage, and Political Aspirations

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Im Schatten einer großen Papstfamilie zu stehen, war für jede andere Familie im frühneuzeitlichen Rom eine zwiespältige Sache. Mit dem Ableben des Pontifex wurde dem Erfolg der Aufsteigerfamilien meist abrupt ein Ende gesetzt - das betraf sowohl die Papstfamilie als auch ihre Klienten. So war durch die Nähe zur Macht Karriere und Fortkommen, Besitz und Position in mancher Hinsicht gesichert, doch bedingt durch Wahlmonarchie und Klientelsystem, entschied auch die Ungewissheit der Gunst, gesellschaftliche Positionen wie das Zünglein an der Waage mit. Unterschiedliche Deutungen dieser komplexen römischen Klientel- und Verwandtschaftsstrukturen und deren mikropolitischer Mechanismen wurden bislang in einer ganzen Reihe bedeutender historischer Arbeiten vorgelegt. [1] Das Interesse für familiäre und sozialpolitische Strukturen hat auch in der Kunstgeschichte zahlreiche Studien zur Kunstpatronage einzelner Persönlichkeiten der Kurie oder einflussreicher Familien angeregt und das Forschungsfeld zur römischen Kunstpolitik wesentlich bereichert. [2] Über Francis Haskells "Patrons and painters" (London 1963) hinaus, ergaben sich immer dann wesentlich neue Erkenntnisse, wenn das Wissen über Künstlerpatronage und Kunstwerk mit Kenntnissen von Ämterlaufbahn, Verwandtschaftsstrukturen und Ökonomie verknüpft wurde.

In der vorliegenden Studie widmet sich Lilian H. Zirpolo der intensiv betriebenen Kunstpatronage der Familie Sacchetti über drei Generationen hinweg, deren Aufstieg im 17. Jahrhundert maßgeblich der Papstfamilie Barberini zu verdanken war. Dem Titel getreu, fokussiert Zirpolo besonders die Zusammenhänge von Kunstpatronage und politischem System, doch bedauerlicherweise wird die einschlägige deutschsprachige Forschungsliteratur dabei wenig zur Kenntnis genommen. Ausgangspunkt ist die exzellent recherchierte Arbeit der Historikerin Irene Fosi [3], welche die Geschichte der Familie Sacchetti seit dem 16. Jahrhundert und besonders ihre Stellung während des Pontifikats Urbans VIII. bereits eindrucksvoll rekonstruiert hat. Anstelle einer extensiven Familienchronik konzentriert sich Zirpolo auf die Kunstpatronage der beiden verbrüderten Protagonisten des 17. Jahrhunderts, Marcello und Giulio Sacchetti, von denen der Erste die weltliche, der Zweite die geistliche Laufbahn eingeschlagen hatte.

Über die Beschreibung und die Chronologie des künstlerischen Programms der römischen Familienkapelle in der florentinischen Nationalkirche San Giovanni dei Fiorentini sucht die Autorin den Einstieg in ihr Vorhaben. Die beeindruckende Kapelle wird als ein symbolpolitischer Auftrag beschrieben, der dem Prestige der Familie dienen und den Namen Sacchetti für die Ewigkeit einer Elite zuschreiben soll. So unterscheidet die Autorin zwischen zwei bedeutenden Phasen der Ausstattung, die kurzerhand als "Aufstieg und Fall" bezeichnet werden können. Der Zyklus mit Passionsszenen von 1621-24 von Giovanni Lanfranco wird einer Stiluntersuchung unterzogen. Zirpolo kristallisiert hierbei zwei unterschiedliche Stile heraus, die ihrer These nach von Lanfranco bewusst differenziert wurden. Der eine dramatisch-caravaggeske Stil verweise auf die "vita activa" des weltlichen Marcello, der klassischere Stil im Sinne der Carracci auf die "vita contemplativa" des Kardinals Giulio Sacchetti. Stil gewinnt somit eine programmatische Bedeutung. Die Fresken der nachfolgenden Periode von Francesco Aprile zum Alten und Neuen Testament (1670-80) erläutert Zirpolo im Kontext der ökonomischen Krise der Familie.

Es gelingt der Verfasserin im zweiten Kapitel nun Marcello Sacchetti als talentierten Kunstkenner im Dienst Urbans VIII. vorzustellen, der die wohl bekanntesten Künstler der Zeit wie Nicolas Poussin, Andrea Sacchi, Pietro da Cortona oder Simon Vouet förderte und fortwährend auch künstlerisch beeinflusste. An so mancher Stelle jedoch bleibt die Darstellung bei der Beschreibung von allgemeinen "patterns" der Patronage stecken, die nach intensiverem Quellenstudium und vergleichender Analyse geradezu verlangen.

Das dritte Kapitel widmet sich dem Freskenprogramm von Cortona, Camassei und Sacchi in der Villa in Castelfusano (1628-29). Auch hier war Marcello tonangebend und versuchte Ikonographie und Stil zu einem Vorzeigeobjekt im Sinne einer Familienprogrammatik zu gestalten. Dieses ließ sogar die Familie Barberini erblassen, da Zirpolo zufolge das sozial-politische Programm der Sacchetti erfolgreich in ein kohärentes Bildprogramm übersetzt worden war (95). An dieser Stelle wird das Talent Marcello Sacchettis besonders gut verständlich, dessen eigene Künstler darauf auch im Auftrag der Papstfamilie arbeiteten.

