Rezension über:

Karsten Labahn: Räumliche Mobilität in der vorindustriellen Stadt. Wohnungswechsel in Stralsund um 1700 (= Kleine Stadtgeschichte; Bd. 1), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2006, 160 S., ISBN 978-3-8258-8989-0, EUR 9,90
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Anne Grabinsky: Die Stralsunder Doppelkatastrophe von 1678/80. Wiederaufbau nach zwei vernichtenden Stadtbränden (= Kleine Stadtgeschichte; Bd. 2), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2006, 152 S., ISBN 978-3-8258-8994-4, EUR 9,90
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Rezension von:
Karsten Igel
Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Karsten Igel: Räumliche Mobilität in der vorindustriellen Stadt (Rezension), in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/07/11934.html


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Räumliche Mobilität in der vorindustriellen Stadt

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Der Wechsel von Wohnung und Wohnort gehört in der heutigen Zeit zur alltäglichen Lebenserfahrung. Auch die Migrationsforschung befasst sich seit längerem mit diesem Phänomen. Doch die innerstädtische räumliche Mobilität bildet - wie Karsten Labahn in seiner Studie treffend betont - "ein fast vollkommen unbeackertes Feld der Stadtgeschichtsforschung" für die Vormoderne (28). So schließt seine Arbeit eine Forschungslücke und liefert wichtige Einblicke in die frühneuzeitliche Stadtgesellschaft, zumindest wie sich diese in Stralsund um 1700 darstellte.

Ausgehend von einem Forschungsüberblick zur kleinräumigen und innerstädtischen Mobilität in der historischen Migrations- und Stadtgeschichtsforschung erarbeitet Labahn seine Fragestellung, um anschließend die zur Verfügung stehenden Quellen vorzustellen. Die Frage nach dem Ausmaß der innerstädtischen Mobilität, ihrer Frequenz und der räumlichen Distanz zwischen den Wohnorten kann dabei natürlich nur ein Ausgangspunkt sein. Wesentlicher ist die gesellschaftliche Relevanz der Mobilität: Wie weit drückte diese soziale Segregationen aus oder überbrückte diese, welche Bedeutung kam (kommunikations-)räumlichen Zusammenhängen zu, in welchem Maße standen Prozesse sozialen Auf- und Abstiegs hinter den innerstädtischen Umzügen? Die klassische Sozialtopographie wird so um die zeitliche Dimension erweitert.

Die Grundlage der Untersuchung bilden die Stralsunder Haussteuerregister, die einerseits die Steuerbeträge für die verschiedenen Gebäudeformen (Haus, Bude, Keller) und für die nicht hausbesitzenden Bürger ihrem Wohnhaus zugeordnet eine Kopfsteuer aufführen. Ausgewählt wurden die Register vom März 1706 bis zum Dezember 1710. Diese Beschränkung auf nicht einmal fünf Jahre erscheint der Fragestellung entsprechend zunächst einmal ausgesprochen kurz, doch entstanden in diesem Zeitraum allein 19 Steuerregister, die sich aber ungleichmäßig über die Jahre verteilen: entstand 1706 wie auch 1708 gerade einmal eines, so waren es 1710, einem Jahr mit besonders hohem Finanzbedarf seitens der Stadt, gleich zehn Register.

Trotz des kurz gehaltenen Untersuchungszeitraumes und der sehr ungleichmäßigen Verteilung der Haussteuerregister gelingt es Labahn aber, wesentliche Ergebnisse herauszuarbeiten. Innerhalb von etwas mehr als viereinhalb Jahren kann für fast 40 % der Gebäude ein Umzug belegt werden, für 8 % drei oder mehr, für einzelne sogar mehr als zehn Umzüge (86). Diese Zahlen verweisen auf eine hohe Mobilität, allerdings wirken sich hier auch mehrfach umziehende Haushalte aus. So wohnten von den 1710 noch lebenden Haushaltsvorständen noch fast 80 % im selben Haus wie schon 1706, nur etwas mehr als ein Fünftel war (zu fast 30 % aber auch mehrfach) in diesem Zeitraum umgezogen (93).

