Rezension über:

Jonathan Smith: Charles Darwin and Victorian Visual Culture (= Cambridge Studies in Nineteenth-Century Literature and Culture), Cambridge: Cambridge University Press 2006, xxiii + 349 S., ISBN 978-0-521-85690-4, GBP 60,00
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Rezension von:
Philipp Ekardt
Department of History of Art, Yale University
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Philipp Ekardt: Rezension von: Jonathan Smith: Charles Darwin and Victorian Visual Culture, Cambridge: Cambridge University Press 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/10/11763.html


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Jonathan Smith: Charles Darwin and Victorian Visual Culture

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Jonathan Smiths Studie stellt, ganz wie ihr Titel verspricht, das Darwinsche Denken der Evolution in den intellektuellen und visuellen Kontext seiner Epoche und seines heimatlichen Großbritannien. Behandelt werden dabei genauso Argumente des Evolutionismus und seiner Gegner wie das Bildrepertoire, das diese Debatten illustrierte, das ihren Positionen zu Evidenz verhalf, d.h. sie beglaubigte, das teilweise auch direkten Anteil an der Wissensformation hatte. Smith liest die Darwinschen Klassiker - The Origin of Species, The Descent of Man, The Expression of the Emotions in Man and in Animals - genauso wie weniger bekannte Werke - zum Beispiel den Monograph on Cirripedia oder The Power of Movement in Plants. Ihnen stellt er historische wie zeitgenössische wissenschaftliche Abhandlungen (z.B. die ornithologischen Bücher John Goulds, wie etwa The Birds of Great Britain, oder die physiognomischen und kraniometrischen Traktate des späten 18. Jahrhunderts) gegenüber. Bezüge werden aufgezeigt zu den karikaturistischen Magazinen der Epoche (wie Punch), aber auch zu Bildmaterial und Texten der populärwissenschaftlichen Literatur (Philip Gosses Seaside Books). Eine Hauptopposition konstruiert Smith zwischen der evolutionären Ästhetik Darwins, die der Kategorie des Schönen eine Funktion im Prozess der sexuellen Selektion zuweist, und der erbaulichen Ästhetik des Oxforder Kritikers und Turner-Verfechters John Ruskin, in dessen Werk, in dem das Schöne und die Kunst als Bereiche der charakterlichen Menschwerdung und der moralischen Erziehung figurieren, Smith zahlreiche Abgrenzungsversuche und Denunziationen gegen Darwin findet.

Das sich so eröffnende Spektrum ist breit, einzelne Bezugnahmen sind originell und einfallsreich, andere vorhersehbar, aber in der Aufbereitung durch den Autor informativ. Am interessantesten ist das Kapitel zu Darwins Studie The Formation of Vegetable Mould, Through the Action of Worms: einem Buch, das konsequent die biologischen, geomorphologischen, landschaftsbildenden bis hin zur Gestaltung von Ruinen-Szenarien reichenden Funktionen von Wurmausscheidungen dekliniert. Man kann sich kaum vorstellen, zu welchen Höchstleistungen dieses Werk die Entwickler einer skatologischen und de-evolutionären Theorie angespornt hätte, die sich im Umfeld des Pariser Collège de Sociologie in den 1930er-Jahren organisierten. Hier wird Darwin als in sachlicher Tonlage schreibender Vorläufer Batailles und Caillois's deutlich: die Geschichte einer grotesken Wissenschaft wird erahnbar.

