Rezension über:

Andreas Ranft (Hg.): Der Hoftag von Quedlinburg. Von den historischen Wurzeln zum Neuen Europa, Berlin: Akademie Verlag 2006, 187 + IX S., ISBN 978-3-05-004113-1, EUR 34,80
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Rezension von:
Christian Hillen
Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Christine Reinle
Empfohlene Zitierweise:
Christian Hillen: Rezension von: Andreas Ranft (Hg.): Der Hoftag von Quedlinburg. Von den historischen Wurzeln zum Neuen Europa, Berlin: Akademie Verlag 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/10/12961.html


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Andreas Ranft (Hg.): Der Hoftag von Quedlinburg

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Eine ausgesprochen illustre Gesellschaft hatte sich zusammen gefunden in Quedlinburg. Diese Feststellung bezieht sich sowohl auf den dort abgehaltenen Hoftag des Jahres 973 als auch auf die Tagung aus dem Jahre 2003. Bei der Versammlung im 10. Jahrhundert waren nicht nur die "üblichen" deutschen Fürsten und Magnaten erschienen, sondern auch zahlreiche Besucher aus dem "Ausland", so vor allem von den östlichen Nachbarn, Polen, Böhmen und Ungarn. 2003 hingegen handelte es sich lediglich um eine Schar durchaus renommierter Mediävisten, einige Landes- und Europapolitiker sowie eine Anzahl interessierter Laien. Das Ereignis von 973 war das Thema der Tagung von 2003, die Vorträge, die dort gehalten wurden, bilden diesen Sammelband.

Nach einer kurzen Einleitung von Andreas Ranft, in der die Konzeption und der Rahmen sowohl der Tagung wie auch des Sammelbandes dargelegt wird, eröffnet Gerd Althoff die erste Sektion, die den Quedlinburger Hoftag im Zusammenhang des Europas des 10. Jahrhunderts beleuchten will, mit seinem Beitrag zu Otto dem Großen und der neuen europäischen Identität. Mit gewohnter Souveränität zeichnet Althoff den historischen Kontext des Quedlinburger Hoftages nach, nicht ohne auf die Andersartigkeit von Politik und politischem Vorgehen im Vergleich zu heute aufmerksam zu machen. Wie Ranft in seiner Einleitung möchte Althoff keine rote Linie von damals zur politischen Situation von heute ziehen und bedauert ein "Mythendefizit" nur solange, wie diese Mythen sich nicht "zweckorientiert von dem entfernen, was man auf der Basis der Überlieferung rekonstruieren und verantworten kann" (7). Trotzdem vermag er auf einer abstrakteren Ebene Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zwischen der damaligen und der heutigen politischen Situation zu erkennen: Die Suche nach Kompromissen und Verhandlungslösungen sei im damaligen Europa als gangbarer Lösungsweg für Konflikte entdeckt worden und sollte dies auch heute noch sein. Das Streben nach Unterordnung anderer Völker hingegen, das man Otto dem Großen durchaus unterstellen kann, eigne sich nicht für das friedliche Zusammenleben der europäischen Völker.

Hier wie auch in den anderen Beiträgen zeigt sich, dass diese Konferenz auch einen ganz expliziten tagespolitischen Bezug aufweist. Sie fand nämlich genau ein Jahr vor der Osterweiterung der EU durch den Beitritt Estlands, Lettlands, Litauens, Maltas, Polens, der Slowakei, Sloweniens, Tschechiens und Ungarns statt. Thema der Tagung war also nicht nur der Hoftag von Quedlinburg, sondern auch die mögliche identitätsstiftende Wirkung von historischen Ereignissen für die Gegenwart.

János Guyla, auf dessen Anregung dieses Symposium zurückgeht, stellt in seinem Beitrag noch einmal das Besondere dieses Hoftages, das für ihn wohl in der Wendung des Blickes auch nach Osten, über die damaligen Grenzen der Christenheit hinaus, also in der Einbeziehung ganz Europas besteht. Er spricht für 973 schon von einer "Europapolitik" (25). Csanád Bálint wendet sich in seinen knappen Ausführungen den ersten Schritten der Ungarn nach Europa zu. Für ihn ist von Interesse, welche Sackgassen und Fallen der Geschichte die Ungarn vermieden haben bzw. welche richtigen Entscheidungen sie getroffen haben, die es dem Land ermöglichten im christlichen Europa anzukommen. Die wichtigste Erklärung sieht er in einer "innenpolitischen Wende" (31) ausgelöst durch den Herrschaftsantritt von Großfürst Géza. über diese teleologische Interpretation von historischen Abläufen wird man noch diskutieren müssen.

