Rezension über:

Marc Carel Schurr: Gotische Architektur im mittleren Europa 1220-1340. Von Metz bis Wien. Zeichnungen von Katarina Papajanni, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2007, 395 S., 50 Farb-, 446 s/w-Abb., ISBN 978-3-422-06661-8, EUR 88,00
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Rezension von:
Norbert Nußbaum
Kunsthistorisches Institut, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Norbert Nußbaum: Rezension von: Marc Carel Schurr: Gotische Architektur im mittleren Europa 1220-1340. Von Metz bis Wien. Zeichnungen von Katarina Papajanni, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9 [15.09.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/09/12743.html


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Marc Carel Schurr: Gotische Architektur im mittleren Europa 1220-1340

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Dieses Buch verspricht einen "bislang in dieser Art unbekannten Einblick" (10) in die Rezeption und Entfaltung der Gotik vornehmlich in "Zonen politischer, ökonomischer und kultureller Verdichtung entlang von Rhein und Donau", die der Autor dem "älteren Europa" zuordnet und als "Rückgrat des Reiches" verstanden wissen will (9), freilich ohne dies näher zu begründen. Doch greift die Darstellung auch intensiv auf die Hausteingebiete jenseits der Flusslandschaften (Lothringen, Schwaben, Hessen, Westfalen, Thüringen, Sachsen) aus.

Der Stoff ist chronologisch gegliedert. Es reihen sich, in drei Hauptkapiteln gebündelt, kleine Baumonografien von "Schlüsselmonumenten" (9) aneinander. Schurr bekennt sich zur form- und stilgeschichtlichen Methode in aktualisierter Form. Jene gilt ihm als "die einzige genuin kunsthistorische Herangehensweise" (9) in einem gleichwohl interdisziplinär auszuweitenden Spektrum der Frageweisen. Insbesondere die bauarchäologische Forschung soll ein wichtiges Korrektiv bilden. Den Anhang bildet ein Katalog der 49 behandelten Bauten. Es sind sämtlich Kirchen einer elaborierten Hausteingotik, die von den Kathedralen Frankreichs ihren Ausgang nahm. Diese Fokussierung, welche formarme Bildungen der Bettelorden und Backsteintechnik aus dem Blick lässt, ist Konsequenz der methodischen Einschränkung: Untersucht wird über weite Strecken der Formwandel des Details, und jener wiederum mit einem auffallenden Schwerpunkt auf den Pfeilerprofilen. Im Rahmen einer Projektförderung des Schweizerischen Nationalfonds hat Katarina Papajanni die Pfeiler- und Dienstquerschnitte der Kirchen sorgfältig aufgemessen. Sie bereichern die bis auf gelegentlich schlecht ausgewählte Grundrisse sehr ansprechende Bebilderung, und im Katalog ist jedem Bau die Pfeilerkontur wie die Signatur seiner Stilstellung beigegeben. Dies ist lobenswert, doch gerät die Formanalyse in eine Schieflage, denn die Profilwelt der oberen Geschosse, die der Bauaufnahme nicht zugänglich war, bleibt ein Stiefkind und wird von der Pfeilergenealogie dominiert. Das ist von einigem Belag, weil die Verfolgung "ondulierend" gebündelter Dienste (17) einen der roten Fäden einer Darstellung bildet, welche die bisherigen Stilmodelle des deutschen 13. Jahrhunderts durchaus provokant gegen den Strich kämmt.

