Rezension über:

Margaret Dikovitskaya: Visual Culture: The Study of the Visual After the Cultural Turn, Cambridge, Mass.: MIT Press 2006, x + 316 S., ISBN 978-0-262-54188-6, GBP 12,95
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Rezension von:
Klaus Sachs-Hombach
Institut für Simulation und Graphik, Universität Magdeburg
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Sachs-Hombach: Rezension von: Margaret Dikovitskaya: Visual Culture: The Study of the Visual After the Cultural Turn, Cambridge, Mass.: MIT Press 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/10/12334.html


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Margaret Dikovitskaya: Visual Culture: The Study of the Visual After the Cultural Turn

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Innerhalb der nach wie vor prosperierenden bildwissenschaftlichen Forschung liefern die Visual Culture Studies eine der Varianten, die besonders im angelsächsischen Bereich erfolgreich sind und üblicherweise auf W.J.T. Mitchells "Pictorial Turn" zurückgeführt werden. Sie zeichnen sich erstens durch eine (verglichen mit der klassischen Kunstgeschichte) extreme Ausweitung des Gegenstandsbereichs aus, zweitens durch eine zuweilen ans Beliebige grenzende methodische Heterogenität und drittens nicht selten durch eine politische Ausrichtung. Die ersten beiden Punkte lassen sich in der selbstkritischen Einführung "Visual Studies. A Skeptical Introduction" (2003) von James Elkins nachlesen, für den dritten Punkt ist Nicholas Mirzoeffs "An Introduction to Visual Culture" (1999) ein anschauliches Beispiel.

Das hier zu besprechende Buch von Margaret Dikovitskaya "Visual Culture. The Study of the Visual after the Cultural Turn" (2005 bei MIT Press in erster Auflage, 2006 als Taschenbuch erschienen) rekonstruiert diese Tradition und diskutiert die vielen konkurrierenden Vorschläge zur Grundlegung der Visual Culture Studies (im Folgendem mit "VCS" abgekürzt), deren Vertreter das Bild betrachten "as the focal point in the processes through which meaning is made" (1). Hierzu werden in einem relativ kurzen Hauptteil (120 Seiten) die thematisch relevante Literatur (45 Seiten), die theoretischen und methodologischen Grundlagen (40 Seiten) und schließlich die institutionellen und akademischen Aspekte (30 Seiten) dargestellt. Der umfangreichere zweite Teil (160 Seiten) enthält Interviews, die die Autorin mit den bekannten und teilweise auch weniger bekannten Protagonisten vor allem der amerikanischen VCS geführt hat. Dikovitskayas Buch ist als Dissertation an der Columbia University entstanden and stellt den Anspruch "to provide a new perspective on the interdisciplinary nature of visual studies" (2), wobei sie hierbei einen Schwerpunkt auf die Analyse des Verhältnisses von Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft insbesondere in der amerikanischen Universitätslandschaft legt.

Zum besseren Verständnis der VCS ist ein kurzer Blick in die Philosophiegeschichte hilfreich. Für entscheidend halte ich die sich im 19. Jh. durchsetzende Einsicht, dass Sprache kein neutrales Instrument ist, sondern in eigentümlicher Weise unser Selbst- und Weltverständnis beeinflusst. Nachdem alle Hoffnungen auf Neutralisierung dieser Einflüsse durch eine ideale Sprache gescheitert waren, setzte sich im 20. Jh. dann mit dem späten Wittgenstein das sprachphilosophische Paradigma durch, das Sprache als soziale, lebensweltlich verankerte Institution versteht und alle Erkenntnisbemühungen damit nicht nur relativ zur Sprache, sondern letztlich relativ zu den soziokulturellen Grundlagen betrachtet. Der als linguistic turn bekannt gewordene Wandel schließt also den cultural turn bereits ein. Der entscheidende Punkt ist meines Erachtens, dass es hierbei sehr grundsätzlich um die Bedingtheit all unserer Erkenntnisbemühungen geht. Die Annahme einer solchen Bedingtheit muss nicht als Relativismus aufgefasst werden, verlangt aber, dem Erbe der Aufklärung entsprechend, eine kritische Prüfung aller Ansprüche, um zumindest ein hinreichendes Bewusstsein ihrer im Besonderen sprachlichen und im Allgemeinen kulturellen Bedingtheit zu erwerben. Ist diese Skizze richtig, speisen sich linguistic turn und cultural turn aus identischen Quellen und all die weiteren "Turns", die derzeit in immer kürzeren Abständen ausgerufen werden, sind lediglich Differenzierungen dieser Vorgaben, insofern Sprache (ganz unabhängig davon, ob sie mitunter in Konkurrenz zum Bild steht) eben nicht das einzige Medium unseres Welt- und Selbstverhältnisses ist.

Zumindest nicht im Widerspruch mit dieser kurzen Skizze führt Margaret Dikovitskaya das Entstehen der VCS zum einen auf den cultural turn zurück. Den zweiten entscheidenden Faktor, der das Bild seit einigen Dekaden zum prominenten Forschungsgegenstand hat avancieren lassen, sieht sie in verschiedenen Problemen bzw. Begrenzungen der traditionellen Kunstgeschichte. Indem sich die Kunstgeschichte teilweise um eine Umorientierung bemühte, wurde eine Verbindung mit den erfolgreichen Kulturwissenschaften begünstigt, was in Folge zur Ausbildung der Visual Culture Studies geführt hat. Entsprechend behandeln die knapp 40 Seiten des theoretischen Kernstücks ihres Buches einerseits die kulturwissenschaftliche Genealogie der VCS, andererseits ihr Verhältnis zu Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft. Aus der Beteiligung dieser beiden Disziplinen ergeben sich dann aber auch die vielen Fragen an die VCS, der zuweilen kein Gegenstand, zuweilen uferlos viele zugesprochen werden, je nachdem ob die VCS entweder als Erweiterung der Kunstgeschichte oder als bewusste Konkurrenz zu ihr gesehen werden, oder auch als ganz unabhängige Unternehmung, das sich vor allem an den technologischen Aspekten der neuen Medien orientiert.

