Rezension über:

Natalija Mussijenko / Alexander Vatlin: Schule der Träume. Die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau (1924-1938). Aus dem Russischen übersetzt von Nina Letnewa (= Reformpädagogik im Exil; Bd. 10), Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2005, 484 S., ISBN 978-3-7815-1368-6, 39,00
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Rezension von:
Carola Tischler
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Carola Tischler: Rezension von: Natalija Mussijenko / Alexander Vatlin: Schule der Träume. Die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau (1924-1938). Aus dem Russischen übersetzt von Nina Letnewa, Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 6 [15.06.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/06/9555.html


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Natalija Mussijenko / Alexander Vatlin: Schule der Träume

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"Die 'Karl-Liebknecht-Schule' war eine gute Kaderschmiede. Viele ehemalige Schüler haben am Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion und DDR teilgenommen. Auch jetzt im Rentenalter stehen sie ihren Mann." (462). Dieses Zitat stammt aus einem Antwortbrief, den Erna Ruppert im März 1989 an einen Schüler der DDR-Botschaftsschule in Moskau richtete. Nicht zuletzt die von ihr angesprochene Tatsache, dass viele Ehemalige der Moskauer Schule in der DDR hohe Funktionen innehatten, ist ein Grund, warum die Karl-Liebknecht-Schule immer wieder, wenn auch eher am Rande, das Interesse von Historikern geweckt hat. Als Michail Gorbatschow 1985 Generalsekretär der KPdSU wurde, begann Natalija Mussijenko, Lehrerin an der erwähnten DDR-Botschaftsschule, zusammen mit ihren Schülern die Geschichte der Karl-Liebknecht-Schule zu erforschen. Zwanzig Jahre später gab es keine Sowjetunion und keine Botschaftsschule mehr, aber es erschien ein umfangreiches Buch über die "Schule der Träume". In ihm spiegelt sich nicht nur die Geschichte dieser Schule, sondern auch die Geschichte der Geschichtsaufarbeitung. Verfasst hat es die Lehrerin Mussijenko zusammen mit dem Historiker Alexander Vatlin, der sich in seinen Forschungen sowohl mit der deutschen Geschichte als auch mit der Geschichte des Stalinismus beschäftigt hat.

Die deutsche Schule in Moskau, die erst 1932 den Namen Karl Liebknechts erhielt, wurde im Zuge der Nationalitätenpolitik im Jahre 1924 gegründet. Dominierte in den Anfangsjahren eine noch eher bürgerliche Schülerschaft, so änderte sich dieses unter der Leitung der Direktorin Elsa Weber (1927-1931). Jetzt wurde die Schule mehr und mehr zu einer "kommunistische[n] Eliteschule" (59). Kühne Projekte und pädagogische Experimente, wie sie in den sowjetischen Schulen noch in den Zwanzigerjahren gang und gäbe waren, wurden im Zuge einer Vereinheitlichung in den Dreißigerjahren eingestellt. Ein Parteibeschluss forderte im August 1931, in allen Schulen einheitliche Programme und Lehrpläne einzuführen. Diese Maßnahmen hatten aber - so die Autoren - ihren Ursprung nicht nur in dem Motiv, das öffentliche Leben zu standardisieren und zu kontrollieren, sondern sollten zunächst einmal das Niveau des Unterrichts heben. Die Karl-Liebknecht-Schule profitierte von besonderen Zuwendungen des Moskauer Stadtsowjets. Sie erhielt 1932 ein neues Gebäude und ihr Elitecharakter prägte sich aus. Sie wurde bevorzugt von Ausländerkindern und Kindern der sowjetischen Nomenklatura besucht. Dagegen schrieb ein Lehrer 1932 in der in Moskau in deutscher Sprache herausgegebenen "Deutschen Zentralzeitung": "Besteht doch bei vielen russischen Sowjetbürgern die absolut falsche und irrige Auffassung, als ob die deutsche Schule etwas anderes als die übrigen Sowjetschulen oder gar eine aus dem System der Sowjetschulen herausfallende Sache sei. Diese Leute denken, dass sie, wie sie früher ihre Kinder aufs Gymnasium schicken konnten, weil sie unter dem Zarismus zu den gut situierten Bürgern gehörten, jetzt ihre Kinder unbedingt in die deutsche Schule schicken müssen. Dem gegenüber muss noch einmal mit aller Schärfe festgestellt werden, dass die deutsche Schule eine Schule für die deutsch sprechenden Arbeiter- und Spezialistenkinder der Ausländer und außerdem für die Kinder der deutschen nationalen Minderheit der Sowjetunion ist, aber keine 'bessere Bürgerschule'." (86). Auch wenn Direktion und Parteileitung der Schule diese Entwicklung bekämpfen wollte, sie verstärkte sich mit dem Zustrom von Emigranten nach 1933 noch mehr. Dies musste auch als Begründung herhalten, als die Schule 1938 geschlossen wurde. In einem Bericht an das ZK des Komsomol, die ein seit Februar 1935 dem Direktor an die Seite gestellter politischer Funktionär verfasste, wurde die Zusammensetzung der Schülerschaft beschrieben. Es seien Kinder höchster NKWD-Chargen, von Mitarbeitern von Außenhandelseinrichtungen, des Reisebüros "Intourist", von Hochschulprofessoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Schriftstellern und Künstlern - eine Widerspiegelung all derjenigen Bevölkerungsgruppen, die einen wie auch immer gearteten beruflichen Bezug zur deutsche Sprache hatten. Die Komsomolorganisation jedoch zog daraus den Schluss: "Es ist höchste Zeit, die deutsche Schule, bisher eine Art geschlossene Pension, zu der privilegierte Glückspilze, oft aus kleinbürgerlichem Milieu, und Kinder klassenfremder Elemente Zutritt bekommen, in eine gewöhnliche sowjetische nationalsprachige Schule für die Kinder aller Werktätigen umzuwandeln." (151).