Hier zeichnen sich deutliche Unterschiede im Mobilitätsverhalten innerhalb der städtischen Gesellschaft ab, deren Motivation zu klären den eigentlichen Kern der Untersuchung Labahns ausmacht. Der Zusammenhang mit dem Verlauf des Lebenszyklus rückt dabei in den Vordergrund. Zu untersuchen ist dieser - mangels entsprechender Lebensdaten in ausreichender Zahl - natürlich nur schwerlich. Geschickt umgangen wird dieses Problem durch die Beschränkung auf die männlichen Haushaltsvorstände und den zeitlichen Abstand zum Erwerb des Bürgerrechtes, der zumindest tendenziell auch das Lebensalter widerspiegeln sollte - von zugewanderten Neubürgern einmal abgesehen. Innerhalb der ersten fünf Jahre nach Erwerb des Bürgerrechtes zogen immerhin 40 % aller entsprechenden Haushaltsumstände wenigstens einmal um, innerhalb der nächsten drei folgenden 5-Jahreszyklen betrug dieser Anteil dann nur mehr 15-16 %, um dann deutlich unter 10 % abzusinken. Auffällig ist der neuerliche Anstieg des Anteils auf 16 % für die Gruppe, die mehr als 30 Jahre über das Bürgerrecht verfügte (102). Der Befund einer höheren Mobilität in der Phase der Haushaltsetablierung wie auch im höheren Alter, verbunden mit einer Verwitwung und/oder Altersarmut, entspricht dabei durchaus einem zu erwartenden Bild. Ähnliches gilt für das Verhältnis von Mobilität und Berufstätigkeit. Diese ist, wie auch der Anteil der Mieter, für jene Gruppen besonders hoch, deren Tätigkeit nicht an das eigene Haus gebunden war, oder die, wie die Boots- und Steuerleute, immer wieder über längere Zeiträume abwesend waren. Demgegenüber ist für jene, die besondere gewerbliche Einrichtungen benötigten (z.B. Bäcker und Schmiede), die Tendenz zur Sesshaftigkeit und damit verbunden zum Hauseigentum besonders hoch (105). Ähnliches lässt sich, nicht ganz überraschend, auch für die Vermögens- und Wohnverhältnisse im Vergleich zur Mobilität beobachten. Diese nahm ebenso mit steigendem Vermögen ab, wie Bewohner von Buden oder gar Kellern häufiger umzogen als jene von Häusern.

Im Blick auf den städtischen Raum, seine kommunikative und soziale Verknüpfung ist das "Wohin" der Umzüge zentral: Fast ein Viertel verblieb in einem Umkreis von 100 Metern und damit noch innerhalb einer engeren Nachbarschaft. Aber auch darüber hinaus blieben räumliche Zusammenhänge bestimmend. Jeweils deutlich über die Hälfte der Umziehenden blieb im selben Quartier wohnen, allein das kleinste der vier Viertel, St. Jürgen, fällt aus dem Schema: Drei Viertel von ihnen zogen in eines der anderen drei Quartiere. Da das Jürgensviertel über keine eigene Pfarrkirche verfügte, sondern den angrenzenden Kirchspielen angehörte, weist dies darauf hin, dass die Bindung an die jeweilige Pfarrkirche und nicht an das Stadtquartier entscheidend war (118). Fast kein Austausch bestand hingegen zwischen den vor- und innerstädtischen Bereichen, so dass hier eine sozialräumliche Segregation in besonderem Maße erkennbar ist. Anlässe und Form von Umzügen zeichnet Labahn abschließend am Beispiel des Müllersburschen und Krügers Christian Hinrich Utesch nach, wobei sich zeigt, dass hier die persönlichen Netzwerke ebenso eine Rolle spielten wie die jeweilige persönliche Situation, die aber aus den Quellen doch nur begrenzt erfassbar bleibt.

Auch die zweite hier vorzustellende Arbeit stützt sich auf die Stralsunder Haussteuerregister. Allerdings stellt Anne Grabinsky die aus diesen rekonstruierbare Baustruktur Stralsunds in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung, genauer die Auswirkungen zweier dicht aufeinander folgender Brände auf die Stadt. Ausgehend von einer kurzen Übersicht der Stralsunder Baugeschichte seit dem späten Mittelalter, unter Einbeziehung der archäologischen und bauhistorischen Befunde, rekonstruiert Grabinsky zunächst die Baustruktur Stralsunds vor dem Brand. Als Grundlage dienen neben den Haussteuerregistern die sehr detaillierte und exakte Vogelschauansicht Stralsunds von Johannes Staude aus dem Jahre 1647 sowie die Karten der schwedischen Matrikel von 1706/07. Nach der steuerlichen Einteilung entfielen gut die Hälfte der Bauten auf den Typ "Bude" sowie jeweils etwa ein Viertel auf "Haus" und "Keller", wobei der Anteil der "Häuser" in den beiden dem Hafen zugewandten Quartieren deutlich höher lag (40-43).

