Rezension über:

Dieter Storz: Gewehr & Karabiner 98. Die Schußwaffen 98 des deutschen Reichsheeres von 1898 bis 1918 (= Kataloge des Bayerischen Armeemuseums Ingolstadt; Bd. 4), Wien: Verlag Militaria 2006, 448 S., ISBN 978-3-902526-04-5, EUR 95,00
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Rezension von:
Christoph Rehm
Saarbrücken
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Rehm: Rezension von: Dieter Storz: Gewehr & Karabiner 98. Die Schußwaffen 98 des deutschen Reichsheeres von 1898 bis 1918, Wien: Verlag Militaria 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/10/12404.html


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Dieter Storz: Gewehr & Karabiner 98

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Im Gegensatz zur Militärgeschichte, die in den letzten Jahren von einem regelrechten Boom ergriffen wurde, fristet die Heereskunde nach wie vor ein (auch selbstverschuldetes) Schattendasein. Noch immer gilt sie als Spinnerei waffen- und uniformverliebter Fetischisten bzw. im günstigsten Fall als Arkanwissenschaft weniger Fachleute, die sich als Museologen mit Helmen, Gewehren, Uniformen und Orden beschäftigen. Dass dem nicht so sein muss, zeigt Dieter Storz, als zuständiger Konservator für Feuerwaffen am Bayerischen Armeemuseum Ingolstadt einer jener Fachleute, mit seiner jüngst erschienen Untersuchung zum deutschen Waffensystem 98.

Nach etwa 130 Jahren des waffentechnologischen Stillstandes begann 1830 eine Epoche der beschleunigten Entwicklung, die ab 1860 revolutionäre Züge annahm. Ihr vorläufiger Höhepunkt stellte die mit einer Kaliberverkleinerung des Infanteriegewehrs verbundene Einführung des rauchlosen Nitrozellulosepulvers in Frankreich 1886 dar. Mit dem System 98 entwickelte die Firma Mauser in Oberndorf am Neckar die deutsche Variante dieser Technologie. Bis zum Kriegsausbruch 1914 wurden 2.273.080 Schusswaffen 98 gebaut; während der Kriegsdauer waren es über sieben Millionen.

Beim ersten flüchtigen Durchblättern des Buches sticht die Vielzahl der Abbildungen ins Auge. Fein säuberlich zusammengestellt sind die verschiedensten Gewehrformen, allerlei Zubehör, Munition, Bajonette und die unterschiedlichsten Stempelungen - kurz, alles, was den Sammler erfreut und sich dem Laien erst auf den zweiten oder dritten Blick als nicht ein und dasselbe erschließt. Wer nun jedoch auf die Idee kommt, dass es sich um ein weiteres Exemplar militärischer Bilderbücher handeln könnte, irrt. Denn von Anfang an begreift Storz die gezeigten Waffen und Gegenstände als historische Quellen sui generis und löst sich vom reinen Katalogisieren der Merkmale. Mit dem akribischen Aufnehmen und Verzeichnen des Hilfswissenschaftlers geht das Deuten und Verstehen des Historikers einher.

Mit dieser Vorgehensweise gelingt es Storz, Lücken in der schriftlichen Überlieferung zu schließen. Fehlendes preußisches Aktenmaterial zur Entwicklung und Einführung des System 98, das auch die bayerische, sächsische und württembergische Ergänzungsüberlieferung nicht ausgleichen kann, kompensiert er durch die Auswertung noch vorhandener Vorführ- und Versuchsmodelle der preußischen Gewehr-Prüfungs-Kommission, die heute im Deutschen Historischen Museum aufbewahrt werden.

Akribisch wird jede Veränderung des Grundmodells nach den jeweiligen Gründen untersucht. Hierbei vergleicht er die Waffen mit Vorschriften sowie deren Ergänzungen, Berichten und Erinnerungen. Dabei zeigt er den prägenden Einfluss, den die Waffe auf den Truppenalltag ausübt und spannt den Bogen von der Ausbildung über die Gewehrreinigung bis hin zum Kriegsalltag. Wie groß die Bandbreite der Ergebnisse ist, soll am Zielfernrohrgewehr angedeutet werden. Storz stellt eine unterschiedliche Akzeptanz dieser Waffe bei bayerischen und preußischen Truppenteilen fest, die sich im mangelhaften Zustand der preußischen Gewehre äußerte. Offensichtlich ließen die Bayern ihren Waffen eine sorgsamere Behandlung zukommen. Storz führt dies auf unterschiedliche Mentalitäten zurück. Während das ausgeprägte süddeutsche Schützenwesen und die allgemeine Jagdleidenschaft den Zielfernrohrgewehren bei den Bayern förderlich gewesen seien, galten sie bei den disziplinierten und auf Massenfeuer gedrillten Preußen eher als hinterhältig und unsoldatisch. Die Scharfschützen mussten ihre empfindlichen Gewehre vor einem Großangriff abgeben. Was dies für die Soldaten bedeutete, die feststellen mussten, dass ihr Leben weniger wert war als ihre teuren Präzisionswaffen, kann Storz nur vermuten. Verwertbare Aussagen gibt es leider nicht.