Das Buch von Mussijenko und Vatlin ist ein Kompendium. Die monografische Darstellung, die hier nur in groben Zügen referiert wurde, umfasst knappe 200 Seiten. Es folgen fast 30 Seiten Abbildungen in unterschiedlicher Qualität, meist Klassenaufnahmen oder Schülerfotos aus Ferienlagern, aber auch einige NKWD-Portraits von verhafteten Lehrern. Eine Zeittafel, eine ausführliche Liste mit Kurzbiografien ausländischer Lehrkräfte und pädagogischer Mitarbeiter, eine Namensliste der verhafteten und der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Schüler sowie Quellen- und Literaturverzeichnis ergänzen den ersten Teil. In dem zweiten, ebenfalls etwa 200 Seiten starken Teil werden Dokumente zur Geschichte der Schule abgedruckt, unterteilt in Dokumente zur Schulgeschichte, Dokumente aus der pädagogischen Praxis und Dokumente der Erinnerung. Letzteres sind entweder Auszüge aus Zeitungsartikeln bzw. unveröffentlichten sowie bereits veröffentlichten Memoiren (Waltraut Schälicke, Sergej Klementjew, Margarete Buber-Neumann) oder Briefausschnitte bzw. kurze Berichte, die ehemalige Schüler auf Bitte von Natalja Mussijenko zu Papier gebracht haben. Die Dokumente zur Schulgeschichte sind Quellen vor allem aus dem Zentralen Staatsarchivs des Gebiets Moskau, das die Akten der Abteilung Bildungswesen beherbergt, aber auch sonstige Archivquellen oder Zeitungsartikel aus der Deutschen Zentralzeitung, die die Entwicklung der Schule dokumentieren. Die Dokumente aus der pädagogischen Praxis schließlich umfassen Schülerarbeiten: Faksimiles von Aufsätzen, Karten, Rechenaufgaben, einen Ferienlagerbericht, aber auch Zeugnisse oder Urkunden sowie Gedichte oder Szenarien von Schulaufführungen.

Die Autoren charakterisieren in ihrer Einleitung ihre Arbeit als "der Form nach eher zur Gattung des wissenschaftlichen Journalismus" (20) gehörend. In der Tat liest sich das Buch zuweilen wie ein überdimensioniertes Schuljahrbuch, fallen doch keine Geschichten und Geschichtchen der Kürzung zum Opfer. Aber die Fleißarbeit der beiden, die alles zusammengetragen haben, was sie zu der Schule haben auffinden können, bewirkt, dass sich jeder aus dem Buch nehmen kann, was er gerade möchte: Hinweise zu einzelnen Lehrern oder Schülern, Einblicke in die sowjetische Pädagogik der Zwanziger- und Dreißigerjahre, Alltagserfahrungen von Jugendlichen im Stalinismus oder eben auch Andeutungen, wie sich die Aufarbeitung des Stalinismus in den vergangenen zwanzig Jahren gewandelt hat.

Carola Tischler