Schurr hat die Leitthese des Buches bereits in einschlägig platzierten Artikeln formuliert. Sie lautet, dass nicht etwa die Champagne oder die Ile-de-France unmittelbar, sondern in katalysatorischer Vermittlung Lothringen mit den Bauhütten von Toul, Metz und Straßburg die entscheidenden Programme für die mitteleuropäische Gotik zwischen 1220 und 1340 formulierte. Hier nun sind die im Forschungsdiskurs bereits sehr kontrovers debattierten Argumente systematisch koordiniert. Die Kathedrale von Toul ist der "Schöpfungsbau der deutschen Gotik, [wird] also quasi zum stilgeschichtlichen Äquivalent dessen, was die Abteikirche von Saint-Denis für die Entstehung und Entwicklung der gotischen Baukunst in Frankreich bedeutete". Bald darauf wird die Kathedrale von Metz zum entscheidenden "Impulsgeber", und danach übernimmt die Straßburger Westfassade "die Rolle eines kulturellen Transmissionsriemens" für die Konzepte eines die Pariser Gotik modifizierenden "second rayonnant". Diese Trias definiert die Stilchronologie im Reich, denn "die Leistungen der in Lothringen wurzelnden Netzwerke von Bauleuten und Architekten (sind) für die gotische Baukunst im Reich das Maß aller Dinge" (285). Schurr sammelt viele mehr oder minder überzeugende Hinweise für diese Sicht der Dinge, und eine kluge und scharf beobachtende Präsentation der Bauten lässt die lothringischen "Netzwerke" in mancherlei Hinsicht Gestalt annehmen, doch er vernachlässigt die längst erkannten, von Frankreich unmittelbar ausgespannten Netze und vergibt damit die Chance, alte und neue Perspektiven plausibel zu verknüpfen. Dies macht die These, so bereichernd sie auf die Forschung wirken wird, anfechtbar. So sind etwa die Bezüge zwischen dem Straßburger Langhaus und dem Kathedralbau in Metz auf ganz glänzende Weise neu interpretiert, doch der Freiburger Turmhelm interessiert wegen seiner Straßburger Maßwerkdetails und wegen der Luftrippen im Glockengeschoss, nicht aber als aufgebrochenes Dach, für das die Kölner Bezüge - in welcher zeitlichen Priorität auch immer - nicht zu leugnen sind.

Solche Pointierungen wären leichter zu akzeptieren, wenn die Forschung im Kontext der eigenen Positionierung ausgiebig referiert würde, doch darauf verzichtet Schurr weitgehend. Man ist allzu häufig auf das im Anbetracht des breiten Diskurses nicht eben reichhaltige Literaturverzeichnis verwiesen.

Den einer Initialzündung gleichkommenden Erfolg der Kathedralbauhütte in Toul sieht Schurr zwei konzeptionellen Orientierungen geschuldet, deren Analyse neben den Detailstudien das Buch durchzieht. Zum einen geht es um die Idee, die raumbildende Struktur des Vorgängerbaus als "Erinnerungsgestalt" im Neubau zu wahren. Erst die "Verbindung von traditionellem Typus und innovativer Stilistik" habe die Gotik für die Auftraggeber im Reich zugänglich gemacht (21). In der Folge wird diese seit den Forschungen Krautheimers und Bandmanns thematisierte Frage der Typenkonstanz jeweils explizit bearbeitet und bisweilen (Trier, Liebfrauen; Toul, St-Gengoult) sehr schwachbrüstig belegt. Kann sie beim besten Willen nicht nachgewiesen werden (Köln, Domchor), dann erwies sich der Reiz des Neuen als übermächtig. Es reicht hier aber nicht, die alten Geister der Typenikonologie wieder zu erwecken, und zwar so, als wäre jene ausschließlich für die Baukultur des Reiches im 13. Jahrhundert gültig (soll das Problem der Neuorientierung in Typ und Form für die französischen Bauherren der Gotik eigentlich nicht bestanden haben?). Nähme Schurr die Bauarchäologie wirklich ernst, hätte eine Prüfung, inwieweit Rücksichten auf die in einem langen Prozess zu überbauenden Strukturen konkrete Entscheidungszwänge provozierten, erfolgen müssen. Ganz befremdlich wirkt der Versuch, die kantigen Mittelschiffpfeiler von St. Severi in Erfurt für die "Erinnerungsgestalt" des Vorgängerbaus in Anspruch zu nehmen, die schlanken, weicher konturierten Seitenschiffpfeiler indessen als Signum einer "Modernität" vorzustellen, die den benachbarten romanischen Dom "in den Schatten stellen" sollte (207).

