Rezension über:

Stefan Meyer: Georg Wilhelm Fürst zu Schaumburg-Lippe (1784-1860). Absolutistischer Monarch und Großunternehmer an der Schwelle zum Industriezeitalter (= Schaumburger Studien; Bd. 65), Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2007, 344 S., ISBN 978-3-89534-605-7, EUR 29,00
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Rezension von:
Wilfried Reininghaus
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Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Wilfried Reininghaus: Rezension von: Stefan Meyer: Georg Wilhelm Fürst zu Schaumburg-Lippe (1784-1860). Absolutistischer Monarch und Großunternehmer an der Schwelle zum Industriezeitalter, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 6 [15.06.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/06/12924.html


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Stefan Meyer: Georg Wilhelm Fürst zu Schaumburg-Lippe (1784-1860)

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Adlige Unternehmer ziehen in jüngster Zeit das Interesse der Forschung auf sich. Die hier anzuzeigende, in Hannover entstandene Dissertation fügt sich - trotz ihres Titels - in diesen Strang nur auf den ersten Blick ein, denn in der Regel sind es nicht fürstliche Häuser, die als Unternehmer betrachtet werden, sondern vielmehr der (ehemals) landsässige Adel. So stehen hier zunächst die politische Geschichte des Kleinstaates Schaumburg-Lippe und der Lebensweg ihres Monarchen im Vordergrund. Da Georg Wilhelm über mehr als zwei Generationen regierte, wird zugleich deutsche Geschichte zwischen der napoleonischen Zeit und der Reichsgründungszeit mit in den Blick genommen. Dass die Politikgeschichte über weite Strecken zu einer Biographie des Fürsten wird, hat direkt mit dem Herrschaftssystem in Schaumburg-Lippe zu tun, für das die Bezeichnung (spät)absolutistisch durchaus angemessen ist.

Die Verzahnung von Biographie und Territorialgeschichte war durch den unsicheren Besitz der Grafschaft Schaumburg-Lippe quasi vorgegeben. Als Oberhaupt des Hauses Schaumburg-Lippe-Alverdissen war Graf Philipp Ernst beim Herrschaftsantritt 1777 bereits 54 Jahre alt und besaß keinen Erben. Seine erste Frau, ein Sohn und eine Tochter starben. Als 57jähriger heiratete er Juliane von Hessen-Philippsthal, die ihm 1784 den ersehnten männlichen Erben Georg Wilhelm gebar. Damit war die äußerst labile Erbfolge gesichert, mit hessischen Ansprüchen musste sich Juliane nach dem Tode des Grafen 1787 dennoch auseinandersetzen. Kindheit und Jugend von Georg Wilhelm während der vormundschaftlichen Regierung der Mutter werden ausführlich geschildert. Der unerwartete Tod seiner Mutter 1799 führte zur Regentschaft des Grafen von Wallmoden.

Dieser beteiligte bereits 1806 Georg Wilhelm an der Regierung, die in der Mitgliedschaft im Rheinbund mündete und damit zum Überleben der Grafschaft beitrug. Während der Kontinentalsperre betrieb Schamburg-Lippe eine erfolgreiche kameralistische Politik, förderte die Forstwirtschaft und die Steinkohlenbergwerke, baute Eilsen zu einem Kurbad aus. Die Kasse des Landes befand sich 1806 in einem soliden Zustand, als das fürstliche Vermögen durch Zukauf von Gütern in Mecklenburg erheblich ausgedehnt wurde. Anlässlich dieser Erwerbungen führt der Verfasser in die sperrige Materie der spätabsolutistischen Staatsfinanzen mittels der Gliederung zwischen Fiskus (Staatsvermögen), Haus- und Familiengut sowie Allodialvermögen ein. Georg Wilhelm war in der vorteilhaften Lage, als einziger lebender männlicher Erbe nicht zwischen diesen Vermögensarten unterscheiden zu müssen. Sie bildeten die Grundlage seines "unternehmerischen" Verhaltens. 1816/17 endete die erste Phase aktiver Erwerbungen - mittlerweile unter völlig veränderten politischen Verhältnissen.

Auf dem Wiener Kongress spielte Schaumburg-Lippe eine untergeordnete Rolle, konnte sich aber politisch behaupten. Georg Wilhelm übernahm selbst die Leitung und Koordinierung der Regierungsgeschäfte und saß seiner Rentkammer vor. Sein alles dominierender Stil war auf sämtlichen Politikfeldern von großer Passivität geprägt. Ob dies ein "Absolutismus moderner Prägung" war (130; Hervorhebung durch den Rezensenten), sei dahingestellt - die Formulierung hilft nicht unbedingt weiter, mehr schon die Begründung, dass der Fürst "zwar manches für, so wenig wie möglich aber durch das Volk zu leisten bestrebt war" (ebd.).