Charles Darwin and Victorian Visual Culture hat vor allem Nutzen für Leserinnen und Leser, die wenig oder gar nicht in der Kultur des britischen 19. Jahrhunderts bewandert sind. Für die kulturwissenschaftlichen Disziplinen, wie zum Beispiel die Kunstgeschichte oder die Literaturwissenschaft, ergeben sich hier zahlreiche neue Einblicke in das vernacular der Epoche. Man stößt auf Zeitschriften, botanische Handbücher oder die alltägliche Praxis des Fotografien-Verkaufs, aus der auch Darwin Illustrations-Material bezog, die allesamt nicht auf den Seminarplänen zu den Werken des Evolutionsdenkers stehen. Der Band ist in dieser Hinsicht auch eine sinnvolle Ergänzung zu den größeren neuen deutschen Studien, die sich Darwin von bildwissenschaftlicher, d.h. vor allem wissensgeschichtlicher Seite (Julia Voss' Darwins Bilder (2007) und Horst Bredekamps Darwins Korallen (2005)) sowie aus der Perspektive der Ästhetik (Winfried Menninghaus' Das Versprechen der Schönheit (2003)) nähern. Mit Blick auf solche Unternehmen werden allerdings auch die Schwächen von Smiths Abhandlung deutlich. Weniger, weil die spezifischen theoretischen Probleme, die aus der Materie hervorgehen, schon bei anderen Autoren gelöst wären. Eher, weil das generelle Fehlen einer theoretischen Perspektive bei Smith genauso offensichtlich wird wie Unkenntnis auf dem Feld der Ästhetik. Letztere macht sich zum Beispiel in einigen Passagen bemerkbar, die Smith On the Expression of the Emotions widmet. Hier zieht der Autor aus Darwins Entscheidung, für dieses Werk keine Illustrationen aus dem Bereich der bildenden Kunst zu verwenden, den Schluss, Darwins evolutionäres Denken in der Nähe des 'unkünstlerischen' technischen Mediums Fotografie, bzw. der 'niederen' Kunstform des Melodramas ansiedeln zu müssen. Mit einer solchen Situierung ist aber wenig mehr gewonnen als die Verlängerung der damals schon unproduktiven Debatten über den Kunststatus der Fotografie sowie eine viel zu schematische Positionierung Darwins in einem szientistischen anti-Bildungs-establishment. Darwins Ausschluss von Bildmaterial aus dem Bereich der kanonischen Künste, den der Evolutionsdenker ausdrücklich in On the Expression... mit einem der Ästhetik inhärenten Argument begründet, wird so nicht greifbar: nämlich die Ansicht, dass die Künste zur Idealisierung und dem Schönen tendierten und damit tendenziell mit dem Expressiven nicht vereinbar seien. Hier schreibt sich Darwin von Lessing her, und Smith entgeht ein zentrales Problem, nämlich die Positionierung von The Descent of Man zu The Expression of the Emotions als evolutionstheoretische Umformulierung der Opposition schön/ausdrucksstark. Mit anderen Worten: Darwin wird letztlich als Denker des Ästhetischen nicht ernst genommen.

Eine vergleichbare grundlegende Kritik könnte man an Smiths Gegenüberstellung von Darwins und Ruskins Ästhetik und deren politischen Implikationen anbringen. In Smiths Version wird Darwins Theorie zu einem Modell, welches das Ästhetische funktionalisiert, Ruskins zu einem, in dem Kunst und Geschmack der moralischen Erziehung dienen. Interessanter wäre es, wollte man politisch arbeiten, erstens über die Implikationen einer Ruskinschen Geschmackspolitik nachzudenken, die, um einen Begriff Bourdieus zu verwenden, legitimiertes und legitimierendes Wissen hervorbringt und dieser eine Darwinsche Ästhetik gegenüberzustellen, deren radikalster Schritt vielleicht in ihrer Nichtangewiesenheit auf 'den Menschen' und 'die Kunst' als Basiskategorien besteht. Die Erörterung solcher Fragen wäre auch produktiver als nicht falsche, aber eben auch flache Feststellungen wie diejenige, dass Darwins Arbeiten über Krebsfüßler, die ihr Geschlecht wandeln, eine Bedrohung der viktorianischen Sexualmoral darstellten. Als hätte Foucault nie geschrieben, bleibt Smith in solchen Momenten vollkommen in der Systemperspektive des 19. Jahrhunderts gefangen.

Ob schließlich die Gegenüberstellung von Darwin und Ruskin als Hauptkontrahenten eine akademische Studie von Buchlänge trägt, scheint fragwürdig. Nicht, weil eine solche Auseinandersetzung historisch nicht stattgefunden hätte oder wirkmächtig gewesen sei - hierfür liefert Smith eine Fülle an Quellenbelegen. Deren Darstellung allerdings ermüdet schnell, und zwar schlicht, weil Ruskins erbauliches Verständnis der Ästhetik als Feld der moralischen Verfeinerung, oder die Auffassung anderer Protagonisten (zum Beispiel des Duke of Argyll) vom Schönen als Offenbarung eines göttlichen Schöpfungsplans, keine ebenbürtigen Sparringspartner für das Darwinsche Denken in seiner Komplexität abgeben. Wiederum: Hiermit ist nicht gesagt, dass Darwin nicht gegen solche Bigotterie angehen musste. Tatsächlich schreibt sich in Smiths Darstellung, deren Verfasser in den Vereinigten Staaten an der University of Michigan-Dearborn lehrt, wohl nicht zuletzt eine Vorgeschichte der aktuellen Versuche in den USA, den Evolutionismus wieder unter kreationistische Hegemonie zu stellen. Warum damals - und offensichtlich auch noch heute - Darwins Denken eine solche Provokation darstellt, warum es bestimmten Gruppen nicht möglich scheint, Emergenz und Selbstregulation wie Ausdifferenzierung von Systemen zu denken und stattdessen eine diesen Systemen externe (göttliche) Intention und Planung setzen zu müssen, darauf bleibt Smith die Antwort schuldig. So würde aber eine wichtige ideologiekritische Fragestellung von Darwins und unserer Epoche in den Blick genommen.

Philipp Ekardt