Rezension über:

Stefan Sudmann: Das Basler Konzil. Synodale Praxis zwischen Routine und Revolution (= Tradition - Reform - Innovation. Studien zur Modernität des Mittelalters; Bd. 8), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2005, 508 S., ISBN 978-3-631-54266-8, EUR 79,50
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Rezension von:
Thomas Prügl
Notre Dame, IN
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Prügl: Rezension von: Stefan Sudmann: Das Basler Konzil. Synodale Praxis zwischen Routine und Revolution, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9 [15.09.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/09/9397.html


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Stefan Sudmann: Das Basler Konzil

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Mit dem Basler Konzil verbindet man seit jeher den von vielen als revolutionär empfundenen Verfassungskampf zwischen Konziliarismus und Papalismus, der auf der Synode sowohl theoretisch als auch praktisch ausgetragen wurde. Das Basler Konzil erscheint darin als herausragendes Ereignis und Wendepunkt eines langen ideengeschichtlichen Ringens zwischen monarchischer und kollegialer Verfassung und als Schnittstelle zwischen Ekklesiologie und politischer Theorie an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. In diesem ideologischen Zugang auf die Basler Konzilsproblematik blieb das Konzil als konkretes historisches Ereignis oftmals auf der Strecke. Stefan Sudmann nahm sich dieses Mangels an und machte das konziliare Tagesgeschäft des Basler Konzils zum Gegenstand seiner Dissertation. Dabei stand ihm nicht eine Ereignisgeschichte vor Augen, sondern die synodalen Prozesse, die er hinsichtlich ihrer Motivation wie auch hinsichtlich ihrer konkreten Behandlung untersuchte. Der Untertitel seiner Studie deutet bereits die mutige These an: Das Basler Konzil übte sich hauptsächlich in administrativer Routine. Die in der Literatur üblicherweise herausgestellten revolutionären Elemente kamen nur auf dem Hintergrund einer durchaus effektiven und zielstrebigen Gerichtstätigkeit zum Tragen. Damit liefert Sudmann selbst eine revolutionäre These zum häufig beschworenen "Basler Selbstverständnis". Das konziliare Tagesgeschäft - um die wichtigste Einsicht vorwegzunehmen - sei nicht von einem alles überschattenden Konflikt mit dem Papsttum diktiert gewesen, sondern von einer Verwaltungs- und Rechtsprechungsroutine, die sich dem (traditionellen) Anspruch von pax et iustitia verpflichtet wusste. Mit anderen Worten, eine Fixierung auf den verfassungsgeschichtlichen Konflikt versperrt den Blick auf naheliegendere Motivationen für die konziliaren Vorgänge. Sudmann will freilich die "revolutionären" Gedanken, die das Konzil beflügelten, nicht in Abrede stellen. Diese hatten seiner Ansicht nach jedoch nur begrenzten Einfluss auf die am Konzil behandelten Streitfälle.

Methodisch trennt Sudmann zwischen der theoretischen Traktatliteratur, für deren Inhalte die jeweiligen Autoren selbst verantwortlich zeichneten, und den synodales actiones, dem kollegial verantworteten konziliaren Handeln. Von letzterem versucht er ein klareres Bild zu erhalten und Rückschlüsse auf das "Selbstverständnis" der Synode zu erzielen. Was aber charakterisiert die actiones synodales? Sudmann zeichnet zunächst in zuverlässigen Strichen die Geschäftsordnung und Behördenorganisation des Basiliense nach, das sich bewusst von der Vorgängersynode Konstanz absetzte, bevor er sich den Vorgängen (negocia) zuwendet. Diese unterteilt er in drei umfangreichen Kapiteln in die Bereiche pax (45-169), fides (170-248) und reformatio (249-324), denen als Einberufungsgründen des Konzils eine hohe Identifikations- und Legitimationswirkung zugesprochen werden darf. Sudmann geht darin einer großen Anzahl von "Fällen" nach, die er allesamt fundiert, detailreich und quellennah referiert, um dann die wiederkehrenden Motive und parallelen Strategien herauszustellen. Hinsichtlich der Quellen legt er den Schwerpunkt auf die Konzilsprotokolle und auf Segovias monumentale Historia, beides durchaus "konventionelle" Quellen in der Basel-Forschung. Doch sowohl in ihrer Sprache als auch in der protokollarischen Darstellung geben gerade sie die grundlegenden Absichten, die Motivation und Vorgehensweise der Synode, kurz ihr "Selbstverständnis" exakt wider. In der konzentrierten Dichte der hier dargestellten Einzelfälle, die sich einer souveränen Beherrschung der Quellen verdankt, liegt eine der vielen Stärken des Buches.

