Rezension über:

Verena Dollenmaier: Die Erotik im Werk von Christian Schad. http://www.diss.fu-berlin.de/2005/233/, Berlin: Freie Universität 2005

Rezension von:
Christian Fuhrmeister
Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München
Redaktionelle Betreuung:
Olaf Peters
Empfohlene Zitierweise:
Christian Fuhrmeister: Rezension von: Verena Dollenmaier: Die Erotik im Werk von Christian Schad. http://www.diss.fu-berlin.de/2005/233/, Berlin: Freie Universität 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9 [15.09.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/09/9495.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Verena Dollenmaier: Die Erotik im Werk von Christian Schad

Textgröße: A A A

Christian Schad (1894-1982) ist fraglos ein herausragender Protagonist der Neuen Sachlichkeit. Immer wieder demonstrieren seit dem Ende der 1960er-Jahre Überblicks- wie Einzelausstellungen, dass seine Werke das Interesse des Publikums zu fesseln vermögen. [1] Die noch relativ überschaubare Schad-Literatur wird nun durch eine Dissertation ergänzt, die seit September 2005 über den Hochschulschriftenserver der FU Berlin zugänglich ist. Es ist ein spezieller Aspekt im Œuvre des Künstlers, dem sich Verena Dollenmaier auf 228 Seiten widmet, nämlich "die kühle Erotik seiner Werke". (6) Ist diese Konzentration gerechtfertigt, führt dieser Aufwand zu einem entsprechenden Erkenntnisgewinn des Lesers, der Leserin? Leider nein.

Dollenmaier begründet ihren Fokus damit, dass bisher keine Monografie vorliege, die sich "ausschließlich und ausführlich diesem Thema gewidmet" habe. Dies trifft zweifellos zu, kann aber als Argument nicht überzeugen: Während es unstrittig ist, dass gerade die Andeutung homo- oder heterosexueller Aktivitäten in Schads Werken eine wichtige Ursache für die bisweilen verstörende Bildwirkung bildet, so muss andererseits nicht jedes ästhetische Phänomen eine derart weitläufige - und in diesem Fall über Gemeinplätze häufig nicht hinausgehende - Behandlung erfahren.

Dreizehn sehr unterschiedlich umfangreiche Kapitel gliedern die formal zumeist sorgfältige, sprachlich indes gelegentlich ungenaue oder fehlerhafte Arbeit. [2] An einen breiten Überblick zu Schads Vita (27-70) schließen sich knappe Ausführungen zum Thema "Erotik in der Kunst" (79-93) und zum "Stellenwert der Sexualität in den 1920er-Jahren" an (94-102). Detaillierte Bildbeschreibungen prägen die folgenden fünf Kapitel, die die Werkphasen von 1920-25, 1926, 1927-29, 1930-35 und 1935-82 behandeln (103-219). Die kurze Zusammenfassung (225-228) vermag es nicht, die Darlegungen konzis zu bündeln oder die Untersuchung insgesamt zu reflektieren, sondern wiederholt oder paraphrasiert die Überzeugung der Autorin, "dass es Schads Anliegen ist, das Spannungsverhältnis zwischen der individuellen Persönlichkeit und der äußeren, beziehungsweise der gesellschaftlichen Rolle sichtbar zu machen. Wie sich gezeigt hat, benutzt der Maler in diesem Zusammenhang vorwiegend erotische Umschreibungen, um seiner Absicht mehr Nachdruck zu verleihen." (225)

Damit sind wir beim Kern des Problems angelangt: Dollenmaier will aus den Werken ausdrücklich die "eigentliche Intention" des Künstlers (6, ähnlich 8) herauspräparieren - als ob er nicht selber in der Lage gewesen wäre, sie zu artikulieren, als ob es der Kunstgeschichte bedürfe, um den Künstler über seine Absichten in Kenntnis zu setzen. Die Autorin sieht es jedenfalls als erwiesen an, dass sich Schad an einem "Konflikt zwischen Individuum und Rolle" (226) abarbeite und die Erotik gewissermaßen als Werkzeug einsetze, um die Differenz zwischen Selbst- und Fremdbild zu betonen. Dieses eher schlichte Erklärungsmodell wird konsequent durchdekliniert. Während einzelne Beobachtungen von Dollenmaier durchaus zutreffen mögen, sehe ich ein Problem in der Gesamtdisposition der Arbeit. Die von Schad offenbar faszinierte Autorin versucht, partout eine rationale Erklärung für rätselhafte Konstellationen von Akten und bekleideten Akteuren, von Gesten, Attributen und Szenerien, zu liefern. Im Kern - und Dollenmaier gibt dies ausdrücklich zu - handelt es sich jedoch um eine "Entwicklungsgeschichte der erotischen Themen bei Schad" (8), also um die Aneinanderreihung von diesbezüglichen Motiven. Hier entwickelt Dollenmaier einen echten Furor und durchforstet das Gesamtwerk sehr gründlich nach einschlägigen Beispielen. Einerseits sind dabei ihre Bildbeschreibungen aber nicht frei von Projektionen [3], andererseits wird die deskriptive Ebene nur selten verlassen. [4] Statt eines analytischen Gewinns, statt einer systematisch neuen Sichtweise auf Schads Malerei kommt sie zu dem doch wohl banalen Ergebnis, es sei dem Künstler stets um "die Ergründung des Menschen, dessen treffendste Charakterisierung sich für ihn im Bereich der persönlichen Erotik und Sexualität ablesen lässt", gegangen. (228)

