Rezension über:

Cátia Antunes: Globalisation in the Early Modern Period. The economic relationship between Amsterdam and Lisbon, 1640 - 1705, Amsterdam: Aksant 2004, IX + 238 S., ISBN 978-90-5260-164-9, EUR 24,49
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Rezension von:
Mark Häberlein
Lehrstuhl für Neuere Geschichte, Otto-Friedrich-Universität, Bamberg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Mark Häberlein: Rezension von: Cátia Antunes: Globalisation in the Early Modern Period. The economic relationship between Amsterdam and Lisbon, 1640 - 1705, Amsterdam: Aksant 2004, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9 [15.09.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/09/9799.html


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Cátia Antunes: Globalisation in the Early Modern Period

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Aktuelle Debatten um den Prozess der Globalisierung beeinflussen auch die internationale Geschichtswissenschaft in zunehmendem Maße. Während der Ansatz einer "Geschichte der Globalisierung" einerseits als reizvolle Alternative zu älteren Konzeptionen wie Fernand Braudels Modell kapitalistischer Entwicklung, Immanuel Wallersteins Weltsystem und einer eurozentrischen Expansionsgeschichte erscheint [1], wird die historische Reichweite und Tiefendimension des Globalisierungsprozesses andererseits vor allem unter Wirtschaftshistorikern kontrovers diskutiert. [2] In ihrer als Dissertation an der Universität Leiden entstandenen Fallstudie orientiert sich Cátia Antunes am Modell der "Transformationalisten" Held, McGrew, Goldblatt und Perraton [3], die die Geschichte der Globalisierung in vier Phasen - Mittelalter, Frühe Neuzeit, 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert - einteilen, welche sich hinsichtlich der Reichweite, Intensität, Geschwindigkeit und Auswirkungen der wirtschaftlichen Austauschbeziehungen unterscheiden.

Die Epoche der Frühen Neuzeit wird in diesem Modell als Phase einer "expansiven Globalisierung" beschrieben, die durch eine große geographische Reichweite, eine geringe Intensität der Beziehungen zwischen den Akteuren und eine niedrige Geschwindigkeit des Austauschs von Gütern und Informationen geprägt gewesen sei. Ungeachtet der Langsamkeit der Kommunikation habe der Globalisierungsprozess in dieser Phase bereits starke Auswirkungen auf die beteiligten Akteure gehabt. Als Testfall dieses Modells "expansiver Globalisierung" dienen Antunes die Hafenstädte Amsterdam und Lissabon im Zeitraum von 1640 - dem Jahr der Loslösung Portugals von Spanien - bis ins frühe 18. Jahrhundert, als Portugal und die niederländische Republik während des Spanischen Erbfolgekriegs eine politisch-militärische Allianz eingingen.

Auf die Vorstellung des Modells der "Transformationalisten" Held und anderen folgen zwei Kapitel, die die untersuchten Städte porträtieren. Antunes vergleicht die demographische und urbane Entwicklung, die Verwaltungs- und Sozialstrukturen Amsterdams und Lissabons sowie ihre Einbindung in regionale, europäische und interkontinentale Handelsnetze. In recht schematischer Form werden Gemeinsamkeiten - Bevölkerungswachstum, die Dominanz von Kaufleuten und Handwerkern im sozialen Gefüge, die Scharnierfunktion der Städte im niederländischen und portugiesischen Handel - und die Unterschiede - der Einfluss von Hof und königlicher Bürokratie auf Verwaltung und Sozialstruktur Lissabons, die ungleich stärkere Einbindung Amsterdams in ein regionales Städtenetz und die größere expansive Dynamik der Niederländer in Übersee - herausgearbeitet.

