Rezension über:

Edith Snook: Women, Reading, and the Cultural Politics of Early Modern England (= Women and Gender in the Early Modern World), Aldershot: Ashgate 2005, X + 188 S., ISBN 978-0-7546-0425-9, GBP 45,00
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Rezension von:
Christoph Heyl
Institut für England- und Amerikastudien, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Heyl: Rezension von: Edith Snook: Women, Reading, and the Cultural Politics of Early Modern England, Aldershot: Ashgate 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/10/12084.html


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Edith Snook: Women, Reading, and the Cultural Politics of Early Modern England

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Wie wurde das Lesen in frühmodernen, von Frauen verfassten Texten thematisiert? Mit dieser Ausgangsfrage situiert sich die vorliegende Untersuchung von Edith Snook im Kontext einer an der Kategorie gender interessierten anglistischen Literaturwissenschaft, die in aller Regel auch starke kulturwissenschaftliche Anteile beinhaltet. Dieser Bereich der Anglistik ist längst über die reine Kanonrevision, über das bloße Entdecken von Autorinnen hinausgegangen; Snooks Arbeit ist schon durch ihre Fragestellung typisch für diese fortgeschrittene Phase der literatur- und kulturwissenschaftlichen gender-Studien. Interessant an dieser Arbeit ist weiter, dass hier ein Bogen zur historischen Leseforschung geschlagen wird, die sich - zumindest für England - bislang vor allem mit dem in den Quellen besser dokumentierten Leseverhalten frühneuzeitlicher Männer auseinandergesetzt hat.

Edith Snook geht von dem wohlbekannten Umstand aus, dass für frühneuzeitliche Frauen das Lesen sehr viel stärker als das Schreiben als angemessen galt. Indem Frauen über das Lesen schrieben, eröffneten sie sich, so Snook, Möglichkeiten, an Diskursen teilzuhaben, die ansonsten von männlichen Autoren dominiert wurden. Die von ihr untersuchten Autorinnen sind Anne Askew, Katherine Parr, Dorothy Leigh, Elizabeth Grymeston, Amelia Lanyer und Mary Wroth. Texte dieser Frauen erschienen in gedruckter Form und waren daher - im Gegensatz zu Tagebüchern oder Privatkorrespondenzen - öffentlich zugänglich. Angesichts der sehr dürftigen Quellenlage, mit der die historische Leseforschung stets zu kämpfen hat, erlaubt dieses Material interessante Rückschlüsse auf weibliches Leseverhalten: "If women were relatively silent on the matter of their own reading, they were certainly not silent on the practice itself (6)." Snook ist daran interessiert, wie verschiedene Fragen nach Status und Legitimität des Lesens für Frauen in diesen Texten verhandelt wurden und wie dies wiederum mit gesellschaftlichen Hierarchien sowie einer Kritik an diesen zusammenhing. Wie wurden verschiedene Lesestoffe als Lektüre für ein weibliches Publikum beurteilt? Welche Rollenzuweisungen lagen Überlegungen über weibliches Lesen zugrunde? Durch solche Fragestellungen spürt sie dem nach, was sie als "cultural politics" bezeichnet.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit Anne Askew und Katherine Parr, die beide um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts schrieben, also in einer Zeit, die durch die Debatten im Gefolge der englischen Reformation geprägt war. Askew stellte sich in ihren Examinations als ungelehrte Frau dar, die die Bibel zum Maßstab von Recht und Gerechtigkeit macht; sie entwickelte eine feminine Variante der protestantischen Polemik gegen Rom. Parr verteidigte in ihrer Lamentacion of a Synner die alleinige Autorität des biblischen Textes, vertrat also gleichfalls eine reformatorische Kernidee. Snook bringt die Texte Askews und Parrs, die ihrerseits John Foxe und John Bale beeinflussten, auf plausible Weise mit der Formation eines stark protestantisch eingefärbten und damit von Anfang an problematischen englischen Nationalgefühls im sechzehnten Jahrhundert in Verbindung.

Im zweiten und dritten Kapitel geht es um die literarische Gestaltung der Erzählerin als Mutter und um die damit verbundene Politisierung der Mutterrolle sowie um das Autoritätspotential dieser Rolle. Die scheinbar der Privatsphäre zugehörige mütterliche Stimme, so Snook, wurde dabei geschickt für politische Äußerungen im öffentlichen Raum genutzt. Die Textbasis dieser Kapitel besteht aus Dorothy Leighs The Mother's Blessing und Elizabeth Grymestons Miscelanea Meditations Memoratives [sic!]; beide Bücher erschienen im frühen siebzehnten Jahrhundert. Snook weist auf den Zusammenhang zwischen der in einem protestantischen Kontext inszenierten Mutterrolle und der Bedeutung der in die Muttersprache übersetzten Bibel hin. Sie plädiert für eine ausgiebigere Beschäftigung mit Müttern: "Quite simply, mothers deserve a more prominent place in the history of reading." (82) Grymestons Text ist insofern interessant, als er in einem katholischen Milieu situiert ist; an ihm lässt sich exemplarisch die Bedeutung von Frauen für das Überleben des Katholizismus im nachreformatorischen England aufzeigen.

Nachdem sich die ersten drei Kapitel des Buches mit einer politischen Dimension der Texte in Bezug auf politisch-religiöse Grundsatzfragen der Zeit auseinandergesetzt haben, geht es in den beiden letzten Kapiteln um Texte, die insofern eine politische Dimension haben, als in ihnen Spannungen in den Bereichen "gender, class and race" erkennbar werden. (Die Nennung dieser mittlerweile klassisch gewordenen Trias zeigt deutlich, wie sehr diese Untersuchung auch in der Tradition der britischen cultural studies steht.) In diesem Teil des Buches geht es um Texte von Amelia Lanyer und Mary Wroth, die sich konventioneller literarischer Formen (Dichtung, romance) bedienen und in denen die Rezeption von Texten anderer Autorinnen explizit thematisiert wird. Es handelt sich dabei um das Gedicht Salve Deus Rex Judaeorum von Lanyer, das im Kontext eines weiteren, in Manuskriptform erhaltenen Passionsgedichts (Anon., The Death and Passion of Our Lord Jesus, Bodleian MS Don. e.17) untersucht wird, sowie um The Countess of Montgomery's Urania von Lady Mary Wroth. Letzteres enthält zahlreiche Passagen, in denen es um heimliches Schreiben sowie das Verschlüsseln und das physische Verbergen von Texten geht. Durch dieses Verschlüsseln, so Snook, werden modellhaft Freiräume erschaffen; diese Freiräume sind in diesem Fall hauptsächlich im privaten Raum situiert.

Edith Snooks Buch ist überaus materialgesättigt; immer wieder werden Forschungstand und relevante Debatten, die für ihre eigenen Textlektüren bedeutsam sind, ausführlichst referiert. Es gelingt ihr, aufzuzeigen, wie wichtig und vielgestaltig der Beitrag von Frauen zur frühmodernen "history of reading" war und an welchen Diskursen sich Frauen auf vielfältige Weise beteiligten. In den Worten der Verfasserin: "Writing about reading provides women with a language with which to fashion a writing voice, and reading provides a topic that is at once appropriate to women and a route through which to engage with the world beyond the household door." (24) Ihre Untersuchung hat durchweg den Charakter eines Plädoyers für eine stärkere Beschäftigung mit frühmodernen Autorinnen im Kontext der historischen Leseforschung. Sie unterstreicht die Relevanz eines Gegenstands, der sich angesichts einer vergleichsweise ungünstigen Quellenbasis der Forschung nicht leicht erschließt.

Christoph Heyl