Rezension über:

Cornelius Nepos: Berühmte Männer. De viris illustribus. Lateinisch-deutsch. Hrsg. u. übersetzt von Michaela Pfeiffer unter Mitarbeit von Rainer Nickel (= Sammlung Tusculum), Düsseldorf: Artemis & Winkler 2006, 560 S., ISBN 978-3-7608-1734-7, EUR 48,00
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Rezension von:
Ulrich Lambrecht
Campus Koblenz, Universität Koblenz-Landau
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Lambrecht: Rezension von: Cornelius Nepos: Berühmte Männer. De viris illustribus. Lateinisch-deutsch. Hrsg. u. übersetzt von Michaela Pfeiffer unter Mitarbeit von Rainer Nickel, Düsseldorf: Artemis & Winkler 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/07/11226.html


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Cornelius Nepos: Berühmte Männer. De viris illustribus

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Die viri illustres des Cornelius Nepos gibt es in vielen Ausgaben und Übersetzungen, gewiss auch, weil das Werk nicht zuletzt als Schullektüre Bekanntheit und Verbreitung über die altertumswissenschaftliche Fachwelt hinaus findet. Die neue Ausgabe und Übersetzung in der "Sammlung Tusculum" trifft also auf einen vergleichsweise großen Interessentenkreis. Sie enthält den lateinischen Text der überlieferten Viten aus der Feder des Cornelius Nepos mit gegenübergestellter Übersetzung, also die erhaltenen 23 Lebensbeschreibungen nichtrömischer Feldherren und die beiden Lebensbilder des älteren Cato und des T. Pomponius Atticus aus dem Buch über die römischen Historiker. Es folgen eine knappe Einführung zum Umfeld, zum Werk und zu den Intentionen des Verfassers (369-392), kurze Sacherläuterungen zu einzelnen Aussagen und Namen in den Personendarstellungen des Nepos ohne Hinweise auf Parallelüberlieferung und Literatur (393-416), Literaturhinweise (417-420) und ein ausführliches Namenverzeichnis (421-560), das auch platzsparender hätte gedruckt werden können.

Die sich meist relativ nahe an die Textvorlage haltende Übersetzung als solche mag aufs Ganze gesehen geglückt und weitgehend frei von Beanstandungen sein; merkwürdig wirkt jedoch, dass im Anhang keine Äußerungen zur Textgestaltung aufgenommen sind, nicht einmal darüber, nach welcher wissenschaftlichen Ausgabe sich die Edition richtet. Sie ersetzt doch wohl die in der Neuedition mit keinem Wort erwähnte alte Tusculum-Ausgabe von Hans Färber, die andernorts aufgrund ihres umfassenden Kommentars immerhin als "unentbehrlich" [1] qualifiziert wird.

Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt auch der Einführungstext, selbst wenn in Rechnung zu stellen ist, dass auf gut zwanzig Seiten nicht alle wichtigen Aspekte gleichermaßen angesprochen werden können. Die Einordnung der viri illustres in die Entstehungszeit - die Bürgerkriegsjahre nach der Ermordung Caesars bis zur Konsolidierung der Alleinherrschaft Octavians - und die Überlegungen zur politischen Ausrichtung ihres Verfassers bieten einen geeigneten Rahmen zum Verständnis der mit den Biographien verbundenen Absichten. So ist anhand der bekannten Beispiele aus der Cato- (2,2) und der Atticus-Vita (19,2f.) die Distanz des Cornelius Nepos zu Augustus und dessen neuer Monarchie überzeugend abgeleitet. Befremdlich wirkt nur, dass die zu diesem Zweck hier wörtlich zitierten Passagen (371f.; 374) anders übersetzt sind als im zweisprachigen Editionsteil (321; 359). Ob die Einführung von einer anderen Person verfasst ist als die Übersetzung, wird nicht ersichtlich.

Plausibel wirkt die Einordnung des Cornelius Nepos in den Kreis um Atticus und Cicero, nicht zuletzt im Zusammenhang mit der gerade aus den Feldherren-Viten sprechenden Aufgeschlossenheit gegenüber der griechischen Kultur. Die literarischen und politischen Konsequenzen, die Nepos aus diesen Affinitäten zieht, scheinen ihn am ehesten mit dem standesgleichen Ritter Atticus zu verbinden, der sich, anders als der Senator Cicero, nicht in das politische Tagesgeschäft verstricken ließ. Gemeinsam ist diesen Personen das Bemühen um die breitere Vermittlung griechischer Kultur an die Römer. Dabei ist das genuin römische Überlegenheitsgefühl im Weltherrschaftsanspruch politisch fundiert, wie es Cicero voraussetzt und Nepos nicht abstreitet, wenn er am Ende der Hannibal-Vita zum Vergleich zwischen nichtrömischen und römischen Heerführern auffordert (13,4). Auch dieser Text ist in der Edition (315) anders übersetzt als in der Einführung (380).

