Rezension über:

Peter Melichar: Neuordnung im Bankwesen. Die NS-Massnahmen und die Problematik der Restitution (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historiker-Kommission. Vermögensentzug während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich; Bd. 11), München: Oldenbourg 2004, 481 S., 149 Tab., ISBN 978-3-486-56773-1, EUR 66,80
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Rezension von:
Harald Wixforth
Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Harald Wixforth: Rezension von: Peter Melichar: Neuordnung im Bankwesen. Die NS-Massnahmen und die Problematik der Restitution, München: Oldenbourg 2004, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/07/8367.html


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Peter Melichar: Neuordnung im Bankwesen

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Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Probleme während der krisenbelasteten Zwischenkriegszeit verfügte Österreich über ein erhebliches ökonomisches Potenzial. Dies wollten auch die Wirtschafts- und Rüstungsplaner in Berlin nach dem sogenannten "Anschluss" im März 1938 möglichst schnell ausschöpfen. Durch eine umfassende "Neuordnung" der österreichischen Wirtschaft wollten sie dieses Ziel erreichen. Eine Schlüsselrolle spielte dabei das Bankwesen des Landes, das über seinen Kapitalbesitz und über seine personelle Verflechtungen einen nicht unerheblichen Teil der Wirtschaft kontrollierte. Der "Neuordnung" des Bankwesens fiel damit eine eminent wichtige Position für die gesamte anstehende Umgestaltung der österreichischen Wirtschaft nach den Vorstellungen der neuen Machthaber zu.

Die einzelnen Schritte in diesem Prozess, vor allem aber die dabei von den einzelnen Institutionen des NS-Herrschaftsapparates ergriffenen Maßnahmen bilden den Untersuchungsgegenstand des vorliegenden Buches. Der Autor konnte dazu in erheblichem Umfang auf bisher nicht bekanntes Quellenmaterial zurückgreifen, das im Zuge der Arbeiten der Österreichischen Historikerkommission erschlossen wurde. In seiner Untersuchung geht er in fünf Schritten vor. Zunächst behandelt er die "Neuordnung" bei den großen österreichischen Aktienbanken, dann folgen die zahlreichen Privatbankiers. In einem weiteren Schritt thematisiert er die Problematik der Restitution und der Entschädigung nach 1945, bevor er die gesetzlichen Grundlagen für das Bankwesen in Österreich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beleuchtet. Den eigentlichen Hauptteil der Studie bilden die zahlreichen Falldarstellungen zur "Arisierung" und Liquidation der Privatbankhäuser nach 1938.

Dieser Abschnitt präsentiert ohne Frage eine Fülle von neuen Details bei der "Arisierung" von Privatbankhäusern in Österreich. Unsere Kenntnis über die einzelnen Schritte bei diesem Prozess wird dadurch ebenso erweitert wie über die dabei ergriffenen Maßnahmen. Störend ist dabei jedoch, dass die Falldarstellungen dem Alphabet nach auf ca. 250 Seiten aufgelistet werden, ohne dass hier eine sachthematische Gliederung zugrunde liegt. Synthetisierende und vergleichend analytische Aussagen finden sich zwar im Kapitel über "Neuordnung" des Privatbankensektors, doch wäre ein konzeptionell überzeugendes Gliederungsschema sicherlich auch bei der Abhandlung der Falldarstellungen sinnvoll gewesen.

Generell bleibt anzumerken, dass in der Studie in weiten Teilen die "Neuordnung" des Bankwesens rein deskriptiv dargestellt wird. Etwas mehr an analytischer Tiefenschärfe wäre daher sicherlich wünschenswert gewesen. Dies gilt sowohl für den Abschnitt über die "Neuordnung" im Bereich der Aktienbanken, als auch für die Kapitel über die "Arisierung" und Liquidation der Privatbankhäuser. Zudem wird nicht deutlich, wo und zwischen welchen Gruppen bei der "Neuordnung" unterschiedliche Interessen auftraten, wo es sogar zu gravierenden Interessenkonflikten kam und auf welche Weise sie gelöst wurden. Daher überrascht es auch nicht, dass man in der Studie generalisierende Aussagen zum Verhältnis von Politik und Wirtschaft nach dem "Anschluss" ebenso vergeblich sucht wie zur Positionierung einzelner Akteure oder Interessengruppen. Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass der Autor von der Historikerkommission den Auftrag hatte, die einzelnen Facetten des "Neuordnungsprozesses" möglichst detailliert darzustellen. Durch die von ihm gewählte Art der Darstellung verzichtet der Autor jedoch sowohl auf eine präzise Einordnung der Umgestaltung des Bankwesens im Rahmen der "Neuordnung" der österreichischen Wirtschaft nach dem "Anschluss", als auch auf Aussagen dazu, inwieweit die dabei getroffenen Maßnahmen ein Modell für ähnliche Prozesse in anderen vom NS-Regime annektierten Ländern waren. Gerade dies wird in der Literatur seit Langem behauptet, sodass eine Überprüfung dieser Thesen sicherlich wünschenswert gewesen wäre.

Im Ergebnis legt Melichar zwar eine in großen Teilen genau recherchierte und mit eine Fülle von Details versehene Studie vor, der jedoch in gewissem Maß die analytische Tiefenschärfe fehlt. Die Diskussion über das Ausmaß und die Folgewirkungen der "Neuordnung" im österreichischen Bankwesen ist daher ebenso wenig abgeschlossen wie über ihren angeblichen Modellcharakter. Aufgrund ihrer Detailfülle hat die Studie unser Wissen über die "Neuordnung" der österreichischen Kreditwirtschaft sicherlich vergrößert. Sie ist daher in erster Linie als profunde Materialbasis für vergleichende und hoffentlich noch erscheinende Arbeiten zu diesem Themenkomplex zu verstehen.

Harald Wixforth