Unter dem Aspekt der pax verfolgt Sudmann vor allem die zahlreichen Auseinandersetzungen um Bischofsbesetzungen, insbesondere in Frankreich und im Reich, daneben aber auch weltliche Konflikte auf dem gesamten europäischen Kontinent. Sudmann sieht in den Friedensbemühungen des Konzils das alte Prinzip pax et iustitia als konziliare Handlungsmaxime am Werk. In erster Linie habe sich das Konzil jedoch als Schlichter und nicht als Richter verstanden. Basel habe sich nicht darum gerissen, in Angelegenheiten der Ortskirchen einzugreifen, sondern meistens auf Anfragen von dort reagiert. Dabei habe das Konzil stets auf pax, d.h. auf ausgleichende Verständigung vor Ort hingewirkt, anstatt seiner Autorität mit höchstrichterlichen Urteilssprüchen Nachdruck zu verleihen. Wenn dies in seltenen Fällen dennoch geschah, so ging dem nicht selten eine Einmischung des Papstes voraus, wodurch sich das Konzil provoziert und in seiner Autorität verletzt sah. Daneben versuchte es aber auch, in Übereinstimmung mit den eigenen Reformdekreten zu handeln, was sich für gewöhnlich in der Unterstützung des von der Ortskirche gewählten Kandidaten äußerte. Das Konzil habe, so Sudmann, nicht den Konflikt mit dem Papsttum gesucht, sondern nicht selten an vorangegangene Entscheidungen und Beweisaufnahmen der Kurie angeknüpft. Überzeugend veranschaulicht Sudmann diese Strategie etwa anhand der Glaubensprozesse gegen Favaroni und Josseaume, aber auch bei manchen Bischofsbesetzungen, wie etwa im Salzburger Eigenbistum Gurk.

Während das Konzil bei den Schlichtungs- und Glaubensprozessen pragmatisch "routiniert" vorging, gestalteten sich die Reformmaßnahmen komplizierter. Hier ging es ja nicht um standardisierte Prozesse, vielmehr wagte man sich mit der Absicht, gezielt kirchliche Institutionen zu reformieren, auf prozessuales Neuland. Obgleich die Reformproblematik sich wegen ihrer breiten Fächerung einem einheitlichen Interpretationsschema entzieht, gelingt es Sudmann dennoch, Konstanten hervorzuheben, so etwa die "Kleruszentriertheit" der Basler Reformen, die sich gut mit dem elitären Selbstbewusstsein der Synode deckt. Interessant ist auch die Beobachtung, dass die Reforminitiativen vor Ort eher von der individuellen Herangehensweise und dem Interesse einzelner Konzilslegaten abhingen, als dass ein synodal-kollegialer Charakter darin zum Ausdruck kam. Die Erfolge waren denn auch disparat.

Auf den 424 Seiten des Textteils (Literaturverzeichnis 425-499, Register, 500-508) finden sich, wenn auch nicht immer als solche gekennzeichnet, eine Reihe von reich recherchierten Exkursen, wie etwa eine ausführliche mariologische Abhandlung im Zusammenhang des Dogmas von der Immaculata Conceptio BMV (204-248), oder die Darstellung über den Ablass mit einer ausführlichen Würdigung des Ablasstraktats Heymeric van den Veldes (291-324), um nur die umfangreichsten zu nennen.

Sudmanns Buch bringt die Erforschung des Basiliense entschieden voran. Dies gilt nicht nur für seine große These, wonach die Aktionen des Konzils vorrangig nicht als antipäpstliche Provokation anzusehen sind, sondern sich einer konzilianten Tradition prozessualer Routine verpflichtet sahen. In dem Buch stößt man auch auf eine Reihe fundierter Beobachtungen und Einschätzungen, die zu einem Überdenken lieb gewordener Interpretationen zwingen. Ohne die revolutionären Aspekte des Konzils zu ignorieren, zielt Sudmann dennoch darauf, Basel nüchterner und ideologisch unvoreingenommener zu betrachten.

An dieser Stelle mag - nicht als Kritik, sondern als Diskussionsbeitrag - ein kleiner Einwand erlaubt sein. Sudmanns Methode, alle Synodalprozesse strukturell zu vergleichen und daraus Rückschlüsse auf das Selbstverständnis der Synode zu gewinnen, läuft mitunter Gefahr, die negocia vom Gesamtgeschehen des Basiliense zu isolieren. Bis hinein in die Routinearbeit der Richter und Anwälte war das konziliare Handeln doch immer auch von der Gleichzeitigkeit der Auseinandersetzung mit Eugen IV. geprägt. Lässt sich das "Alltagsgeschäft" von der dramatischen ekklesiologischen Diskussion, die die Geschicke der Synode geradezu existentiell beeinflusste, völlig trennen? Waren die Basel Väter, auch wenn sie sich in Routineaufgaben engagierten, nicht zutiefst an ideologische Vorurteile und Absichten gebunden, oder galt das nur für eine lautstarke Minderheit? Müsste man in den einzelnen Gerichtsverfahren nicht auch jenen Faktoren stärker Rechnung tragen, die in den Protokollen höchstens indirekt aufscheinen, aber den Ausgang der Prozesse weitaus mehr beeinflussten als konzilsimmanente Strategien und administrative Pragmatik? Welche Rolle etwa spielten die persönlichen Beziehungsgeflechte der streitenden Parteien, persönliche Ambitionen und vor allem der doch schon tief sitzende "antirömische Affekt", der die Reformdiskussionen begleitete?

Stefan Sudmanns Buch hat eine sehr wichtige Seite des Basler Konzils erschlossen. Die causae maiores des Basiliense sind hier erstmals vergleichend dargestellt worden. Wichtiger noch sind aber die Schlussfolgerungen zum Selbstverständnis des Konzils als kollegial handelndes Organ, die der Autor aus der Untersuchung gezogen hat. Der Konzilsforschung wurde mit diesem Buch eine reiche Fülle von Einsichten und Anregungen gegeben.

Thomas Prügl