Durch die Gegenüberstellung römischer und nichtrömischer - in der Hauptsache griechischer - Dichter, Historiker, Feldherren usw. hat Nepos Anteil an der Grundlegung der römisch-griechischen Gesamtkultur der Prinzipatszeit, aber angesichts der Institutionalisierung der Alleinherrschaft durch Octavian auch daran, durch exemplarische Hinweise auf vorbildliches Verhalten herausragender Persönlichkeiten wie Thrasybulos auf gegenwärtige politische Erfordernisse aufmerksam zu machen. Die so sichtbar werdende Abhängigkeit der Allgemeinheit vom einwandfreien Verhalten des Mächtigen ist signifikant für Zustände in einer Monarchie.

Dem entsprechen auch formale Aspekte der Lebensbilder, die Nepos vorführt. Die biographische Struktur stellt, anders als die Geschichtsschreibung, von der sich Nepos bewusst abgrenzt (Pelopidas 1,1), den bedeutenden Einzelnen in den Mittelpunkt, wie es politisch den Ergebnissen der römischen Bürgerkriegszeit zu entsprechen scheint. Sie lässt in den - auch unscheinbaren, privaten - Taten einer Person deren Charakter aufscheinen, so dass die spätere Kategorisierung in vita publica und vita privata, in virtutes und vitia durch Sueton schon bei Nepos präfiguriert ist.

Umrisshaft treten diese Dispositionen im Einführungskapitel hervor; der Schwerpunkt liegt auf dem Lebensumfeld des Cornelius Nepos, auf Gegenwartsbezügen und auf seiner Zielsetzung. Eine Einordnung in den gesamten Forschungskontext gelingt damit aber kaum. Die Ausführungen stützen sich nämlich zum guten Teil auf Artikel in Fachlexika, auf Literaturgeschichten und lateinunterrichtsbezogene Aufsätze, weniger auf fachwissenschaftliche Literatur im engeren Sinne. Selbst allgemeine Einführungswerke aus neuerer Zeit fehlen [2], ganz zu schweigen von der für die Bewertung des Autors so signifikanten Entwicklung der altertumswissenschaftlichen Biographie-Forschung der letzten 100 Jahre. Demgegenüber lässt zum Beispiel die sich an einen vergleichbaren Interessentenkreis richtende Nepos-Ausgabe von Peter Krafft und Felicitas Olef-Krafft [3] mit über 100 Druckseiten Anmerkungen zu den viri illustres und einem fast 40seitigen profunden Nachwort kaum Wünsche offen.

Über die unbefriedigende Einführung zu Cornelius Nepos hinaus wird eine gewisse Nachlässigkeit in der Erstellung des Tusculum-Bandes sichtbar. Sie zeigt sich unter anderem in falschen Anmerkungsquerverweisen (385f., 391), fehlerhaften Lebensdaten Catos (371), unpassenden Begriffen wie "Sultanat" (371) und "Nationen" (381), einer Subsumierung der Erläuterungen zur praefatio des Cornelius Nepos unter die zur Miltiades-Vita (393), falschen Namensschreibungen in den Literaturhinweisen ("Kraft" statt "Krafft", 417) und doppelter Aufnahme derselben Fachliteratur (Geiger, 417f.). Bearbeiter und Verlag müssen sich daher fragen lassen, ob sie sich - auch angesichts des Buchpreises - Defizite bei der Korrektur glauben leisten zu können.


Anmerkungen:

[1] Einleitung zu Cornelius Nepos: Berühmte Männer, übersetzt und erläutert von Gerhard Wirth, München o. J., 5-18, hier 17, über Cornelius Nepos: Kurzbiographien und Fragmente. Lateinisch und deutsch, hrsg. von Hans Färber, München 1952.

[2] Zum Beispiel Andreas Mehl: Römische Geschichtsschreibung. Grundlagen und Entwicklungen. Eine Einführung, Stuttgart / Berlin / Köln 2001, 75-77; Holger Sonnabend: Geschichte der antiken Biographie. Von Isokrates bis zur Historia Augusta, Stuttgart 2002, 107-113.

[3] Cornelius Nepos: De viris illustribus. Biographien berühmter Männer. Lateinisch / Deutsch, übersetzt und hrsg. von Peter Krafft und Felicitas Olef-Krafft, Stuttgart 1993.

Ulrich Lambrecht