Der erste Brand folgte der Beschießung Stralsund durch brandenburgische Truppen im Oktober 1678 und führte zur Zerstörung von fast der Hälfte des Gebäudebestandes mit einem Schwerpunkt auf dem Jakobi- und dem Marienquartier. Der zweite Brand traf im Juni 1680 die gerade wieder im Aufbau befindliche Stadt: Ihm fielen weitere 11 % der vor 1678 bestehenden Gebäude zum Opfer - zu drei Viertel allerdings im Jürgensquartier, das zwei Jahre zuvor praktisch unversehrt geblieben war. Eine solche Doppelkatastrophe musste auf die städtische Gesellschaft eine tief einschneidende Wirkung zeitigen. So kann Grabinsky deutliche Hinweise für einen größeren Bevölkerungsrückgang vorlegen. Und auch der Grundstücksmarkt scheint in Bewegung geraten zu sein, denn immerhin wurde die Hälfte der Gebäude nicht von ihren vorherigen Eigentümern wiederaufgebaut (72). Die finanziellen Belastungen durch den Wiederaufbau wurden wenigstens zum Teil von der schwedischen Krone aufgefangen. Als indirekte Fördermaßnahmen wirkten einerseits die Aufhebung und Verminderung von Zöllen und Akzisen, um den Stralsunder Handel zu fördern, und mehrjährige Steuerbefreiungen für wiedererrichtete Bauten andererseits. Da die Steuerbefreiung in der Regel mit dem Beginn der Baumaßnahme einsetzte, bieten die Haussteuerregister so auch einen Einblick in den zeitlichen Verlauf des Wiederaufbaus in Stralsund. Zur direkten Förderung wurden Gnadengelder ausgezahlt, die aus den an Schweden zu entrichtenden städtischen Akzisen zurück in die Stadt flossen und zwischen 1679 und 1692 an 445 Bauherren ausbezahlt wurden.

Die Wirkung dieser Maßnahmen darf aber, wie Grabinsky belegen kann, nicht überschätzt werden: Zwar wurde in den ersten fünf Jahren nach der brandenburgischen Beschießung fast ein Viertel der zerstörten Gebäude wiederhergestellt, bis 1706 war dann aber noch nicht die Hälfte erreicht worden. Zudem kam es im Zuge des Wiederaufbaus zu einer Absenkung der Gebäudequalität, zumindest nach ihrem steuerlichen Wert. Von den zerstörten Häusern wurde über die Hälfte als Buden und Keller wiedererrichtet, während auf nur sieben bisherigen Buden- oder Kellergrundstücken Häuser entstanden. Verstärkt wurde diese Tendenz durch den Wegfall der Gnadengelder nach 1692: Nun machten die "Keller" fast die Hälfte aller errichteten Bauten aus, die zum Teil nur sehr provisorische Behausungen waren. Der Anteil der "Häuser" war von 26 % vor dem ersten Brand auf 15 % im Jahr 1706 gesunken. Der Wandel der städtischen Baustruktur bzw. ihrer steuerlichen Einstufung spiegelt so ganz eindrucksvoll die wirtschaftlichen, sozialen und demographischen Folgen der Doppelkatastrophe von 1678/80 für die städtische Gesellschaft und das sozialräumlichen Gefüge Stralsunds um 1700 wider. Abschließend stellt Grabinsky einzelne der noch heute aus der Wiederaufbauphase bestehenden Bauten beispielhaft vor, womit sie den fächerübergreifenden Charakter, der diese Untersuchung auszeichnet, unterstreicht.

Beide Arbeiten sind klar strukturiert und in einer ebenso klaren Sprache verfasst. Die Karten und Abbildungen finden sich auf den beigefügten CD-ROMs, was angesichts des Taschenbuchformats dieser Reihe dann auch eine bessere Lesbarkeit ermöglicht. Anzumerken bleibt noch, dass beide Bände aus Magisterarbeiten hervorgegangen sind, die es angesichts ihrer Qualität und der intensiven Quellenrecherche mehr als verdient haben, als Monographie zu erscheinen. Der zu diesem Zweck begründeten Reihe "Kleine Stadtgeschichte" kann nur ein gutes Gedeihen gewünscht werden.

Karsten Igel