Die andere an Toul entwickelte, kontinuierlich aufgegriffene und am Regensburger Domchor schließlich ausgiebig erörterte Thematik ist jene der "Wandauffassung" (16), für die Schurr die Begriffe der französischen Forschung von dünner, starker und plastischer Wand als "Formprinzipien" (186, 194) zurate zieht. Es sind dies aber ihrer Tradition und Verwendung nach operationale Termini einer Stilgeschichte, die gotische Wände zuvorderst als "Formgelegenheiten" auffasst, ohne die statisch-konstruktiven Implikationen mitzudenken. Die vielfältige Kombination ein- und zweischaliger Systeme, pointierter und formal unterschlagener Widerlagerzonen, geöffneter und durchbrochener Flächen hat im 13. Jahrhundert nicht allein deshalb Konjunktur, weil die Auffassungen zwischen Flächigkeit, Verräumlichung und Plastizität der Wand changieren, sondern auch und vor allem, weil die gesteigerten Anforderungen an die Wand als raumschließendes Tragwerk divergierende ebenso wie konvergierende Lösungswege provozierten. Schurrs unterschwellige Tendenz, die "Wandsysteme" in eine entwicklungsgeschichtliche Reihenfolge zu bringen und der "plastischen" Wand eine spätgotische Perspektive zu eröffnen, zeigt die Darstellung im Übrigen anfällig für evolutionistische Stilentelechien, denen sich der Autor eigentlich entziehen möchte. Dies ist kein Einzelfall, denn es werden "entwickelter" anmutende Formen grundsätzlich für die jüngeren gehalten, unausgereifter erscheinende hingegen als "logische Vorstufen" - so in den Debatten um die Arkadenpfeiler in Metz, Köln und Halberstadt (101) oder um das Verhältnis zwischen den Sakristeien des Kölner Domes und der Marburger Elisabethkirche (117).

Die letzten Sätze des Resumées unterstützen dieses lineare Stilmodell, denn gegen alle Hinweise auf eine außerordentliche Pluralität der Entwurfsstrategien unternimmt Schurr hier den abschließenden Versuch, die drei in den Hauptkapiteln akkumulierten Phänomene der sequenziellen Wandlung von Gestaltungsabsichten zuzuordnen: Bis um die Jahrhundertmitte sieht er das "sorgfältige Austarieren von traditionellen Motiven und modernen Stilelementen (als) eines der Hauptthemen". Dann geriet in Köln und Straßburg "das Neue, die Innovation zum Wert an sich", bevor "der Reiz der Innovation" um die Jahrhundertwende nachließ und "ein Streben nach einem vermehrten Reichtum der Gestaltung, nach einer Steigerung des Effekts" an dessen Stelle trat (285, 286).

Hier scheint Entwicklungsgeschichte als Erzählmodell nun doch nicht ganz ausgeschöpft und Stilanalyse überdies erweiterungsbedürftig etwa durch Kategorien der funktionalen Differenzierung von Typ und Form, der Bauökonomie, der Entwurfsästhetik und der Rezeptionsfragen. Man wird Schurrs Werk einen wichtigen Beitrag zur Stilgeschichte der deutschen Gotik nennen und den Mut des Autors zur programmatischen Beschränkung respektieren dürfen, zugleich aber die Risiken der Begrenzung kritisch anmahnen müssen, zumal zur Beschränkung die dezidierte Perspektive hinzukommt. Letztere macht die Darstellung zur Studie, die den Status eines gültigen Gesamtüberblicks nicht beansprucht und Parallellektüren erfordert. Auch ist trotz dieser Pointierung die in der Einleitung angekündigte Neuformulierung der stilhistorischen Methode mit diesem Buch nicht wirklich vollzogen. Es folgt in seinem Grundtenor den Spuren großer deutscher Formgeschichte, die Formbildungsprozesse unter dem Aspekt der Stoßrichtung und der Abhängigkeiten erläutert. Doch sind hier Blick und behauptete Richtungen gewendet, und damit scheinbar kodifizierte Lesarten des Denkmälerbestandes in Frage gestellt.

Norbert Nußbaum