Wer dem Anspruch der Autorin gemäß in den "Theoretical Frameworks" eine "new perspective on the interdisciplinary nature of visual studies" zu finden hofft, wird eher enttäuscht werden. Im Grunde genommen führt der knappe systematische Teil lediglich den Literaturbericht in thematisch fokussierter Weise fort und stellt entsprechend, mit etlichen Zitaten aus den Interviews ergänzt, die unterschiedlichen Positionen vor. Zusammenfassend heißt es dann, dass der Ausdruck "Visual Culture Studies" von den Forschern eben unterschiedlich verwendet wird, um entweder theoretische Zugänge der Kunstgeschichte (Michael Ann Holly) oder deren Erweitung (James D. Herbert) zu bezeichnen, um den Prozess des Sehens (W.J.T. Mitchell) in verschiedenen Epochen (David N. Rodowick) zu betonen oder den Schwerpunkt auf die neuen digitalen Medien (Nicholas Mirzoeff) oder auch auf bisher wenig beachtete Wissenschaftsbereiche (etwa Medizin) zu legen (Lisa Cartwright). Das wird den kunstgeschichtlich bzw. bildwissenschaftlich interessierten Leser wenig überraschen, scheint doch die deutschsprachige Diskussion, die in Margaret Dikovitskayas Buch keine Erwähnung findet, über diesen Punkt bereits hinaus zu sein. So würde Horst Bredekamp sicherlich in den aufgeführten Positionen keine Alternativen sehen, sondern Teilgebiete der Kunstgeschichte. Um dem Leser die Eigenständigkeit der VCS plausibel zu machen, müssten daher ihre spezifischen Qualitäten etwas genauer verdeutlicht werden.

Dies geschieht teilweise (wenn auch nicht systematisch, sondern erneut als diskursives Nebeneinander) im zweiten Teil der theoretischen Grundlagen, der methodologischen Aspekten der VCS gewidmet ist. Als der wesentliche methodische Unterschied von VCS gegenüber der Kunstgeschichte wird hier die Berücksichtigung der sozialen Hintergründe für die Herstellung und Verbreitung von Kunst herausgehoben. Entsprechend schreibt die Autorin, dass nur in den VCS, nicht aber in der Kunstgeschichte, gefragt werden kann: "What does art do? What are the social and formal advocacies for the category of art?" (70) Obschon mir richtig scheint, dass sich die Kunstgeschichte traditionell eher wenig mit Fragen der Kanonbildung und der damit verbundenen sozialen und politischen Mechanismen beschäftigt hat, lässt sich dies doch als eher empirische Zufälligkeit verstehen, d. h., dass diese Fragen keineswegs prinzipiell dem kunsthistorischen Interesse versperrt sind und sie faktisch ja auch innerhalb der Kunstgeschichte zunehmend behandelt werden. Freilich ist das theoretische Rüstzeug der VCS mit ihren starken Bezügen zum Poststrukturalismus, zur marxistischen Theorie oder zur Psychoanalyse denkbar verschieden von dem der Kunstgeschichte. Gegenüber diesen Unterschieden des theoretischen Hintergrundes scheinen mir die Aspekte, die Margaret Dikovitskaya anspricht, dann auch von eher untergeordneter Bedeutung. Die Differenzierung etwa in high und low culture oder die Betonung von individuellen Kunstwerken gegenüber größeren Werkgruppen und deren Systemen der Visualität wird sich in vielen kunsthistorischen Arbeiten finden lassen, aber sicherlich nicht in allen und sicherlich ist die Kunstgeschichte hierauf nicht festgelegt. Daher geben die Charakterisierungen von Margaret Dikovitskaya zwar einen guten Einblick in die unterschiedlichen Motive und Ausrichtungen der VCS, dieser ist aber doch weit entfernt von einer systematischen Klärung ihrer methodischen Grundlagen oder auch nur ihres Verhältnisses zur Kunstgeschichte. Vielleicht ist zum Verständnis auch hilfreicher, die universitären Diskussionen um die VCS zunächst einmal wissenschaftssoziologisch und wissenschaftspolitisch zu beleuchten.

Stellt der Leser seine systematischen Ansprüche zurück, wird er in dem Buch von Margaret Dikovitskaya aber eine überaus materialreiche Dokumentation der gegenwärtigen amerikanischen Diskussionen zur visuellen Kultur und zu ihrer akademischen Erforschung finden. Um insbesondere die individuellen Hintergründe der Protagonisten und ihre Differenzen vorzustellen, scheint mir der Abdruck der Interviews zudem recht gut geeignet (wenn deren Veröffentlichung sich auch nicht mit unseren Vorstellungen von wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten deckt). Ergänzt durch Abbildungen der Titelbilder der besprochenen Bücher und durch Passfotos der beteiligten Forscher gewähren sie einen anschaulichen Überblick bzw. einen orientierenden Einstieg in die gegenwärtigen Debatten.

Klaus Sachs-Hombach