Nach relativ später Heirat und Sicherung der Erbfolge war das Motiv für den Kauf großer Grundherrschaften die Idee, aufgrund des Hausgesetzes eine Sekundogenitur als Fideikommiss eigenständig mit Vermögen auszustatten. Die Wahl fiel 1840 auf zwei Herrschaften in Slawonien an der Grenze zwischen Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich sowie auf die Herrschaft Nachod in Böhmen, die jeweils ausführlich beschrieben werden. Der Schwerpunkt lag auf dem Agrarsektor, in Nachod kamen Bergwerke hinzu. Die drei Herrschaften stürzten die fürstlichen Finanzen zunächst wegen der notwendigen Investitionen in eine Krise. Sie kreuzte sich mit der Zerreißprobe der Revolution 1848, bei der seit dem Frühsommer auch die Finanzpolitik des Landes und die Domänen im Mittelpunkt der politischen Diskussionen standen. Der Fürst "saß", in die Defensive geraten, die Revolution aus und erlebte, dass mit dem Scheitern der Revolution zugleich die Investitionen in den fernen Besitzungen zwischen 1850 und 1860 Früchte trugen. Auf der Strecke blieb die Bückeburger Bank des Joseph Heine, die wegen der Kredite an die fürstliche Rentkammer in eine Schieflage geriet. Heine setzte sich 1852 spektakulär durch Flucht ab. Notleidend wurde sehr schnell auch die von Bückeburg aus 1853 gegründete Niedersächsische Bank.

Dennoch galt Georg Wilhelm bei seinem Tod 1860 als einer der vermögendsten Monarchen in Europa. Der Verfasser versucht aus dem Dickicht der Vermögensarten abschließend eine realistische Bilanz der tatsächlichen Vermehrung des Vermögens zu ziehen und kommt bis 1860 auf einen Netto-Zuwachs von 12 Millionen Rtlr. zu Lebzeiten Georg Wilhelms. Einzelne Projekte sind allerdings sehr unterschiedlich zu bewerten. Während das Eilser Bad und die Nachoder Bergwerke Zuschussbetriebe blieben, erwiesen sich die zunächst widerwillig erworbenen Eisenbahnaktien als höchst profitabel. Bei seinem Lebensende hatte Georg Wilhelm jedenfalls wesentliche Ziele erreicht: die innen- und außenpolitische Souveränität; die dynastische Sicherung seines Hauses (bis 1918) und dessen Wirtschaftskraft.

Der Verfasser hat die Geschichte eines Kleinstaates zwischen Ancien Régime und Industriezeitalter geschrieben. En passant sind die nicht allen geläufigen finanzpolitischen Fragen dieser Zeit übersichtlich dargestellt worden. Was bei Schaumburg-Lippe noch leicht (dank eines liberalen Archivzugangs) zu rekonstruieren war, könnte möglicherweise für Fürsten größerer Territorien schwieriger werden, wenngleich sich die Frage aufdrängt, wie sich z. B. - unter anderen verfassungsrechtlichen Vorzeichen - die Hohenzollern und die Wittelsbacher in der gleichen Zeit verhielten. Pikanterweise erweist gerade der bekannte Umgang mit dem Erbe des Hauses Baden in der Gegenwart die Aktualität des Themas, wie die bis 1918 regierenden Häuser (mit eigenem Geld und/oder dem ihrer Staaten) wirtschafteten. Bedenken sind beim Unternehmer-Begriff anzumelden. Die Verquickung zwischen Staats- und Privatfinanzen des Monarchen, wohl nirgendwo so eng wie in Schaumburg-Lippe, lässt Zweifel aufkommen, ob Georg Wilhelm Unternehmer oder gar Großunternehmer wie im Titel genannt werden darf. Der Einsatz des nicht am Markt erwirtschafteten, sondern aus Domänen resultierenden Vermögens unterschied Fürst Georg Wilhelm z. B. von jenem stiftsfähigen Adel in Westfalen, der Bergwerksanteile erwarb oder agrarisch ausgerichtete Fabriken betrieb.

Dieser Einwand soll nicht den positiven Eindruck schmälern, den das trotz der bisweilen schwierigen Materie gut lesbare und schlüssig aufgebaute Buch hinterlässt. Es ist, dies sei als Leseanreiz verraten, zeitweilig auch eine chronique scandaleuse. Georg Wilhelms Mutter hatte nämlich mit ihrem Oberforstmeister ein " intimes Verhältnis" (42), dem drei außereheliche Kinder entsprangen. Einen seinen Halbbrüder setzte Georg Wilhelm als Verwalter in Slawonien ein.

Wilfried Reininghaus