Rezension über:

Rainer Liedtke: N M Rothschild & Sons. Kommunikationswege im europäischen Bankenwesen im 19. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2006, VIII + 271 S., ISBN 978-3-412-36905-7, EUR 32,90
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Rezension von:
Harald Engler
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Harald Engler: Rezension von: Rainer Liedtke: N M Rothschild & Sons. Kommunikationswege im europäischen Bankenwesen im 19. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/07/10066.html


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Rainer Liedtke: N M Rothschild & Sons

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Zu den bewunderten wie angefeindeten Urmythen der jüdischen Geschichte des 19. Jahrhunderts gehört der Aufstieg der Familie Rothschild zu den wichtigsten Finanziers europäischer Regierungen. Dabei steht der angebliche Informationsvorsprung der Rothschilds gegenüber ihren Geschäftskonkurrenten sowie sogar gegenüber manchen Regierungen im Mittelpunkt der Spekulation. Im Gegensatz zum heutigen Zeitalter von Online-Datenbanken und Nachrichtenkanälen, mit denen in Echtzeit aktualisierte Börsenkurse abrufbar sind, hatten Bankiers wie die Rothschilds im 19. Jahrhundert noch mit der reinen Erhältlichkeit von Informationen zu kämpfen. Dabei standen ihnen als Informationskanäle neben den nicht immer zuverlässigen journalistischen Medien nur noch die zumeist präziseren Geschäftsagenten zur Verfügung, um die es in dieser Studie geht.

Der Historiker Rainer Liedtke, gegenwärtig Privatdozent an der Universität Gießen, versucht in seiner Studie, prototypisch am Beispiel des Londoner Bankhauses von Nathan Mayer Rothschild & Sons die Kommunikationswege und den Informationstransfer im Privatbankwesen zwischen den Napoleonischen Kriegen und den 1870er Jahren einer historischen Analyse zu unterziehen. Für dieses im 19. Jahrhundert bedeutendste Privatbankhaus der Welt gehörte ein mit Agenten betriebenes Kommunikationsnetzwerk zur schnellen Informationsgewinnung zu den wesentlichen geschäftlichen Erfolgsrezepten.

Die als Habilitationsschrift an der Universität Gießen angenommene Arbeit ist in der übersichtlichen und klugen Gliederung neben einer kurzen Einleitung (1-14) und einem noch knapperen Fazit (243-250) in fünf Hauptkapitel gegliedert. Nach einer kursorischen Einführung in die Bedeutung von Privatbanken im europäischen Bankenwesen des 19. Jahrhunderts (15-20) stellt Liedtke zunächst die Londoner Privatbank im Kontext der komplexen Geschichte der Verzweigungen der Rothschild-Familie im Wechsel der Generationen, ihrer gesellschaftlichen Anerkennung sowie der Frage nach der Bedeutung der jüdischen Identität für ihr geschäftliches und gesellschaftliches Wirken vor (21-33).

In den folgenden drei Hauptkapiteln unterzieht der Autor das geschäftliche Agentennetzwerk der Londoner Rothschild-Bank mit Funktion, Rolle und Bedeutung der Agenten einer historisch-systematischen Tiefenanalyse. Das Agentennetzwerk wird im vierten Kapitel (35-98) zunächst durch drei klug gewählte Querschnittanalysen entlang der Vierteljahrhundertzäsuren von 1825, 1850 und 1875 in seiner Entstehung, Entwicklung und dem Betrieb untersucht. Dabei werden auch praktisch interessierende Fragen wie die verwendeten Sprachen, der technische Informationstransfer samt Kosten und Geschwindigkeit oder die Verwendung modernster Nachrichtenübermittlungsmedien wie der elektrischen Telegrafie systematisch aus den Quellen heraus dargestellt und analysiert.