Den eigentlichen Kern der Studie bilden drei Kapitel über die bilateralen Beziehungen zwischen Amsterdam und Lissabon. Antunes behandelt zunächst die Konjunkturen des Handels, die stark von politischen und militärischen Entwicklungen beeinflusst wurden. So florierten die kommerziellen Beziehungen zwischen beiden Städten während der ersten und letzten Jahre des portugiesischen Unabhängigkeitskriegs gegen Spanien (1640-1668) sowie an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, während die Phase des Konflikts um Brasilien in den 1650er Jahren sowie die 1670er Jahre, in denen die Niederlande unter erheblichem internationalen Druck standen, auch in ökonomischer Hinsicht als Krisenzeiten anzusehen sind. Die Palette der gehandelten Güter zeigt, dass die kommerziellen Beziehungen einen komplementären Charakter hatten: Während Amsterdam kriegswichtige Güter wie Pferde, Waffen und Munition sowie Produkte des Nord- und Ostseeraums (Holz und andere Schiffbaumaterialien, Getreide, Fisch, Textilien) exportierte, führte Lissabon Südfrüchte, Wein, Olivenöl, vor allem aber Salz und Kolonialwaren wie Tabak, Tropenhölzer, Zucker und Edelsteine in die Niederlande aus.

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit den beteiligten Akteuren. Der Handel wurde von niederländischen Kaufleuten und portugiesischen Juden dominiert; in beiden Gruppen finden sich sowohl ausgesprochene Spezialisten für die Achse Amsterdam - Lissabon als auch internationale Kaufleute, die diesen Handelszweig mit dem Ostsee-, Skandinavien-, Mittelmeer- und Überseehandel kombinierten. Flankiert wurde der bilaterale Handelsverkehr von Kreditbeziehungen und der Migration spezialisierter Arbeitskräfte. In einem dritten Kapitel untersucht Antunes die Rolle von Diplomaten als politischen und ökonomischen Agenten zwischen dem Königreich Portugal und der niederländischen Republik.

Die empirischen Befunde zu den Beziehungen zwischen beiden Städten werden abschließend dem Modell "expansiver Globalisierung" von Held und anderen gegenübergestellt. Antunes kritisiert vor allem die Annahme einer geringen Intensität derartiger bilateraler Beziehungen, ohne freilich für das Problem der Messbarkeit dieser Intensität eine befriedigende Antwort bieten zu können. Problematisch ist darüber hinaus ihr Bild der kaufmännischen Akteure. Am Ende einer Serie knapper Profile der am Handel zwischen Lissabon und Amsterdam beteiligten Kaufleute steht der Befund, dass weder religiöse noch verwandtschaftliche Beziehungen deren Spezialisierung und Wahl der Geschäftspartner maßgeblich beeinflusst hätten (137). Dieser Befund steht nicht nur im Widerspruch zu den Ergebnissen anderer Studien zum niederländischen Handel in der Frühen Neuzeit [4], er wird auch durch das präsentierte Material nicht gestützt. Um die Bedeutung religiöser und familiärer Solidaritäten für den Fernhandel abzuschätzen, genügt es nicht, Daten über geschäftliche Verbindungen aneinanderzureihen; vielmehr müssten diese Informationen sehr viel genauer hinsichtlich der internen Organisationsstrukturen der Handelsfirmen sowie der Dauer, Intensität und Reichweite ihrer Geschäftsbeziehungen untersucht werden, als Antunes dies tut. Insgesamt liegt mit dieser Dissertation ein instruktives Fallbeispiel für den Prozess "expansiver Globalisierung" vor, das allerdings von einer präziseren Analyse der kaufmännischen Akteure und ihrer Netzwerke profitiert hätte.


Anmerkungen:

[1] Jürgen Osterhammel/Niels P. Petersson, Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, München 2003.

[2] Kevin H. O'Rourke/Jeffrey G. Williamson, When Did Globalization Begin?, in: European Review of Economic History 6 (2002), 23-50.

[3] David Held/Anthony McGrew/David Goldblatt/Jonathan Perraton, Global Transformations: Politics, Economics, and Culture, Stanford 1999.

[4] Etwa Jan Willem Veluwenkamp, Archangel. Nederlandse ondernemers in Rusland, 1 550-1785, Amsterdam 2000.

Mark Häberlein