Rezension über:

Stephen Schröder: Die englisch-russische Marinekonvention. Das Deutsche Reich und die Flottenverhandlungen der Tripelentente am Vorabend des Ersten Weltkriegs (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; Bd. 76), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, 790 S., ISBN 978-3-525-36069-9, EUR 79,90
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Rezension von:
Michael Epkenhans
Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Michael Epkenhans: Rezension von: Stephen Schröder: Die englisch-russische Marinekonvention. Das Deutsche Reich und die Flottenverhandlungen der Tripelentente am Vorabend des Ersten Weltkriegs, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9 [15.09.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/09/12024.html


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Stephen Schröder: Die englisch-russische Marinekonvention

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Der Erste Weltkrieg war und bleibt ein "Dauerthema" der Geschichtswissenschaft. Die Bedeutung anderer Epochen der Geschichte soll damit keineswegs geschmälert werden, doch zumindest für Europa war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 tatsächlich jene "Urkatastrophe", als die ihn George F. Kennan und viele andere nach ihm immer wieder bezeichnet haben.

Mit viel Engagement haben sich Historiker seit jeher mit den Ursachen dieser Katastrophe beschäftigt, dabei viele nützliche, manchmal aber auch abstruse Erklärungen angeboten. Eine besondere Rolle im Rahmen dieser vielen Erklärungen spielte von jeher die Frage, inwieweit der "Geheimnisverrat" (Erwin Hölzle), d.h. die Tatsache, dass ein baltendeutscher Spion in der russischen Botschaft in London die deutsche Seite frühzeitig über den Beginn englisch-russischer Verhandlungen über ein Marineabkommen informiert habe, dazu beigetragen habe, die Reichsleitung zu einem vabanque-Kurs zu verleiten, der dann in der Katastrophe endete. Mangels Quellen war diese These nicht nur in hohem Maße spekulativ, sondern ihr haftete auch der Geruch an, unter Hinweis auf im Grunde nicht überprüfbare Dokumente sowie noch weniger überprüfbare Schlussfolgerungen, die die Verantwortlichen in Berlin daraus zogen, die deutsche Seite exkulpieren zu wollen.

Es ist gut, dass sich ein jüngerer Historiker, ein Doktorand von Klaus Hildebrand, dieser Thematik sine ira et studio angenommen hat. In mustergültiger Weise seziert er auf der Grundlage der verfügbaren Quellen in den einschlägigen Archiven der beteiligten Mächte dieses Problem und kommt zu überzeugenden Schlussfolgerungen. Zugleich vermag er das Rätsel des Geheimnisverrats zu lösen, uns die Figur des "Verräters" und den Ablauf des Geschehens bis in letzte Details eindrücklich und überzeugend zu schildern.

Worum geht es also? Benno von Siebert, Sekretär an der russischen Botschaft in London, hat seit 1909 in regelmäßigen Abständen wichtige Akten kopiert, die von einem kleinen Kreis von Entscheidungsträgern in Berlin - insgesamt nur vier Personen -, zu denen allerdings nicht einmal der bekanntermaßen "redselige" Kaiser gehörte, dann zur Kenntnis genommen und bewertet wurden.

Ihre wirkliche Brisanz erhielten diese Dokumente, zu denen auch die im November 1912 geschlossene englisch-französische Marinekonvention gehörte, dadurch, dass sie in Berlin den Eindruck erweckten, der "Ring" schließe sich. Man würde aber zu kurz greifen, wenn man mit der Analyse und der Bewertung dieser Dokumente im Grunde nur das Frühjahr 1914 berücksichtigen würde. Denn so problematisch sich die Sicherheitslage in Europa aus deutscher Sicht darstellte, so besorgniserregend schien sie auch aus Petersburger Sicht zu sein. Dort hatten gerade die als Niederlage empfundenen Vorgänge um die Liman-von-Sanders-Mission am Jahresende 1913 die Alarmglocken schrillen lassen. Ein Festsetzen der Deutschen am Bosporus drohte eine der wichtigsten Lebensadern des Zarenreiches zu verschließen. Es war daher nur folgerichtig, wenn das Zarenreich mit Hilfe seines französischen Bündnispartners versuchte, Großbritannien stärker und bindend an den Zweibund heranzuziehen, um damit die eigene Sicherheit zu erhöhen.

1912, während des Besuchs des russischen Außenministers in Balmoral, hatte die Inselmacht sich diesem Drängen noch entzogen, 1914 stimmte der englische Außenminister, Sir Edward Grey, der Aufnahme von Gesprächen darüber schließlich zu in der Hoffnung, damit die Ententepartner, d.h. insbesondere das Zarenreich, zufrieden zu stellen, ohne aber den eigenen Handlungsspielraum gerade gegenüber Deutschland, demgegenüber er seit 1912 um Entspannung bemüht war, einzuengen. Daher sollten die Gespräche streng geheim und auf niedriger Ebene geführt werden. Damit beschritt er freilich, wie Schröder zu Recht konstatiert, "einen gefahrvollen Pfad [...], der das Risiko einer erneuten Belastung der Beziehungen zu Berlin bzw. deutscher Gegenmaßnahmen in sich barg." (708) Diese Rechnung ging allerdings nicht auf, da Siebert die entsprechenden Unterlagen nach Berlin weiter gab. Das Fatale dabei war, dass dabei allein die russische Haltung, nicht aber die eher zögerliche englische Position deutlich wurde. Da Grey auf die deutschen Störversuche mit Hilfe der Presse zudem eher unglücklich reagierte, verstärkte sich der negative Eindruck dieser Verhandlungen in Berlin noch. Aus Berliner Sicht war diese Konvention zudem geeignet, jenen chauvinistischen Kräften in Frankreich und Russland Auftrieb zu verleihen, die ein "forscheres" Auftreten gegenüber dem Reich verlangten. Hinzu kam, dass die bevorstehende Konvention nicht nur das bisherige deutsch-britische Krisenmanagement in Balkanfragen grundsätzlich in Frage stellte, sondern auch die Haltung Englands im Konfliktfall in einem neuen Licht erscheinen ließ.

Nun wäre es allerdings verkehrt, wie Schröder in seiner sehr dichten, quellengesättigten Studie deutlich macht, die Marinegespräche zu überschätzen, denn alle Entscheidungsträger in Berlin waren sich über die schwierige außenpolitische Lage des Reiches im Klaren. "Im Vergleich mit den anderen Faktoren, welche die deutsche Politik im Juli 1914 beeinflussten, war die Episode um die Marinekonvention in einem spezifischen Sinne bedeutsam und trug insgesamt als ein erheblich verstärkender, wenn auch nicht ursächlicher Faktor zur Gestaltung des Berliner Risikokurses in der Julikrise bei." (725). Indem sie das Misstrauen in die englische Politik zu einem Zeitpunkt verstärkte, als das Zarenreich massiv aufrüstete und der eigene Bündnispartner immer schwächer wurde, trugen sie dazu bei, im Juli 1914 einen Kurs einzuschlagen, der sich schließlich als katastrophal erweisen sollte.

Stephen Schröder hat diese Episode in der europäischen Geschichte vor 1914, die mehr war als "Viel Lärm um Nichts", überzeugend nachgezeichnet, dabei zugleich auch deutlich gemacht, was eine moderne Geschichte der internationalen Beziehungen wirklich leisten kann. Glückwunsch!

Michael Epkenhans