Wolfgang Huschner erörtert die Gründung von neuen Erzbistümern an der Peripherie der lateinischen Christenheit und die Probleme, die dabei im Weg standen. Die Versammlung zu Quedlinburg scheint in diesem Zusammenhang allerdings keine große Rolle gespielt zu haben: "Ob in dieser Hinsicht auch Impulse von der Quedlinburger Versammlung des Jahres 973 ausgingen ist natürlich nicht sicher, aber möglich" (49). Polen und seinem Verhältnis zu "Europa" und zur Christenheit wendet sich Roman Michalowski zu. Seiner Ansicht nach waren es die polnischen Herrscher, die sich dem Westen zuwandten, weil sie "einen angesehenen Platz in dieser Welt einnehmen" wollten (68). Dies sei während der Regierung Ottos III. besonders leicht gewesen. In einem Anhang zu seinen Ausführungen macht sich Michalowski Gedanken zur Glaubwürdigkeit des Gallus Anonymus und seines Berichts vom Gnesener Treffen. Den Reigen der osteuropäischen Länder beschließt Ludwig Steinhoff mit seinem Beitrag zum Kiever Reich um das Jahr 1000. Auch er stellt fest, dass die Hinwendung zum Christentum der Kiever Rus den Weg nach Westen eröffnete.

Nachdem nun in der ersten Sektion alle Besucher des Quedlinburger Hoftages einzeln untersucht und ihre Stellung innerhalb der politischen und religiösen Welt der Ottonenzeit beleuchtet wurde, wendet sich die zweite Sektion "Grundlagen kulturelle Identität" dem zu, was Europa im Mittelalter verband. Dabei wird der zeitliche Rahmen deutlich weiter, bis ins Hochmittelalter, ja bis in die Frühe Neuzeit hinein gespannt.

Grundlegend für die europäische Kultur und damit Identität war die "lateinische Kultur", befindet Fidel Rädle in seinem Aufsatz. Die Latinität der Kirche in Liturgie und Schriftsprache ebenso wie die der Universitäten sorgte für eine gewisse Homogenisierung von Ausdrucksweisen und Ideen über die volkssprachlichen und politischen Grenzen hinweg. Hedwig Röckelein kann mit einem ähnlichen Befund für die Heiraten des hochmittelalterlichen Hochadels aufwarten. Kulturtransfer durch Hochzeit ist mit Sicherheit über den Beitrag von Röckelein hinaus ein lohnender Forschungsgegenstand. Michael G. Müller analysiert schließlich, wie es dann in der Frühen Neuzeit doch wieder zu einer Trennung zwischen West und Ost kam, die den Begriff "Osteuropa" entstehen ließ. Soziale, wirtschaftliche und politische Gründe kann er für diese Entwicklung anführen.

Die dritte Sektion, die den Titel "Visionen für Europa. Zwischen regionaler Vielfalt und europäischer Einheit" trägt, wendet sich zunehmend einer gesamteuropäischen Perspektive und der Gegenwart zu. Kai Hendrik Patri beschreibt skizzenhaft Entstehungs- und Stabilisierungsfaktoren einer europäischen Identität im Vergleich zwischen der Zeit um 973 und 2003. Einige politische Seitenhiebe auf die damals aktuelle politische Situation konnte Patri sich offensichtlich nicht verkneifen, wie er selbst zugibt (151). Zum Glück muss man seine politische Meinung nicht teilen. Zwar im 18. Jahrhundert angesiedelt, aber dennoch mit aktuellem politischen Bezug sind Martin Schulze Wessels Beispiele für transnationale Kommunikation und die Bedeutung, die eine "europäische Öffentlichkeit" für sie hatte. Ob seine Hypothese stimmt, dass vor allem geografisch und gesellschaftlich sowie politisch marginalisierte Gruppen an Europa appellieren, wird man an zukünftigen Aktivitäten in diese Richtung zu verifizieren haben. Der am explizitesten politische Artikel des Bandes wurde an den Schluss gestellt. Roland Sturm macht sich seine Gedanken über Erweiterung und Vertiefung der Europäischen Union. Seine Ausführungen haben auch einen in die Zukunft gerichteten Appell für ebendiese Vertiefung. Dieser politischen Ansicht kann man wiederum uneingeschränkt zustimmen.

Auf der einen Seite sorgt der ausdrückliche politische Kontext für eine interessante Spannung zwischen dem Bemühen der Historiker, die Basis der Quellen nicht zu verlassen und dem Bestreben der Politik, historische Ereignisse zu instrumentalisieren. Auf der anderen Seite wirkt das Bemühen den Bogen zu spannen, ohne eine direkte Kausalität herzustellen, wie dies noch die Salier-Ausstellung in Speyer 1992 versucht hatte, manchmal etwas zu bemüht, wie das Beispiel von Althoffs Beitrag in diesem Band zeigt: Um heute zu wissen, dass Kompromisse mitunter die bessere Konfliktlösung darstellen, muss man nicht ins 10. Jahrhundert zurückblicken.

Christian Hillen