Die den Künstler stellenweise idealisierende Arbeit ("[...] in jeder Phase seines künstlerischen Schaffens so eigenständig als möglich" (22)) ist meines Erachtens vor allem aus drei Gründen unbefriedigend:

1. Die Sekundärliteratur zu Schad oder zur "Neuen Frau" der 1920er-Jahre wird (ebenso wie die zeitgenössische Presseberichterstattung) in der Regel nur referiert, aber nicht hinterfragt oder problematisiert; nur in sehr wenigen Einzelfällen geht Dollenmaier auf Distanz und kritisiert Einschätzungen oder Interpretationsansätze der Schad-Literatur, die sie ausgiebig zitiert. Soweit ich sehe, geht die Substanz von Dollenmaiers Arbeit kaum über einen Aufsatz von Thomas Röske hinaus. [5]

2. Wichtige rezente Publikationen in diesem Themenbereich, etwa die umfangreiche Literatur zu gender-Fragen, zu geschlechtsspezifischen Körperbildern oder zum Phänomen Lustmord, bleiben weitgehend unberücksichtigt.

3. Es werden keine neuen Dokumente oder Quellen in die Diskussion eingebracht, sondern das bekannte Material wird - zugegebenermaßen erstmals - thematisch geordnet.

Der Eindruck des Rezensenten ist daher nicht positiv. Sicherlich ermöglicht es die sorgfältige Zusammenstellung von Daten und Abbildungen dieser digitalen Veröffentlichung, sehr schnell zuverlässige Informationen zu einzelnen Werken, zu Maßen, Techniken und Standorten, zu bekommen. Doch als ein Forschungsbeitrag kann die Arbeit nicht überzeugen.


Anmerkungen:

[1] Zuletzt die Ausstellung Glitter and Doom. German Portraits from the 1920s im Metropolitan Museum of Art, 14.11.2006-19.2.2006, mit 6 Bildern von Schad.

[2] Zu den corrigenda zählen etwa: Radziwill statt Ratziwill (20); Fürsorge für die Hinterbliebenen statt Kriegsunterstützung der Angehörigen (95); des Halbbildnisses statt des Halbbildnis (190); in das Bild strahlt statt in das strahlt (191); ablesen lässt statt abzulesen lässt (192); aufgerissen statt ausgerissen (209).

[3] Zwei Beispiele: "Auch wenn die urwüchsigen Rhododendren hinter der jungen Frau, der unnatürlich gefärbte Himmel und die verschatteten Augen die Glätte des Bildes in gewisser Weise stören, sind Schad hier wohl die Hände gebunden, um weiter hinter die perfekte Fassade der Frau blicken zu können." (189) "Auch wenn es seine Bildfiguren sichtbar Kraft kostet, verlieren sie niemals ihre Haltung und damit auch nicht ihre Würde." (225-226)

[4] Als deskriptiv (und nicht analytisch) sehe ich etwa diese Beschreibung des Porträts "Maria Fidelius" von 1930 an: "Die Nacktheit ihrer Schultern, die keineswegs unschuldig ist, sondern durch das Kleid verführerisch betont wird, kontrastiert ihren jugendlich-naiven Ausdruck mit dem engelsgleichen blonden Haar, dem weichen Mund und dem Augenaufschlag, der ein Weiteres tut." (190-191)

[5] Thomas Röske: "Liebende Knaben" - Die Darstellung homosexueller Männer und Frauen im Werk Christian Schads, in: Olaf Klodt, Karen Michels, Thomas Röske, Dorothea Schröder (Hrsg.): Festschrift für Fritz Jacobs zum 60. Geburtstag, Münster 1996, 193-212.

Christian Fuhrmeister