Rezension über:

Anke Silomon: Anspruch und Wirklichkeit der 'besonderen Gemeinschaft'. Der Ost-West-Dialog der deutschen evangelischen Kirchen 1969-1991 (= Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte. Reihe B: Darstellungen; Bd. 45), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, 764 S., ISBN 978-3-525-55747-1, EUR 99,00
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Rezension von:
Carsten Dippel
Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Carsten Dippel: Rezension von: Anke Silomon: Anspruch und Wirklichkeit der 'besonderen Gemeinschaft'. Der Ost-West-Dialog der deutschen evangelischen Kirchen 1969-1991, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 6 [15.06.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/06/11782.html


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Anke Silomon: Anspruch und Wirklichkeit der 'besonderen Gemeinschaft'

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Als nahezu einzige Institution vermochte es die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), bis Ende der 60er-Jahre eine gesamtdeutsche Struktur zu bewahren. Doch spätestens mit dem Mauerbau und seinen einschneidenden Konsequenzen wurde den Kirchenführern in Ost und West schmerzlich bewusst, dass die organisatorische Einheit des deutschen Protestantismus dauerhaft kaum aufrechtzuerhalten war. Aus den zunehmenden Schwierigkeiten, erst recht nach der neuen DDR-Verfassung von 1968, diese Einheit real zu gestalten, zogen die östlichen Gliedkirchen der EKD 1969 schließlich die Konsequenz und beschritten mit der Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) den Weg in die organisatorische Eigenständigkeit. Dies entsprang jedoch auch einem theologischen Selbstverständnis, wonach sie die DDR als den Ort ihres Auftrags und Handelns ansahen, ausgedrückt in der viel diskutierten Formel einer "Kirche im Sozialismus". Man versuchte gleichwohl, trotz der organisatorischen Trennung in zwei Kirchenbünde, mit einem eigens formulierten Bekenntnis der "besonderen Gemeinschaft der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland" (Artikel 4,4 der Bundesordnung) Ausdruck zu verleihen. Doch wie konnte diese "besondere Gemeinschaft" über die tiefe Kluft der Teilung hinweg mit Leben erfüllt werden?

Anke Silomon, ausgewiesene Kennerin der DDR-Kirchengeschichte, analysiert in ihrer Habilitationsschrift Anspruch und Wirklichkeit dieser "besonderen Gemeinschaft". Mittelpunkt ihres Interesses sind dabei nicht die vielfältigen informellen Kontakte, die es zwischen den evangelischen Kirchen in Ost und West gab - etwa über die Diakonie, partnerschaftliche Beziehungen zwischen einzelnen Gemeinden, über kirchliche Organisationen oder auch über die unzähligen privaten Kontakte -, sondern die der offiziellen Ebene zwischen EKD und BEK. Diese wurden von zwei Gremien getragen: Unmittelbar nach Gründung des BEK und auf Initiative östlicher Amtsträger wurde eine bilaterale "Beratergruppe" ins Leben gerufen, die bis 1989 existierte. Vor dem Hintergrund der Friedensproblematik wurde 1980, ebenfalls vom BEK angeregt, eine "Konsultationsgruppe" gebildet. Der so gehaltene Kontakt zwischen kirchenleitenden Persönlichkeiten in Ost und West sollte in erster Linie dazu dienen, "möglichen Entfremdungstendenzen" entgegenzuwirken (452).

Die Autorin widmet beiden Gremien jeweils ein Schwerpunktkapitel, setzt den zwei Hauptteilen jedoch eine auf knapp 150 Seiten bemessene Einführung voran, in der sie die kirchenpolitische Entwicklung zwischen 1945 und 1967 sowie deutlich ausführlicher den Weg zur Gründung des DDR-Kirchenbundes nachzeichnet. Sie stützt sich in ihrer Arbeit im Wesentlichen auf Niederschriften, Protokolle und Vermerke sowohl der Berater- und Konsultationsgruppe, als auch zahlreicher weiterer Gremien, etwa der KKL oder des Rats der EKD. Um auch die staatliche Perspektive in den Blick nehmen zu können, hat sie zudem auf Quellen u. a. des Staatssekretariats sowie der ZK-Arbeitsgruppe für Kirchenfragen und BStU-Akten zurückgegriffen.

Der umfangreichste Teil ihrer Untersuchung bezieht sich auf die bilaterale Beratergruppe. Die Autorin bezeichnet diese etwa vier mal jährlich tagende Runde aus Spitzenvertretern von EKD und BEK als eine Art "Mädchen für alles" (452). Es sei zwar ein überaus wichtiges Kommunikationsforum gewesen, das dem gegenseitigen Austausch von Informationen über die Entwicklungen im eigenen Kirchenbereich diente, jedoch habe sich das Fehlen eines klar definierten Konzepts für die konkrete Umsetzung der "besonderen Gemeinschaft" als großes Manko erwiesen. Zudem habe die Beratergruppe unter der hohen Fluktuation der Teilnehmer gelitten und keine Vollmachten besessen. In vielen wichtigen kirchenpolitischen Fragen - zumal im Kontext der mühevollen Ost-West-Beziehungen - wurde dieses Gremium wohl nicht von ungefähr auch gezielt umgangen. Die eigens aus dem Anliegen, kirchliche Verantwortung bei friedens- und sicherheitspolitischen Fragen zu übernehmen, gegründete Konsultationsgruppe, die im zweiten Teil der Arbeit behandelt wird, habe die Risiken für beide Kirchen sogar eher noch verstärkt als vermindert. Die Autorin zeigt dabei das Dilemma für den DDR-Kirchenbund auf, der einerseits an der "besonderen Gemeinschaft" festhielt, andererseits aber dem Druck der SED ausgesetzt war und zugleich eine eigene Position in der DDR finden wollte. Auch für die EKD sei die Lage verzwickt gewesen, denn so sehr sie den Kontakt in den Osten suchte, so wenig wollte sie sich durch die SED für deren politischen Zwecke instrumentalisieren lassen. Silomon betont, wie groß die Schwierigkeiten bei der Suche nach Antworten auf Fragen zum politischen Mandat der Kirche, nach ihren Handlungsspielräumen und Einflussmöglichkeiten für beide Seiten waren. Dass die "besondere Gemeinschaft" in der Realität allzu oft ins "Schwanken" geriet, macht sie nicht zuletzt an der "fortgeschrittenen Systembindung" von EKD und BEK fest (666). Dabei habe es sich um Probleme gehandelt, die auch im Einigungsprozess der Kirchen 1990/91 nachgewirkt hätten.

Anke Silomons fundierte und kenntnisreiche Studie stellt die sich in der Arbeit beider Gremien ausdrückende Praxis der "besonderen Gemeinschaft" äußerst detailliert und in den zeithistorischen Kontext eingebettet dar. Dicht an den analysierten Quellen orientiert, gewährt das bis in kleinste Verästelungen gezeichnete Bild der Konsultationen einen tiefen Einblick in die oft mühevollen und von unterschiedlichen Wahrnehmungen geprägten kirchlichen Ost-West-Beziehungen. Mit der Ausführlichkeit verliert die Arbeit allerdings spürbar an guter Lesbarkeit und analytischer Schärfe. Es ist über weite Passagen ein recht schwer zu durchdringender Stoff. Gleichwohl, wer sich für die Ost-West-Beziehungen der evangelischen Kirche interessiert, hat mit ihrer Analyse von Anspruch und Wirklichkeit der "besonderen Gemeinschaft" ein nützliches und wichtiges Buch.

Carsten Dippel