Die Ambitionen des Kardinals Giulio Sacchetti, den Papstthron zu besteigen, stellen den Hintergrund für den folgenden Abschnitt des Buches dar. Was die Verfasserin schon im Stil der Familienkapelle entdeckt zu haben meinte, wird nun genauer erläutert: Giulios Vorliebe für einen eher "klassischen" Stil. Dieser förderte genauso begeistert wie sein Bruder, dafür aber ganz andere Künstler, so z.B. Guido Reni oder auch Giuliano Finelli. Der Kardinal, so zeigt sich, besaß auch die eine oder andere exzentrische Seite. So ließ er ein Marmorgrabmal für einen dressierten und von ihm als äußerst intelligent gehaltenen Esel namens "Grillo" in der Villa del Pigneto errichten (99). Giulio sammelte und förderte ganz anders als sein Bruder, setzte eher auf etablierte Künstler, investierte höhere Summen. Die von Cortona entworfene, aber im 17. Jahrhundert größtenteils zerstörte Villa del Pigneto ist voller Barberini-Heraldik und nach der Interpretation Zirpolos ganz als Zeichen bester klientelärer Beziehungen der beiden Familien untereinander zu verstehen. Diese idealisierten Darstellungen von familiärer Verbundenheit zielten ihrer Meinung jedoch in erster Linie auf eines: Giulios Ambitionen den päpstlichen Thron zu besteigen (112). Doch der "papabile" Giulio scheiterte zweimal im Konklave (am Veto Spaniens) und das ganz auf den kurialen Aufstieg des Anwärters auf den Hl. Stuhl konzentrierte Programm der Villa verlor somit laut Zirpolo an Aussagekraft.

Der Abstieg und finanzielle Ruin der Familie nach dem Tod Giulios beschäftigt Zirpolo im vorletzten Kapitel. Hier wird die Kunstpatronage seiner beiden Neffen Giovanni Battista und Urbano Sacchetti vorgestellt. Zentral hierbei sind die Auftragsarbeiten Gaspar von Wittels, der Landschaftsbilder von Rom und dessen ländlicher Umgebung anfertigte. Zirpolo interessiert hierbei die Stellung ausländischer Künstler in Rom auf dem konkurrenzgeprägten römischen Kunstmarkt. Leider werden hier Informationen über das römische Patronagenetzwerk Van Wittels zu bloßen Anmerkungen, die Aufschluss über strategische Entscheidungen der Kunstpatronage hätten geben können (Bsp. 133, Anm. 29).

Anhand eines Inventars der Sacchetti-Besitztümer von 1639 bemüht sich die Autorin abschließend um eine Rekonstruktion der Hängung von einigen der 643 Bilder im Palazzo Sforza-Cesarini. Diese reizvolle Frage von "display and taste" orientiert sich an Giulio Mancinis Ideen zum decorum in seinen "Considerazioni sulla pittura".

Neben anderen materialreichen und schwergewichtigen Studien zur Kunstpatronage einzelner Familien wirkt diese knapp 150 Seiten lange Arbeit handlich und überschaubar. Erstmals gibt sie einen Überblick auf hundert Jahre Kunstpatronage der Aufsteigerfamilie Sacchetti und entwickelt ihre Thesen eng am Gegenstand selbst. Durch eine stärkere Einbeziehung der historischen Quellen, wie sie Irene Fosi bereits zitiert und ausgewertet hat, hätte die Arbeit an Überzeugungskraft gewonnen.


Anmerkungen:

[1] Fundamental beeinflusst hat die zahlreichen Studien der theoretische Ansatz von Wolfgang Reinhard: Freunde und Kreaturen. "Verflechtung" als Konzept zur Erforschung historischer Führungsgruppen. Römische Oligarchie um 1600. München 1979. Weiter zu nennen wären für das römische Feld Renata Ago: Carriere e clientele nella Roma barocca. Roma/Bari 1990 oder Birgit Emich: Bürokratie und Nepotismus unter Paul V. Studien zur frühneuzeitlichen Mikropolitik in Rom. Stuttgart 2001.

[2] Guten Einblick in das Forschungsfeld gewährt immer noch der Tagungsband, herausgegeben von Daniel Büchel und Volker Reinhardt: Die Kreise der Nepoten. Neue Forschungen zu alten und neuen Eliten Roms in der frühen Neuzeit. Interdisziplinäre Forschungstagung 7. bis 10. März 1999, Istituto Svizzero di Roma, Bern/Frankfurt a.M. [u.a.] 2001. Hervorgehoben seien nur wenige Arbeiten wie die von Arne Karsten: Künstler und Kardinäle. Vom Mäzenatentum römischer Kardinalnepoten im 17. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien 2003; die profunde Studie über die Familie Cornaro von William L. Barcham: Grand in design. The life and career of Federico Cornaro, prince of the church, patriarch of Venice and patron of the arts. Venedig 2001, oder zuletzt zur Familie Colonna die umfassende Arbeit von Christina Strunck: Berninis unbekanntes Meisterwerk: die Galleria Colonna in Rom und das Kunstpatronat des römischen Uradels. München 2007.

[3] Irene Fosi: All'ombra dei Barberini. Fedeltà e servizio nella Roma barocca. Rom 1997

Carolin Behrmann