In zwei getrennten Kapiteln geht es um die Waffenherstellung und die Produktionsstätten. Die Militärverwaltung bevorzugte die sieben staatlichen Gewehrfabriken. Verglichen mit den privaten Anbietern gab es zwar strukturelle Mängel, aber Kosten wie etwa die Gehälter der Offiziere und Beamten flossen nicht in den Gewehrpreis mit ein, und sie konnten ihr Produkt günstiger anbieten. Bei allen Klagen litten die beiden privaten Anbieter, Mauser und DWM, letztendlich nicht darunter. Beide konnten die Benachteiligung durch den Export und den zivilen Markt ausgleichen. Ohnehin verfügten sie über ungehinderten Zugang zu den militärischen Dienststellen und wurden von der Konkurrenz als "Privilegierte Privatfirmen" beneidet.

Während des Krieges kam es dann aber öfters zu schweren Differenzen zwischen Mauser und der Militärverwaltung. Die Firma widersetzte sich verschiedenen Anordnungen bei der Umstellung auf Kriegsproduktion, da sie nicht bereit war, das betriebswirtschaftliche Risiko zu tragen. Später versuchte sie die Notlage und gestiegene Abhängigkeit zu instrumentalisieren und zur Preistreiberei auszunutzen. Letztendlich saß das Militär am längeren Hebel. Mit der Androhung, die Fabrik unter militärische Aufsicht zu nehmen, konnte die Betriebsleitung gefügig gemacht werden.

Ebenso wichtig wie die Einführung neuer Waffen war es, gegebenenfalls auf diese durch eine Anpassung der Taktik und der taktischen Strukturen zu reagieren. Storz spricht eine Vielzahl von Irrtümern und Fehleinschätzungen an, zu denen es in diesem Zusammenhang kam. Die Stärkung der Defensive wurde zwar nicht ignoriert. Doch wurde aus der Erkenntnis um deren gesteigerte Bedeutung vor allem das Angriffsverfahren noch mehr geübt und optimiert, was sich aber nur in den eklatanten Verlusten zu Kriegsbeginn niederschlug.

Ein weiterer Irrtum war die anfängliche Vermutung (und gleichzeitige Befürchtung), dass es sich um ein "humanes" Waffensystem handele. Sanitätsberichte und Erinnerungen, Originalbilder und moderne Versuchsabbildungen illustrieren dagegen deutlich die tödliche Effektivität, der damit ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Letztendlich zeigt Storz, dass das System 98 keineswegs das Non plus ultra seiner Klasse war, als das es oftmals galt. Als Spätentwicklung war es zwar das am meisten ausgereifte Modell, aber durchaus mit Mängeln und Tücken behaftet. Es galt, Kompromisse zwischen den Anforderungen an die optimale Waffe und den Zwängen eines rentablen Massenproduktes zu schließen. Schließlich stand den Änderungswünschen der Truppe auch das Beharrungsvermögen der Militärverwaltung entgegen.

Dieter Storz hat mit seiner Untersuchung eine waffengeschichtliche Lücke geschlossen, wofür ihm der Dank der Sammlerwelt sicher sein wird, während viele Historiker diese Lücke als nicht besonders schmerzlich empfunden haben dürften. An der Stelle sei aber der methodische Ansatz der Studie hervorgehoben. Indem Storz die Heereskunde als ureigenste Historische Hilfswissenschaft der Militärgeschichte begreift, verdeutlicht er ihren erkenntnistheoretischen Wert und Nutzen in jeder Hinsicht. Indem er dann aber gleichzeitig über diesen hilfswissenschaftlichen Anspruch hinausgeht und Waffenkunde und geschichtswissenschaftliche Methode in ein fruchtbares Zusammenspiel bringt, gelangt er zu wertvollen Innen- und Außenansichten des deutschen Militärs vor und während des Ersten Weltkrieges sowie den wechselseitigen Beziehungen zwischen Militär und Rüstungsindustrie. Zwar steht das Objekt immer im Mittelpunkt der Untersuchung; doch von ihm ausgehend, findet Storz Antworten auf technik-, wirtschafts- mentalitäts- und kulturgeschichtliche Fragestellungen. Dies wiederum dürfte nicht nur Sammler, sondern sollte auch Historiker interessieren.

Christoph Rehm