In Kapitel fünf (99-163) stellt Liedtke die Beziehungen zwischen den Rothschilds und ihren Agenten in den Mittelpunkt, wobei er besonderes Augenmerk auf die Auswahl der Agenten, ihre Bezahlung, ihre Führung durch den Auftraggeber sowie die Frage legt, ob der Aspekt Judentum für die Auswahl und den Umgang mit den Agenten für die Rothschilds relevant war. Das abschließende sechste Kapitel bildet den längsten (165-242) und spannendsten Abschnitt des Buches. Mit den hier analysierten Fallstudien zu einzelnen Agenten aus dem weit verzweigten Netz des Bankhauses in St. Petersburg, Mexiko Stadt und Berlin bietet die Studie aus den Quellen geschöpfte, detaillierte und klar beschriebene Innenansichten des Funktionierens eines geschäftlichen Netzwerkes. In erster Linie die besondere Beziehung zum wichtigsten Agenten der Rothschilds, dem selbst äußerst erfolgreichen Berliner Privatbankier Gerson von Bleichröder als einer "der bestimmenden Figuren der deutschen Finanzwelt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts" (206), unterwirft Liedtke einer intensiven Analyse. Er kann eindrucksvoll nachweisen, dass Bleichröder als wichtigster Agent des Hauses Rothschild teilweise täglich oder, wenn nötig, gar mehrmals täglich neueste geschäftliche oder politische Informationen nach London meldete. Bleichröder ist zudem ein gutes Beispiel dafür, dass der Hauptertrag für die Agenten darin lag, dass sie von den engen Kontakten zum führenden europäischen Bankhaus geschäftlich gewaltig profitierten (244).

Das folgende Fazit bildet einen deutlichen Schwachpunkt der Arbeit, weil es nur sehr knapp die Besonderheit des Bankhauses Rothschild innerhalb der europäischen Privatbanken-Landschaft und der allgemeinen, wirtschaftshistorischen Zusammenhänge herausarbeitet. Angesichts ihres Charakters als Habilitationsschrift überrascht die von Liedtke nicht deutlich genug herausgearbeitete Fragestellung gerade in der Einleitung negativ, so wie der Autor überhaupt einen systematischen und hinreichend ausführlichen theoretischen Teil vermissen lässt. Die von Liedtke bevorzugte deskriptive Vorgehensweise bietet lediglich im Textverlauf hin und wieder verteilte kleinere Dosen an analytisch-theoretischer Durchdringung des Themas.

Dazu kommt, dass die für dieses Sujet unzweifelhaft wichtigen finanz- und wirtschaftshistorischen Zusammenhänge und die entsprechenden Finanzoperationen des Hauses Rothschild hätten genauer wirtschaftshistorisch erklärt werden können (212). Auch das knappe Literaturverzeichnis, das die grundlegende wirtschaftshistorische Literatur nur sehr ausgewählt präsentiert, macht deutlich, dass hier auffallende Defizite der Arbeit liegen. Dass auch bei diesem Band wieder einmal kein Orts- und Sachregister angefertigt wurde, ist wohl in erster Linie dem Verlag zuzuschreiben.

Ein großer Teil dieser Mängel hat seine Ursache im gewollt lesbaren Stil der Arbeit, die offensichtlich gerade nicht nur für Fachhistoriker geschrieben ist, sondern trotz ihres Hervorgehens aus einer Habilitationsschrift auch vom historisch interessierten Laien mit großem Lesegenuss zur Hand genommen werden kann. Insgesamt gehört zu den großen Vorzügen der Arbeit, dass der Autor eine gelungene Mischung von allgemeinem Überblick und gezielten Tiefenschnitten vorlegt, die wertvolle Innenansichten eines spannenden Stückes europäischer Wirtschafts- und Kommunikationsgeschichte bieten.

Zu den interessantesten Ergebnissen von Liedtkes Studie zählt die Bestätigung der starken Interdependenz zwischen politischen Informationen und dem darauf beruhenden ökonomischen Handeln im Bankenwesen des 19. Jahrhunderts. Agenten waren dabei "unverzichtbare Seismografen für wirtschaftliche und politische Veränderungen" (243), die zumeist großen Einfluss auf die Geschäfte des Bankhauses Rothschild nahmen. Entscheidend für den Erfolg dieser Familie in der Finanzwelt des 19. Jahrhunderts war dabei weniger die schiere Geschwindigkeit des Nachrichtenaustausches als vielmehr die Größe und Dichte des Netzes sowie die Qualität und Loyalität der beteiligten Agenten. Zu den Vorzügen von Liedtkes Arbeit gehört es auch, dass er die Schwachstellen ihres Agentennetzes herausarbeitet, das nicht zu allen Zeiten und überall perfekt war. Dennoch verfügten die Rothschilds insgesamt über das dichteste und am weitesten ausgreifende Netz von Agenten in der europäischen Finanzbranche des 19. Jahrhunderts. Liedtke beweist eindrucksvoll, dass gerade die optimale Ausschöpfung sowohl ihres innerfamiliären Informationsaustausches (die wichtigsten Agenten der Rothschilds waren andere Rothschilds) als auch der Daten aus ihrem Agentennetzwerk dieser jüdischen Familie in bankgeschäftlichen Zusammenhängen einen Informationsvorsprung verschaffte, dem kein anderes Haus das Wasser reichen konnte.

Harald Engler